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6Anknüpfend an den Text
in der Informationsmappe für die Libertären Tage '93 (S. 17f.)
Antijudaismus gilt als
die älteste heute noch existierende Gruppenfeindschaft (bereits im Altertum).
Christlicher Antijudaismus
Nachzuweisen im Matthäus-Evangelium
als Mörder Jesus von Nazareth; im Johannes-Evangelium als Kinder des Satans
und im Paulus Römerbrief als musealer Rest zur Aufbewahrung bestimmt, bis
alle Menschen christianisiert sein werden.
Ab dem 4. Jahrhundert
konkrete Bemühungen des nunmehr institutionalisierten Christentums, das Judentum
von der Restbevölkerung abzusondern (Synode von Elvira 306). Seit dem 11.
Jahrhundert setzt sich die jahrhundertelang gepredigte Judenfeindschaft in
Ghettoisierungen, Pogromen und Vertreibungen durch [3. und 4. Laterankonzil
(1179 und 1215)].

Junge Teilnehmer der Libertären Tage im Gespräch mit einem alten
Anarchisten
Foto: Jürgen Steiner
Für das aufsteigende
nationale, städtische Wirtschaftsbürgertum stellten die Juden/Jüdinnen lästige
KonkurrentInnen dar, z. B. hinsichtlich des erneut auflebenden interkontinentalen
Fernhandels. Den in Ghettos verbannten Juden/Jüdinnen überließ man allein
den christlicherseits verpönten Geldhandel. So verband sich in der Vorstellung
vieler das Geldwesen mit dem Judentum.
Ursprünglich eine marginale
(am Rande stehende) Erscheinung, weil die Mehrheit der mittelalterlichen Bevölkerung
sich weitgehend selbst versorgte, entwickelte sich aus dem Geldwesen schließlich
die Moderne (Arbeitsteilung, Warenaustausch, Kapitalverwertung).
Die mit der Ausdehnung
der Geldverhältnisse verbundenen sozialen Wandlungen (Verstädterung, Staatsbildung
usw.) wurden von den traditionalen Bevölkerungsgruppen als Bedrohung empfunden
und dem herkömmlichen Vertreter des Geldwesens überantwortet: "dem Juden".
Rassischer Antisemitismus
Nach 1870 - im Zusammenhang
mit der Weltwirtschaftskrise (1873) - neben dem traditionellen religiösen
und ökonomischen Antijudaismus Hervortreten des politischen Antisemitismus.
Deutschland ist das Ursprungsland dieser Bewegung.
Der Begriff 'Antisemitismus',
von dem Antisemiten Wilhelm Marr in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts
geprägt, löste den bisher üblichen Terminus (Ausdruck) 'Judenhaß' ab.
Während beim traditionellen
Antijudaismus die religiösen Elemente grundlegend sind, hebt der moderne Antisemitismus
in Form eines Rassenmythos die vermeintlich genetischen Eigenarten der Juden
und Jüdinnen hervor (Kategorie: Blut!).
Eröffnete der religiöse
Antijudaismus dem Judentum die Möglichkeit der christlichen Taufe, so verschloß
sich diese Möglichkeit im rassischen Antisemitismus aufgrund seiner genetischen,
auf dem 'Blut' basierenden Ideologie.
Der rassische Antisemitismus
verband sich am Ausgang des 19. Jahrhunderts mit historisch-geisteswissenschaftlich
und biologisch-naturwissenschaftlich begründeten Rassentheorien.
Insgesamt betrachtet,
ist der Antisemitismus eine Protestbewegung gegen die Ideen der modernen Aufklärung
und die Errungenschaften der Französischen Revolution von 1789.
Bedeutung des Antisemitismus
im Nationalsozialismus
Der Nationalsozialismus
verklammerte erstmalig den Antisemitismus in eine allumfassende Ideologie.
Die Kränkung des nationalen deutschen Narzismus infolge der Niederlage im
1. Weltkrieg geriet zum Haß auf die westlichen, angeblich vom jüdischen Kapital
abhängigen Demokratien. Die Angst vor gesellschaftlicher Veränderung wurde
zudem umgeleitet in Haß auf den 'jüdischen' Bolschewismus.
Und beides verband sich
in der Vorstellung von der im geheimen ausgeübten 'jüdischen' Weltherrschaft,
die sich des Kapitalismus, der Demokratie und des Bolschewismus nur bediente,
um Deutschland zu zerstören.
Der deutsche 'Griff
nach der Weltmacht', der in Projektion dem 'Weltjudentum' zugeschoben wurde,
verband alle Bevölkerungsschichten. Die an die Macht gelangten Nazis riefen
allerdings nicht zum Pogrom, sondern praktizierten Verfolgung und Vernichtung
als Angelegenheit eines stellvertretend handelnden Staates. Zugleich benutzte
der Nationalsozialismus aber auch sämtliche gesellschaftlichen Institutionen
zur Durchführung des Holocaust.
