
Wie ja bereits im Eingangsreferat
angeklungen, gibt es in der anarchistischen Bewegung sehr viele unterschiedliche
theoretische Vorstellungen zur Gestaltung des Zusammenlebens in einer herrschaftsfreien
Gesellschaft. Und es gibt auch eine Reihe von Überlegungen, auf welchem Weg,
bzw. mit welcher Methode eine anarchistische Gesellschaft verwirklicht werden
kann.
Ich möchte euch jetzt
die Ideen und Methoden des Anarcho-Syndikalismus vorstellen. Der Anarchosyndikalismus
ist eine sozialrevolutionäre Gewerkschaftsbewegung, die eng mit dem Geist
des Anarchismus verknüpft ist. In Deutschland heißt diese Gewerkschaft: "Freie
Arbeiter - und Arbeiterinnen Union" abgekürzt F.A.U.
Unser Ziel als Gewerkschaft
ist eine herrschaftslose, ausbeutungsfreie und auf Selbstorganisation gegründete
Gesellschaft. Solch eine Form des Zusammenlebens wird nicht irgendwann plötzlich
vom Himmel fallen, sondern ihre Verwirklichung beginnt jetzt und auch durch
uns.
Unsere Erfahrungen zeigen,
daß die wirtschaftlichen Verhältnisse von zentraler Bedeutung für das persönliche
und soziale Leben sind. Denn auch ein schöner Feierabend kann nicht über die
trüben Aussichten eines neuen Morgens hinwegtrösten Und wenn der Urlaub oder
die Ersparnisse zu Ende gehen, müssen wir wieder in die Kloake der Lohnarbeit
eintauchen.
Die meisten von uns
müssen einen Großteil ihres Lebens in Ausbildungsstätten, Betrieben oder Büros
verbringen. Die Vorbereitung auf die Lohnarbeit und die Arbeit selbst ruinieren
unser Leben.
Nicht nur die sogenannten
"direkt Lohnabhhängigen", sondern die gesamte Gesellschaft basiert
derzeit auf Lohnarbeit. Egal ob arbeitslos, reicher oder reiche Erbin, angewiesen
auf Sozialhilfe, Hausfrau oder Hausmann oder freiberuflich tätig, alle sind
wir von der Lohnarbeit abhängig. Auch wir sind - wie die meisten Menschen
- , um zu überleben zur täglichen Maloche gezwungen.
Deshalb - und nicht
etwa, weil es uns soviel Spaß macht - haben wir uns in einer Gewerkschaft,
nämlich der F.A.U. organisiert.
Der Kampf gegen die
Lohnarbeit ist der Hauptansatzpunkt des Anarchosyndikalismus. Dadurch wollen
wir den Kapitalismus an seiner Wurzel angreifen.
Um den Prozeß der sozialen
Revolution voranzutreiben, ist es nötig, unsere Bereitschaft und Fähigkeit
zu sogenannten "Tageskämpfen" zu entwickeln - z. B. für höhere Löhne,
kürzere Arbeitszeiten und bessere Arbeitsbedingungen.
Es ist grotesk und auch
sehr bedauerlich, daß viele Leute, die von "Revolution" reden, einen
Großteil ihres Alltages, die tägliche beschissene Arbeit aus ihren Überlegungen
und Aktivitäten ausklinken, als sei sie nicht vorhanden. Als würde das bloße
Schließen der Augen die Lohnarbeit zum Verschwinden bringen.
Schritte zu einer anarchistischen
Gesellschaft bleiben schon im Ansatz stecken, wenn wir den Bereich der Arbeit
ausklammern. D. h., wenn wir in den Betrieben nur als Lohnsklaven, nicht aber
als Feinde des Kapitalismus, als Anarchisten und Anarchistinnen in Erscheinung
treten.
Begriffe wie Selbstverwaltung,
gegenseitige Hilfe oder Selbstbestimmung verkommen zu Phrasen, wenn sie nicht
in den alltäglichen und das heißt oft genug betrieblichen Auseinandersetzungen
erlernt und erfahrbar werden. Verschiedene Formen des Streiks, der Sabotage
und andere Arten der direkten Aktion können bei diesen Kämpfen hilfreich sein.
Die freien Vereinigungen
der lohnabhängigen Menschen, die Gewerkschaften, sind jene Organisationsformen,
auf die wir uns sowohl bei unseren täglichen Auseinandersetzungen, als auch
bei der Verbreitung anarchistischer Ideen stützen können.
Damit meinen wir natürlich
nicht die DGB - Gewerkschaften. Sie sind nicht nur völlig bürokratisiert und
auf Sozialpartnerschaft geeicht. Sie dienen insbesondere der ideologischen
Rechtfertigung und praktischen Verewigung der Lohnarbeit. Wir halten es für
aussichtslos, den DGB in eine sozialrevolutionäre Organisation zu verwandeln.
Die FAU ist für uns
eine reale Perspektive, die gesellschaftlichen Verhältnisse radikal zu verändern.
Schwerpunkt unserer Aktivität ist der Aufbau eigener Betriebs - und
Branchenstrukturen.
Organisatorische Grundlage
unserer Arbeit in den Betrieben, sind direkt - demokratische Betriebsgruppen,
denn wir versuchen unserem Zusammenschluß schon heute jene Form zu geben,
die wir uns für eine freie Gesellschaft wünschen.
Die Tatsache, daß der
Schwerpunkt unserer Aktivitäten in den Betrieben liegt, heißt natürlich nicht,
daß wir uns nur mit dem Kampf gegen die Lohnarbeit beschäftigen.
Voraussetzung für eine
freie Gesellschaft ist der Abbau aller Herrschaftsformen in allen Lebensbereichen
und dafür kämpfen wir sowohl in den Betrieben, als auch außerhalb der Betriebe.
Alle Menschen, die ihren
Teil dazu beitragen wollen, sind uns natürlich herzlich willkommen.
Neben den verschiedenen
Arbeitsgruppen der FAU wird es während der libertären Tage im ersten Stock
des Sozialzentrums eine Art Selbstdarstellungsraum geben.
Dort können sich diejenigen,
die jetzt neugierig geworden sind oder auch die, die schon immer mal mehr
über die FAU wissen wollten, informieren.
Kerstin, FAU-Frankfurt

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