Beitrag
zur AG 5Im folgenden wollen
wir, Leute aus dem linksradikalen Spektrum in Frankfurt/M., unsere Eindrücke
der o. g. Arbeitsgruppe skizzenhaft wiedergeben.
Diese Arbeitsgruppe
erschien uns als ein Versuch von AnarchosyndikalistInnen (FAU-Stuttgart),
sich dem Thema Rechtsextremismus in der Bundesrepublik dadurch zu nähern,
daß die eigenen politischen "Ansätze" über das Thema gestülpt und
diese ohne eine vorher vorgenommene Problemfeststellung bereits als Lösungen
verkauft werden sollten. Frei nach dem Motto: »Wir erfassen zwar noch nicht
ganz die Problematik, aber irgendwie sind wir auch gegen Faschismus - und
vor allem, wir haben die Lösung«.
Dieser offensichtliche
Versuch einer links-populistischen Vereinnahmung seitens der anwesenden AnarchosyndikalistInnen,
wurde zwar durch das Plenum schnell "enttarnt", aber unsere Erwartung,
sich der Problematik des sich verbreiternden Rechtsextremismus in der Bundesrepublik
wenigstens theoretisch oder argumentativ zu nähern, wurde mehr als enttäuscht.

Während der Demonstration auf dem Römer
Foto: Klaus Malorny
Statt sich über die
verschiedenen Ebenen der gesellschaftlichen Rechtsverschiebung, wie des diskursiven,
parlamentarischen als auch des militanten "Durchbruchs" des Rechtsextremismus
zu nähern, sich mit deren Eigenständigkeiten und deren Verknüpfungen auseinanderzusetzen,
wurden nur die überholten Diskussionen der 80er Jahre aus autonomen Zusammenhängen
reproduziert (wiederholt). Die Bullen, der Staat oder irgendwelche Faschos
wurden als Feinde aufgebaut, "Faschismus" als umittelbar erfahrbar
und personifizierbar dargestellt, dem dann eine Militanz, leider dazu auch
noch oft als männlich ritualisiertes Militanzgehabe, entgegengestellt wurde.
Die inhaltliche Diskussion
muß folgendermaßen zusammengefaßt werden: Wer hat in welcher Stadt, in welchen
Zusammenhängen, welche Erfahrungen mit Bullen, Repression oder Faschos gemacht.
Die Inhaltslosigkeit der eigenen Analysen und Ansätze wurde versucht zu überdecken
mit Ankündigungen wie, »wenn wir es erst schaffen, uns zu vernetzen...«.
Die Diskussion wurde
immer dann besonders ärgerlich, wenn z. B. Faschismus auf ein Führertum reduziert
wurde (so auch im Text der FAU in der Informationsmappe), anstatt sozio-ökonomische
und gesellschaftsstrukturelle Zusammenhänge etwas genauer herauszuarbeiten.
Ärgerlich vor allem deshalb, da damit ungewollt der Diskurs, der sich um eine
"Normalität" bemühenden Konservativen und Neurechten unterstützt
wird, die versuchen, den Nationalsozialismus auf einen Hitlerismus zu verkürzen,
um so "Deutschland" und das "deutsche Volk" zu entlasten.
Als Lösungsstrategien
stellten die SyndikalistInnen in Aussicht, daß mittels Aufklärungsarbeit in
den Betrieben über die wa(h)ren Verhältnisse, die Beschäftigten ihre Interessen
erkennen würden und sich sogleich in der FAU organisieren, um sodann die Revolution
zu vollbringen. Diese Verheißung wurde aber sofort seitens der anwesenden
autonomen Antifa gekontert, mit der seit 10-15 Jahren im autonomen Hausgebrauch
sich befindlichen inhaltslosen Phrase eines »freien, selbstbestimmten Lebens«,
als gemeinsamer politischer Nenner und Perspektive.
Was die "wahren"
Interessen der Lohnabhängigen betrifft, nur so viel: Die Bemühung, die Festung
Europa aufzubauen, Deutschlands Grenzen dicht zu machen, darf doch nicht als
ein perfider Versuch der Klasse der Kapitaleigner verstanden werden, die kurz
bevorstehende Völkerverständigung durch diesen "Schutzwall" zu verhindern.
Es ist eher "auch" der Versuch seitens der ArbeitnehmerInnen, den
Arbeitsmarkt gegenüber den Arbeitssuchenden aus dem Trikont und Ost-Europa
abzuschotten.
War der Fordismus dadurch
gekennzeichnet, daß das Kapital zur Arbeitskraft "ging", so ist
dies im Post-Fordismus (heutige kapitalistische Gesellschaftsform, in der nicht mehr das Fließband im Zentrum steht,
d. T.) offensichtlich umgekehrt. Die Arbeitskraft sucht den Weg zum Kapital.
Wenn hiesige ArbeitnehmerInnen versuchen, diese Zirkulation der Arbeitskraft
zu verhindern, vertreten sie innerhalb von kapitalistischen Marktwirtschaftsprozessen
nur ihre wirtschaftlichen Interessen. Daß dies innerhalb der bestehenden kapitalistischen
Produktionsverhältnisse geschieht und ohne diese so nicht denkbar wäre, ist
offensichtlich. Aber deshalb jede "Schweinerei" auf selbige zu reduzieren,
zeigt wohl eher die Beschränktheit der eigenen theoretischen und praktisch-politischen
Ansätze.
