erfahrungsbericht zu
einer vergewaltigungein bericht über eine
vergewaltigung nach 32 Jahren beinhaltet nicht nur das geschehene, sondern notwendigerweise
auch die reflexion darüber. ich will nicht die einzelheiten der vergewaltigung
selbst darstellen, vielmehr geht es mir um die auswirkungen seinerzeit und die
umgehensweise mit der vergewaltigung.
die vergewaltigung selbst
ist von mir nicht mit todesängsten verbunden erlebt worden. der typ hat mich
weder mit einem messer noch mit sonst einem gegenstand bedroht. er war einfach
nur körperlich wesentlich stärker und somit mir haushoch überlegen. ich habe
sehr schnell gemerkt, daß sich wehren zwecklos ist, und mich auch niemand hätte
schreien hören können, weil er mir den mund zuhielt, bin ich aus dieser vergewaltigung
ohne körperliche verletzungen hervorgegangen. im wegrennen hat der typ ein taschentuch
verloren, das ich mir geholt habe. das taschentuch hatte ein monogramm.
ich bin nach hause gegangen
und habe ausgiebig gebadet und habe mir überlegt, was ich tun soll. ich war
zu dem zeitpunkt verheiratet und hatte drei kinder.
im gegensatz zu vielen
anderen vergewaltigten frauen hatte ich weder schuldgefühle noch angst vor einer
nächsten vergewaltigung. ich war nur fürchterlich wütend. und ich habe mich
gefragt: "warum ausgerechnet ich?", und wenn ich gekonnt hätte, hätte
ich ihm gern eine gescheuert.
bei meinen überlegungen,
was ich denn nun eigentlich tun könne, bin ich zu keinem vernünftigen schluß
gekommen - im ersten moment. anzeigen kam für mich nicht in frage, das hätte
bedeutet: prozeß und knast.
mit staatlichen strafstellen
(gerichte) hatte - und habe ich noch heute - nichts im sinn. ich habe mich dabei
auch gefragt, was denn wohl passieren würde, wenn der typ nach ein paar jahren
aus dem knast kommt. knast hilft niemanden in keiner situation, und egal was
für eine straftat er begangen hat. ich habe mich auch gefragt, wie kommt jemand
dazu, eine frau zu vergewaltigen.
ich habe mich dann mit
einem guten freund in verbindung gesetzt, habe dem alles erzählt und ihn gebeten,
mir zu helfen, den typen zu finden. ich wollte mit dem reden! ich wollte von
ihm wissen: warum ich - warum überhaupt.
der vorteil war, daß
ich zu dem zeitpunkt in einer kleinstadt lebte, wo fast jeder jeden kannte.
sicherlich war auch zufall im spiel, denn dieser freund ging auf ein gymnasium,
auf dem auch der typ zu finden war.
ich habe durch den freund
einen termin vereinbaren lassen und habe mich mit dem vergewaltiger getroffen.
was dann vor mir saß,
war ein von schuldgefühlen und ängsten zappeliges etwas. für mich in dem moment
unvorstellbar, daß er derjenige gewesen ist. aber er war es. heraus kam, daß
ich die erste frau überhaupt war, an die er sich rangetraut hatte. er hatte
keine freundin und hatte auch angst davor, sich zu verlieben. beim versuch,
eine freundin zu finden, hatte er zig abfuhren erhalten, und in der stadt gab
es keinen puff. geld, in die nächste großstadt zu fahren und da in den puff
zu gehen, hatte er nicht. außerdem hatte er moralische skrupel, in einen puff
zu gehen, und völlig romantische vorstellungen vom vögeln. sein vater hatte
ihm mehr eingetrichtert, daß mit einer frau vögeln nur dann infrage käme, wenn
geheiratet wird. sehr streng katholisch erzogen, hatte er mehr angst vor frauen
als vor sonst etwas. er hat in dem gespräch immer wieder betont, daß bei der
vergewaltigung für ihn das ausschlaggebende war, daß er die frau nicht kennt,
und bei einer vergewaltigung die frau nicht NEIN sagen kann. noch heraus kam,
daß er in einer clique der einzige war, der bis dahin mit keiner frau gevögelt
hatte, und hänseleien ausgesetzt war. da wollte er gleich mit etwas "richtigem"
auftrumpfen. er hat dann allerdings kein wort zu den klassenkameraden gesagt,
weil er danach angst bekommen hat. erst in nachhinein ist ihm aufgegangen, daß
er da etwas ganz abscheuliches gemacht hatte.
überlegungen darüber,
daß er eine frau demütigt und verletzen könnte, hatte er nicht angestellt -
vorher. er wollte jetzt endlich ausprobieren, wie das ist - mit einer frau vögeln.
daß es mich traf, war rein zufällig, denn er hatte mich vorher nie gesehen.
"heute oder nie" war die devise.
nach tausendfachen entschuldigungen
begann er dann mich zu fragen, wie es mir ginge. ja, wie ging es mir eigentlich?
mit erstaunen mußte
ich an mir feststellen, daß mich mehr interessiert hatte, warum der typ eine
frau vergewaltigt, als meine wut an ihm loszuwerden. da es einige zeit gedauert
hatte, bis mein freund herausgefunden hatte, wer er ist, war die wut verraucht.
wir haben sehr lange über erziehung und ihre folgen geredet, und mit welchen
bildern von frauen die männer rumlaufen. daß es nicht zufall war, daß er mit
einer vergewaltigung versucht hat, seine sexuellen probleme zu lösen.
ich habe ihm versprochen,
nicht zur polizei zu gehen und ihn anzuzeigen, und er versprach, sich mit andern
jungs hinzusetzen und über ihre erziehung und sexualität zu reden. denn heraus
kam auch, daß er mit gewaltfantasien onanierte, nachdem es ihm nicht gelungen
war, eine zärtliche beziehung zu einer frau herzustellen. er war mit dem vom
vater eingetrichterten bewußtsein rumgelaufen, daß er als gutaussehender junge
doch an jedem finger eine haben könne. aber gleichzeitig, wie oben erwähnt,
der erhobene zeigefinger, bis zur ehe kein vögeln. das sich aufbewahren, bis
die richtige kommt.
nach 9 jahren habe ich
dann einen brief bekommen von ihm, in dem er schrieb, daß er nach dem abitur
die stadt verlassen hat und in eine großstadt gegangen war. dort ist er in eine
männergruppe gegangen und hat für sich herausgefunden, daß er männer liebt und
nicht frauen. er hat sich nochmals dafür bedankt, daß ich seinerzeit nicht zur
polizei gegangen bin und ihm somit den knast erspart habe. er sich sicher sei,
daß sein weg danach nur eine "kriminelle" laufbahn geworden wäre.
ich habe die ganze sache
für mich behalten, weil ich mir ganz sicher war, daß mein damaliger mann nicht
so damit umgegangen wäre. für ihn wäre das der angriff auf einen besitz von
ihm gewesen, und er auf bestrafung bestanden hätte.
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