A im KreisLibertäre Tage 1993

Wir, 20 FrauenLesben aus Göttingen, fahren ab.

Nicht nur die Ereignisse vom Samstag, sondern auch die Erfahrungen, die wir seit Donnerstag gemacht haben, führten zu dieser Entscheidung. Das Problem ist nicht der Kongreß an sich; die nicht geführten Diskussionen der letzten Jahre (der Umgang miteinander, Eigenverantwortlichkeit, Sexismus, Hierarchien, Drogen etc.) sind uns auf die Füße gefallen. Die "Wege zu einer anarchistischen Gesellschaft" können wir so nicht gemeinsam finden.

Diesen Text haben wir als Wandzeitung Samstagnacht aufgehängt. Doch eigentlich fing alles schon beim Durcharbeiten des Readers der LT 93 an. Positiv überrascht hat uns der erste Abschnitt über das Diskussionsverhalten, der eine konstruktive, gleichberechtigte, HERRschaftsfreie Diskussion erwarten ließ. Viele Texte im Reader aber erfüllten bereits diese Ansprüche nicht. Da die meisten AutorInnen einen sensiblen Umgang mit Sprache nicht für nötig gehalten hatten (z.B. fehlende weibliche Formen), gehen wir davon aus, daß sie sich nicht tiefgreifend damit auseinandergesetzt haben. Der gleiche Vorwurf geht an die OrganisatorInnen der LT 93, die die Texte kritiklos übernommen und diese ReferentInnen eingeladen haben.

Daß die VeranstalterInnen unüberlegt mit Sexismus und dem Problem von gemischten Veranstaltungen umgangen sind, hat sich auch in der konkreten Umsetzung gezeigt. Es war nicht möglich, sich vor dem Kongreß für spezielle Frauenschlafplätze anzumelden. Der Frauenraum für tagsüber und die getrennten Frauen- bzw. Männerplena waren nicht selbstverständlich, sondern wurden erst nach krassen Formen sexistischen Verhaltens eingerichtet. Frauenschlafplätze gab es die ganzen Tage über nicht ausreichend. Während des Kongresses suchten immer mehr Frauen den einen Raum auf, in dem nur Frauen pennten, da in den gemischten Schlafräumen die übelsten sexistischen Provokationen und Anmachen liefen.

Auch im Angebot der Arbeitsgruppen wird die fehlende Sensibilisierung im Umgang mit Sexismus deutlich. Es gab keine einzige Arbeitsgruppe nur für Frauen. Über die Köpfe der Teilnehmerinnen hinweg setzten die OrganisatorInnen fest, daß auch die AG's, die sich mit Frauengeschichte und Feminismus beschäftigten, gemischt waren, weil "aus den Ankündigungen nichts Gegenteiliges zu vernehmen war". Aus der AG "Frauengeschichte als Widerstand gegen Herrschaft und Unterdrückung" konnten die Männer erst nach langer Auseinandersetzung ´hinausgebeten´ werden. Einige Frauen gingen aus ´Solidarität´ mit den armen Typen gleich mit.

In den einzelnen AG's wurde so gut wie kein Wert auf weibliches Sprachverhalten gelegt, feministische Sprachkritik oder generelle Auseinandersetzung mit dem Redeverhalten gab es nicht, statt dessen wurden lange Monologe über die ´wahren´ Themen gehalten. Die Frauen, die auf Redeverhalten und Sprache aufmerksam machen, wurden damit abgespeist, daß diese Auseinandersetzung bereits gelaufen seien, alles schon längst verinnerlicht sei, und deshalb jetzt nicht darüber diskutiert werden müsse. Insgesamt war es ein rücksichtsloses Diskussionsverhalten, das oft am Thema vorbeiging und durch eine starke Profilierungssucht der Typen, aber auch von Frauen, geprägt war.

Den Vorfällen am Samstag wurde allgemein mit Unverständnis begegnet. Einerseits wurde der Übergriff verharmlost, von anderen als DER Vorfall überhaupt dargestellt, wodurch sie die allgemeine sexistische Stimmung ignorieren konnten.

Samstagnachmittag war es zu einer sexistischen Anmache mit anschließendem Übergriff auf dem Unigelände gekommen. Die Frau wurde dabei von dem Typen angegriffen und getreten. Der Typ wurde daraufhin vom Campus geschmissen, er versuchte dann immer wieder, zurück auf den Campus zu gelangen, dabei tauchte er dreisterweise zweimal beim einberufenen Frauenplenum auf. Er wurde energisch von den Frauen vertrieben, dabei verletzte er erneut mehrere Frauen durch Fußtritte.