Auch gehören die von
den SyndikalistInnen zu befreienden Werktätigen im Weltmaßstab zu den Besitzenden
(wenn auch nicht von Kapital- und Produktionsmitteln so doch von Konsumgütern).
Bei der in linken Kreisen beliebten Parole "die Grenzen verlaufen nicht
zwischen den Völkern sondern zwischen oben und unten" wird leider unterschlagen,
daß die Beschäftigten hier zu oben gehören, sie im Vergleich zum Trikont verdammt
viel zu verlieren haben!
Es wäre daher durchaus
denkbar, daß das, was sie heute zum Rechtsextremismus treibt, mit Begriffen
wie Entfremdung alleine gar nicht mehr zu fassen ist, sondern ebenso unter
dem Gesichtspunkt des Wohlstandschauvinismus subsumiert (untergeordnet) werden
muß. Wie unter diesem Aspekt aber eine syndikalistische Arbeit aussehen soll,
muß uns noch erklärt werden.
Ebenso unschlüssig waren die Beiträge der dort
anwesenden sich bekennenden autonomen AntifaschistInnen. Die Gefahr einer
sich entwickelnden autoritären und/oder faschistoiden Gesellschaft wird von
uns auch gesehen, kann jedoch nicht, wie in den Beiträgen geschehen, auf Schlagwörter
reduziert und dann nur mit ebensolchen angegangen werden.
Auch wir sehen die Notwendigkeit,
auf gewissen Ebenen in der Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus auf
militante Aktionen zurückzugreifen, sich aber auf selbige zu reduzieren heißt
a.) die gesellschaftliche
Problematik nicht zu erfassen und
(In dem Zusammenhang
sei die Frage erlaubt, ob eine Politikform, sei sie auch noch so inhaltlich
abgesichert, theoretisch fundiert und moralisch begründet, aber keine gesellschaftliche
Relevanz spielt, weil sie an den relevanten gesellschaftlichen Auseinandersetzungen
vorbei geht, überhaupt politisch zu nennen ist).
Antifaschistische Arbeit
darf nicht auf die nonverbale Auseinandersetzung mit bekennenden Faschisten
reduziert werden, denn diese notwendigen Aktionen gegen den rechten Straßenterror
laufen im Zusammenhang mit dem Alltags- und Gefühlsfaschismus innerhalb der
Gesellschaft zwangsläufig ins Leere.
Antifaschismus auf militante
Aktionen zu beschränken heißt, einem Fetisch aufzusitzen, weswegen sich auch
manch Autonomer im Plenum als Alchimist (?, d. T.) einer antifaschistischen
Randale gebärdete. Dieser Habitus (Haltung) wurde treffend von Frauenzusammenhängen
aus Wiesbaden bezüglich der Antifa-Demo in Mainz am 17.4.93, als »Paviangehabe«
und »gemeinschaftliches Hoppeln über den Acker bei Müller von hirnlosen "Schüttlern"«
charakterisiert (Swing; Mai '93).
Im ganzen waren wir
zugegebenermaßen überrascht, innerhalb dieser Arbeitsgruppe hinter die Diskussionen
der "Libertären Tage 1987" zurückzufallen. Vor allem deswegen, da
bei vielen, wenn nicht gar den meisten dieser wackeren Streiter des Antifaschismus,
alle feministischen Diskussionen der letzten Jahre offensichtlich spurlos
vorüber gingen und so z. B. immer noch der Mythos des aufrechten Kämpfers
reproduziert wurde. (Daß genau aus diesem Spektrum auch die Kritik kam, auf
der stattgefundenen Demo hätte es keine Ketten gegeben, um die Leute zu schützen,
erstaunt dann kaum noch. Leider wurde uns wieder nicht mitgeteilt, wer, wann
und vor wem auf dieser Demo geschützt werden sollte.)
Dies glauben wir auch
nicht entschuldigen zu können mit dem Alters- und Erfahrungsunterschied zwischen
den dort anwesenden überwiegend Jüngeren und uns über 30-jährigen, sondern
zeigt wohl eher, daß bestimmte Diskussionen augenscheinlich nur oberflächlich
geführt wurden und der Blick für das gesellschaftlich Ganze verloren gegangen
ist.
Leider ist es auch kein
Trost zu wissen, daß es zu mindest in Frankfurt/M. linksradikale und Antifa-Zusammenhänge
gibt, die sich dieser Problematik bewußt sind und deshalb in erneute inhaltliche
Diskussionen getreten sind. Der antifaschistische Widerstand läßt sich weder
ohne gesamtgesellschaftliches Problembewußtsein, noch ohne eigene Inhalte
aufbauen. Lassen wir die Ebene der Reflexpolitik endlich hinter uns!!!
»Eine der härtesten
Lektionen, die wir zu lernen hatten, war, daß revolutionärer Kampf eher wissenschaftlich
als emotional ist. Ich sage nicht, daß wir nicht fühlen sollen, aber Entscheidungen
können nicht auf Liebe oder Wut basieren. Sie müssen sich begründen auf den
objektiven Bedingungen und danach richten, was rational und unemotional (notwendig)
zu tun ist.«
Anika & Tom, Frankfurt/M.
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