AG
4Reform oder Revolution?
Eigentlich wollten wir
in der AG zum Stellenwert reformistischer Arbeit unsere eigene Arbeit zusammen
mit anderen GenossInnen kritisch reflektieren:

Libertäre Buchmesse im StudentInnenhaus
Foto: Klaus Malorny
Der Antiklerikale Arbeitskreis
im Libertären Forum Aschaffenburg
Dieser hatte sich vor
vier Jahren entschieden, langfristig auf dem Gebiet der Religions- und Kirchenkritik
politisch tätig zu werden - im vollen Bewußtsein, daß dies bedeuten würde,
Ob diese politische
Strategie als ein Weg in die Richtung einer anarchistischen Gesellschaft zu
rechtfertigen ist; was dadurch erreicht werden kann (und was nicht); welche
Gradmesser für "Erfolg" es überhaupt gibt, das wollten wir diskutieren.
Eine Schwierigkeit ergab
sich daraus, daß kirchenkritische Arbeit in anarchistischen Kreisen nur von
wenigen gemacht wird. So bestand trotz des einleitenden Sketches noch ein
großer Informationsbedarf, was mensch gegen Kirche, Glaubensgehorsam &
Co. denn so alles veranstalten kann. Was eigentlich nur als Beispiel gedacht
war, geriet so fast zu einer eigenen Arbeitsgruppe.
Reformismusdefinition
Mindestens genauso schwierig
(und vielleicht sogar der Knackpunkt an der ganzen Diskussion), war zu klären,
wie "Reformismus" denn zu definieren sei.
Wir hatten uns bei der
Vorbereitung auf die Arbeitsdefinition geeinigt, als "Reformismus"
all die politischen Bestrebungen anzusehen, die sich bestimmte konkrete Veränderungen
innerhalb des bestehenden "Systems" vorgenommen haben, die aber
für sich allein genommen das "System" noch nicht verändern.
Doch damit hatten wir
gleich den nächsten Begriff, der erklärungsbedürftig war. Was ist unter "System"
zu verstehen - der politische Rahmen, die Produktionsverhältnisse, der vorherrschende
Kanon an sozialen Verhaltensnormen?
Da der Begriff der "reformistischen
politischen Arbeit" also etwas verschwamm, war es an manchen Stellen
der Diskussion schwierig, den toten Punkt zu überwinden. Welche Aktivität
ist überhaupt vom "System" nicht mehr vereinnahmbar?
Antiklerikalismus, vor
allem das Engagement für die Trennung von Staat und Kirche, sind in den Staaten
des kapitalistischen Westens sicherlich problemlos integrierbar (für die islamische
Welt gilt diese Feststellung schon nicht mehr so ohne weiteres).
Viele Projekte mit libertärem
Anspruch bewegen sich im von Staat und Wirtschaftsordnung vorgegebenen Rahmen;
kann ihnen noch soziale Sprengkraft zugesprochen werden oder stecken sie nur
vom "System" geduldete Nischen ab?
IBDK-Verlag und Projekt
A
Am Beispiel unseres
Verlags und des Projekts A gingen wir dieser Frage nach. Der Verlag als wirtschaftliches
Unternehmen ist völlig von den Zwängen sowohl staatlicher Vorgaben als auch
des Marktes abhängig (hier unterscheidet er sich nur wenig vom Projekt A,
das seinen Platz ja auch in der Gesellschaft sieht und nicht aus lauter geschlossenen
Kreisläufen besteht).
Der Hauptunterschied
dürfte darin liegen, daß die Agitationsarbeit des Verlags sich ausschließlich
gegen bestehende Mißstände richtet und die propagierten politischen Ziele
nur Veränderungen in einem gesellschaftlichen Teilbereich vorsehen.
Das Projekt A hingegen
entwirft ein utopisches Gegenmodell zur real existierenden Gesellschaft und
geht insofern über sie hinaus. Dadurch ist auch die Gefahr geringer, es sich
auf der (staatlich geduldeten) Spielwiese einzurichten (was im Verlag geht,
sofern der Absatz innerhalb der eigenen Szene ausreicht).
Drei Fragen zum Reformismus
Ein Teilnehmer formulierte
dann drei Fragen, denen sich "reformistische" Aktivitäten stellen
sollten:
Für die lang- und mittelfristige
Arbeit kamen wir zu keinem rechten Ergebnis, da wir uns nicht so ganz einig
waren, was denn alles als "reformistisches" Engagement mit "revolutionärem"
Anspruch anzusehen sei.
Wahrscheinlich war auch
das Bild des Scheiterns von Sozialdemokratie und Grünen zu übermächtig in
unseren Köpfen, als daß wir uns eine in dieser Hinsicht erfolgreiche Bewegung
hätten vorstellen können. Kurzfristig ausgerichtete Vorhaben können dagegen
durchaus "erfolgreich" sein. Als Beispiele hierfür wurden Prozesse
oder Ein-Punkt-Bewegungen angeführt, durch die ein bestimmter Punkt verbessert
wurde, sei es nun die Zulassungsordnung für freie Schulen oder die Sicherheitsauflagen
für ein Kraftwerk.
Hier stellt sich die
zweite Frage: Steht das Ergebnis in einem vertretbaren Aufwand zur investierten
Energie oder hätte mensch mehr erreichen können, wenn er/sie die Prioritäten
anders gesetzt hätte?
Grundsätzlich wurden
als rechtfertigende Argumente angeführt, daß sich reformistische Arbeit in
der Regel an konkreten Problemen orientiert und so näher an den Menschen (den
"revolutionären Subjekten"??) dran ist.
Über das gemeinsame
Handeln in einem Teilbereichskampf könnte es möglich sein, libertäre Inhalte
in neue Kreise zu transportieren, Vorurteile gegen uns abzubauen.
Und schließlich ist
es auch für AnarchistInnen angenehmer, nicht neben einer WAA leben zu müssen.
Einigkeit herrschte
darüber, daß "reformistische" Arbeit jedoch immer eine Eigendynamik
entwickelt, daß es genügend Beispiele gibt, wo die Ziele irgendwann hinter
die Kompromisse zurücktraten. Wie dieser Punkt zu bestimmen ist bzw. ob er
für die in einer solchen Situation Handelnden überhaupt zu bestimmen ist (und
nicht erst im Rückblick, nach dem "Scheitern"), konnte allerdings
nicht eindeutig beantwortet werden.
Hier stößt auch die
kühle, abwägende Kosten-Nutzen-Analyse an eine Grenze. Denn zur Motivation,
sich politisch zu betätigen, gehört auch das Streben nach einer "autonomen
Identität". Eine Aktion könne noch so "erfolgreich" sein, formulierte
eine Teilnehmerin, wenn sie nicht das Gefühl von Authentizität (Echtheit)
vermittelt, sei sie der falsche Weg.
Was also führt auf den
Weg zu einer anarchistischen Gesellschaft? Was ist systemsprengend? Die Libertären
Tage waren es offensichtlich nicht; denn, so merkte ein Teilnehmer an, er
habe das Programm durchgesehen und sie nicht gefunden, "die Arbeitsgruppe
für die Insurrektion" (den Aufstand).
Antiklerikaler Arbeitskreis
im Libertären Forum Aschaffenburg
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