Föderation Gewaltfreier
Aktionsgruppen - FöGAIm letzten Jahr feierten
wir ein wichtiges Jubiläum. Die Zeitung Graswurzelrevolution (GWR) wurde 20
Jahre alt. Auch die Organisation der anarchistischen Gewaltfreien, die Föderation
Gewaltfreier Aktionsgruppen (FöGA), besteht nunmehr seit 13 Jahren, und unser
Taschenkalender wird im siebten Jahr vertrieben.
Die Zeitung GWR war
mit dem Ziel angetreten "den Zusammenhang zwischen den beiden konsequentesten
Handlungsansätzen gegen Herrschaft und Gewalt, zwischen Gewaltfreiheit und
libertärem Sozialismus aufzuzeigen, und dazu beizutragen, daß die pazifistische
Bewegung sozialistisch und die linkssozialistische Bewegung in ihren Kampfformen
gewaltfrei werde."
Nach anfänglicher Orientierung
am Ausland, wo die grassrootsmovement (Graswurzelbewegung) schon stärker vorhanden
war, entwickelte sich ein Netz gewaltfreier Aktionsgruppen welches vor allen
Dingen im Anti-AKW Bereich arbeitete. 1980 gründete sich dann aus diesem Netzwerk
eine verbindlichere Organisation, die Föderation Gewaltfreier Aktionsgruppen,
FöGA abgekürzt.
Die FöGA ist eine Mischform
aus Einzel- und Gruppenmitgliedschaft. Die Einzelmitglieder treffen
sich mindestens einmal im Jahr zum Bundestreffen, dem höchsten Entscheidungsorgan
der FöGA.

Matthias Lorenz spielt Neue Musik für Cello Solo
Foto: Jürgen Steiner
Zwischen den Bundestreffen
trifft sich etwa alle drei Monate der Koordinierungsrat der FÖGA, auch Korat
genannt. Er trifft die Entscheidungen zwischen den Bundestreffen. Der Korat
besteht vorwiegend aus Gruppendelegierten, die mit einem imperativen Mandat
ausgestattet werden können. Es kann nur über Sachen entschieden werden, die
vorher in den Gruppen besprochen wurden. Die Entscheidungsfindung verläuft
nach dem Konsensprinzip.
Dabei bedeutet Konsens
nicht Einstimmigkeit, sondern es soll versucht werden eine Einigung zu erreichen.
Kann diese nicht erreicht werden tritt ein Abstimmungsmodus in Kraft, der
"Aktiver Minderheitenschutz" genannt wird. Bei diesem müssen über
50% für den zuvor diskutierten Antrag sein und es dürfen gleichzeitig nicht
mehr als 15% dagegen sein, daß er angenommen wird. Die überstimmte Minderheit
hat das Recht ihre Position in dem veröffentlichen Beschluß darzulegen.
Was ist nun rückblickend
aus dem doch sehr hohen Anspruch geworden, eine Verbindung zwischen Gewaltfreiheit
und Sozialismus zu knüpfen. Ich denke, in der Anti-AKW und der Friedensbewegung
kamen entscheidende Impulse zur inhaltlichen wie aktionsorientierten Radikalisierung
aus der Graswurzelbewegung. Als Beispiel für eine aktionsorientierte Radikalisierung
sei die weitgehend von Graswurzlerinnen und Graswurzlern getragene Blockade
des Atomwaffenlagers in Großengstingen 1982 erwähnt.
Inhaltlich ist die Zeitung
Graswurzelrevolution das kontinuierlichste und erfolgreichste Sprachrohr der
Graswurzelbewegung, die auch durch Sondernummern wie z.B. zur Sozialen Verteidigung
oder zur Kritik der parlamentarischen Demokratie wichtige Themen grundsätzlich
aufarbeitet.
Festzuhalten bleibt,
wir konnten zwar radikalisierende Impulse geben hatten aber nicht die Stärke,
eine Verwässerung der Impulse zu verhindern. So wurde aus der Aktionsform
Blockade mit der Zielsetzung effektiv etwas zu behindern, die Sitzdemonstration
mit ausschließlich symbolischem Gehalt. Das Wort "gewaltfrei", ursprünglich
als Kampfform der wenn schon nicht anti- somit doch außerparlamentarische
Opposition, schmückte auf einmal das Wappen einer Partei, der Grünen.
Ich denke, wir dürfen
nicht nur an den traditionellen Aktionsformen festhalten, gerade wenn diese
instrumentalisiert werden. Vielleicht ist es an der Zeit neuen radikaleren
Formen der Direkten Gewaltfreien Aktion den Weg zu ebnen. Gerade in Anbetracht
des aufkommenden Faschismus.
Zudem versuchten wir
unserem Anspruch gerecht zu werden, sowohl auf pazifistische Kreise hinzuwirken,
was ja auch nahe liegt, als auch mit linkssozialistischen Kreisen, zum Beispiel
innerhalb der Bundeskonferenz unabhängiger Friedensgruppen (BUF) zusammen
zu arbeiten. Von der 00-Lösung und dem sich anschließendem Niedergang der
Friedensbewegung war auch die FöGA stark betroffen. Viele Gewaltfreie Aktionsgruppen
(GAs) lösten sich auf. Zwar blieb unsere Gesamtzahl an Einzelmitgliedern konstant
bei 100, jedoch sank die Anzahl der Gruppen auf unter zehn.