Beim Verjagen des einen Typen tauchten dann andere auf, die meinten uns Frauen mit sexistischen Sprüchen beglücken zu müssen. Sie wurden aufgefordert, sich zu verpissen. Dem kamen sie jedoch nicht nach, sondern fuhren im Gegenteil mit ihrem Jeep in die Gruppe von Frauen hinein, worauf sich die Frauen zur Wehr setzten. Dadurch konnten die Typen endlich zum Abzug bewegt werden. Später tauchten sie mit ihrer Kampfhundegang wieder auf und drohten, uns alle fertig zu machen. Diese ganze Situation wurde von den OrganisatorInnen durch Megadurchsagen völlig falsch dargestellt. Es wurde gesagt, daß es sich weder um Faschos noch um Bullen handeln würde, sondern nur um "normale Spießbürger", die mit den Frauen zusammengeraten seien. Später lag dann die Meinung in der Luft, die Frauen hätten diese Typen provoziert und völlig unverhältnismäßig gehandelt. Daran sieht frau mal wieder: eine kleine Beule im Auto ist viel wichtiger und macht viel mehr Wirbel als angegriffene Frauen. Einige Leute vom ´Sicherheitsdienst´ redeten dann mit den Typen der Hundegang, um sie zu beruhigen, die Frauen wären halt außer Kontrolle gewesen.

Trotz dieser ganzen internen und externen Probleme wurde der Kongreß durchgezogen, als wäre nichts passiert. Abends gab es allerdings eine Störung der Party durch eine Gruppe FrauenLesben, die eine Erklärung zu den Vorfällen verlas und einige Zeit die Bühne besetzte. Obwohl den FrauenLesben vorgeworfen wurde, die Stimmung zerstört zu haben, konnten danach zum Glück alle anderen ungehindert weiter feiern. (Was eigentlich?)

Am nächsten Tag konnte "dann doch in fast konstruktiver Atmosphäre" (TAZ-Zitat) weitergearbeitet werden.

Auch unter den verschiedenen Frauen gab es leider sehr wenig Solidarität. Auf den Frauenplena gab es viel gegenseitige Anpisse; wenn frau anderen Frauen von den Vorfällen erzählte, gab es oft Zweifel an deren Aussage. Einige Frauen warfen anderen Männerfeindlichkeit vor und zeigten die Bereitschaft, selbst mit so einem Wichser noch reden zu wollen, obwohl dieser  gerade noch mal mehrere Frauen durch Fußtritte verletzt hatte. Einige Frauen stellten Schutzforderungen an die Typen des Kongresses, d.h. die Frauen sollten sich lieber nicht selbst vor sexistischen Anmachen und Übergriffen schützen, sondern durch die Typen davor beschützt werden.

Schutz und der dafür auf den LT abgestellte ´Sicherheitsdienst´ (von TeilnehmerInnen getragen) stellten generell ein Problem dar, und dieses Problem wurde schlecht bzw. gar nicht gelöst.

Auf dem großen Eröffnungsplenum am Freitag wurde zum ersten Mal erwähnt, daß es so etwas wie einen "´Sicherheitsdienst´" gäbe. Über genaue Funktion und Aufgabe dieser Gruppe wurden die KongreßteilnehmerInnen aber nicht aufgeklärt. Frau/mann wußte erstmal nicht viel über diese Gruppe, einige erinnerte der Name ´Sicherheitsdienst´ oder auch der später oft benutzte Begriff "die Leute von der Sicherheit" doch sehr an die hier HERRschenden Prinzipien von Recht und Ordnung. Später fiel dann auf dem Campus eine Gruppe von hauptsächlich Männern auf, die an allen Ecken ihre Walkie-Talkies herauszogen und gewichtig irgendwelche Nachrichten übermittelten. Die Gebärden dieser Gruppe waren teilweise sehr martialisch, der Männlichkeitswahn ließ grüßen. Sprüche wie "... müssen nur kurz die Obdachlosen und Penner rauswerfen" konnte mensch öfter hören. Schier unerträglich wurde das Verhalten dieser Gruppe dann in der Situation, wo Frauen Auseinandersetzungen schon geklärt hatten, dann aber der ´Sicherheitsdienst´ auftauchte nach dem Motto: Geht, wir machen das hier klar.

Daß es auf einer Massenveranstaltung wie den LT eine Gruppe von Leuten gibt, die aufpassen und sich umschauen, um bei Auseinandersetzungen oder auch Angriffen von außen schneller eingreifen zu können, ist, wenn auch traurig, einzusehen. Es ist nicht korrekt, wenn diese Gruppe das ´Gewaltmonopol´ für sich beansprucht und damit den TeilnehmerInnen des Kongresses die Verantwortlichkeit für bestimmte Situationen abspricht. Dies entspricht nicht dem libertären Prinzip, sondern stellt klar eine hierarchische Struktur dar. Bitter zu sehen, daß sich scheinbar niemand mit der Problematik dieser Aufgabe auseinandergesetzt hatte, sondern vorgefertigte Mechanismen der hier gängigen Sicherheitsdienste übernommen wurden.

