A im KreisLibertäre Buchmesse

Eine Nachlese

Die Idee zu einer Buchmesse im Rahmen von libertären Tagen entstand während einer "richtigen" Buchmesse in Frankfurt 1991 in Gesprächen zwischen Leuten aus Frankfurt und Anares im "Dezentral".

Die Frankfurter Buchmesse ist einfach nervig, anstrengend, teuer, eine riesige Ansammlung von bedrucktem Papier, eine Zurschaustellung von Buchrücken und -deckeln in Gestellen, zwischen denen die BesucherInnen kilometerweit laufen können. Und das meiste hat mit uns (damit meine ich sowohl AnarchistInnen allgemein als auch die, die sich mit der Herstellung oder Verbreitung libertärer Publikationen beschäftigen) gar nichts zu tun.

Trotzdem waren etliche anarchistische oder linksradikale Verlage in den letzten Jahren dort mit ihren Büchern vertreten. Es gibt ja sonst kein vergleichbares Forum, die Gegenbuchmesse gibts schon seit Jahren nicht mehr.

Was uns - und sicher auch anderen - fehlte, war eine Möglichkeit, Bücher und Verlagsprogramme vorzustellen, einen Überblick über die verschiedensten Publikationen zu bieten und ein Rahmen, in dem Gespräche zwischen Verlagen, Zeitungsprojekten, VerkäuferInnen, Infoläden, LeserInnen... stattfinden können.

So etwa stellten wir uns "unsere" Buchmesse vor. Die konkrete Planung und Vorbereitung zog sich etwa über ein Jahr hin, das erste überregionale Treffen zur Vorbereitung der Libertären Tage in Frankfurt war, wenn ich mich richtig erinnere, im Juni 93.

Wir und die anderen Anares - Gruppen (Föderation anarchistischer Buchverlage und Vertriebe) haben zunächst jede Menge Briefe an die Verlage, mit denen wir durch die Vertriebsarbeit Kontakt haben und noch etliche, die uns interessant schienen, an Gruppen und Initiativen geschrieben.

Aus diesem sehr breiten Spektrum ergab sich dann die Mischung von etwa 35 recht verschiedenen Ständen bei der Buchmesse.

Bis es dann tatsächlich so weit war, wurde noch einige Stunden telefoniert, diskutiert, eine Menge Papier hin- und hergeschickt und einige Male die Strecke Mannheim - Frankfurt abgefahren.

Ohne die gute Zusammenarbeit, vor allem was das Organisieren von Räumlichkeiten, Tischen, Schlafplätzen betraf, mit einigen Leuten aus Frankfurt wäre die Messe in dieser Form sicher nicht zustande gekommen.

Die Räume, in denen die Buchmesse stattfand, waren zwar, wie sich dann bald herausstellte, zu eng, so daß es zeitweise mühsam war, von Stand zu Stand zu gehen, sich in Ruhe in ein Buch reinzuschmökern oder Gespräche zu führen.

Wir hatten das Interesse sowohl an den Libertären Tagen als auch an der Buchmesse offensichtlich unterschätzt.

Die Stände waren in einem langen Flur nebeneinander in zwei Reihen aufgebaut, dazwischen schoben sich die BesucherInnen zeitweise recht mühsam durch. Hinter den Ständen saßen oft in Gespräche vertiefte Verlagsmenschen, die GesprächspartnerInnen waren dann einfach unterm Tisch durchgerutscht.

Da wäre eine Art Literaturcafe, wie wir es eigentlich betreiben wollten, schon gut gewesen. Dieses Cafe ist der Enge und dem Streß zum Opfer gefallen. Schließlich saßen alle Anaresinnen und Anaresen fast ständig hinter eigenen Büchertischen.

Auch sonst galt es immer noch dies und das zu klären und organisieren - und dann gab's ja auch noch ein Rahmenprogramm. Das war genauso bunt gemischt wie die Stände.

So gab es eine Theatercollage, ganz verschiedene Lesungen und eine Diskussion über den Schwarzen Faden. Wegen (offensichtlich unvermeidlicher) Termin- und Raumänderungen und im riesigen Angebot an Diskussionen und Arbeitsgruppen gingen die Veranstaltungen manchmal unter. Das war einerseits schade, andererseits sind Diskussionen in kleineren und nicht überfüllten Räumen angenehmer.

