A im KreisBeitrag zur AG 5
"Antifaschismus als Teil des Weges zu einer anarchistischen Gesellschaft" während der Libertären Tage '93


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Im folgenden wollen wir, Leute aus dem linksradikalen Spektrum in Frankfurt/M., unsere Eindrücke der o. g. Arbeitsgruppe skizzenhaft wiedergeben.

Diese Arbeitsgruppe erschien uns als ein Versuch von AnarchosyndikalistInnen (FAU-Stuttgart), sich dem Thema Rechtsextremismus in der Bundesrepublik dadurch zu nähern, daß die eigenen politischen "Ansätze" über das Thema gestülpt und diese ohne eine vorher vorgenommene Problemfeststellung bereits als Lösungen verkauft werden sollten. Frei nach dem Motto: »Wir erfassen zwar noch nicht ganz die Problematik, aber irgendwie sind wir auch gegen Faschismus - und vor allem, wir haben die Lösung«.

Dieser offensichtliche Versuch einer links-populistischen Vereinnahmung seitens der anwesenden AnarchosyndikalistInnen, wurde zwar durch das Plenum schnell "enttarnt", aber unsere Erwartung, sich der Problematik des sich verbreiternden Rechtsextremismus in der Bundesrepublik wenigstens theoretisch oder argumentativ zu nähern, wurde mehr als enttäuscht.


Während der Demonstration auf dem Römer
Foto: Klaus Malorny


Statt sich über die verschiedenen Ebenen der gesellschaftlichen Rechtsverschiebung, wie des diskursiven, parlamentarischen als auch des militanten "Durchbruchs" des Rechtsextremismus zu nähern, sich mit deren Eigenständigkeiten und de­ren Verknüpfungen auseinanderzusetzen, wurden nur die überholten Diskussionen der 80er Jahre aus autonomen Zusammenhängen reproduziert (wiederholt). Die Bullen, der Staat oder irgendwelche Faschos wurden als Feinde aufgebaut, "Faschismus" als umittelbar erfahrbar und personifizierbar dargestellt, dem dann eine Militanz, leider dazu auch noch oft als männlich ritualisiertes Militanzgehabe, entgegengestellt wurde.

Die inhaltliche Diskussion muß folgendermaßen zusammengefaßt werden: Wer hat in welcher Stadt, in welchen Zusammenhängen, welche Erfahrungen mit Bullen, Repression oder Faschos gemacht. Die Inhaltslosigkeit der eigenen Analysen und Ansätze wurde versucht zu überdecken mit Ankündigungen wie, »wenn wir es erst schaffen, uns zu vernetzen...«.

Die Diskussion wurde immer dann besonders ärgerlich, wenn z. B. Faschismus auf ein Führertum reduziert wurde (so auch im Text der FAU in der Informationsmappe), anstatt sozio-ökonomische und gesellschaftsstrukturelle Zusammenhänge etwas genauer herauszuarbeiten. Ärgerlich vor allem deshalb, da damit ungewollt der Diskurs, der sich um eine "Normalität" bemühenden Konservativen und Neurechten unterstützt wird, die versuchen, den Nationalsozialismus auf einen Hitlerismus zu verkürzen, um so "Deutschland" und das "deutsche Volk" zu entlasten.

Als Lösungsstrategien stellten die SyndikalistInnen in Aussicht, daß mittels Aufklärungsarbeit in den Betrieben über die wa(h)ren Verhältnisse, die Beschäftigten ihre Interessen erkennen würden und sich sogleich in der FAU organisieren, um sodann die Revolution zu vollbringen. Diese Verheißung wurde aber sofort seitens der anwesenden autonomen Antifa gekontert, mit der seit 10-15 Jahren im autonomen Hausgebrauch sich befindlichen inhaltslosen Phrase eines »freien, selbstbestimmten Lebens«, als gemeinsamer politischer Nenner und Perspektive.

Was die "wahren" Interessen der Lohnabhängigen betrifft, nur so viel: Die Bemühung, die Festung Europa aufzubauen, Deutschlands Grenzen dicht zu machen, darf doch nicht als ein perfider Versuch der Klasse der Kapitaleigner verstanden werden, die kurz bevorstehende Völkerverständigung durch diesen "Schutzwall" zu verhindern. Es ist eher "auch" der Versuch seitens der ArbeitnehmerInnen, den Arbeitsmarkt gegenüber den Arbeitssuchenden aus dem Trikont und Ost-Europa abzuschotten.

War der Fordismus dadurch gekennzeichnet, daß das Kapital zur Arbeitskraft "ging", so ist dies im Post-Fordismus (heutige kapitalistische  Gesellschaftsform, in der nicht mehr das Fließband im Zentrum steht, d. T.) offensichtlich umgekehrt. Die Arbeitskraft sucht den Weg zum Kapital. Wenn hiesige ArbeitnehmerInnen versuchen, diese Zirkulation der Arbeitskraft zu verhindern, vertreten sie innerhalb von kapitalistischen Marktwirtschaftsprozessen nur ihre wirtschaftlichen Interessen. Daß dies innerhalb der bestehenden kapitalistischen Produktionsverhältnisse geschieht und ohne diese so nicht denkbar wäre, ist offensichtlich. Aber deshalb jede "Schweinerei" auf selbige zu reduzieren, zeigt wohl eher die Beschränktheit der eigenen theoretischen und praktisch-politischen Ansätze.

