A im KreisRedebeitrag zur Freitagabend-Veranstaltung:

"Antisemitismus (und die Linke)"

Mit der Golfkriegsdebatte sahen wir uns endgültig mit dem Thema Antisemitismus konfrontiert; denn in den Kontroversen dieser Wochen und Monate wurde offenkundig, daß die Linke nicht imstande ist, eine rationale und sachliche Position zu Israel zu beziehen.

Wir entdeckten, daß wir selbst als Teil der wie diffus auch immer zu fassenden Linken erhebliche weiße Flecken in unserer Geschichte und Geschichtsschreibung haben. Wir kamen zu der Auffassung, daß sich linksemanzipatorisches Bewußtsein und antisemitisches Ressentiment (gefühlsmäßiges Vorurteil) - entgegen dem Mythos der Linken über sich selbst - nicht ausschließen.

Wir, die wir uns als gestandene InternationalistInnen, AntizionistInnen, Feministinnen und AntirassistInnen sahen, waren von Zweifeln an unserer eigenen moralischen Integrität (Reinheit) und der Radikalität unseres Bruchs mit dieser Gesellschaft frei gewesen. Wir haben viel zu lange das Problem ignoriert, es als Feindpropaganda abgetan oder in die Grauzone der Nebenwidersprüche verwiesen.

Wir hätten es früher und besser wissen können: Von Fourier über Bakunin bis Marx und Engels, von den linksradikalen, anarchistischen und kommunistischen Bewegungen des 19. und 20. Jahrhunderts bis hin zum "realen Sozialismus" und dem Antizionismus der Neuen Linken konditionieren (beeinflussen) judenfeindliche bzw. antisemitische Denk- und Wahrnehmungsweisen auch das oppositionelle Bewußtsein und sind - meist unreflektiertes (nicht bedachtes) - Moment linksradikaler Praxis.

Wir hätten es auch schon deshalb besser wissen müssen, weil wir nicht irgendwo auf der Welt leben, sondern in Deutschland; einem Land, in dem es eigentlich unmöglich ist, die Frage des Antisemitismus und seiner Bedingungen zu ignorieren, sie eventuell noch in den Bereich von Wissenschaft und Forschung zu delegieren (übertragen), sie aber nicht zu einem zentralen Thema der Linken zu machen. Die jüngere deutsche Geschichte hat einmalig offenbart, daß Antisemitismus nicht als politisch-programmatisches Phänomen zu fassen ist, sondern als gesellschaftliches begriffen werden muß.

Das deutsche Volk als klassenübergreifende nationale Einheit hat Schuld oder trägt Verantwortung für die Ermordung von Millionen von Menschen. Die Verfolgung und Vernichtung von Juden und Jüdinnen geschah im Deutschland des Nationalsozialismus mit dem Wissen von Millionen und unter tatkräftiger, disziplinierter Mitarbeit von Tausenden. Wir als eine der nachfolgenden Generationen stehen in dieser Verantwortung.

"Wie immer dem auch sei, da man nicht einfach voraussetzen kann, daß die Mehrheit der Deutschen die Massenvernichtung leichten Herzens hinnahm, muß in der nicht erfolgten Verbreitung der Wahrheit über die Konzentrationslager eine schwerwiegende Kollektivschuld des deutschen Volkes gesehen werden und der deutlichste Beweis für die Feigheit auf die der Hitler-Terror es reduziert hatte: eine Feigheit, die zur Gewohnheit wurde, und zwar so tief-greifend, daß sie die Männer davon abhielt, ihren Frauen etwas zu erzählen, und die Eltern, mit ihren Kindern darüber zu sprechen- eine Feigheit , ohne welche die schlimmsten Auswüchse niemals möglich gewesen wären und ohne die Europa und die Welt heute anders aussehen würden." (Primo Levi, Die Untergegangenen und die Geretteten)

Es liegt auf der Hand, daß die psychosozialen Strukturen und Bedingungen bzw. das Denken sich nicht ändern, weil ein Krieg zu Ende und verloren ist.

Ein Moment, das in seiner Tragweite im übrigen in der Linken auch wenig diskutiert wurde, ist dieses: die Deutschen haben sich nicht selbst vom Nationalsozialismus befreit. Sie wurden befreit oder, wenn mensch so will, das Ende des Nationalsozialismus mußte von außen erzwungen werden.

