A im KreisAG 7

Nationalismus

Anliegen dieser AG sind:

1. eine Betrachtung und Untersuchung des Phänomens (auffällige, ungewöhnliche Erscheinung) Nationalismus und seiner Ursachen aus anarchistischer Sicht;
2. Erkenntnisse darüber zu erlangen, wie Nationalismus verhindert, vermieden oder beseitigt werden kann.

Nationalismus und Nation

An diesen Anliegen kann mensch schon erkennen, daß wir Nationalismus grundsätzlich und in jeder Ausprägung als etwas Negatives, zu Bekämpfendes begreifen.

Dabei sind die Begriffe Nationalismus und Nation voneinander zu unterscheiden: Der Ausdruck Nationalismus ist ein Sammelbegriff für verschiedene Erscheinungen.

Das reicht von - angeblich harmlosen - Formen wie Vaterlandsliebe, Nationalbewußtsein, Patriotismus bis zu eindeutigen Formen wie Chauvinismus und Pangermanismus. Nationalismus dient somit als ideologischer Kitt für das Zwangskollektiv Nation, in das Individuen, die sonst wenig miteinander gemein haben, hineingepfercht und vereinheitlicht werden.


Die Leute vom Kellertheater Frankfurt in der Diskussion mit dem Publikum nach der Aufführung des Fassbinder-Stückes "Anarchie in Bayern"
Foto: Klaus Malorny


Auf Deutschland bezogen, besagt die HERRschende Lehre, die Nation sei eine organische (Volks-) Gemeinschaft mit den Merkmalen gleicher Geschichte, Tradition, Kultur, Sitten und Werte sowie gleicher Sprache und "Rasse", aus der heraus der Staat als natürliche Organisationsform entstanden sei.

(Der besondere Charakter des deutschen Nationalstaates ergibt sich aus seiner Geschichte mit dem zweimaligen "Griff nach der Weltmacht" und dem Nationalsozialismus mit Auschwitz, der rassenbiologisch begründeten, bürokratisch-industriellen Massenvernichtung der europäischen Jüdinnen und Juden).

In Wirklichkeit sind die eben genannten Merkmale erst nach der Entstehung von Nationalstaaten konstruiert worden, um diese Entstehung zu rechtfertigen. D. h., homogene (gleichartige, einheitliche) Menschengruppen mit gleicher Geschichte, Kultur und Sprache hat es nie "von Natur aus" gegeben, sondern sie wurden durch Geschichtsfälschung erfunden.

Die kulturelle und sprachliche Vereinigung erfolgte erst im nachhinein. Selbst sog. Vielvölkerstaaten wie Indien versuchten nach ihrer Gründung eine nationale Ideologie zu entwickeln.

"Die Nation ist nicht die Ursache des Staates, sondern sein Ergebnis. Es ist der Staat, der die Nation schafft, nicht die Nation den Staat." (Rocker, S. 262) "...die Nation ist nichts organisch Gewordenes, sondern etwas vom Staat künstlich Geschaffenes (...) Nation ist daher ein rein politischer Begriff, der lediglich durch die Zugehörigkeit der Menschen zu einem bestimmten Staate zustande kommt.(...) Und wie der Stärkere heute und zu allen Zeiten über die nationale Zugehörigkeit des Schwächeren nach Belieben verfügen konnte, so war und ist er auch imstande, das Bestehen einer Nation willkürlich zu tilgen, wenn ihm dies aus staatsmännischen Gründen geboten scheint."

(Rocker, S. 367f.)

Nationen sind (also) künstliche Konstrukte, das Ergebnis von staatlichem Handeln oder der Interessenpolitik bestimmter Gruppen oder Klassen.

Zwangsläufig ergibt sich daraus, daß die Erscheinung Nationalismus vernunftwidrig ist, da ihr jegliche historische oder kulturelle Grundlage und Rechtfertigung fehlt. Trotzdem geht von Nationalismus eine erschreckende Massenwirksamkeit aus. Mit dem Hinweis auf die Manipulation breiter Bevölkerungskreise durch interessengeleitete Eliten läßt sich diese Massenwirkung allein nicht verstehen.

Selbstverständlich dient Nationalismus den Herrschenden und wird von diesen bewußt als Integrations- und Repressionselement eingesetzt. (Nationalismus ist dabei immer in Zusammenhang mit anderen Herrschaftsinstrumenten wie Sexismus, Rassismus, Antisemitismus zu sehen).