Daß mann noch viel über die Unterdrückungsmechanismen im eigenen Kopf, übersteigerte Männlichkeit, Sexismus, Patriarchat nachdenken und auch an sich arbeiten muß, wurde frau an diesen Tagen klar vor Augen geführt. Daß eine ´Pseudopatriarchatsdiskussion´ Frauen aber in einer Situation, wo diese über Rassismus reden wollen, aufgedrückt wird, zeigt wiederum, wie sehr Männern ihre eigenen ´Bedürfnisse´ über alles gehen.

Auf der Podiumsdiskussion am Freitag hielt eine Vertreterin einer Frauengruppe einen Vortrag über unseren eigenen Rassismus, über unsere ´Scheinsolidarität´ mit MigrantInnen. In ihrem etwas über eine halbe Stunde dauernden Vortrag brachte sie unter anderem das Beispiel an, "alle profitieren hier vom Rassismus, wie alle Männer von Vergewaltigungen profitieren". Die im Anschluß an den Vortrag einsetzende Diskussion wurde dann von Männern umfunktionalisiert, um sich von dem Vorwurf des Profites von Vergewaltigung freizusprechen.

Als vor Jahren die Patriarchatsdiskussion von Frauen in die linke Szene eingebracht wurde, waren die meisten Männer nicht bereit, sich damit auseinanderzusetzen. Jetzt, Jahre später, wollen FrauenLesben über z. B. Rassismus reden, und der dafür vorgesehene ´Raum´ wird von Männern genutzt, um sich von ´patriarchalischer Schuld reinzuwaschen´. Anstatt die von ihnen gewollte Auseinandersetzung müssen FrauenLesben sich das Aufheulen des verletzten Mannes anhören. Es reicht.

Dies alles fand vor einem Alltagshintergrund statt, der geprägt war durch Sexismus und Anmache durch Typen. Wenn frau sich einen Kaffee holen wollte, mußte sie teilweise ein Spalier von musternden Männerblicken durchlaufen; Männer nahmen sich körperlich ungeheuer viel Raum (sehr breitbeiniges Sitzen, eine eindeutige Potenzgebärde, Rasierklingen unter den Achseln, rücksichtsloses Irgendwohinpflanzen); überall wurde hingepißt; und es wurde ziemlich viel gesoffen. Ein "Büxbierstand für die Revolution" zeigt nicht nur, daß viele sich die Revolution scheinbar nur angebreitet vorstellen können, es zeigt auch, daß hier die einfachsten Umgehensweisen mit Umwelt noch nicht in den Köpfen drin sind.

Es nützt FrauenLesben auch nichts, und ist auch nicht gewollt, wenn Männer Forderungen von Frauen einfach übernehmen und damit wieder die ziemlich vereinfachte Opfer-Täter-Schiene reproduzieren. Genauso wie es einen positiven Rassismus gibt, gibt es auch einen positiven Sexismus.

Für uns FrauenLesben hat sich mal wieder gezeigt, daß Arbeit in gemischten Gruppen nur bedingt möglich ist. Frauen und Männer müssen sich getrennt voneinander mit Unterdrückungsmechanismen und Rollenstrukturen in ihren eigenen Köpfen auseinanderzusetzen. In einem gemeinsamen Vorgehen verstärken sich teilweise vorgeprägte Muster gegenseitig und

... Situationen wie oben beschrieben sind für FrauenLesben nicht mehr tragbar.


Einige Anmerkungen der Redaktion:

- Die Texte in der Informationsmappe wurden nicht kritiklos übernommen. Aber wir sind nicht die OberzensorInnen der Bewegung. Die Toleranzgrenzen liegen eben sehr verschieden.

- Es war sehr wohl möglich, sich für spezielle Frauenschlafplätze anzumelden. Allerdings hatten wir für diese nur sehr wenige Anmeldungen. Alle dafür angemeldeten Frauen hatten Frauenschlafplätze.

- Zu den Typen mit dem Jeep: Es ist wohl ziemlich aus der Luft gegriffen, daß die Meinung in der Luft lag, die Frauen hätten diese Typen provoziert und daß Leute aus der Sicherungsgruppe gesagt hätten, die Frauen wären außer Kontrolle gewesen.

- Es gab nie einen "Sicherheitsdienst", sondern eine "Sicherungsgruppe" bestehend aus Männern und Frauen. Falls ein blöder Spruch gefallen ist, war das sicher eine bedauerliche Ausnahme. Auf jeden Fall hat diese Gruppe nicht das Gewaltmonopol für sich beansprucht. Im Gegenteil, sie war froh, wenn Leute ihre Probleme selbst geregelt haben. (siehe auch Seite 74/75)

- Der "Büxbierstand" wurde von Leuten gemacht, die nichts mit den Libertären Tagen zu tun hatten. Wir empfanden diesen als Provokation und hatten einige Mühe, die Leute zu überzeugen, daß sie gehen sollten.



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