"Es herrscht Krieg..."von Pipi Lotta Viktualia,
"Tagtäglich und
in der Nacht. Kriegsschauplätze sind Wohnungen, Ehebetten, Straßen, Plätze,
Unterführungen, Arbeitsplätze, Universitäten. Überall auf der Welt, wo die
mörderischen Gesetze der Männer gelten.
Frauen werden geschlagen,
mißhandelt, vergewaltigt, gefoltert, ermordet - Bilder des alltäglichen Krieges,
den die Männer gegen die andere Hälfte der Menschheit führen.
Sag mir, was das Leben
einer Frau wert ist, und ich sage Euch, wie Eure Gesellschaft aussieht!
Das Leben einer Frau
ist in dieser Männergesellschaft ein Objekt-Dasein wert, in Sprache, Witzen,
Filmen ist es die Anmache auf der Straße wert, ihr nackter Körper auf riesiger
Werbefläche, ihre Ausbeutung als Haushälterin/magd in der Ehe und Familie,
und nicht zuletzt ein Stück Fleisch mit einem Loch, in das jederzeit jedermann
das Instrument seiner Selbstverherrlichung, die Waffe seiner Machtbehauptung
hineinstecken kann."
(aus: K. Weis, Vergewaltigung
und ihre Opfer)
Gebeten, zu den sexistischen
Angriffen auf den Libertären Tagen Stellung zu beziehen, hatte ich ursprünglich
vorgehabt, den genauen Vorfall zu schildern, auch um die kursierenden Gerüchte
über das, was da passiert ist, zu stoppen.
Ich habe mich jedoch
dagegen entschieden, weil ich die Befürchtung habe, daß sich zu sehr am Einzelfall
aufgehalten wird und der Kontext, in dem das Ganze steht und diskutiert werden
muß, verlorengeht. Deshalb nur kurz der Ablauf:
Am Samstagnachmittag
hatte ich eine Auseinandersetzung mit einem Typ, der sich im 'KOZ', dem Cafe
auf dem Unigelände in Frankfurt, eindeutig provozierend verhalten hatte:
Er hatte Getränke verschüttet,
sich geweigert zu bezahlen und die Thekerinnen angepöbelt. Ich bin auf ihn
zugegangen und habe ihm gesagt, daß er gehen solle. Er ging, kam jedoch kurz
darauf zurück und beim erneuten Versuch, ihn rauszuwerfen, trat er mich plötzlich
vors Bein (ich hatte danach eine Prellung) und schlug mir ins Gesicht.
Mit einigen Frauen alarmierten
wir daraufhin den 'Sicherheitsdienst'. Die wollten ihn nicht rauswerfen, da
sie ihm morgens schon ein Messer abgenommen hatten und sie sich mit der Situation
überfordert fühlten. Außerdem sei er psychisch krank.
Auf den Einwand von
uns, daß sich die Thekerinnen bedroht fühlen, versuchten sie ihn rauszuwerfen
und da er sich mit Händen und Füßen dagegen wehrte, bekam er einen Schlag
ab. Das sahen Außenstehende, die die Vorgeschichte nicht mitbekommen hatten
und empörten sich darüber.
Binnen kurzer Zeit entstanden
die konträrsten Positionen zu dem Vorfall und es kursierten wilde Gerüchte,
darüber was vorgefallen war. Es bildeten sich dann ein Männerplenum und ein
Frauenplenum, die über den Vorfall hinausgehend über sexistisches Verhalten
redeten.
Auf dem Frauenplenum
tauchte der Typ nochmal auf und wurde von Frauen vertrieben. In den nächsten
Tagen erschien er noch häufiger auf dem Gelände. Ich persönlich traf noch
einmal auf ihn, als er mit einem Stock bewaffnet, am Uni-Eingang stand und
uns drohte.
Wir waren nur wenige
Leute und ich war froh, daß er mich nicht erkannt hatte. Der Typ gehörte zu
einigen Obdachlosen, die seit längerem auf dem Gelände wohnen und sich regelmäßig
im 'KOZ' aufhalten. Die Männer im 'KOZ' wollen, daß die Obdachlosen dort Raum
haben. Das finde ich auch, aber:
"Diskriminierung
und Übergriffe gegen Frauen akzeptieren wir genauso wenig, wenn die Täter
Opfer des Systems und damit beschützenswerte Objekte libertärer Männer sind."
