A im KreisEin Interview mit Jean-Christophe Ammann, Direktor des Museums für Moderne Kunst in Frankfurt,  zu den Libertären Tagen `93

Die erste Auftaktveranstaltung zu den Libertären Tagen, Ostern ´93 an der Universität Frankfurt, begann am 8. April (Donnerstagabend) mit einer Führung im Museum für Moderne Kunst.

Das Thema für diese Sonderführung, die Andreas Bee, als leitender Mitarbeiter, und Jean-Christophe Ammann, Direktor des Museums, organisierten, lautete: "Wo liegt der aufklärerische Aspekt in der zeitgenössischen Kunst?"

Ca. 130 Interessierte fanden den Weg ins Museum an diesem Donnerstagabend. Für viele BesucherInnen, die speziell zu den Libertären Tagen teilweise von weit her angereist kamen, war dies der erste Besuch in diesem Museum mit Dauer und Wechselausstellungen, das sich ausschließlich der zeitgenössischen Kunst widmet.

Zur Einführung in das Thema sprach J.-C. Ammann. Er umriß die für ihn wesentlichen vier Eckpunkte, mit denen sich KünstlerInnen in erster Linie auseinandersetzen: Zeit, Angst, Tod und Sexualität. Genau diese vier Punkte stellten die Verbindungslinie zum/r BetrachterIn her, über die mensch sich einem Kunstwerk zur Auseinandersetzung annähern könne.


Donnerstagabend zu Beginn der Führung durch das Museum für Moderne Kunst
Foto: Jürgen Steiner


Die Begrüßung der TeilnehmerInnen an den Libertären Tagen, deren Motive sowie eine kurze Erläuterung des Rahmenprogramms übernahm T. Schupp für den Veranstalter des Treffens:

"Zuerst möchte ich Herrn Ammann danken, daß diese Veranstaltung heute abend im Rahmen der Libertären Tage möglich wurde. Schon in früheren Veranstaltungen haben wir uns mit den Themen Anarchie, Kunst und Freiheit sowohl im Museum für Moderne Kunst als auch im Frankfurter libertären Treff Dezentral auseinander gesetzt. Denn Kunst an sich ist nie neutral, sie bezieht immer Stellung in einem gesellschaftlichen Zusammenhang. Aufklärerische Aspekte der zeitgenössischen Kunst müssen immer wieder neu formuliert werden. Freiheit der Kunst ist wesentliches Merkmal einer libertären, freiheitlichen Gesellschaft. In diesem Rahmen sehe ich den heutigen Abend.

An der Frankfurter Universität werden von heute Abend bis Montagmittag die Libertären Tage - Ostern 1993 stattfinden.

Fünf Tage lang werden sich dort einige tausend Menschen aus der ganzen Bundesrepublik treffen, um über Wege zu einer anarchistischen, also herrschaftsfreien Gesellschaft zu diskutieren.

Gleichzeitig versuchen wir dort auch ein Stück Anarchie zu leben.

Wir haben also ein positives Verständnis von Anarchie. Für uns ist Anarchie gesellschaftliche Ordnung ohne Herrschaft. (...)

Wir laden alle Menschen, die sich gegen jegliche Herrschaft und für eine libertäre, freiheitliche Gesellschaft einsetzen wollen, sich an den Libertären Tage 1993 zu beteiligen."

Zur Einführung in das Thema sprach J.-C. Ammann. Er umriß die für ihn wesentlichen vier Eckpunkte, mit denen sich KünstlerInnen in erster Linie auseinandersetzen: Zeit, Angst, Tod und Sexualität. Genau diese vier Punkte stellten die Verbindungslinie zum/r BetrachterIn her, über die mensch sich einem Kunstwerk zur Auseinandersetzung annähern könne.

Anschließend begannen fünf Führungen in jeweils kleinen Gruppen, um sich mit ausgewählten Werken auseinanderzusetzen.

Was war jedoch das Interesse solch einer etablierten Institution, die als "Vorzeigetortenstück" (der äußeren Form wegen) der Museumslandschaft Frankfurts gilt?


Ein Gespräch mit dem Jean-Christophe Ammann
(Direktor des Museums für Moderne Kunst in Frankfurt)
zu den Libertären Tagen '93

LT: Was war der Anreiz für Sie, eine Veranstaltung für die Besucherinnen und Besucher der Libertären Tage anzubieten? Wo lagen die Berührungspunkte?

Ammann: Anarchie ist für mich vielfältig definierbar. Ein grundlegender Aspekt in der Anarchie und Kunst ist die Selbstwahrnehmung, welche als erster Berührungspunkt gesehen werden kann. Gerade die Kunst schafft in einem hohen Maße die Möglichkeit, sich selbst wahrzunehmen, sie ist nicht mehr in ideologische Felder eingebaut und unterliegt keiner Fremdbestimmung. Jeder ist demnach seine eigene Utopie. Seit den 60er Jahren ist jeder erst einmal sich selbst. Die Tendenz ist die Loslösung von der Zugehörigkeit zu den -Ismen hin zu einer verstärkten Individualisierung; die Bandbreite der Kunst wächst. Dies ist ein Gang der Zeitgeschichte. Auch mit der Vervielfältigung der künstlerischen Ausdrucksmittel bleibt die Aufgabe des Künstlers, die eigene Erkenntnis auf das Individuum (als Rezipienten) zu übertragen.

