AG
18Alternative Betriebe,
praktische Anarchie und Ökonomie war von Anfang an der Gesamtrahmen dieser
Arbeitsgruppe.
Wir haben an allen drei
Tagen gearbeitet; jedes Mal war es eine andere Zusammensetzung. Am ersten
Tag waren wir etwa 80, am zweiten 50 und am dritten 25, damit am letzten Tag
gerade richtig für eine funktionierende Gruppe.
Die Aufteilung wollte
an den beiden ersten Tagen nicht klappen, da eine zu große Gruppe Interesse
hatte zusammenzubleiben.
Die Schwierigkeiten
mit dem Auseinandergehen bedeuten Verlust von Möglichkeiten, die Praxis von
anderen zu erfahren. Die meisten fahren nicht zu so einem Treffen, um dann
Gespräche wieder in einem engen Kreis zu führen.
Bei der praktischen
Verwirklichung der Anarchie kommen wir ohne Erfahrungen und Lernprozesse nicht
aus und nicht ohne Leute, die davon berichten können.
Ein Teil der Anwesenden
hatten mit mir den Eindruck, daß die Erfahreneren aus den Projekten zusammenbleiben
wollten und die Neueinsteiger wollten mit ihnen reden. So spalteten sich nur
zwei kleine Gruppen zu speziellen Themen ab. Die große Gruppe tagte sogar
bis in den Abend hinein.
Am ersten Tag stellten
sich etwa 15 Alternativbetriebe mit den unterschiedlichsten Arbeitsfeldern
und Zielen vor.
Am zweiten und dritten
Tag kamen noch weitere hinzu:
Ein Taxiverbund mit
25 Fahrern (Motto: Lieber ein mieser Job mit tollen Leuten als ein guter mit
schlechter Stimmung), eine Bäckerei, Holzbetriebe, Kneipe und großes Cafe,
Druckerei, Bau- und Innenausbau aus Berlin mit über 40 Beteiligten, Buchladen,
Fahrradgeschäfte, Gärtnerei, Landkommunen, Behindertenprojekt, eine Gruppe
ehemaliger Gefangener, die aufarbeitet und repariert, ein umfangreiches Selbsthilfeprojekt
aus Holland mit viel Sozialunterstützung und eigener Bank, die Wespe (eine
regionale libertäre Betriebsvernetzung aus Neustadt) und das Fabrikprojekt,
beide im Verbund mit Projekt A, einem bundesweiten anarchistischen Zusammenhang.
Erster AG-Tag
Am ersten Tag wurden
Probleme erörtert, wie weit Alternativbetriebe die Aktivitäten der Kollektivbeteiligten
aufsaugen, soviel Kraft und Zeit erfordern, daß sie kaum noch nach außen wirken
können. Schränken praktische Versuche die politischen Aktivitäten ein oder
gibt es gerade dadurch erweiterte Möglichkeiten?
Das hängt sicher auch
von der Effektivität der Arbeit ab, wieviel jede/r braucht, um das notwendige
zu verdienen. Dabei dürfte die 5-Std.-Woche eine interessante Spekulation
bleiben, 25 Wochenstunden in der anarchistischen Fabrik sind ein realistischer
Versuch. Einschließlich notwendiger Gespräche beanspruchen viele Kollektive
ihre Mitarbeiter über 50 Stunden in der Woche.
Wer da nicht das entsprechende
Durchstehvermögen hat, gibt leicht auf.
Am ersten Tag wurden
also mehr die Möglichkeiten besprochen, die Menschen in solchen Betrieben
überhaupt haben, nach innen eine sinnvolle, ausfüllende Arbeit, nach außen,
wie weit sie sich auf dem Weg zu einer utopischen freien Gesellschaft mit
der Verwirklichung von wirtschaftlich arbeitenden Projekten voranbringen können.
Diskutiert wurden die
Möglichkeiten und Gefahren, die Utopie auf dem Weg der Verwirklichung in den
Schwierigkeiten und Sachzwängen wieder zu verlieren. Wie weit sich eine Gruppe
von ihrem Umfeld, ihrem Stadtteil, anderen Betrieben in der Umgebung abgrenzt,
wie gleiche Branchen mit der Konkurrenzsituation fertig werden.
