Ein
Interview mit Jean-Christophe Ammann, Direktor des Museums für Moderne Kunst
in Frankfurt, zu den Libertären Tagen `93Das Thema für
diese Sonderführung, die Andreas Bee, als leitender Mitarbeiter, und Jean-Christophe
Ammann, Direktor des Museums, organisierten, lautete: "Wo liegt der aufklärerische
Aspekt in der zeitgenössischen Kunst?"
Ca. 130 Interessierte
fanden den Weg ins Museum an diesem Donnerstagabend. Für viele BesucherInnen,
die speziell zu den Libertären Tagen teilweise von weit her angereist kamen,
war dies der erste Besuch in diesem Museum mit Dauer und Wechselausstellungen,
das sich ausschließlich der zeitgenössischen Kunst widmet.
Zur Einführung in das Thema sprach J.-C. Ammann. Er umriß die für ihn wesentlichen vier Eckpunkte, mit denen sich KünstlerInnen in erster Linie auseinandersetzen: Zeit, Angst, Tod und Sexualität. Genau diese vier Punkte stellten die Verbindungslinie zum/r BetrachterIn her, über die mensch sich einem Kunstwerk zur Auseinandersetzung annähern könne.

Donnerstagabend zu Beginn der Führung durch das Museum für Moderne
Kunst
Foto: Jürgen Steiner
Die Begrüßung
der TeilnehmerInnen an den Libertären Tagen, deren Motive sowie eine kurze
Erläuterung des Rahmenprogramms übernahm T. Schupp für den Veranstalter
des Treffens:
"Zuerst
möchte ich Herrn Ammann danken, daß diese Veranstaltung heute abend im Rahmen
der Libertären Tage möglich wurde. Schon in früheren Veranstaltungen haben
wir uns mit den Themen Anarchie, Kunst und Freiheit sowohl im Museum für Moderne
Kunst als auch im Frankfurter libertären Treff Dezentral auseinander gesetzt.
Denn Kunst an sich ist nie neutral, sie bezieht immer Stellung in einem gesellschaftlichen
Zusammenhang. Aufklärerische Aspekte der zeitgenössischen Kunst müssen immer
wieder neu formuliert werden. Freiheit der Kunst ist wesentliches Merkmal
einer libertären, freiheitlichen Gesellschaft. In diesem Rahmen sehe ich den
heutigen Abend.
An der Frankfurter
Universität werden von heute Abend bis Montagmittag die Libertären Tage -
Ostern 1993 stattfinden.
Fünf Tage lang
werden sich dort einige tausend Menschen aus der ganzen Bundesrepublik treffen,
um über Wege zu einer anarchistischen, also herrschaftsfreien Gesellschaft
zu diskutieren.
Gleichzeitig
versuchen wir dort auch ein Stück Anarchie zu leben.
Wir haben also
ein positives Verständnis von Anarchie. Für uns ist Anarchie gesellschaftliche
Ordnung ohne Herrschaft. (...)
Wir laden alle
Menschen, die sich gegen jegliche Herrschaft und für eine libertäre, freiheitliche
Gesellschaft einsetzen wollen, sich an den Libertären Tage 1993 zu beteiligen."
Zur Einführung
in das Thema sprach J.-C. Ammann. Er umriß die für ihn wesentlichen vier Eckpunkte,
mit denen sich KünstlerInnen in erster Linie auseinandersetzen: Zeit, Angst,
Tod und Sexualität. Genau diese vier Punkte stellten die Verbindungslinie
zum/r BetrachterIn her, über die mensch sich einem Kunstwerk zur Auseinandersetzung
annähern könne.
Anschließend
begannen fünf Führungen in jeweils kleinen Gruppen, um sich mit ausgewählten
Werken auseinanderzusetzen.
Was war jedoch
das Interesse solch einer etablierten Institution, die als "Vorzeigetortenstück"
(der äußeren Form wegen) der Museumslandschaft Frankfurts gilt?
zu den Libertären Tagen '93
LT: Was war
der Anreiz für Sie, eine Veranstaltung für die Besucherinnen und Besucher
der Libertären Tage anzubieten? Wo lagen die Berührungspunkte?
Ammann: Anarchie
ist für mich vielfältig definierbar. Ein grundlegender Aspekt in der Anarchie
und Kunst ist die Selbstwahrnehmung, welche als erster Berührungspunkt gesehen
werden kann. Gerade die Kunst schafft in einem hohen Maße die Möglichkeit,
sich selbst wahrzunehmen, sie ist nicht mehr in ideologische Felder eingebaut
und unterliegt keiner Fremdbestimmung. Jeder ist demnach seine eigene Utopie.
Seit den 60er Jahren ist jeder erst einmal sich selbst. Die Tendenz ist die
Loslösung von der Zugehörigkeit zu den -Ismen hin zu einer verstärkten Individualisierung;
die Bandbreite der Kunst wächst. Dies ist ein Gang der Zeitgeschichte. Auch
mit der Vervielfältigung der künstlerischen Ausdrucksmittel bleibt die Aufgabe
des Künstlers, die eigene Erkenntnis auf das Individuum (als Rezipienten)
zu übertragen.
