A im KreisAG 22

Anti-Pädagogik

Ein paar Worte danach!
Gegen- oder Antipädagogik?
Also Anti-Pädagogik!

Sequenzen von einer libertären Arbeitsgruppe

Die Schlitzohren  aus der Vorbereitungsgruppe hatten den Vorbereitungstext unter die AG Antipädagogik subsumiert, was dem Kätzchen auf unseren Plakaten gleich wieder die Zähnchen zog. So macht man aus Tigern eben Schmusekatzen!

Dieser verdammte Bindestrich, der im Original des Textes in der Informationsmappe zu den LT '93 zwischen Anti- und Pädagogik gehört, hat so seinen Sinn, ansonsten wäre er von mir nicht dahin gesetzt worden. Er unterstreicht sozusagen das Anti, anstatt es in die Pädagogik zu transformieren (umzuwandeln). Aber gerade darauf kam es zumindest mir an: Der Widerstand gegen die Pädagogik als Herrschaftsinstrument soll möglichst gestärkt und hervorgehoben werden.


Die leider wenigen Kids vergnügten sich im Garten der Uni-Kita.
Foto: Jürgen Steiner


Im Verlaufe der Diskussion zeigte es sich, daß durchaus nicht alle Antipädagogen auch den Kampf gegen die Institution Pädagogik meinen, sondern vielleicht eher dazu neigen sogenannte freie Schulen oder andere Formen einer sogenannten freien Erziehung  oder wie das auch immer genannt wird propagieren.

Was nun?

Die Funktion von Pädagogik

Für das Thema der Entstehung und des Einsatzes von Pädagogik durch die jeweils Herrschenden gibt es immer noch den Klassiker von Walter Borgius "Die Schule - Ein Frevel an der Jugend", der sehr materialreich die Entwicklung des Lehrbetriebes Schule schildert.

Die Einschätzung von Borgius wird von dem Rechtswissenschaftler Uwe Wesel von der FU Berlin durch seine Auslassungen zum frühen Recht gestützt und, wenn man so will, von dem Münsteraner Ethnologen Christian Sigrist ergänzt und am Beispiel einiger afrikanischer Stämme bestätigt.

Da wir ja auch InternationalistInnen sind, wären natürlich die Arbeiten der AmerikanerInnen und hier besonders die von Noam Chomsky oder Jessica Benjamin zu Rate zu ziehen. Daraus ist zu lernen, daß bei fortschreitender Staatsentwicklung auch die Pädagogik sozusagen flankierend notwendigerweise ihre Entstehung und Verfeinerung erfährt. Es entsteht die Frage, da sich die Perfektionierung des Staates und seiner Machtmechanismen offenbar nicht in einem kurzen Zeitraum aufhalten lassen, welche Gegenmaßnahmen von linker Seite sinnvoll sind.

Es ist allerdings eine völlig falsche Vorstellung, wenn mensch glaubt, daß mensch mit Hilfe der Pädagogik Einfluß auf die gesellschaftliche und staatliche Entwicklung nehmen kann. Der Staat zimmert sich nämlich die Pädagogik, die gut für ihn ist.

Eine zeitweise Liberalisierung in der Schulpolitik täuscht nur über die tatsächlichen Ziele und Durchsetzungsformen der Staaten hinweg. Wenn man Borgius liest oder auch meine Ausführungen dazu im Werkstattbericht-Pädagogik des Trotzdem-Verlags und in dem Unrast-Buch "Lernen in Freiheit", kann festgehalten werden, daß der Staat immer nur die Menschen ausbildet, die ihm nach der Ausbildung bei seinen Zielen nützen.

Bei entsprechenden Verhältnissen kann das auch schon mal dazu führen, daß er bei bestimmten Personen gar kein Interesse hat, diese auszubilden. Ein Beispiel hierfür sind heute die AsylbewerbernInen. Die müssen nämlich sehen, wo sie das für den überlebenskampf so notwendige Deutsch ausreichend lernen können.

Libertäre Anti-Pädagogik

Die eigentliche Aufgabe einer Anti-Pädagogik besteht nach meiner Auffassung nun nicht in der Einrichtung von alternativen Schulen, obwohl ich die zum Wohle von Kind und LehrerIn nicht grundsätzlich ablehne. Die libertäre Anti-Pädagogik sollte immer in erster Linie Staatskritik sein, mit dem Ziel, diesen aufzulösen. Erst dann macht es Sinn, von freiem Lernen zu sprechen.

Nicht erst beim Sozial-Politischen Forum 1992 in Kassel war daher meine Forderung, die Institutionalisierung eines Arbeitszusammenhangs  mit dem Ziel, die Sozialtechnik des Staates kontinuierlich zu beobachten und zu analysieren. So geht denn auch an die LeserInnen dieser LT '93-Dokumentation die qualvolle Aufforderung, doch endlich damit zu beginnen und nicht zu warten, ob es unter Umständen doch wieder libertäre Tage geben sollte, so in fünf Jahren oder so? Also meldet euch, bitte sehr!