Als "die Sache mit den Juden" wurde das Thema Antisemitismus in den Nachkriegsjahren "wegen Auschwitz" mit einem gesellschaftlichen Tabu belegt. Diese Tabuisierung hält bis heute an bzw. weicht in den letzten Jahren auf.

Daß Tabuisierung vielleicht ein Mittel zur Verdrängung und zur internationalen Rehabilitierung (Wiedereingliederung) ist, aber denkbar ungeeignet, die Bedingungen, die die fabrikmäßige, lautlose und schnelle Ermordung von Millionen von Menschen ermöglichten, zu verändern, ist eine psychologische und politische Binsenweisheit.

Auch die Linke hatte ein Interesse an der Verdrängung kollektiver Verantwortung, an der Entlastung des Volkes, der Massen, der Klasse, auf die sie orientiert war und ist. Sie beschränkte sich darauf, die personelle Kontinuität in Politik, Wirtschaft und Justiz anzuklagen. Das ist ja nicht falsch, verortet aber dennoch das Problem auf dem Terrain (Gelände) der Herrschenden allein.

Grundsätzlich gilt für die Nachkriegszeit, daß die Linke Antisemitismus immer nur als politisch-programmatische Erscheinung wahrgenommen hat, als manifesten Antisemitismus, der sich explizit (ausdrücklich)  judenfeindlich artikuliert, aktuell z. B. in Form von Friedhofsschändungen, Anschlägen auf KZ-Gedenkstätten, Drohungen gegen Juden wie Bubis oder Giordano.

Der gesellschaftlich-strukturelle Antisemitismus, der sich durch die aus Gründen der Staatsraison (Staatseinsicht) etablierte Tabuisierung zum sekundären (zweitrangigen) Antisemitismus entwickelte, wird weiterhin ignoriert; weiterhin ausgeblendet, obwohl schon die Geschichte auf die Unmöglichkeit einer solchen Trennung hinweist:

Der Begriff des Antisemitismus entstand Ende des letzten Jahrhunderts. Kurz darauf auch die ersten AntisemitInnenparteien und übrigens erst mit diesen politische Stellungnahmen der Linken. Zu diesem Zeitpunkt war das antisemitische Pogrom (Hetze, Ausschreitungen) bereits eine seit Jahrhunderten eingeübte gesellschaftliche Praxis.

Eine Untersuchung aus dem Jahre 1987 weist denn auch aus, daß sich  13 % aller Deutschen als explizit antisemitisch bezeichnen würden. Die Zustimmung zu traditionellen Judenbildern liegt jedoch deutlich höher: 75% stimmten dem Bild des Juden als erfolgreichem Kapitalisten zu und immerhin noch 42 % hielten Juden für "schlau und gerissen".

Es ist nun aber nicht so gewesen, daß es keine Kritik von links an diesem weißen Flecken gegeben hat. Meterweise Bücher sind darüber geschrieben worden, die die Bedeutung der Vergangenheit für die Gegenwart und Zukunft analysiert haben. Meist wurde eine konkret an die Linke gerichtete Kritik mit dem Argument abgeschmettert, sie behaupte schlußendlich, alle seien gleichermaßen AntisemitInnen. Zweifelsohne muß hier eine Unterscheidung gemacht werden. Es steht aber ebenso außer Frage, daß die Linke als Teil dieser Gesellschaft nach Auschwitz auch teilhat an der "in tiefen historischen und psychologischen Schichten eingesenkten Infrastruktur" (Jean Amery).

Daß wir dennoch lange nicht zwischen manifestem (handgreiflichem), politischem und strukturellem Antisemitismus unterscheiden wollten, hat verschiedene Gründe:

* Einerseits würde die Linke Gefahr laufen, ihre traditionellen Bezüge zur Klasse, zum Proletariat, zum Volk neu definieren zu müssen. Bis heute ist ihr Volksbegriff ein völkischer geblieben. D. h. die bloße Massenhaftigkeit und ein Alltagsbewußtsein gegen "die da oben" wird bereits als politische Qualität gewertet.

Daß der jahrhundertelange Druck der Herrschaftsverhältnisse die Subjekte zu autoritären Charakteren verformt und selbst den Widerstand gegen Autorität deformiert (verformt), ist niemals hinlänglich reflektiert (bedacht) worden. Der Gegentypus zum autoritären Charakter, der revolutionäre, ist nicht nur in der Theorie unausgearbeitet geblieben, sondern blieb auch in seiner praktischen Bestimmung auf eine rein ideologische Gesinnung beschränkt.

