Anarchismus - FeminismusMein Beitrag enthält
eine kurze Bestandsaufnahme des Anarchismus-Feminismus in der Bundesrepublik.
Er ist nicht verallgemeinerbar, sondern spiegelt meinen persönlichen Zugang
zu einem bisher wenig diskutierten Thema wider.
Den Anarchismus gibt es selbstverständlich ebenso wenig wie den
Feminismus. In beiden Bewegungen sind Einzelpersonen, Gruppen und Richtungen
auf höchst unterschiedliche Weise aktiv.
Mit dem Anarchismus-Feminismus
setzen sich in der BRD gegenwärtig einzelne Frauen, einige Frauengruppen und
auch wenige Männer auseinander. Sie bezeichnen sich als Anarchistinnen-Feministinnen,
Anarchafeministinnen, Anarcho-Feministinnen oder libertäre Feministinnen.
Im allgemeinen neigen
sie eher der anarchistischen als der Frauenbewegung zu oder pendeln zwischen
beiden. Durch Diskussionen innerhalb der US-amerikanischen Frauenbewegung
über Leben und Werk Emma Goldmans, Peter Kropotkins kommunistischen Anarchismus
und Murray Bookchins Sozialer Ökologie ließen sich aber auch einige hiesige
Feministinnen von anarchistischen Ideen anregen.

"Welche Regierung die beste sei? Diejenige, die uns lehrt, uns selbst
zu regieren!" J. W. Goethe
Foto: Jürgen Steiner
Trotz der bisherigen
Vereinzelung anarchistisch-feministischer Aktivitäten in der BRD kam es immerhin
zu überregionalen Treffen, jedoch nicht zu größeren Kongressen wie beispielsweise
in Frankreich.
Eine bundesweite anarchistisch-feministische
Zeitung oder Zeitschrift existiert nicht. In Buchform begegnet uns der zeitgenössische
Anarchismus-Feminismus hierzulande hauptsächlich in Gestalt feministischer
Science-Fiction-Literatur. Zu verweisen ist jedoch auf einige innerhalb der
anarchistischen Medien erschienene Aufsätze, Schwerpunkthefte, Sondernummern
und Broschüren.
Inzwischen liegen auch
Examensarbeiten zum Anarchismus-Feminismus vor, die bisher nur zum Teil oder
gar nicht veröffentlicht werden konnten. Des weiteren mag die eine oder der
andere eher zufällig auf deutschsprachige Publikationen von historischen Frauenpersönlichkeiten
stoßen, die dem Anarchismus nahe standen: Emma Goldman, Louise Michel, Clara
Wichmann, Clara Thalmann, Simone Weil, die Japanerin Ito Noe, die 'Mujeres
Libres' des spanischen Anarcho-Syndikalismus.
Es fehlen Namen wie
Milly Witkop-Rocker, Anni Hepp, Agnes Wabnitz, Gertrud Guilleaume-Schack,
Margarete Faas-Hardegger, Maria Luisa Berneri, Voltairine de Cleyre, Mollie
Steimer, um nur einige zu nennen, die in der herrschenden Männergeschichtsschreibung
immer noch keinen Platz haben. Allerdings werden sie auch von der hiesigen
Frauengeschichtsforschung bisher wenig beachtet.
Die fehlende Verankerung
von anarchistischer Theorie und Praxis angesichts einer auf autoritäre Denker
wie Hegel und Marx fixierten Opposition in der BRD samt Ex-DDR betrifft auch
den Anarchismus-Feminismus.
Die Staatsfrage wurde
und wird innerhalb der hiesigen Neuen Linken, den Neuen Sozialen Bewegungen
und der Neuen Frauenbewegung ebensowenig ausreichend erörtert wie ihr Gegenstück,
die Wege zu einer anarchistischen Gesellschaft.
Von an den Rand gedrängten
Ausnahmen einmal abgesehen, hat sich nach der Arbeiterbewegung auch die Partei
der Grünen in den zuvor so heftig geschmähten Herrschaftsapparat eingegliedert.
Dessen ungeachtet tendieren gegenwärtig
nicht unerhebliche Teile der Frauenbewegung in der BRD zum Staat. Damit haben
sie sich von den herrschaftsfreien Anfängen der Neuen Frauenbewegung in den
Siebzigern weit entfernt.
Zur Erinnerung ein Zitat:
"kein Marsch durch die Institutionen, keine Eroberung der Staatsmacht,
keine Diktatur des Feminats, also die Verweigerung der traditionellen Wege
politischen Handelns."
Das feministische Politikverständnis
ähnelte dem anarchistischen, ohne sich allerdings auf den Anarchismus zu beziehen:
"statt Organisation von oben - Selbstorganisation; statt Hierarchie -
Beteiligung aller an allen Entscheidungen und Arbeiten; statt Stellvertreterpolitik
- eigene Betroffenheit und 'das Persönliche ist politisch'; statt einer Zentrale
- viele dezentrale Gruppen und Initiativen, Vernetzung." Diese Vorstellungen
werden von autonomen Feministinnen, die sich von den sog. Staatsfeministinnen
abgrenzen, weiterhin geteilt.