Auch gehören die von den SyndikalistInnen zu befreienden Werktätigen im Weltmaßstab zu den Besitzenden (wenn auch nicht von Kapital- und Produktionsmitteln so doch von Konsumgütern). Bei der in linken Kreisen beliebten Parole "die Grenzen verlaufen nicht zwischen den Völkern sondern zwischen oben und unten" wird leider unterschlagen, daß die Beschäftigten hier zu oben gehören, sie im Vergleich zum Trikont verdammt viel zu verlieren haben!

Es wäre daher durchaus denkbar, daß das, was sie heute zum Rechtsextremismus treibt, mit Begriffen wie Entfremdung alleine gar nicht mehr zu fassen ist, sondern ebenso unter dem Gesichtspunkt des Wohlstandschauvinismus subsumiert (untergeordnet) werden muß. Wie unter diesem Aspekt aber eine syndikalistische Arbeit aussehen soll, muß uns noch erklärt werden.

 Ebenso unschlüssig waren die Beiträge der dort anwesenden sich bekennenden autonomen AntifaschistInnen. Die Gefahr einer sich entwickelnden autoritären und/oder faschistoiden Gesellschaft wird von uns auch gesehen, kann jedoch nicht, wie in den Beiträgen geschehen, auf Schlagwörter reduziert und dann nur mit ebensolchen angegangen werden.

Auch wir sehen die Notwendigkeit, auf gewissen Ebenen in der Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus auf militante Aktionen zurückzugreifen, sich aber auf selbige zu reduzieren heißt

a.) die gesellschaftliche Problematik nicht zu erfassen und
b.) anpolitisierte »Autonome-Karl-May-Festspiele« mit einer gesellschaftlich relevanten Politik zu verwechseln.

(In dem Zusammenhang sei die Frage erlaubt, ob eine Politikform, sei sie auch noch so inhaltlich abgesichert, theoretisch fundiert und moralisch begründet, aber keine gesellschaftliche Relevanz spielt, weil sie an den relevanten gesellschaftlichen Auseinandersetzungen vorbei geht, überhaupt politisch zu nennen ist).

Antifaschistische Arbeit darf nicht auf die nonverbale Auseinandersetzung mit bekennenden Faschisten reduziert werden, denn diese notwendigen Aktionen gegen den rechten Straßenterror laufen im Zusammenhang mit dem Alltags- und Gefühlsfaschismus innerhalb der Gesellschaft zwangsläufig ins Leere.

Antifaschismus auf militante Aktionen zu beschränken heißt, einem Fetisch aufzusitzen, weswegen sich auch manch Autonomer im Plenum als Alchimist (?, d. T.) einer antifaschistischen Randale gebärdete. Dieser Habitus (Haltung) wurde treffend von Frauenzusammenhängen aus Wiesbaden bezüglich der Antifa-Demo in Mainz am 17.4.93, als »Paviangehabe« und »gemeinschaftliches Hoppeln über den Acker bei Müller von hirnlosen "Schüttlern"« charakterisiert (Swing; Mai '93).

Im ganzen waren wir zugegebenermaßen überrascht, innerhalb dieser Arbeitsgruppe hinter die Diskussionen der "Libertären Tage 1987" zurückzufallen. Vor allem deswegen, da bei vielen, wenn nicht gar den meisten dieser wackeren Streiter des Antifaschismus, alle feministischen Diskussionen der letzten Jahre offensichtlich spurlos vorüber gingen und so z. B. immer noch der Mythos des aufrechten Kämpfers reproduziert wurde. (Daß genau aus diesem Spektrum auch die Kritik kam, auf der stattgefundenen Demo hätte es keine Ketten gegeben, um die Leute zu schützen, erstaunt dann kaum noch. Leider wurde uns wieder nicht mitgeteilt, wer, wann und vor wem auf dieser Demo geschützt werden sollte.)

Dies glauben wir auch nicht entschuldigen zu können mit dem Alters- und Erfahrungsunterschied zwischen den dort anwesenden überwiegend Jüngeren und uns über 30-jährigen, sondern zeigt wohl eher, daß bestimmte Diskussionen augenscheinlich nur oberflächlich geführt wurden und der Blick für das gesellschaftlich Ganze verloren gegangen ist.

Leider ist es auch kein Trost zu wissen, daß es zu mindest in Frankfurt/M. linksradikale und Antifa-Zusammenhänge gibt, die sich dieser Problematik bewußt sind und deshalb in erneute inhaltliche Diskussionen getreten sind. Der antifaschistische Widerstand läßt sich weder ohne gesamtgesellschaftliches Problembewußtsein, noch ohne eigene Inhalte aufbauen. Lassen wir die Ebene der Reflexpolitik endlich hinter uns!!!

»Eine der härtesten Lektionen, die wir zu lernen hatten, war, daß revolutionärer Kampf eher wissenschaftlich als emotional ist. Ich sage nicht, daß wir nicht fühlen sollen, aber Entscheidungen können nicht auf Liebe oder Wut basieren. Sie müssen sich begründen auf den objektiven Bedingungen und danach richten, was rational und unemotional (notwendig) zu tun ist.«
Assata Shakur

Anika & Tom, Frankfurt/M.


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