(Frauen- und Lesbenflugblatt der Libertären Tage)
Den Männern aus dem
'KOZ' hätte klar sein müssen, daß sie eine Mitverantwortung dafür haben, daß
Frauen von obdachlosen Männern nicht belästigt werden. Viele Frauen aus Frankfurt
gehen auch sonst nicht ins 'KOZ', weil sie sich dort bedroht fühlen, d.h.
die Diskussion um dieses Thema war keineswegs neu.
Durch ihre kritiklose
Solidarität den Obdachlosen gegenüber haben die Männer aus dem 'KOZ' die sexistische
Gewalt gegenüber Frauen ignoriert.
Ich habe die Beschreibung
des Vorfalls bewußt kurz gehalten, weil mir die Reaktionen während der Tage
und das heftige Verhalten vieler Leute gezeigt hat, wieviel Ohnmacht, Trauer,
Wut und Verletzung in den Frauen und einigen Männern zu dem Thema steckt.
Bezeichnend war auch
das Nicht-Verhalten vieler, sowohl bei diesem Vorfall als auch in anderen
Situationen sexistischer Gewalt. Unter sexistischer Gewalt verstehe ich nicht
nur körperliche Angriffe, sondern auch nicht Ausreden lassen, Frauen in Plena
übergehen und in 'Frauenräume' eindringen.
Es entstand eine sehr
aufgeheizte Stimmung, die für mich, ganz subjektiv, zum Teil Lynchjustizcharakter
hatte, sodaß ein ehrlicher Dialog zwischen Männern und Frauen zu dem Thema
unmöglich wurde.
Das heißt überhaupt
nicht, daß ich Frauen und ev. auch Männern ihre persönliche Betroffenheit
absprechen will, aber ich hätte gerne eine eigene Form gefunden mich zu wehren
und habe die meiste Zeit das Gefühl gehabt, das mir vorweggegriffen wurde.
Generell finde ich es richtig, wenn eine Gegenwehr gemeinsam mit der/den Betroffenen
entwickelt wird.
Im praktischen Umgehen
war meine (gemischte) Bezugsgruppe eine Hilfe, die mich die Tage über nicht
mehr alleine ließ. Im Ganzen war das jedoch ein eher technischer Umgang. Soviel
zu meiner persönlichen Situation.
Es war wichtig, daß
sich Frauen unter sich zusammenfanden und Forderungen entwickeln konnten,
was konkret während der Tage geändert werden sollte z.B. getrennte Frauenschlafräume
etc.
Es war aber auch gut,
konkrete Gegenwehr gegen sexistische Übergriffe auf dem Gelände zu organisieren
und das Gefühl von verbindlichem Zusammenhalt zu spüren, während sich viele
von uns vorher eher isoliert gefühlt hatten.
Inwiefern das Männerplenum
sinnvoll für die Männer war, können sie selbst am besten beantworten.
Wichtig waren auch die
angefangenen Diskussionen, die jetzt fortgesetzt werden. Und gut war auch
das Gefühl, trotz der seltsamen Situation plötzlich mit deiner Geschichte
im 'Rampenlicht' zu stehen, daß du nicht alleine bist und wenigstens auf eine
der unzähligen Gewaltsituationen, denen du als Frau alltäglich ausgesetzt
bist, reagiert wird.
Es war erschreckend,
daß von vielen männlichen Kongreßteilnehmern dieser Vorfall als "bedauerliche
Randerscheinung" abgetan wurde. Wie ernst ist es den 'Herren' denn mit
der 'Herr'-schaftsfreien Gesellschaft eigentlich?
"Gegen Patriarchat"
taucht zwar pflichtgemäß unter jedem Flugblatt auf, und daß der Nebenwiderspruch
pfui ist, hat sich inzwischen auch rumgesprochen.
Die Atmosphäre auf den
Libertären Tagen wurde aber nach wie vor von dem ganz alltäglichen Sexismus
bestimmt. Wenn die Situation am Samstagnachmittag nicht so eskaliert wäre,
wäre die sexistische Ignoranz in anarchistischen Zusammenhängen nie grundsätzlich
thematisiert worden (außer in der AG, die sich eh' damit beschäftigte).
zum Inhaltsverzeichnis LT '93-Dokumentation
zurück zur Anfangsseite