A im KreisFrauenplenum/Soz.Ref./AStA FU Berlin

Berlin, Mai 93

Liebe Frauen! (...)

Ihr erinnert Euch, Frankfurt - Ostern - "Libertäre" Tage. Da war doch noch was, außer Sonnenschein und Anarchie! "Wir besetzen/stören diese Veranstaltung, weil jetzt das Faß übergelaufen ist. Viele von uns haben das Thema Sexismus auf den bisherigen sogenannten "Libertären Tagen" zugunsten einer harmonischen Anarchiediskussion zurückgestellt. Uns stinkts, denn:

1. Unterdrückung läßt sich nicht in verschiedene Wichtigkeitskategorien einteilen!

2. Diskriminierung und Übergriffe akzeptieren wir genausowenig, wenn die Täter Opfer des Systems und dadurch beschützenswerte Objekte "libertärer" Männer sind.

3. Die Kluft zwischen antipatriarchalem Anspruch und dem tatsächlichen männlichen Verhalten ist unerträglich groß: Männer verhalten sich hier auf Kosten der Frauen raumeinnehmend; dazu gehört: - Öffentliches Stehpissen - Anmache in allen Formen - Provokatives Spannen in Schlafsälen - Anmache des FrauenLesben-Blocks auf der Demo - Männliches (Rede)Verhalten in den Redebeiträgen und AGs - Verharmlosung und Bagatellisierung von FrauenLesben-Beiträgen/Wahrnehmungen/Emotionen/Kritik!

Wir haben die Nase voll und sind zu keinen Pseudopatriarchatsdiskussionen mehr bereit!" (Wutbeitrag samstagabends beim Konzert und Montag auf dem Abschlußplenum)

Ganz abgesehen von dem Büchertisch eines in Bremen stadtweit bekannten Sexisten, der zwar nach einem Tag verschwunden war, allerdings ohne ein Spur der Erläuterung der Hintergründe. Kennen wir zwar schon alles.

Wir hätten auch darauf eingestellt sein können. Wenn Eine es nicht war, selber schuld. War doch so konzipiert: "Gemischtgeschlechtliche Seminare". Frauen, die damit Probleme haben, hätten ja zu Hause bleiben können bzw. die gemischtgeschlechtlichen Seminare vermeiden können. Die, die sich darauf nicht einlassen wollten, wurden rausgeschmissen.

Wissen ist Macht, deswegen mußte die Entscheidungsgewalt auch bei denjenigen Frauen liegen, die das Seminar ("Feminismus/Anarchismus/Staat") vorbereitet und durchgeführt hatten.

Oder nicht?!

Eine ganze Menge Frauen waren nicht dieser Meinung, und daraus entwickelte sich für uns das erste und einzige Frauenseminar und die notwendige Idee eines feministisch-libertären Kongresses mit folgenden Themen:

- Anarchistische Frauengeschichte - Anarchistische und andere Frauenbewegungen: Unterschiede (historisch)

- Anarchistisch-feministische Perspektiven/Utopien und konkrete Handlungsmöglichkeiten

- Staatsfeminismus vs. autonome Feministinnen

- Frauen und Arbeit

- Selbstverwaltete Frauenbetriebe - weltweite anarchistische Frauenprojekte

- feministisch libertäre Pädagogik-Antipädagogik

- Selbstverständnis/Kommunikationsstrukturen unter Feministinnen

- Rassismus/Antisemitismus

- anarchistische Perspektiven - Selbstbefreiung aus der patriarchalen Familie

- Wo hat Solidarität ihre Grenzen?

- Konfliktschulung

- Feministisches Verhaltenstraining (Machtstrukturen erkennen und Umgang damit)

- Machtstrukturen unter Frauen

- Was hat Anarchie mit Feminismus zu tun?

- Ökologie und Feminismus

- feministische Ansätze

- matriarchale Gesellschaften

- Anarchie - religiöse Beeinflussung/Manipulation in feministischen Befreiungsbewegungen

- Lesben-, Bi-, Hetera-Konflikt

- unterschiedliche Lebensformen unter Frauen.

Da sich bereits in Frankfurt abgezeichnet hat, daß es schwierig ist, eine Gruppe zu finden, die die Organisation eines solchen Mammutkongresses übernehmen kann und will, kam der Vorschlag auf, eine Art Wochenendseminar zu veranstalten.

Wenn Ihr Lust habt oder Frauen kennt, die Lust haben, ein Thema vorzubereiten und/oder Möglichkeiten wißt, wo und wie so etwas zu realisieren wäre, schreibt uns das. (Ach ja, was wir euch noch sagen sollen: Falls Ihr gefilmt worden seid, und aber nicht in dem Video von den "Libertären" Tagen zu sehen sein wollt, müßt Ihr Euch mit den Leuten vom Dezentral (Sandweg 131, 60316 Frankfurt) in Verbindung setzen bzw. uns Bescheid geben, damit wir es weiterleiten.)

Viele Grüße,

Sabine, Annette, Andrea, Tina

(Frauenplenum/Soz.Ref./AStA FU Berlin)



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