"Na mein kleiner
Anarchist, träumst Du wieder von 'ner bessren Welt?"Wir, eine Gruppe von Potsdamer und
Magdeburger AntifaschistInnen fuhren sehr verärgert und frustriert von den
"Libertären Tagen '93" nach Hause. Wußtet Ihr überhaupt, daß auch
Leute aus den besetzten Gebieten bei den Libertären Tagen waren? Schon gut,
ihr braucht nicht zu antworten, wahrscheinlich nicht. Hier ist unsere Kritik:
1. Die Arbeitsgruppen und Plena
Bei der AG "anarchistische Bewegung
und ihre Perspektiven" hatten wir den Eindruck, daß der Referent von
einem sehr niedrigen (Vor-)Wissensniveau ausging. Da wurde der Begriff Anarchie/Anarchismus
und seine Geschichte immer und immer wieder erklärt, da wurden soziologische
Begriffe ("soziale Bewegung") mit linker Geschichtsschreibung und
Widerstandskultur durcheinander geworfen und zu schlechterletzt verfiel er
in unkonkrete Träumerei von einer herrschaftsfreien Gesellschaft. Wir aber
gingen davon aus, etwas über die Hintergründe und Perspektiven der sooft beschworenen
"anarchistischen Bewegung" (wer ist denn das überhaupt?) und der
Linken im allgemeinen zu erfahren. Die Bedeutung des Wortes "libertär"
war uns bekannt... Enttäuscht von dem verschwommenen Inhalten und der Art
ihrer Vermittlung (ablesen kann ich auch!) gingen wir nach einer dreiviertel
Stunde.
So hofften wir auf die AG "Antifaschismus" am Samstag. Doch statt dem erwarteten Erfahrungsaustausch und einer Diskussion zu den politischen und gesellschaftlichen Ursachen der gegenwärtigen Situation (Fragen wie: Organisierung Ja oder Nein, antikapitalistische/antiimperialistische Diskussion) erlebten wir einen kleinlichen Streit zwischen "Anarchisten" und Autonomen und den Frust der Antifagruppe A. über Antifagruppe B. Probleme wie Bündnisse/Bündnisfähigkeit wurden gar nicht erst ernstgenommen, sondern in Zwischenrufen als "reformistisch" abgetan. Auch hier gab es zwei Referenten, die statt eine konkrete Gesprächsgrundlage zu geben, ihre anarchosyndikalistische Hinterzimmerideologie durchdrückten. Situationsberichte, wie etwa aus Leipzig oder Remscheid gingen in diesem Hickhack unter. Die von uns besuchten Plena waren meist nicht mehr als Selbstdarstellung der Gruppen und Personen.

Eingang in das Sozialzentrum
Foto: Thomas K.
2. Wie "faschistisch" sind
die besetzten Gebiete?
Welches Bild viele West-Linke von den
Verhältnissen in den besetzten Gebieten haben, zeigten uns Fragen wie: "Gibt
es bei euch eine überregional organisierte rechte Jugendbewegung?". Sicher
sind hier viele Fragen noch unbeantwortet und die Situation ist etwas krasser;
aber damit wird bewußt oder unbewußt das Klischee geprägt, die Menschen hier
würden Kritik- und widerstandslos alles aus dem Westen übernehmen und seien
durchgehend latent faschistisch. Und die Linke wird als unfähig erachtet eigene
Strukturen aufzubauen. Die Wahrnehmung von Antifaaktivitäten hier, scheint
bei so manchen West-Linken gleich null zu sein. Es zeugt schlicht von Desinteresse,
daß ihr nicht wißt, wie die Situation hier aussieht, welche Infoblätter es
gibt und wie mensch sie bekommt. Uns ist es auch möglich mitzubekommen, was
in den alten Ländern läuft. Unserem Eindruck nach beschäftigen sich die West-Linken
seit 25 Jahren viel zu gern mit sich selbst und den Befreiungsbewegungen im
Trikont. Darüber wurde die Entwicklung in den "realsozialistischen"
Staaten fast ganz außer acht gelassen. Bevor wieder voreilige Urteile gefällt
werden, bitten wir doch um eine Auseinandersetzung mit der Geschichte der
DDR und der jetzigen Entwicklung hier (und das ganze, ohne innerlinke Grabenkämpfe
darauf zu beziehen!) Denkt bitte daran, wir haben hier gelebt (und leben noch)
und nicht ihr.
TIMUR I EVO KOMMANDA
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