A im KreisDer Blick zurück

von Kerstin, LT-Vorbeitungsgruppe

Glücklicherweise sind die LT nun schon seit einiger Zeit vorbei. Unbeschreiblich, das Gefühl, als wir die Letzten winkend verabschiedet hatten.

Endlich wieder Zeit, in einem normalen Tempo zu handeln und nicht, wie in einem Zeitraffer durch die Gegend hetzen zu müssen. Viel Kritik hat es seit unserer Veranstaltung gegeben. Sowohl im Positiven, als auch im Negativen.

Zu einigen Punkten, die immer wieder, auch schon während der LT's ins Kreuzfeuer der Kritik gerieten, möchte ich, als eine der Organisatorinnen, hier Stellung beziehen und ein paar meiner eigenen Eindrücke loswerden.

Oft sind wir nach dem Kongreß gefragt worden, wie wir die LT's insgesamt bewerten. Eine kurze und eindeutige Antwort auf diese Frage ist mir nie gelungen.

Soviel erfreuliche Begebenheiten sich auf der einen Seite ereignet haben, von soviel Negativem gibt es mit Sicherheit auf der anderen Seite zu berichten.

Wenn ich früh morgens in den zweifelhaften Genuß kam, mir die Spuren nächtlicher Besäufnisse (Flaschenberge, Scherben usw.) zu betrachten (und sie aufzuräumen), wenn wenig später die Ersten schon wieder mit ihrem Bier in der Hand den Campus belagerten und ich mir abends die dumpfen und sexistischen Sprüche Besoffener anhören mußte, habe ich mich oft gefragt, für wen ich den Kongreß eigentlich mache.

Sicher nicht für die Alkoholikerfront, die das Bild auf dem Campus zeitweise prägte. Auch bei dieser Gelegenheit ist mir der Zusammenhang zwischen Saufen und Gesellschaftsveränderung wieder einmal mehr entgangen.

Dies, der Umgangston und die teilweise überzogenen Erwartungshaltungen einiger Besucher/innen, die sich z. B. schon dann beschwerten, wenn sie zehn Minuten mit der U- Bahn zu ihrem Schlafplatz zu fahren hatten (welch Unzumutbarkeit !), haben mich oft denken lassen, daß es auf jedem "scheißbürgerlichen" Kongreß freundlicher und verständnisvoller zugeht, als auf unserem, wo sich so viele mit dem Wort Anarchie auf der Fahne brüsteten.

Wenn Anarchie heißt, rücksichtslos, unsolidarisch, auf den eigenen Vorteil bedacht, konsumorientiert und sexistisch miteinander oder vielmehr gegeneinander umzugehen, dann habe ich mit Anarchie wohl nichts zu tun.

Zum Glück meint Anarchie aber so ziemlich das Gegenteil all dieser Verhaltensweisen und es bleibt zu hoffen, daß die, von denen ich eben geschrieben habe, noch eine Menge dazu lernen.

Erfreulicher sind meine Eindrücke von den Orten, an denen es um eine inhaltliche Auseinandersetzung ging, z. B. im Sozialzentrum, in dem die meisten Arbeitsgruppen statt fanden. Ganz anders das Bild der Leute, die dort erschienen.

Auch wenn die AG's auf Grund des für uns völlig unerwarteten Ansturms häufig überfüllt waren, gab es fruchtbare Diskussionen. Ich hatte den Eindruck, daß dort mehrheitlich Menschen saßen, die an einer inhaltlichen Auseinandersetzung tatsächlich interessiert waren und die Möglichkeiten dementsprechend nutzten.

Sicher gab es auch dort Konfrontationen, die besser hätten gelöst werden können, AG's, in denen sich die Diskussion im Kreis drehte oder auf Grund verhärteter Fronten erst gar keine statt fand.

Ärgerlich fand ich die zumindest bei einem Teil der Besucher/innen anscheinend bestehende Meinung, daß Referenten und Referentinnen zwar jederzeit die Maloche der inhaltlichen Vorbereitung einer AG auf sich nehmen dürfen, aber stets so flexibel zu sein haben, daß sie ihr inhaltliches Konzept, sobald es von einigen wenigen gewünscht wird, über Bord werfen.

