A im KreisLibertäre Tage Frankfurt

von Rudolf de Jong, Amsterdam

April - Ostern 1993 - fanden in Frankfurt die zweiten Libertären Tage in Deutschland statt.

Die ersten wurden, ebenfalls in Frankfurt, 1987 abgehalten und zogen 2.000 TeilnehmerInnen an. Nach vorsichtigen Schätzungen sollen es diesmal zwischen 3.000 und 4.000 BesucherInnen gewesen sein. Trotz des nicht so guten Wetters kann von einem großen Erfolg gesprochen werden.

Bei den TeilnehmerInnen übertraf die Anzahl der selbstgeschorenen 'Glatzköpfe' und der 'Buntgefärbten' bei weitem die der kahl und grau Gewordenen. Kurzum - die TeilnehmerInnen waren zu über 90 Prozent jung, wie mensch es gegenwärtig bei anarchistischen Treffen erwarten kann; unter ihnen waren recht viele StudentInnen.

Glücklicherweise waren auch ein paar deutsche Veteranen aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg anwesend. Sie liefen auch tapfer auf der Demo mit, die durch ein Ostern-ruhiges Frankfurt zog und sich nicht so sehr, wie gewöhnlich, gegen etwas richtete als vielmehr für - die Anarchie.

Die Organisation war prima, obgleich ein einziger Zwischenfall (eine Frau soll belästigt worden sein) nicht ausblieb. Alles lief, für Übernachtungsmöglichkeiten war gesorgt, und die Gruppe Rampenplan aus Nijmwegen (Niederlande), die für Speis' und Trank sorgte, leistete hiermit für die gute Organisation und das Gelingen des Ganzen einen wichtigen Beitrag.

Zu meinem großen Erstaunen vernahm ich dann auch, daß für das Pariser Radio Libertaire ein französischer Besucher über die straffe Organisation geklagt hatte. Er hatte deshalb jedoch von den Bücherständen - alle von anarchistischen Verlagen und Zeitschriften - etwas mitgehen lassen. Die Art der Berichterstattung in Frankreich hat also auch Radio Libertaire erreicht.

International kann mensch die Tage schwerlich nennen; Niederlande war mit zwanzig bis dreißig Menschen wahrscheinlich am besten vertreten. Ferner gab es einige OsteuropäerInnen; vereinzelt hörte ich Französisch und Englisch. Und das einzige nicht-weiße Gesicht, das mir auffiel, schien von einer jungen Niederländerin zu sein.

Es gab einige Vollversammlungen, wo meines Erachtens zuviele SprecherInnen eingeladen worden waren (einige kamen nicht an die Reihe). Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn mensch auf diesen großen Zusammenkünften - mit über 1.250 Anwesenden - eine/n oder einige gute/n SprecherIn(nen) einen etwas längeren und tiefgehenden Vortrag hätte halten lassen. Aber beabsichtigt war nun einmal eine Diskussion, an der sich möglichst viele beteiligen konnten.

Gehaltvoller waren darum die Arbeitsgruppen, die jede ein- bis zu dreimal für einige Stunden zusammenkam. Insgesamt gab es 22 dieser Gruppen, und Bas Moreel organisierte zusätzlich noch schnell eine 23ste über die Kontakte mit Osteuropa. Von den Themen der Arbeitsgruppen erwähne ich: Anarchistische Bewegung heute, Feminismus, Rassismus, Nationalismus, Kampf gegen Neo-Faschismus, Formen der Unterdrückung, Gewerkschaftsbewegung, Streiks, ökonomische Aktionen und Selbstverwaltung, Fünf-Stunden-Arbeitswoche und anarchistische Räterepublik, Drogen, Soziale Ökologie, Kultur, Erziehung, Antisemitismus, Filosofie als Weg zum Anarchismus, Frauengeschichte, 500 Jahre Kolonialismus, reformistische politische Arbeit (vor allem Freidenker), Männer gegen das Patriarchat, Utopie und sich verändernde Marktmechanismen.

Kurzum, ein buntes Gemenge von Themen, aber noch nicht alles. Die Diskussionen verliefen vom Niveau her selbstverständlich ziemlich unterschiedlich, ebenso selbstverständlich habe ich nur einige mitmachen können. Bei den AntifaschistInnen überraschte mich die Überzeugung, mit der Gewalt gegen Neo-Faschisten verteidigte wurde und schlug sich mensch mit dem Problem herum, was typisch anarchistisch an den anti-faschistischen Aktionen sei und wie weit mensch mit anderen Initiativen gegen Rechts zusammenarbeiten solle.

Rund um die Libertären Tage waren allerlei kulturelle Veranstaltungen organisiert, darunter ein Auftritt Stefan Schulbergs vom einst berühmten Living Theatre. Sehr nett, aber für mich einigermaßen déja vu, gleichwohl nicht geltend für einen, was das Lebensalter betrifft, repräsentativeren Zuschauer, dem ich meine Kritik anvertraute. Für ihn schien Stefans Striptease etwas ganz Neues zu sein.

Für mich persönlich war die umfangreiche Buchmesse mit allerhand meist deutscher libertärer Literatur sehr interessant. Ebenso die Selbstpräsentation vieler Organisationen und Gruppen, wovon ich besonders die FAU (Anarcho-SyndikalistInnen) und die ökonomische Selbstverwaltungskommune Projekt A - Wespe nenne.

Und dank Karl Kreuger - dessen Mitwirkung an der vorigen Nummer von 'De AS', zu unserer 'Schimpf und Schande' nicht vermerkt wurde - war auch diese Zeitschrift auf den Libertären Tagen zu bekommen. Kurzum, sie waren in jeder Hinsicht ein Erfolg.

aus: De AS 102 (anarchistisch tijdschrift) 'Nederland - immigratieland', S. 40-41.
Redactie-adres: Postbus 35061, 3005 DB Rotterdam, Nederland

Übersetzt aus dem Niederländischen von
Bea, Mittwochsgruppe Frankfurt



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