* Und damit dann gleich zum zweiten Grund; der besteht in der allgemeinen Reduzierung von Antisemitismus auf Judenfeindschaft. Moderner Antisemitismus ist aber mehr als das. Er ist ein Denkmuster, eine gedankliche Struktur, die die Welt erklären soll, die sonst so undurchschaubar erscheint; ein Muster mit klaren Schuldzuweisungen.

Der moderne Antisemitismus hat viele Facetten oder Elemente, die nicht unbedingt als Antisemitismen zu erkennen sind: Antiintellektualismus und Konformismus (Überseinstimmung mit der herrschenden Meinung) , die Personifizierung gesellschaftlicher Entwicklungen, die wertende Differenzierung von produktivem und Finanzkapital, auch von produktiver und unproduktiver Arbeit, Verschwörungstheorien über geheime Mächte, die die Welt regieren und für das sogenannte Böse verantwortlich sind. Auch romantischer Antikapitalismus, der an die Stelle abstrakter ökonomischer Tatbestände eine quasi-natürliche Gesellschaftlichkeit setzen will, ist ein Bestandteil von modernem Antisemitismus.

Dieser zielt in zwei Richtungen, und das unterscheidet ihn u.a. vom Rassismus. Er reproduziert Herrschaft nicht nur wie dieser nach unten, sondern rebelliert auch gegen ein auf die Juden projeziertes "Oben".

Die Revolte gegen die Herrschaft muß also kein Moment des Bedürfnisses nach ihrer Aufhebung sein. Mit der Revolte kann mensch auch nach Teilhabe an der Herrschaft streben.

Die alleinige Wahrnehmung von politisch-programmatischem Antisemitismus, der ja in der BRD in den letzten Jahren eher von marginaler (am Rande stehender) Bedeutung war, hat auch zu einer Unterschätzung seiner gesellschaftlichen Bedeutung geführt. Letztlich greifen manifester (handgreiflicher) und struktureller Antisemitismus ineinander, wenn nicht in antijüdischer so in rassistischer Gestalt.

Die Pogrome von Hoyerswerda und Rostock als Höhepunkte der gewaltförmigen rassistischen Entwicklung waren und sind möglich aufgrund einer sozialen Basis und einer massenhaften gesellschaftlichen Akzeptanz. Sie sind auch als Zusammenspiel beider Phänomene zu sehen. In einem Land, in dem über die historische Einzigartigkeit von Auschwitz hinweggegangen werden konnte, als sei es ein kleiner Ausrutscher gewesen, in dem ist nicht viel dabei zu finden, mal kurz ein paar VietnamesInnen, TürkInnen, AngolanerInnen oder, wenn mann noch einen findet, einen Juden/eine Jüdin anzuzünden, zu verprügeln oder totzuschlagen.

Die politische Bewertung des Rassismus unterliegt derselben Gefahr, die Verantwortung auf die institutionell-staatliche Ebene zu verschieben und von der gesamtgesellschaftlichen Struktur und seiner Akzeptanz (Annahme) abzusehen. Zugleich zeigt sich die Tendenz, den Antisemitismus lediglich als einen Teilaspekt und historischen Vorläufer des Rassismus zu begreifen Das antijüdische Pogrom ist zweifellos der geschichtliche Schulfall für die rassistische Gewalt gewesen, wie sie sich heute in der BRD austobt. Diese löst die antisemitische Denk- und Wahrnehmungsweise jedoch nicht ab.

Der gesellschaftlichen Enthemmung, die sich in der rassistischen Gewalt gegen MigrantInnen manifestiert, entspricht die Enttabuisierung einer antisemitischen "Herrschaftskritik", deren Mobilisierbarkeit sich z. B. an den Kampagnen gegen Gysi, den "Drahtzieher", oder Schalck-Golodkowsky, den "Devisenbeschaffer" zeigt.

Eine Linke, die Wege in eine freiheitliche Gesellschaft sucht, sollte das Phänomen Antisemitismus - als ein zentrales Hindernis auf diesem Weg - auch im Hinblick auf Defizite im eigenen Emanzipationsprojekt wahrnehmen. Auch in diesem Sinne muß die Linke neu gedacht werden.

Gruppe G.A.R.



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