Nur so wäre gewährleistet, daß scheinbare Liberalisierungstendenzen im Bildungsbereich von uns richtig eingeschätzt werden könnten. Es ist eine Schwäche der Libertären, daß sie es nicht fertigbringen, ein solches Organ zu installieren. Wenn die Stärke dieser Bewegung, die Desorgansiation, dazu führt, keine für das Ziel notwendige Organisationen hinzukriegen, dann wird mit Sicherheit der Staat eher erhalten, als zerstört.

Für den Bildungsbereich als sehr wesentlichem Staatserhaltungsfaktor bedeutet das, die Intentionen zu erkennen, die der Staat bei seiner Bildungspolitik verfolgt. Wenn heute die Freien Schulen ihre Zulassungen als Erfolg verbuchen oder das letzte Bundesverfassungsgerichtsurteil bezüglich der einfacheren Zulassung von Alternativschulen als solcher verbucht wird, so ist das eine ähnliche Täuschung wie die der Friedensbewegung, die einmal glaubte, die Raketen seien weg, weil sie so fleißig demonstriert hätten. Es soll ja auch Leute geben, die das massenhafte Kerzenhalten für ein Mittel gegen Ausländerhaß und Rassismus halten.

Die Gründe für das Zulassen von Freiheiten für den Bürger durch den Staat, also nicht von diesen erkämpften, liegen in einer veränderten Bedürfnislage des Staates. Eine Schwierigkeit im Umgang mit dem Thema liegt darin, daß die Manifestation (Erscheinung) der Abstraktion (Verallgemeinerung) Staat nicht so offenkundig ist. Und hier müssen wir eine Beziehung zu der Arbeitsgruppe "Staatlichkeit und Okkupation" herstellen.

"Wir sind auch der Staat" ist also so weit hergeholt nicht und hier ist der subjektive Ansatz für die Auflösung desselben. Hier beginnt auch die Debatte zu der Phrase der Selbstbestimmung der Person, da eine staatlich okkupierte (besetzte) keine selbstbestimmte sein kann. Wo nimmt sie also die Selbstbestimmung her? Im Kontext einer Alternativschuldebatte: Wie kommen die "freien, selbstbestimmten Kinder" zustande, wenn selbst ihre ErzeugerInnen den Moloch Staat in ihrem Kopfe haben?

Die klare Antwort kann eigentlich nur lauten: In veränderten gesellschaftlichen Verhältnissen und zwar in solchen, in denen nicht die Verabsolutierung des Geistes realisiert wird, wie es die Rechtshegelianer möchten, sondern in denen die Ideen der Freiheit, der Gleichheit und der Solidarität verfolgt werden. Eine Freiheit, die prinzipielle Gleichheit und gegenseitige Hilfe zur Bedingung hat, könnte den selbstbestimmten Menschen wachsen lassen, der die Grenzen von Territorium und Nation nicht braucht.

Vorgeschlagene Arbeitsgruppen waren:

Die Kritik der Pädagogik

Die AG sollte versuchen, anhand der geschichtlichen Entwicklung die Sonderformen der jeweiligen pädagogischen Praktiken und Theorien zu beschreiben. Sie hätte herauszuarbeiten, wie die Stellung im Staate war und warum sie sich bis heute so entwickelt hat. Von der harten Dressur zur Erziehungskunst. Diese Gruppe kam nicht zustande.

Pädagogik und Sexualität

Welche Rolle spielte und spielt die Pädagogik in Bezug auf die Beeinflussung der sexuellen Normen in der Gesellschaft? Die patriarchale Ausformung und Festlegung von Perversionen wird weitgehend von der Schule oder auch schon im Kindergarten bestimmt. Erstens sind ErzieherInnen und ihre WissenschaftlerInnen die Garanten des Moralkodex und zweitens legt schon die pädagogische Literatur die sexuelle Kultur fest.

Anhand von Lehrmaterialien sowohl für LehrerInnen, aber auch für SchülerInnen, wäre aufzudecken, wie Schule nationalisiert und somit Sexualität auch faschisiert. Arbeitsgrundlage für die Arbeitsgruppe könnte das Buch von George L. Mosse 'Nationalismus und Sexualität' sein. Hier aber besonders das erste: Nationalismus und bürgerliche Moral. Hierzu hatte sich eine Gruppe gebildet, deren Ergebnisse mir aber leider nicht bekannt wurden.


