A im KreisLibertäre Tage und Sexismus

von Bea,
Mitglied der Vorbereitungsgruppe und eine der beiden Referentinnen der AG 'Anarchismus, Feminismus und Staat

1) Es wurde ausdrücklich darauf hingewiesen, daß die LT kein 'Konsumkongreß' sind, sondern von der Eigeninitiative aller Beteiligten gemäß ihren Bedürfnissen und Interessen abhängen.

Wer statt sachlicher Kritik der Vorbereitungsgruppe alle möglichen Versagen hinsichtlich der Organisierung anlastet, verdeutlicht den eigenen Mangel an Selbstorganisation sowie die Unkenntnis, was es eigentlich heißt, einen Kongreß dieser Größenordnung vorzubereiten und durchzuhalten.

Was die Uni-Räume angeht: Es hätte nicht viel gefehlt, und die gesamten LT wären an der Raumfrage gescheitert.

Was das Schlafplatzangebot angeht: Es war möglich, sich vorzeitig anzumelden und eigene Wünsche zu äußern. Gerade das Bereitstellen von Frauenschlafplätzen war uns ein wichtiges Anliegen. Leider haben sich viele nicht angemeldet.

2) Es sollte zur Kenntnis genommen werden, daß nicht nur innerhalb der anarchistischen, sondern auch innerhalb der feministischen Bewegung unterschiedliche Sichtweisen, Richtungen und inzwischen - nach 25 Jahren - auch unterschiedliche Generationen von Frauen ihre Existenzberechtigung haben.

Welche Feministin hat das Recht festzulegen, was eine andere Feministin zu denken und zu empfinden hat?

Welche Feministin kann sich anmaßen zu entscheiden, was als feministisch zu gelten hat und was nicht?

Wie steht es mit dem feministischen Anspruch, eine Persönlichkeit in all ihren Widersprüchen und Lernprozessen gelten zu lassen ?

Wo bleibt die Selbstkritik ?

3) Ich empfinde es als Gefahr, wenn sich die berechtigte und auch von mir geteilte Wut auf sexistische Anmache sowie das unbeteiligte Gaffen während der LT nicht direkt an den Verursachern entlädt, sondern untereinander.

Die einzigen Arbeitsgruppen, die während der LT den geballten Zorn abkriegten, waren ausgerechnet die feministischen, von dem Mundtotmachen einzelner Frauen auf den Plena einmal abgesehen. Die anderen AGs konnten ungehindert weiterlaufen.

Während frau die wenigen Männer, die sich mit Patriarchat auseinandersetzen, vertrieb, kam die ignorante Mehrzahl mal wieder ungeschoren davon - einfach, weil sie gar nicht erst in eine antipatriarchale AG kommt.

Was die Macht der Referentinnen angeht: Einige Frauen ließen jegliche Solidarität mit Frauen, die sich für das Thema lange vorbereitet hatten und vor einer großen anonymen Gruppe sprechen sollten, vermissen, um stattdessen ihre eigene Linie durchzuziehen. Sich nach anderen Sichtweisen und Umgangsformen zu erkundigen, wurde nicht für nötig befunden.

4) Wenn auch unter traurigen Umständen, ist zugleich ein Erfolg zu vermelden: Sexismus geriet zum zentralen Thema eines bundesweiten 'gemischten' Kongresses.

Es wurde jedoch die Chance vertan, die Verschiedenheit von Frauen nicht als Hemmnis, sondern als Chance für einen vielfältigen Widerstand zu begreifen.



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