Ich denke im nachhinein,
es war ein Fehler, nicht mit dem Minimalkonsens der Friedensbewegung, der
sich nur auf die Mittelstreckenraketen bezog, grundsätzlich zu brechen. Zwar
versuchten wir zum Beispiel im Friedensherbst '84, grundsätzlichere Themen
anzusprechen (Manöverbehinderungen im Fulda Gap, Verweigerungskampagne), die
Raketenfixierung blieb jedoch insgesamt bestehen, so daß der Wegfall dieser
außenpolitischen Bedrohung auch das Ende der Bewegung bedeutete.
1984 gründete sich die
FöGA-Frauengruppe. Ihre Arbeit mündete 1986 in eine GWR Sondernummer "Männergewalt".
Der wohl wichtigste Artikel "Wider eine männerorientierte Gewaltfreiheit",
beinhaltet eine feministische Kritik an der bisherigen Theorie und Praxis
von Gewaltfreiheit. "Wenn Frauen gewaltfreie Aktionen in einer Art inszenieren,
in der die Öffentlichkeitswirkung in die Richtung geht, die eigene Wehrlosigkeit
und Ohnmacht darzustellen, dann erscheinen Frauen in doppelter Weise als Opfer
(...)".
Obwohl die FöGA sich
in einer Stellungnahme von der "Kampagne Ziviler Ungehorsam bis zur Abrüstung"
abgrenzte und dies gerade in dem Punkt "Leidensbereitschaft", lag
dieser Kritik keine antipatriarchale, sondern eine antistaatliche Analyse
zu Grunde. Auch der herrschaftskritische (bezogen auf den Staat) Gewaltfreiheitsbegriff
der FöGA mußte und muß sich aber in Theorie und Praxis der Frage unterziehen,
inwieweit er die andere gesellschaftliche Realität von Frauen mit einbezieht.
Auf der Aktionsebene
waren es vor allem die internationalen Märsche für Entmilitarisierung und
die Hunsrückblockaden, wo die Frauen nach neuen Aktionsformen suchten und
auch ausprobierten, inwieweit es möglich ist, eigenständige Frauenaktionen
innerhalb eines gemischten Aktionsrahmens durchzuführen. (GWR Nr. 171-173
"Schwestern - zur Sonne, zur Freiheit!")
Mit dem Golfkrieg zeigte
sich, daß die Arbeit der Friedensbewegung doch nicht ganz umsonst war. Zumindest
im Bewußtsein der Menschen haben wir etwas verändern können.
Spontan bildeten sich
viele Aktionsgruppen. Ein längst zur Unkenntlichkeit befriedetes Mittel der
Gewaltfreien Aktion, die Blockade, wurde massenweise und vor allem behindernd
eingesetzt. In Berlin wurde eine Kaserne spontan gestürmt und besprüht.
Doch der anfängliche
Elan ebbte bald ab, so daß keine Zeit war verbindlichere Strukturen zu bilden.
Die FöGA arbeitete im Aktionsplenum "Kein Krieg am Golf" mit. Unser
Büro, die Graswurzelwerkstatt, war dessen Kontaktadresse. Auch die Zeitung
Graswurzelrevolution wurde genutzt. Hier war der Atem zwar etwas länger.
Aber von diesem uns
sehr nahestehenden Gewaltfreien Aktionsgruppen, blieb nicht eine einzige nach
dem Golfkrieg in diesen Strukturen, geschweige denn trat in die FöGA ein.
Zwar wurden vorhandene Strukturen genutzt das Bewußtsein, daß solche Strukturen
auch langfristig aufrechterhalten werden müssen, ist aber anscheinend nicht
vorhanden. Auch die Anzahl unserer Einzelmitglieder blieb unverändert.
Jetzt könntet Ihr auf
den Gedanken kommen, daß es an der "privaten" Atmosphäre liegt,
daß die Konsensfindung in der FöGA gut klappt. Das Gegenteil ist der Fall.
Durch die geringe Basis kann nur schwer arbeitsteilig gearbeitet werden, wenn
gleichzeitig Basisdemokratie gewährleistet sein soll.
Wären mehr Personen
in der FöGA, stiege die Wahrscheinlichkeit, daß in Untergruppen mehrere Meinungen
vertreten sind. So müssen wir immer darauf achten, daß alle bei einer Entscheidung
beteiligt sind. Die Gruppen empfinden es als nervig, über jede Sache, auch
wenn sie sie nicht direkt betrifft, diskutieren zu müssen. Gäbe es mehr Gruppen
würde es nicht schlimm sein, wenn eine mal nicht ihr Votum, das heißt Meinung,
abgibt.
Daß die Entscheidungsfindung
nach meiner Beobachtung gut klappt, ist das Resultat des Versuches, einen
Konsens zu finden, so daß nicht mehrheitsorientiert, sondern sachorientiert
diskutiert wird. Das kostet zwar zur Zeit viel Zeit, bei einer größeren arbeitsteiligeren
Organisation wäre aber selbst der Zeitfaktor kein Nachteil mehr, weil parallel
über verschiedene Themen diskutiert werden könnte.
Um zum Abschluß zu kommen.
Nicht die basisdemokratischen Strukturen an sich sind unser Problem, sondern
das Verhältnis vom Aufwand zur gemeinsamen Entscheidungsfindung zur Anzahl
der Personen, die diese Entscheidungen betreffen bzw. sich dafür interessieren.
Die Perspektiven der
FöGA hängen entscheidend davon ab, ob sie in Zukunft mehr Gruppen- und Einzelmitglieder
gewinnen kann. Ob diese Hoffnung aber angesichts der weltweiten Reaktion realistisch
ist, bleibt offen. Aber ich kann mich ja auch irren.
Uwe aus Berlin
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