Wobei nicht ganz klar
wird, ob elitäres Bewußtsein oder schlichte Hilflosigkeit im Umgang mit dem
Umfeld Abgrenzungen bewirken. Betriebe, die schon länger bestehen und bewußt
und direkt an dieses Problem herangehen, haben meist nicht die Schwierigkeiten
wie Gruppen, die noch im Aufbau total mit sich selbst beschäftigt sind.
Aber der Wunsch mit
der Umgebung auszukommen kann nicht heißen, sein Verhalten an Normalos anzupassen
und den eigenen Stil zu verlieren. Der Wunsch, sich exotisch unter Angepaßten
zu fühlen und das ausdrücken zu wollen, kann also nicht Anpassung heißen sondern
gegenseitige Akzeptanz von beiden Seiten.
Als wichtig wurde eine
Vernetzung von Projekten angesehen, weil dann die Möglichkeit besteht, bei
auftauchenden Widersprüchen und unvereinbaren Ansichten Betrieb oder Wohngemeinschaft
wechseln zu können, wie z. B. bei dem Wespeverbund in Neustadt.
Schön wären Möglichkeiten
einer Wanderschaft durch verschiedenen Bereiche von Dienstleistung, Handwerk,
Handel und Fabrikation. Als Erprobungszeit, um Erfahrungen zu machen und den
Platz zu finden, an dem ich wirklich sein will und mich nicht nur mit meinen
beruflichen sondern auch meinen politischen Zielen wiederfinde.
Menschen, die noch auf
der Suche sind, können für eingefahrene Projekte sehr wertvolle Anregungen
bedeuten, ins Stocken geratene Gespräche wieder voranbringen.
Aber besteht dafür nach
einem jahrelangen Betriebsaufbau noch die Offenheit und Neugier?
Wenn sich eine belastbare
Gruppe zusammengefunden hat, die effektiv und wirtschaftlich arbeitet, hat
sie dann noch den Schwung nach außen zu wirken?
Zweiter AG-Tag
Am zweiten Tag stand
ein anderes Thema im Mittelpunkt:
Theoretisch lassen sich
leicht moralische Maximalforderungen aufstellen, jede/n aufnehmen zu müssen,
der/die Hilfe braucht und in der normalen Konkurrenzgesellschaft wenig Chancen
hat. Stellt eine Ablehnung von Menschen unsere ganzen Ansprüche in Frage?
Wenn ich aber jeden
Tag länger arbeiten muß, um Schwierigkeiten anderer auszugleichen, kann mir
die Zeit für Kreativität und Kommunikation verlorengehen, damit meine Möglichkeit
zur Weiterentwicklung.
Kollektive erleiden
dann leicht Absprünge durch Rausgehen in weniger belastete Gruppen oder es
findet ein Rückzug auf einen normalen Arbeitsplatz statt, wo mensch sich mit
so etwas gar nicht erst auseinandersetzen muß und unter keinen moralischen
Druck gerät.
Dieses Gespräch wurde
teilweise sehr emotional geführt. Einige gingen raus und kamen erst nach vermittelnden
Gesprächen wieder.
Besonders die Möglichkeit,
HartdrogenbenutzerInnen in Projekte aufzunehmen, wurde von einigen nach schlechten
Erfahrungen strikt abgelehnt, weil Mißtrauen nach herben Verlusten eine vertrauliche
Offenheit unmöglich macht.
Ein Projekt hatte schon
zweimal Probleme mit HartdrogenbenutzerInnen, wollte aber weitere Versuche
nicht ausschließen. Einige waren empört, daß überhaupt in der Diskussion die
Möglichkeit einer Ausgrenzung vertreten wurde, daß überhaupt Ablehnungen möglich
sind, wenn jemand Schwierigkeiten mitbringt.
Was für zeitliche, arbeitsmäßige
und finanzielle Belastungen kommen durch Betreuung auf eine Gruppe zu?