Meines Erachtens ist und bleibt es das gute Recht der Person, die eine AG anbietet, hier zumindest auch grobe konzeptionelle Vorgaben zu machen. Schließlich macht sich kein Mensch aus purem Spaß an der Freude die Mühe, ein Referat zu halten. In den meisten Fällen steht dahinter wohl das Anliegen, die eigene Position und Herangehensweise an ein Thema zu erörtern.

Und nun zum leidigen Thema der viel kritisierten "Sicherungsgruppe":

Während der Libertären Tage gab es eine Gruppe von Menschen, die dafür zuständig war, die eher unangenehmen Dinge, die auf so einem Kongreß anfallen oder anfallen können, im Auge zu behalten und notfalls auch einzugreifen.

In der Hauptsache war diese Gruppe dazu gedacht, bei eventuellen Übergriffen von FaschistInnen, Problemen mit der Bullerei, Feuer usw. schnell reagieren zu können. Dies erforderte die fast permanente Anwesenheit von mehreren Leuten an unterschiedlichen Stellen.

Für die Kommunikation innerhalb dieser Gruppe verwendeten wir Walki-Talkis. Eine Tatsache, die einigen bereits genügte, uns als Pseudo- Bullen, Stasi-Hausmeister und dergleichen mehr zu titulieren.

Obwohl wir uns zum Teil selber etwas blöde vorkamen, mit unseren piepsenden und knarrenden Geräten mitten in der Menschenmenge auf dem Campus herumzustehen, erschien uns diese Art der Kommunikation praktikabler, als der Ruf des Tarzan.

Als schwierig erwieß sich unser Verhalten gegenüber Teilen der Obdachlosenszene, die diesen Stadtteil und die Uni als ihr zu Hause begreifen. Mit Konflikten hatten wir an diesem Punkt gerechnet und uns war bereits im Vorfeld klar, daß wir uns in diesen Konflikten verhalten müssen, ohne sie im Wesentlichen und zu unserer Zufriedenheit lösen zu können. So bitter das auch sein mag, manchmal bleibt statt Konfliktlösung eben nur, zwischen dem größeren und dem kleineren Übel zu wählen.

Das heißt im Klartext: Wir haben nachts einige der Obdachlosen aus dem StudentInnenhaus, dem Gebäude, in dem viele der Kongreßteilnehmer/innen untergebracht waren, geschmissen.

Vorneweg sei angemerkt, daß dies überhaupt nicht nötig geworden wäre, hätten all die, die einen Schlafplatz benötigten, dies auch im Vorfeld kundgetan, so wie wir in unseren Aufrufen gebeten hatten. Da das jedoch nicht geschehen war, standen wir zu Beginn der Libertären Tage vor der Aufgabe, kurzfristig noch 300 Leute unterbringen zu müssen.

Entgegen unserem Vorhaben, das Studentenhaus nachts abzuschließen, weil dort zum einen die Büchermesse untergebracht war, zum anderen auch eine dahingehende Abmachung mit den Vermietern dieses Gebäudes bestand, haben wir einen Großteil der Leute dann im StudentInnenhaus einquartiert. Gleichzeitig erschien es uns zu riskant, einige der Obdachlosen im gleichen Gebäude übernachten zu lassen.

Wir haben diese Leute nicht 'rausgeschmissen', weil sie Obdachlose sind, sondern weil die, um die es ging, ein sehr antisoziales und sexistisches Verhalten an den Tag legen. Diese Behauptung basiert keineswegs auf Vorurteilen, sondern auf konkreten Erfahrungen.

Sowohl ich als auch andere Personen der Vorbereitungsgruppe haben in den vergangenen Jahren eine Reihe von sehr bedrohlichen Auseinandersetzungen mit bestimmten Menschen aus dieser Szene erlebt. Auseinandersetzungen, die nicht selten auf den direkten Vergleich der physischen Kräfte hinausliefen.

Dies hat speziell für Frauen die Konsequenz, dem KOZ, einer Kneipe im StudentInnenhaus, fernzubleiben, um sich vor aggressiven Übergriffen verbaler und körperlicher Art zu schützen. Leider sind es wieder einmal mehr die Frauen, die hier in der Überzahl betroffen sind. Nicht nur deshalb, weil sie sich körperlichen Konfrontationen weniger gewachsen sehen, sondern auch, weil es in der Natur antisozialen und sexistischen Verhaltens liegt, selbiges nur gegen die vermeintlich Schwächeren auszuüben.