Ebenso eignet sich Nationalismus dazu, bestehende Gegensätze (wie Ausbeutung, soziale Ungleichheit u.a.) zu verwischen, d.h. bestimmte Bevölkerungsschichten von ihren eigentlichen Interessen abzulenken, zu spalten und gegeneinander aufzuhetzen. (Gleichzeitig werden Gemeinsamkeiten mit Menschen und Bevölkerungen außerhalb der Nation geleugnet, Gegensätze dagegen betont oder konstruiert).

Warum aber springen breite Bevölkerungskreise so bereitwillig auf diese Strategie an?

1. Wir werden in eine Nation hineingeboren ohne die Chance, frühzeitig auch andere Alternativen (offene Grenzen, Antinationalismus, Anarchie) kennenzulernen. Nation, Staat und Gewaltmonopol sind etwas Vorgegebenes.

Nationale Identität sowie nationalistische und rassistische Ideologien werden durch das staatliche Erziehungsmonopol, die Gesetze, die Medien sowie die Vorurteile, Einstellungen und Werte und Normen unserer sozialen Umwelt (Familie, FreundInnen) während der Sozialisation in uns verankert.

2. Die Nation hat auch etwas zu bieten: Sie bezieht ihre Bedeutung aus der Verbürgung des Existenzrechts. "(Es) wird deutlich, daß nationale Identität nicht nur eine subjektive Definitionsfrage ist, welcher Kultur ich mich zugehörig fühle, welche Normen ich teile oder wo ich ein romantisches Bedürfnis nach Gemeinsamkeit stillen kann, sondern daß es in erster Linie darum geht, zu einer Gruppe zu gehören - und das ist seit dem 19. Jahrhundert bei uns die Nation -, die einem ein Existenzrecht verbürgt, die mehr oder weniger deutlich sagt, du hast ein Recht hier zu leben. Das zielt nicht nur auf staatsbürgerliche Rechte, sondern auch auf das Recht, sich sozial, politisch, kulturell und geistig zu betätigen und zu entfalten." (Rommelspacher 1992, S. 104)

Welche existentielle Bedeutung diese "Selbstverständlichkeiten" haben, können wohl nur die ermessen, die den Verlust nationaler Zugehörigkeit am eigenen Leib erfahren haben.

Daß die Vorteile der nationalen Zugehörigkeit (bzw. die Repression bei Verlust dieser Zugehörigkeit) internationale Verbindungen fast immer beiseite fegten, zeigt das Verhalten der ArbeiterInnenbewegung, der SPD und der KPD im Konfliktfall.

3. Anfangs wurden von WissenschaftlerInnen ökonomische Ursachen (Arbeitslosigkeit, Wohnungsmangel) für das Ansteigen von Nationalismus und Rassismus verantwortlich gemacht. Danach folgten psychosoziale Erklärungen eines Individualisierungsprozesses (Heitmeyer, Leggewie): Der Verlust persönlicher Identität durch die Aufhebung sozialer Bezüge - Stichwort: Risikogesellschaft - fördere das Streben nach nationaler Identität, Wir-Gefühl und völkischem Konsens.

Wir meinen, daß diese Erklärungsansätze erstens falsch sind und zweitens, daß die TäterInnen nationalistischer/rassistischer Gewalttaten und die ZuschauerInnen zu Opfern (und die eigentlichen Opfer mitverantwortlich) gemacht werden.

Dazu folgende Überlegungen:

"Dieses Konfliktlösungsmuster, der Umgang mit Andersartigem als etwas zu Unterwerfendem, hat in unserer Gesellschaft eine elementare Quelle im Umgang mit dem Geschlechterunterschied. Die Differenz der Geschlechter ist die erste Begegnung mit einer prinzipiellen Andersartigkeit von Menschen. Die Sozialisation lehrt die Jungen mit Hilfe aggressiver Selbstbehauptung und Abwertung des Weiblichen ihre Männlichkeit zu beweisen." (Birgit Rommelspacher (1991), S. 85)

Wege zum Antinationalismus

Ein umfassendes Patentrezept haben wir nicht, aber einige Thesen und Handlungsansätze wollen wir vorstellen:

1. Nationalismus muß immer in seiner Verknüpfung mit anderen Herrschaftsinstrumenten (Rassismus, Eurozentrismus, Sexismus, Antisemitismus usw.) gesehen und aus dem Blickwinkel einer umfassenden Beschreibung bestehender Macht- und Herrschaftsstrukturen - Patriarchats-, Staats- und Kapitalismuskritik - kritisiert werden.