Auch die Erwachsenen genossen den Garten der Uni-Kita
Foto: Jürgen Steiner


Pädagogik, Militarismus und Faschismus

In dem Buch "Lernen in Freiheit" gibt es zwei Artikel von Gerald Grünklee, den einen zum Thema "Militarismus und Pädagogik", den anderen zu "Faschismus und Pädagogik". Beide sind hochaktuell, und der zweite zeichnet sich durch eine gute Recherche und Materialreichtum aus. Die Erkenntnisse, die sich daraus ableiten lassen, legen nahe, einen Zusammenhang herzustellen zwischen den Verweigerungsaktionen der KriegsdienstgegnerInnen und der SchulverweigererInnen.

Erstere haben es zu einer Form der Organisation gebracht, während das Thema Schulverweigerung bisher stets individualisiert wurde. Gerald konnte dank des Einsatzes einer Genossin an seinem Büchertisch mit einer kleinen Gruppe zum Thema diskutieren und wird den libertären LeserInnen die Ergebnisse sicher nicht vorenthalten.

Pädagogik und Kolonialismus und/oder Imperialismus

Gottfried Mergner hat nicht nur in dem in "Lernen in Freiheit" veröffentlichten Beitrag über "Die Deutsche Berufung zur Besserung der Welt" gezeigt, daß Kolonialismus und Pädagogik ein trefflich Paar für den europäischen Imperialismus sind. Sein Beispiel von Afrika läßt sich sicher übertragen auf andere, aus der Sicht der höherentwickelten, entwicklungs- und erziehungsbedürftigen  Menschen aus den sogenannten Drittländern. Die AG kam nicht zustande. Doch ist das Thema zu wichtig, um es nicht künftig aufzugreifen.

Schulkritik

Mit Daniel Ittermann gab es eine AG, deren Inhalt mir leider auch nicht bekannt ist und der hiermit freundlichst aufgefordert wird, sein Wissen Allgemeingut werden zu lassen.

Alternativen zur Pädagogik

Nach meiner Auffassung ist also eine "bessere" Pädagogik keine Möglichkeit zur Erreichung einer anarchistischen Gesellschaft, was ja das Motto der Libertären Tage 1993 war. Der Weg ist die Kritik und dadurch die Auflösung von staatstragenden Institutionen. Ich finde den Versuch einiger Libertärer, das Hauptaugenmerk auf die Einrichtung von alternativen Projekten und/oder Schulen zu legen, katastrophal. Das kann bestenfalls eine Überlebenstechnik im feindlichen Kapitalismus sein, revolutionär ist es nicht.

Auf der anderen Seite will ich auch keiner Alternativpädagogin oder einem Projektler auf den empfindlichen Zeh treten, nur die Einschätzung der eigenen Position sollte realistisch bleiben. Somit entsteht auch kein Erwartungsdruck an der falschen Stelle.

Trotzdem gab es natürlich eine AG zum Thema Alternativen. Was der nun so eingefallen ist, wird sie sicher nicht geheimhalten und es besteht die nicht ganz unberechtigte Hoffnung, daß sie es uns noch verraten werden.

Im großen und ganzen muß ich rückblickend bemerken, daß trotz unterschiedlicher Einschätzung zu den diversen Thesen ein sehr produktives Arbeitsklima entstanden war und mehrere Personen es sehr bedauerten, daß diese AG an das Ende der "Libertären Tage" verlegt war. Die Materialfülle hätte eine Tagung von Beginn an nötig gehabt.

Inhaltlich bleibt ein ungelöstes Problem die Ungleichzeitigkeit der Entwicklung von Erfahrung und Erkenntnis der Diskutierenden. Unzweifelhaft legen die Bedürfnisse das Diskussionsprojekt fest. Es ist nun mal was anderes, wenn eine 20jährige Alleinerziehende mit der Frage nach Pädagogik und Erziehung konfrontiert ist, oder ob es sich um einen Pädagogen/eine Pädagogin handelt. Wieder anders geht der oder die allein lebende staatskritische Soziologin/Soziologe an die Fragestellung heran.

Eine weitere Schwierigkeit lag und liegt darin, daß es sehr unterschiedliche Einschätzungen über die Wichtigkeit von Staats- oder Selbstkritik gab und gibt. Überhaupt schien mir, daß bei AnarchistInnen eine starke Neigung zur Psychologisierung besteht und soziologische Faktoren vernachlässigt werden. Das führt zur Schuldsuche bei sich selbst und ist im Sinne der Diskussion genau jene Okkupation, die der Staat erfolgreich vorantreibt.

Wir sollten endlich dazu kommen, als AG's kontinuierlich zu arbeiten. Hierzu werden Termin- und Ortsvorschläge erwartet bei der

AG Anti-Pädagogik als Staatskritik, Birkenfelder Str. 1,D-54497 Morbach, Tel. 06533/5354, Fax 3105.

Morbach, den 1. Mai 1993

Gerhard Kern



zum Inhaltsverzeichnis LT '93-Dokumentation

zurück zur Anfangsseite