Anarchismus-Feminismus
kann sich auf die antistaatlichen Anfänge der Neuen Frauenbewegung zurückbeziehen
und sie in Richtung Herrschaftslosigkeit theoretisch wie praktisch fortentwickeln,
neue Impulse geben.
Eine breitere feministische
Debatte über den Anarchismus steht in der BRD jedoch immer noch aus; erörtert
wurden eher marxistische Ansätze, die gewiß nicht weniger männerdominiert
sind als anarchistische. Infolge der mangelnden Strukturen läßt sich anarchistisch-feministische
Gesellschaftskritik vorerst nur in Umrissen beschreiben: Frauenunterdrückung
ist grundlegend, dauerhaft und weltweit nur aufzuheben, wenn alle Herrschaftsformen,
z.B. Kapitalismus und Rassismus, aufgehoben werden.
Nicht das Kurieren an
den Symptomen, Reformen genannt, beseitigt Frauenunterdrückung, sondern die
Bekämpfung der Ursachen, zu denen der Staat selbst zählt. Dabei ist kein Lebensbereich,
ob privat oder öffentlich genannt, auszugrenzen, auch nicht die eigene Person.
Was Unterdrückung im
sog. Privatbereich heute bedeutet, will ich kurz anhand der gerade in Deutschland
auffallend verdrängten Herrschaft der Erwachsenen über die Kinder verdeutlichen:
das Schlagen, Verbrühen, Verstümmeln und zu Tode Quälen von Säuglingen und
Kleinkindern, der sexuelle Mißbrauch an Mädchen und Jungen, oft hinter der
wohlanständigen Fassade eines gutbürgerlichen Elternhauses, die geschlechtsspezifische
Heranzüchtung von Gefühlskälte und brutalem Egoismus bei vielen kleinen Jungen,
von gefühlsmäßiger Überforderung und ängstlicher Selbstbescheidung bei vielen
kleinen Mädchen, die ihre persönlichen Rechte nicht erkämpfen lernen, das
Überbehütetsein oder Vernachlässigtwerden.
Dies alles findet mitten
unter uns statt. Die Menschenrechte enden vor den verschlossenen Haustüren
des Eigenheims oder der Mietwohnung. Dieser von der bürgerlichen Männergesellschaft
als Familienidyll gepriesene Schonraum birgt noch immer genügend Möglichkeiten
der totalen Verfügungsgewalt von Menschen über Menschen, ohne die Chance zur
Flucht.
Das ist Herrschaft in
ihrem umfassendsten Sinn. Hinsichtlich dieser Frage ist selbst der Anarchismus,
obgleich er jegliche Herrschaft bekämpft, zuwenig 'privat'.
Allgemein setzt sich
die Verformung von Kindern und Jugendlichen im Dienste des Herrschaftssystems,
was auch immer zugleich das Zurechtstutzen autonomer und humanitärer Potentiale
bedeutet, in den Schulen, Betrieben, Universitäten, Militärkasernen usw. fort.
Die wachsende Zahl derjenigen,
die es nicht 'geschafft' haben, landen in Erziehungsheimen, Psychiatrien,
Suchtkliniken, Knästen - oder auf der Straße. Diese bekanntlich gar nicht
so demokratischen öffentlichen Institutionen wirken, gemeinsam mit den allgegenwärtigen
Medien, auf das sog. Privatleben zurück.
In der Kritik dessen
zeigt sich wiederum der Feminismus als zuwenig 'öffentlich'. Die gleichberechtigte
Verbindung anarchistischer und feministischer Herrschaftskritiken kann den
Blick darauf lenken, wie als privat und öffentlich geltende Machtverhältnisse
einander unentbehrlich ergänzen, um das hiesige System am Laufen zu halten.
Zugleich drängt sich
die Frage nach einer Verknüpfung privater und öffentlicher Freiräume, Widerstandsformen
und Emanzipationsversuche auf, die bisher eher isoliert voneinander gesehen
werden.
Anarchismus-Feminismus
beinhaltet keine neue akademische Theorie, kein politisches Programm, kein
allgemeingültiges Rezept zur Lösung der Weltprobleme.
In ihm vereinigen sich
eine gleichberechtigte Vielfalt freiheitlicher Lebensentwürfe und -philosophien,
soziale Lernprozesse, die Freude am Ausbrechen aus der Normalität, an der
Entdeckung der eigenen Kreativität und Kraft, an der Wiedererlangung von Alltagskompetenzen,
am gemeinschaftlichen Miteinander ohne Zwang, am Üben von Leben ohne Herrschaft.
Anarchismus-Feminismus ist das, was die oder der einzelne aus ihm macht.
Bea
Auswahlliteratur zum
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Unsererseits besteht Interesse an Informationsmaterial aus dem deutschsprachigen
Raum, z. B. Examensarbeiten, die selbstverständlich vertraulich behandelt
werden.
Kontaktadresse:
zum Inhaltsverzeichnis LT '93-Dokumentation
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