2. Nationalismus muß in all seinen Erscheinungsformen konsequent entlarvt werden, insbesondere auch in uns selbst, in der anarchistischen Bewegung und in der Linken generell. Immer wieder wird - gerade auch von Linken - der angeblich emanzipatorische Charakter des Begriffs Nation betont - für die Französische Revolution, in bezug auf den Befreiungskampf der Kolonien oder im Zusammenhang mit nationalen Befreiungsbewegungen.

Dieser Punkt 2. nahm in unserer AG während der LT '93 breiteren Raum ein. Diskutiert wurde am Beispiel der nationalen Befreiungsbewegungen im Baskenland, in Nicaragua und in Palästina. Es zeigte sich, daß nationale Befreiungsbewegungen stets auch Züge von Unterdrückung aufweisen. Grundlegend für die Nation ist es also, daß es Menschen gibt, die ihr nicht angehören und ausgegrenzt werden. Kann es überhaupt Nationen geben, die nicht ausgrenzen?

3. Selbstbestimmungsrecht der Individuen statt Selbstbestimmungsrecht der Völker.

4. Wer/welche eine ausgeprägte Individualität und Persönlichkeit hat, welche/wer offen ist und das Leben als einen Wachstums- und Lernprozeß begreift, die/der braucht keine Identitäten als Ersatz. Statt Suche nach Gemeinsamkeiten und Identität (Sprache, Abstammung) die Suche nach Verbindendem, aber auch nach Vielfalt.

5. Kollektive und kommunitäre Lebensformen, die nationale Identität nicht brauchen und einer 'schlechten' Individualisierung (im Sinne von Vereinzelung) entgegenwirken, könnten ein Weg sein. Z. B. Projekt A, Kommunebewegung, bolo bolo, evtl. auch die in den Gettos in Großbritannien entstehenden communities.

6. Sind reformistische Strategien wie Erleichterung der Einbürgerung, Doppelstaatsbürgerschaft etc. kurz- und mittelfristig unterstützenswert?  Wir wünschen uns für alle Menschen, die hierherkommen - aus was für Gründen auch immer - und hier leben möchten, die gleichen Rechte, wie sie die Deutschen besitzen.

7. Als AnarchistInnen müßten wir verstärkt aufzeigen und vorleben, daß es andere Konfliktlösungsmethoden gibt als Kampf, Unterdrückung und Unterwerfung, nämlich z.B. Absprachen, Konsensprinzip und gegenseitige Hilfe.

8. Zu diskutieren wäre, was an die Stelle nationaler Garantien und Rechte treten soll: herrschaftsfreier Selbstschutz ?

9. Wichtig, um dem Nationalismus entgegentreten zu können, erscheint uns insbesondere die Beschäftigung mit Geschichte, d.h. gerade auch mit Nationalsozialismus und Auschwitz. Eine der wesentlichen Grundlagen für das Gedeihen des derzeitigen deutschen Nationalismus ist der Versuch, die deutsche Vergangenheit herunterzuspielen, zu beschönigen, sich von dieser Vergangenheit zu befreien (Bitburg, Historikerstreit, Schändung jüdischer Friedhöfe und Gedenkstätten, Umwandlung von KZ-Gedenkstätten in kombinierte NS- und Stalinismus-Gedenkstätten).

10. "Eine abstrakte Distanzierung (vom Deutschtum - d. V.), die dem nur ferne Ideale entgegenzuhalten hat, bleibt als Kritik stumm, solange sie sich nicht auf die konkrete deutsche Geschichte, auf den konkreten Umgang mit Minderheiten hier bezieht und sich nicht mit dem Verhältnis zur eigenen Privilegierung auseinandersetzt." (Birgit Rommelspacher, 1992, S. 118)

LITERATUR:

Mittwochsgruppe Frankfurt

Kontakt:
Mittwochsgruppe, c/o Dezentral, Wittelsbacherallee 45, 60316 Frankfurt/M.



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