So entwickelte sich etwa im Anschluß an die Lesung von Helene Manos aus ihrem Buch "Gewidmet den Mädchen" unter etwa 30 TeilnehmerInnen eine sehr solidarische Diskussion in entspannter Atmosphäre. Und unser Gesamteindruck im Nachhinein?

Von den Leuten, die Stände gemacht haben, haben wir eine ziemlich positive Resonanz bekommen. Was nicht heißt, daß es keine Kritik gab, z. B. wegen der räumlichen Enge. Daß eine Veranstaltung in dieser Größenordnung nicht streßfrei ablaufen kann, war uns von vornherein klar.

Daß wir keine Zensur ausüben wollten, hat uns bei den einen oder anderen nicht gerade beliebt gemacht. Das Spiel: "Wenn DIE auch kommen, dann..." ist auch nichts neues, darauf haben wir uns so wenig wie möglich eingelassen.

Und Leute, die nur den Kommerz im Kopf haben ("Wenn ich bei den Grünen meinen Stand mache, ist das aber besser organisiert, da brauch' ich abends meine Sachen nicht wegpacken..."), kosten Nerven.

Daß es jetzt bei uns so 'ne Art Feindbild "Wäschehändler" gibt, liegt an eben solchen Leuten. Gegen Stände, auf denen neben Büchern, Broschüren oder Zeitungen auch Anstecker oder T-Shirts angeboten werden, ist ja eigentlich nichts einzuwenden.

Spaß hat's uns gemacht, auch wenn nicht immer alles so lief, wie wir's uns vorgestellt hatten. Und wir konnten, obwohl wir ständig eingespannt waren, nebenher Gespräche führen, Leute kennenlernen oder wieder mal treffen, Ideen austauschen, Pläne schmieden...

Wir würden gerne wieder so eine Messe organisieren, auch ohne gleichzeitig stattfindende Libertäre Tage - denn wer weiß, wann's die nächsten gibt. Wir wissen zwar nicht, wie groß das Interesse an einer reinen Buchmesse mit einem entsprechenden Programm, aber ohne den Rahmen von libertären Tagen wäre, wir haben aber allerhand Ideen und haben aus dieser Buchmesse gelernt.

Wir stellen uns Räume vor, in denen es etwas mehr Bewegungsfreiheit gibt, Räume, in denen ungestört Gespräche stattfinden können. Vielleicht können wir im Rahmenprogramm inhaltliche Schwerpunkte setzen. Und bestimmt gibt es Leute, die in Frankfurt waren und die Ideen und Verbesserungsvorschläge haben. Wir freuen uns über Anregungen.

Tina
Anares Mannheim


Großer Andrang auf der Buchmesse im StudentInnenhaus
Foto: Jürgen Steiner


Veranstaltungsprogramm Buchmesse

Liste der auf der Libertären Buchmesse `93 vertretenen Verlage

* A-Kurier, Berlin
* Anares, Bern
* Anarko, Berlin
* Anti-Quariat, Berlin
* Bohl-Verlag, München
* Buchfernleihe Initiativkreis Gefangenenarbeit, Dortmund
* Ca ira-Verlag, Freiburg
* Dipa-Verlag, Frankfurt
* Direkte Aktion, Duisburg
* Edition Flugschriften, Ulm
* Edition Moderne, Hamburg/Zürich
* Edition Nautilus, Hamburg
* Edition Schnecke, Flacht
* Gegenstandpunktverlag, München
* Gruppe KGB3, Berlin
* IDBK Verlag, Aschaffenburg
* ID-Archiv, Berlin
* Krrim Verlag, Heidelberg
* Libertäre Assoziation, Hamburg
* Liberter Yayinari, Aachen
* M 99, Bücher und Poster, Berlin
* Ost-West-Literaturzeitschrift "Der Störer", Berlin
* SchwarzRotbuch-Verlag, Berlin
* Trotzdem Verlag, Grafenau
* Unrast Verlag, Münster
* Verlag Graswurzelrevolution, Heidelberg
* Verlag Klemm & Öhlschläger, Münster/Ulm
* Verlag Monte Verita, Wien
* Verlag Schwarze Risse, Berlin
* Verlag Virus, Barcelona
* Verlag Weber & Zucht & Co., Kassel-Bettenhausen
* Wildcat, Karlsruhe



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