So werden auch in diesem Fall als die Schwächeren in der Logik der Täter mehrheitlich Frauen ausgemacht. Demzufolge waren wir dann auch nicht sonderlich verwundert, daß es fast nur Männer waren und sind, die unsere Umgehensweise mit einigen der Obdachlosen scharf kritisierten, indem sie uns das unhinterfragte Fortführen des bürgerlichen Stigmas gegenüber Wohnsitzlosen vorwarfen, denn sie sind ja in einem viel geringerem Maß betroffen.

Anderseits macht es mich wütend, wenn ausgerechnet Männer aus Frankfurt, denen die Konflikte nicht unbekannt sein dürften, sich dazu berufen fühlen, ein Flugblatt zu verfassen, in dem sie so tun, als habe es diese Konfrontationen nie gegeben und als ginge es uns darum, Obdachlose generell auf Grund ihrer Nase zu vertreiben - Hallo "Männer aus dem Koz - Kollektiv"!

Genauso fehl am Platz ist es, wenn "ein Mann mit Unterstützung zahlreicher Genossen/innen" (?) in einer allgemeine Schmähschrift über die LT, dieses Thema erwähnt, als gehöre es zu unserer Ideologie, Obdachlose heute und in Zukunft zu vertreiben (s. Swing).

Angesichts solcher Plattheiten kann ich mich des Eindruckes nicht erwehren, daß die viel zitierte Auseinandersetzung mit dem Patriarchat und der eigenen Rolle als Mann bisher nur Maske gewesen ist.

Was sonst, wenn sie anscheinend spätestens dort aufhört, wo andere, viel leichtere schwarz-weiße Muster a la "Was die bürgerliche Gesellschaft als Randgruppe definiert, ist in Wirklichkeit gut und gehört von "linksradikalen" Kreisen beschützt" greifen, egal, wie beschissen sich einige dieser Menschen ansonsten verhalten.

Ganz abgesehen davon stellt sich die Frage, ob es nicht eine viel größere Stigmatisierung bedeutet, alles und jedes, was die Armen, Ausgegrenzten dieser Welt tun, zu akzeptieren, zu tolerieren und zu verteidigen.

Meinem Weltbild und meiner Utopie liegt jedenfalls zu Grunde, Menschen nach ihrem Handeln und nicht nach ihrem sozialen und materiellen Status zu beurteilen, und dementsprechend möchte ich auch auf sie reagieren. Das ist nicht immer einfach und manchmal macht man/frau auch Fehler.

So hat unser Umgang mit der Befürchtung, es könne zu Prügeleien oder, schlimmer noch, zu einer Vergewaltigung kommen, dazu geführt, daß wir am Anfang zwei oder drei der Wohnsitzlosen zu Unrecht mit rausgeschmissen haben. Das tut uns leid und wir haben uns bei den Betreffenden entschuldigt und uns bemüht, diesen Fehler wieder auszugleichen.

Ansonsten haben die Betroffenen durch ihr Verhalten die Berechtigung der Rausschmisse im Verlauf des Kongresses selber immer wieder geliefert. Die Konfrontationen gipfelten darin, daß im KOZ eine Frau von einem der Obdachlosen schließlich körperlich angegriffen wurde.

An diesem Punkt möchte ich noch einmal auf die grundsätzliche Kritik an der sogenannten "Sicherungsgruppe" eingehen. Oft hörten wir, daß die bloße Existenz einer solchen Gruppe auf einem libertären Kongreß völlig unanarchistisch sei.

Dem steht jedoch leider die Realität entgegen: Eine Frau wird getreten - niemand greift ein, eine andere wird mit Sprüchen wie: "Dich sollte man mal mit 'nem Türken verheiraten" und "Wichsbewegungen" bedacht, alles wartet mit Spannung darauf, wer wohl zuerst zuschlägt, die Frau oder der Typ? - niemand greift ein...

Solange das die Realität ist, die Besucher und Besucherinnen auf einem libertären Kongreß produzieren, liegt es wohl in der Verantwortung der Organisatoren/innen, schlimmere Auswüchse eines solchen Verhaltens zu verhindern oder zumindest den Versuch dazu zu unternehmen.



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