Grundsätzlich
sind es vier Dinge, die uns alle beschäftigen. Diese wären noch durch den
Gegensatz der generativen Ordnung - Unordnung als Punkt der Auseinandersetzung
zu ergänzen: Das Gleiche und das Verschiedene.
Ebenso sucht
die Anarchie aus einer Unordnung eine neue Ordnung zu finden.
Die Zeit steht
im Vordergrund, denn jeder verkörpert seine eigene Zeit. Die Geschwindigkeit
der Zeit bedingt die Schwierigkeit eine Sprache dafür zu finden. Wir laufen
mit der Sprache der Zeit hinterher.
Ein wichtiger
Anreiz für mich ist mein Interesse an der jüngeren Generation: Wie nimmt sie
das gleiche wahr, was meine Generation wahrnimmt? Jeder macht einen Lernprozeß
mit sich selbst, generativ verschieden, doch da liegt mein Interesse. Denn
oft sind die Künstler ein, zwei Generationen jünger als ich, ebenso die Besucher
des Museums. Ich sehe mich hier im Museum mehr als ein Beteiligter an der
Auseinandersetzung weniger als ein Führer.
LT: Ursprünglich
planten Sie einen ganz anderen Beitrag zu den Libertären Tagen direkt an der
Uni. Wieso verwarfen Sie diese Idee?
Ammann: Geplant
war ein Beitrag und eine Auseinandersetzung zum Thema "Kunst und Sexualität".
Das hat etwas mit dem alltäglichen Umgang zu tun. Liebe ist in der Sexualität
inbegriffen, als ein Teil des Vierer-Blocks. Sexualität ist eine wichtige
Komponente der Selbstwahrnehmung. Ein großer Einschnitt darin begann mit den
ersten Signalen von AIDS 1983. AIDS hieß der Beginn einer verinnerlichten
Zensur. Es folgte Politisierung sowie die regressive Haltung der Sexualität.
Die Verhaltens- und Erfahrungsmuster haben sich im Laufe der letzten Generation
stark verändert. In meiner Generation verlor man die Unschuld durch Erfahrung,
die heutige durch Wissen. Der Diskurs löst heute das Begehren ab, die Erfahrung
durch die Praxis ist irreversibel. Kontextuale Erfahrung entsteht nun durch
mediales Wissen. Diese Zusammenhänge mit der künstlerischen Auseinandersetzung
zu verknüpfen, könnte die Gefahr bedeuten, zu direkt, zu provokativ zu sein.
Von der feministischen Seite hätte dies falsch aufgefaßt werden können. Ich
wollte eine solche Veranstaltung auf den Libertären Tage nicht unvorbereitet,
nicht auf leeren Magen bringen.
LT: War die
Führung eine Minimallösung?
Ammann: Dies
war nicht der Fall. Das Museum bietet die Wahrnehmung des Ganzen: Räume und
Werke im Original.
LT: Wo liegen
die Verbindungen zwischen zeitgenössischer Kunst als eigene Art Kultur und
Anarchie als Lebensauffassung?
Ammann: Ideologien
bedeuten erst einmal verschiedene Denkweisen, also das Interesse an der Gegenwart.
Unsere Gesellschaft steckt in einer Krise. Vielleicht ist dies ein Männerproblem,
das mit der Unterwanderung von weiblichem Denken konfrontiert wird. Die klassischen
Bezugsmöglichkeiten sind für Männer nach außen, für Frauen nach innen, d.h.
Außenveränderungen nehmen Männer stärker wahr. Doch als Folge der Unterwanderung
stellt sich inzwischen die Frage, hat der Mann mehr Frau oder die Frau mehr
Mann in sich? Wo liegt das Emanzipationsbestreben und in welchen Bereichen?
Die ersten 20,
25 Jahre unseres Lebens sind die wichtigsten zur Schaffung einer eigenen Welt.
Denn auch die Erotik fällt nicht vom Himmel; sie wird stückchenweise aufgebaut.
LT: Wie erleichtert
das Wissen um Zeit, Angst, Tod und Sexualität den bewußten Zugang zu Werken
zeitgenössischer Kunst?
Ammann: Die
Aufnahme von Kunst ist ein schon immer existierendes Problem. Zur Zeit van
Goghs gab es auch das gleiche Problem. Es ergeben sich immer Polarisierungen,
das Problem des Neuen, des Unbekannten. Meist ist es das Unverständnis des
Neuen, ein Nicht-kennen der Perspektive. Deswegen werden vor allem Werkgruppen
ausgestellt, um Zusammenhänge besser darstellen zu können. Erst einmal sind
es exotische Objekte als ein anschaulicher Denkgegenstand, die sich zu einem
anschaulichen Denkzusammenhang aufbauen können. Was ich nicht erkenne, sehe
ich nicht bewußt. Dies ist vergleichbar mit alltäglichen Erfahrungen in unsere
Umwelt, d.h. der Umgang mit Neuem, mit anderen Menschen, den Freunden. Es
ist das Problem der Gleichsetzung: Es gefällt, also ist es Kunst. Doch wie
gehe ich mit dem Neuen um?
LT: Vielen
Dank für das Gespräch.
Das Interview
führte Joachim Mennicken