Die Shoah als Besonderheit
und Kern des Nationalsozialismus erfolgte auf der Grundlage einer hoch arbeitsteiligen
Gesellschaft, in der das unmittelbare Töten wenigen Spezialisten oblag, die
Allgemeinheit allerdings ihren Teil dazu beitrug und außerdem die Möglichkeit
hatte, wegzusehen und gleichgültig zu bleiben.
Hierin spiegelt sich
zugleich ein Grundzug der bürgerlichen Gesellschaft: nämlich die "Kälte
des bürgerlichen Subjekt" (Theodor W. Adorno), die zugleich den Antisemitismus
nach Auschwitz fortführt.
Auschwitz
Auschwitz, als Synonym
für das System der NS-Vernichtungslager, impliziert (bezieht ein) singulären
(einzigartigen) Zivilisationsbruch und Kontinuität zugleich. Die Einmaligkeit
von Auschwitz mit anderen Massenverbrechen ergibt sich daraus, daß die Shoah
nur in einer ganz bestimmten Phase industrieller, bürokratischer Massengesellschaft
möglich war.
Zum ersten Mal hat hier
ein Staat mit sämtlichen ihm zur Verfügung stehenden Machtmitteln systematische,
auf gesellschaftlicher Arbeitsteilung beruhende, verwaltungstechnisch-industrielle
Massentötungen von Jüdinnen und Juden, denen das Lebensrecht allein aufgrund
ihrer Abstammung abgesprochen wurde, geplant und ausgeführt.
Zwar findet Auschwitz
seine Grundlagen vor allem in der zweitausendjährigen antisemitischen Tradition,
in der das Judentum generell als nicht assimilierbar (einverleibbar) eingestuft
wurde.
Dennoch kann der bevölkerungsmordende
Antisemitismus im Nationalsozialismus nicht einfach als 'Judenfeindschaft'
eingestuft werden: Zwar bedienten sich die Nazis dieser Ressentiments (Vorurteile),
fanden jedoch mittels eines sog. 'Vernunftantisemitismus', also mit dem gesamten
institutionalisierten Gewaltapparat des Staates, zu einer neuen vernichtenden
Qualität. Zudem setzten die Massentötungen mittels Zyklon B eine neue Organisation
der Vernichtung voraus: nämlich ihre Verwandlung in industrielle Arbeit.
Neben der Singularität
(Einzigartigkeit) des historischen, tiefendynamisch bisher noch immer nicht
greifbaren Ereignisses 'Auschwitz' existieren die gesellschaftlichen Umstände,
die zum Holocaust geführt haben, nach wie vor: z. B. die Ausgrenzung des Individuums,
Patriarchat, Rassismus und Antisemitismus. Antisemitismus als eine Grundlage
bürgerlicher Gesellschaft lebt vom nichtreflexiven Denken. Dies bedeutet gesellschaftlich
erzeugte Gleichgültigkeit gegenüber Opfern und Tätern.
Die Massenvernichtung
beruhte auf einer extremen Abstrahierung (Verallgemeinerung) der Individualität
von Opfern und Tätern. Der Tötungsvorgang stellt eine völlige Versachlichung
in Richtung einer rein instrumentellen Praxis dar.
Im Nationalsozialismus
fand, als seine besondere Qualität, eine Loslösung des Antisemitismus von
den AntisemitInnen statt, d.h. Auschwitz erfolgte nicht mehr aus der antijüdischen
Tradition heraus, sondern stellte, infolge der Entpersönlichung des gequälten
Gegenübers und seiner Objektivierung als 'Feind', eine Veränderung im Charakter
der Herrschaft selbst dar.

Mehr Happening als Demonstration, Frankfurter Römer
Foto: Tom Malorny
Antisemitismus nach
bzw. wegen Auschwitz
Philosemitismus
Aufgrund der Massenvernichtung
des europäischen Judentums Tabuisierung des Antisemitismus als ein bis heute
wirksames Mittel zur Verdrängung kollektiver Verantwortung und zur internationalen
Rehabilitierung (Wiedereingliederung) Deutschlands (sekundärer Antisemitismus).
'Demokratischer' Antisemitismus
Leugnen von Auschwitz;
Versuch, die Ungeheuerlichkeit der Shoah loszuwerden. Dies funktioniert auf
der Grundlage einer Gleichsetzung von 'Opfern' und 'Tätern', d. h., da von
zwei Gesellschaftstypen - 'Opfer' und 'Täter' - ausgegangen wird, daß das
'Opfer' irgendwie auch mitschuldig geworden sein muß.
