A im KreisAG 21

Bildung und Erziehung ohne Herrschaft

In der AG Bildung und Erziehung ohne Herrschaft wurde zunächst ein ausführliches Referat gehalten, in dem es im Wesentlichen um zwei Themenschwerpunkte ging.

Zum einen um die von anarchistischer Seite schon seit langem geleistete Kritik an den staatlichen und kirchlichen Bildungs- und Erziehungsinstitutionen, zum anderen um die Entwicklungsgeschichte anarchistischer und anarcho-syndikalistischer Pädagogik und deren Zielsetzung.

Nach dem informativen Teil der AG teilten sich die ca. 120 Leute zwecks Diskussion nach Interessensschwerpunkten in folgende Gruppen auf:


Auf dem Campus
Foto: Thomas K.


Die Diskussionsergebnisse und Verläufe wurden in einem gemeinsamen Plenum am Ende der AG zusammengetragen und sollen hier grob wiedergegeben werden.

Wenn die Wiedergabe der Fragestellungen und Ergebnisse aus einigen Gruppen an dieser Stelle nur sehr kurz ausfällt, liegt das nicht an einer Gewichtung meinerseits, sondern daran, daß einige Gruppen nur in kurzen Stichpunkten von ihrer Diskussion im Endplenum berichteten.

Beschäftigte aus dem Sozial- und Erziehungsdienst

Da an dieser Gruppe eine Reihe in staatlichen Institutionen Beschäftigte teilnahmen, kristallisierte sich als ein wesentliches Diskussionsthema die Frage heraus, wie die Praxis libertärer Pädagogik innerhalb des institutionellen Rahmens überhaupt aussehen kann. Natürlich ist es ein Widerspruch, als Anarchist/in in einer staatliche Ziele verfolgenden Institution (z. B. Schule, Kindergarten, Drogenhilfeeinrichtung, usw.) zu arbeiten.

In solchen Einrichtungen, deren Funktionieren zu einem nicht unwesentlichen Teil auf der Hierarchie zwischen Pädagogen/innen und Klientel aufbauen, ist es nur bedingt möglich, Bildung und Erziehung auf eine herrschaftsfreie Art und Weise anzubieten und Inhalte unter einem anarchistischen, sprich den gesellschaftskonformen Zielen der Einrichtung entgegenstehenden Blickwinkel anzugehen.

In diesem Zusammenhang wurde auch die Schwierigkeit problematisiert, sich als Beschäftigter/e gegenüber Arbeitgeber/in und den Kollegen/innen des "Verschlucktwerdens" von der Institution und deren Inhalten zu wehren.

So wurde sich auch die Frage gestellt, wie es in einer gemischtgeschlechtlichen Einrichtung möglich ist, patriarchale Verhaltensmuster zu durchbrechen, anstatt sie weiter laufen zu lassen und damit das Fortbestehen des Patriarchats zu unterstützen.

Die Diskussion zu dem geschilderten Themenkomplex lief letztendlich auf die Frage heraus, inwieweit es sinnvoll ist, einen libertären Bildungsansatz innerhalb staatlicher Institutionen zu verfolgen oder aber eigene anarchistische Projekte (z. B. Schulen, Kindergärten) zu gründen.

Obwohl das Gründen eigener Projekte allseits als zufriedenstellender und für das Ziel einer anarchistischen Gesellschaft effektiver erachtet wurde, ergab sich schnell, daß eigene Projekte, beispielsweise libertäre Schulen, nur dann Sinn machen, wenn es in dem jeweiligen Land bereits eine breite anarchistische Bewegung gibt, die in der Lage ist, ein solches Projekt gesellschaftlich durchzusetzen und dann auch noch bereit ist, die eigenen Kinder in einer nicht anarchistischen Gesellschaft in eine anarchistische Schule zu schicken.

Zurückgeworfen auf die Arbeit innerhalb des institutionellen Rahmens, wurden als zweiter Themenschwerpunkt "die Möglichkeiten und Chancen der gewerkschaftlichen Organisierung im anarcho-syndikalistischen Sinn" beredet. Ein Zusammenschluß von libertär denkenden Menschen, die auch in ihrem Beruf und nicht nur in der Freizeit ihrer Überzeugung entsprechend handeln wollen, in einer Branchengruppe, wäre aus verschiedenen Gründen sinnvoll.

Eine solche Branchengruppe hätte den Vorteil, daß die zur Zeit in den Institutionen relativ isoliert "kämpfenden" Libertären über eine gemeinsame Diskussion Argumentationshilfen für künftige Auseinandersetzungen mit Chefs und Kollegen/innen bekämen und unsere Kritik an den staatlichen Institutionen nicht mehr vereinzelt, sondern gemeinsam und damit wirkungsvoller an die Öffentlichkeit getragen werden könnte. Eine Branchengruppe ist auch sinnvoll, um zunächst einmal die Arbeitsbedingungen im Sozial- und Erziehungsdienst zu verbessern.

Solange die Arbeit in diesen Bereichen durch Sparmaßnahmen mehr und mehr zu einer technokratischen Verwaltung von Menschen verkommt, läßt sich zwar über libertäre Inhalte im Bezug auf die Arbeit debattieren, praktikabel werden diese jedoch mangels Personal kaum sein.

Nicht zuletzt bietet ein gewerkschaftlicher Zusammenschluß auch die Möglichkeit, sich gegenseitig bei arbeitsrechtlichen Konflikten, z. B. Kündigungen, sowohl finanziell als auch ideell zu unterstützen.

Natürlich könnte so eine Branchengruppe auch für die in Ausbildung stehenden Menschen, die direkt von der Pädagogisierung nach staatlicher Zielvorstellung betroffen sind, offen stehen, sofern diese nicht eine eigene Branchengruppe der Auszubildenden und Schüler/innen gründen wollen.

Schüler/innengruppe

Über folgende Fragen wurde sich in dieser Gruppe auseinandergesetzt:

Ziele anarchistischer Pädagogik

Als Ziele anarchistischer Pädagogik heute wurden in dieser Gruppe zum einen die Erziehung zu mehr Selbstbewußtsein und Autonomie, zum anderen das Heranführen an ein bewußtes Konsumverhalten definiert.

Auch die Notwendigkeit, sich mit der Tatsache zu beschäftigen, daß viele Menschen ihre Aggressionen eher gegen sich selbst richten, als sie an den verursachenden Personen auszulassen, wurde gesehen.

Festgehalten wurde auch, daß anarchistische Pädagogik nicht bedeutet, die Kinder machen zu lassen, was sie wollen (z. B. andere massiv zu verprügeln, bei Minusgraden ohne Jacke nach draußen zu gehen usw.), und daß Kinder auch lernen müssen, mit den Bedürfnissen der Eltern und anderen Mitmenschen umzugehen, anstatt ständig über deren Grenzen zu treten.

Sonderpädagogik

Hier diskutierten Menschen, die mit Behinderten arbeiten, darüber, ob es möglich ist, herrschaftsfreie Pädagogik in aller Konsequenz im Umgang mit geistig Behinderten zu gewährleisten.

Freie Schulen

In dieser sehr kleinen Gruppe wurden die Erfahrungen mit in Deutschland existierenden freien Schulen ausgetauscht.

Kerstin (F.A.U. Frankfurt)

Kontaktadresse:
Branchengruppe Soziales der FAU, c/o Dezentral, Wittelsbacherallee 45, 60316 Frankfurt



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