Grundsätzlich sind es vier Dinge, die uns alle beschäftigen. Diese wären noch durch den Gegensatz der generativen Ordnung - Unordnung als Punkt der Auseinandersetzung zu ergänzen: Das Gleiche und das Verschiedene.

Ebenso sucht die Anarchie aus einer Unordnung eine neue Ordnung zu finden.

Die Zeit steht im Vordergrund, denn jeder verkörpert seine eigene Zeit. Die Geschwindigkeit der Zeit bedingt die Schwierigkeit eine Sprache dafür zu finden. Wir laufen mit der Sprache der Zeit hinterher.

Ein wichtiger Anreiz für mich ist mein Interesse an der jüngeren Generation: Wie nimmt sie das gleiche wahr, was meine Generation wahrnimmt? Jeder macht einen Lernprozeß mit sich selbst, generativ verschieden, doch da liegt mein Interesse. Denn oft sind die Künstler ein, zwei Generationen jünger als ich, ebenso die Besucher des Museums. Ich sehe mich hier im Museum mehr als ein Beteiligter an der Auseinandersetzung weniger als ein Führer.

LT: Ursprünglich planten Sie einen ganz anderen Beitrag zu den Libertären Tagen direkt an der Uni. Wieso verwarfen Sie diese Idee?

Ammann: Geplant war ein Beitrag und eine Auseinandersetzung zum Thema "Kunst und Sexualität". Das hat etwas mit dem alltäglichen Umgang zu tun. Liebe ist in der Sexualität inbegriffen, als ein Teil des Vierer-Blocks. Sexualität ist eine wichtige Komponente der Selbstwahrnehmung. Ein großer Einschnitt darin begann mit den ersten Signalen von AIDS 1983. AIDS hieß der Beginn einer verinnerlichten Zensur. Es folgte Politisierung sowie die regressive Haltung der Sexualität. Die Verhaltens- und Erfahrungsmuster haben sich im Laufe der letzten Generation stark verändert. In meiner Generation verlor man die Unschuld durch Erfahrung, die heutige durch Wissen. Der Diskurs löst heute das Begehren ab, die Erfahrung durch die Praxis ist irreversibel. Kontextuale Erfahrung entsteht nun durch mediales Wissen. Diese Zusammenhänge mit der künstlerischen Auseinandersetzung zu verknüpfen, könnte die Gefahr bedeuten, zu direkt, zu provokativ zu sein. Von der feministischen Seite hätte dies falsch aufgefaßt werden können. Ich wollte eine solche Veranstaltung auf den Libertären Tage nicht unvorbereitet, nicht auf leeren Magen bringen.

LT: War die Führung eine Minimallösung?

Ammann: Dies war nicht der Fall. Das Museum bietet die Wahrnehmung des Ganzen: Räume und Werke im Original.

LT: Wo liegen die Verbindungen zwischen zeitgenössischer Kunst als eigene Art Kultur und Anarchie als Lebensauffassung?

Ammann: Ideologien bedeuten erst einmal verschiedene Denkweisen, also das Interesse an der Gegenwart. Unsere Gesellschaft steckt in einer Krise. Vielleicht ist dies ein Männerproblem, das mit der Unterwanderung von weiblichem Denken konfrontiert wird. Die klassischen Bezugsmöglichkeiten sind für Männer nach außen, für Frauen nach innen, d.h. Außenveränderungen nehmen Männer stärker wahr. Doch als Folge der Unterwanderung stellt sich inzwischen die Frage, hat der Mann mehr Frau oder die Frau mehr Mann in sich? Wo liegt das Emanzipationsbestreben und in welchen Bereichen?

Die ersten 20, 25 Jahre unseres Lebens sind die wichtigsten zur Schaffung einer eigenen Welt. Denn auch die Erotik fällt nicht vom Himmel; sie wird stückchenweise aufgebaut.

LT: Wie erleichtert das Wissen um Zeit, Angst, Tod und Sexualität den bewußten Zugang zu Werken zeitgenössischer Kunst?

Ammann: Die Aufnahme von Kunst ist ein schon immer existierendes Problem. Zur Zeit van Goghs gab es auch das gleiche Problem. Es ergeben sich immer Polarisierungen, das Problem des Neuen, des Unbekannten. Meist ist es das Unverständnis des Neuen, ein Nicht-kennen der Perspektive. Deswegen werden vor allem Werkgruppen ausgestellt, um Zusammenhänge besser darstellen zu können. Erst einmal sind es exotische Objekte als ein anschaulicher Denkgegenstand, die sich zu einem anschaulichen Denkzusammenhang aufbauen können. Was ich nicht erkenne, sehe ich nicht bewußt. Dies ist vergleichbar mit alltäglichen Erfahrungen in unsere Umwelt, d.h. der Umgang mit Neuem, mit anderen Menschen, den Freunden. Es ist das Problem der Gleichsetzung: Es gefällt, also ist es Kunst. Doch wie gehe ich mit dem Neuen um?

LT: Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Joachim Mennicken



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