Antiimperialistischer
Antizionismus
Diese seit Ende der
60er Jahre in der 'Neuen Linken' gepflegte Form des Antisemitismus macht für
Vergehen der israelischen Regierungspolitik an den PalästinenserInnen alle
Juden und Jüdinnen in und außerhalb Israels gleichermaßen verantwortlich (Anschläge
auf jüd. Gemeindezentren, Synagogen usw.).
Innerhalb der Linken
ist es wohl einmalig, daß sie ihre Kritik an einem Herrschaftssystem, nämlich
an Israel, zugleich mit der folgenschweren Verneinung des (staatlichen) Existenzrechtes
verbindet.
Darüber hinaus lassen
sich auch innerhalb der 'Neuen Sozialen Bewegungen' judenfeindliche Tendenzen
nachweisen: Friedensbewegung, Ökologiebewegung (Franz Alt), christlich-feministischer
Fundamentalismus (Christa Mulack, Hanna Wolff), dem das Judentum als Inbegriff
des Patriarchats gilt, das Jesus, dessen jüdische Herkunft verleugnet wird,
angeblich als Feminist überwunden habe; New Age und Esoterik-Bewegung.
Innerhalb des erstarkenden
christlichen Fundamentalismus gelten die Juden/Jüdinnen nach wie vor als die
Mörder Jesu, das Judentum wird als eine inhumane, rigide (strenge) Gesetzesreligion
diffamiert. Gemeinsam ist diesen verschiedenen Antjudaismen ein gegen das
Judentum gerichtetes Sündenbockdenken.

Stefan Schulberg vom Living Theatre in New York während einer Performance
Foto: Klaus Malorny
Fazit
Parallel zur erschreckenden
Beständigkeit antisemitischen Bewußtseins innerhalb der Bevölkerung ('Antisemitismus
ohne Juden') und stets wiederkehrenden antijüdischen Ausschreitungen (Friedhofsschändungen,
antisemitische Schmierereien, öffentliche 'Ausfälle' in Politik, Wirtschaft
und Kultur usw.) ist dem Antisemitismus nur als Kulturphänomen gesellschaftlich-struktureller
Beschaffenheit beizukommen.
Moderner Antisemitismus
ist mehr als ein politisch-programmatisches Phänomen, er ist ein Denkmuster,
das unsere komplex erscheinende Welt auf eine Personifizierung gesellschaftlicher
Entwicklungen reduziert. Gesellschaftliche Massenphänomene werden auf die
Initiative einzelner verkleinert.
"Der Antisemitismus...
tritt als scheinsäkulare Form auf und dient als Welt- und Realitätsdeutung.
Gerade auch für die Linke tut sich hier eine Falle auf: Der Antisemitismus
als Alltagsreligion bedient sich auch und vor allem der Sozialkritik. Aber
eine Sozialkritik, die sich auf die Sphäre der Zirkulation... beschränkt.
Die Sphäre der Produktion, dort wo der wirkliche Raub..., die tatsächliche
Plünderung erfolgt, wird notwendig ignoriert. Das Ressentiment gegen in Erscheinung
tretenden Reichtum wird mit Sozialkritik verwechselt."
(Dan Diner, Verheddert
im Stacheldraht der Geschichte. In: Elisabeth Kiderlen (Hrsg.in), Dt.-jüd.
Normalität ... Fassbinders Sprengsätze, Ffm 1985, S. 64)
Nicht die Existenz des
Judentums, sondern allein das Fortwirken des Antisemitismus zählt zu den unbewältigten
Gegenwartsproblemen. Konkret ist der Antijudaismus als eine Erfindung der
Nichtjuden/jüdinnen zu verorten:
"Der Jude [die
Jüdin] ist der Mensch, den die anderen (die christlich majorisierte Gesellschaft)
als solchen betrachten... Der Antisemit macht den Juden [die Jüdin]".
(Jean-Paul Sartre, Betrachtungen
zur Judenfrage. In: ders., Drei Essays, 1977, S. 143).
Jüdinnen und Juden wurden
und werden deshalb zu 'Opfern' und damit zu Objekten des Hasses, weil die
unter Nichtjuden/jüdinnen kursierenden Ressentiments über die jüdische Lebenswelt
die Geschichte bestimmen und keineswegs die historischen Umstände die Idee:
"Es zeigt sich,
daß der Antisemitismus des Antisemiten von keinem äußeren Faktor herstammen
kann. Der Antisemitismus ist eine selbstgewählte Haltung der ganzen Persönlichkeit,
eine Gesamteinstellung nicht nur dem Juden gegenüber, sondern auch den Menschen
im allgemeinen, der Geschichte und der Gesellschaft gegenüber. Er ist gleichzeitig
eine Leidenschaft und eine Weltanschauung." (Ebd. S. 113)
Antisemitismus-AG, Frankfurt
Kontaktadresse:
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