Was so schön und idealistisch klingt, heißt
in der Praxis immer eine Bereitschaft der Einzelnen, die sich daraus ergebenden
Belastungen tragen zu wollen und bei Überlastung die Gruppe nicht zu verlassen.
Denn was nützt das schönste
Konzept, wenn die Gruppe an der Überfrachtung mit Problemen zerbricht. Da
stellen sich auch grundsätzliche Probleme der Beurteilung von bestehenden
Projekten.
Wenn KritikerInnen an
die praktische Verwirklichung möglicher, gangbarer Wege zur anarchistischen
Utopie mit idealistischen Vorstellungen herangehen, kann ihnen die Praxis
nie genügen. Die real existierenden Versuche werden darum meist mit "Ungenügend"
oder "Falsch" verurteilt. Wonach sich die TheoretikerInnen wieder
beruhigt zurücklehnen können, denn auf solche Versuche brauchen sie sich nicht
einzulassen.
Wir wollen aber die
Utopie einer freien, sozialen, ökologischen Gesellschaft verwirklichen und
müssen uns darum auf Unvollkommenheit und Fehler einlassen, aus denen wir
lernen und uns weiterentwickeln können.
Auf dem Weg müssen wir
uns möglichst weit so verhalten, wie wir auch in unserer verwirklichten Gesellschaft
handeln wollen. Sonst verlieren wir auf dem Weg die Utopie.
Meist wird Anarchie
mit viel Theorie und wenig Praxis gemacht, und wo Praxis stattfindet, wird
häufig versucht, sich mit minimaler Theorie durchzuwurschteln ohne rechte
Lust auf Reflexion dessen, was gemacht wird. Projektanarchie versucht einen
evolutionären Weg.
Aus dem gemeinsamen
Lernen jedes Menschen, mit dem ihm gemäßen Erkenntnisfortschritt ohne Zwang
sich an eine allgemeine Theorieentwicklung anpassen zu müssen, wenn er sie
innerlich noch nicht mitvollzogen hat.
Fazit
Ich betrachte unsere
Arbeitsgruppe als die einzige, die sich mit den praktischen materiellen Grundlagen
und realen Erfahrungen der Verwirklichung von Anarchie auseinandersetzte.
Die rein spekulative Diskussion über die 5-Stunden-Woche zog schon alleine
mehr Interessierte an.
Zu anderen Themen, die
sich mit theoretischen Erörterungen innerhalb der Libertären beschäftigten,
kam ein Mehrfaches an BesucherInnen. Das war auch so vorausgesehen und bei
der Raumplanung richtig eingeteilt.
Aber stellt sich diese
unsere Bewegung damit nicht in Frage, können solche Treffs über theoretische
Auseinandersetzungen hinaus überhaupt etwas bewirken? Wenn sie/er etwas besser
weiß, wie mensch manipuliert und unterdrückt wird, aber nicht, wie sie/er
sich positiv mit anderen weiterentwickeln kann.
Ich weiß, wie schwer
es war, überhaupt Räume zu finden. Für Frankfurt war schon das Mögliche ausgeschöpft.
Aber die kurze Zeit des Tages, die uns die vielen Räume und großen Flure des
Seminarbereichs zur Verfügung standen, waren meist von Arbeitsgruppen ausgefüllt.
Der freie Austausch,
eine zirkulierende Kommunikation in einer Basaratmosphäre um die Stände waren
immer nur kurze Zeit möglich und wenn es gemütlicher wurde, mußten die Bereiche
auch schon verlassen werden. Jede schöpferische Muse brach ab.
Draußen auf dem Platz
hatte uns Krankfurt rasch wieder eingeholt, unsere angereisten AbhängerInnen
mit ihren mitgebrachten Bierpaletten und der überdrüssigen, schmuddeligen
Variante eines hilflosen Individualanarchismus; und die Abgeschobenen der
Überflußgesellschaft in dieser reichen Stadt, mit deren Aggressionen wir nur
schwer umgehen konnten.
Pu, Oldenburg
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