Es soll sie tatsächlich geben, die Mütter, Väter und Kinder
in der Szene. Eine Auseinandersetzung um dieses Thema findet in gemischten Zusammenhägen
meist leider nicht statt bzw. nur aus einer eigenen Betroffenheit der Frauen.
"...viele beschissene Erfahrungen von Frauen, trotz guter Absichtserklärungen
von Zweiten und Dritten, letztlich alleine für das Kind verantwortlich
zu sein." (swing Nr. 14, S.22).
Dies alleine ist schon bezeichnend (für uns Männer). Unserer
Meinung nach greift die ganze bisher angeschnittene Diskussion, so auch
in der swing Nr. 14, zu kurz bzw. es wird vieles vermischt. Wir werden
versuchen, die verschiedenen Komplexe deutlich zu machen.
1) Patriarchat
In allen heutigen Gesellschaften wird vom Mann als Orientierung ausgegangen.
Die Frau gilt als Anhänglsel, hat in der Regel nicht mal in ihren
geschlechtsspezifisch zugewiesenen Räumen eine Autorität. Selbst
über ihren Körper soll verfügt werden.
Die meisten Analysen in unserem Sumpf sehen die Frau auch nur als Objekt
der kapitalistischen Ausbeutung, sprich Reproduktionsarbeit und Arbeit:"Der
Akt der gesellschaftlichen Vernichtung der Frau ist allerdings ein doppelter:
der Zwang, der aus Gesellschaftsarbeit unsichtbare Frauenarbeit macht,
setzt sich fort in der radikalen Entwertung dieser Arbeit." (RZ's 2/89).
Die Ungleichheit was Bezahlung, Jobqualifikation, einstellung etc. auf
der einen Seite, die Hausarbeit "Erziehung", sexuelle Wiederherstellung
auf der anderen Seite betrifft, ist unserer Meinung nach eine Abwertung,
reduziert Menschsein auf Objekt und Arbeit. Kultur und Sexualität
von Frauen als zwei Beispiele weiterer Unterdrückung. Es gibt gerade
hier schon seit Jahren Ansätze eine eigene, wenn auch nicht selbstbestimmte
(im Kapitalismus und Patriarchat unter den momentanen Bedingungen ein nicht
erfüllbarer Anspruch) Vorstellung zu konkretisieren. Auffallend ist
die Subjektivierung, die Bestimmung als Frau, sich nicht in die männergeschaffene
Ökonomieanalyse einpressen zu lassen.
Dies als Ansatzz für unseren Umgang mit der Enntmischung im Großen.
Zugegeben etwas platt und oberflächlich, aber da es hier schon eine
breitere Diskussion gibt, "übergehen" wir diese Grundlage (!).
Was uns beim Durchsehen unserer Ordner auffiel, ist das Verharren der
Autonomen in der Vergewaltigungsdiskussion, was natürlich als gesamter
Eindruck gilt. Wenige Papiere bringen die Knackpunkte an die z.T. derbe
patriarchale Oberfläche. (Empfehlenswert der Wiener Infoladen-Reader
8/89).
Diese (notwendige) Diskusssion reduziert das Patriarchat und deren
gesellschaftliche Dimension aber auf eine "offene" Form der sexuellen Gewalt.
Die Konsequenzen dieser Diskussion sind immer noch sehr individuell. Dies
alles bezieht sich auf gemischte (!) Zusammenhänge. Eine Verbreiterung,
geschweige denn Wirkung der Diskussion ist kaum zu sehen (Ansätze
in der letzten Ausgabe des anarchistischen Magazin "Projektil" aus Münster).
Und hier kommen wir zum Thema zurück.
2) Sexualität
Dieses Thema ist kein Thema, jedenfalls nicht in unseren Zusammenhängen.
"Ja, wir haben eine Sexualität", "aber das ist ein ernstes Thema",
"so einfach läßt sich nichts dazu sagen".
Wir schneiden hier uns aufgefallene Punkte an. Unsere Orientierung,
was Sexualität betrifft, holen wir uns in jungen Jahren in der Regel
von Freund/inn/en und aus den Medien. Neugierde und Unwissenheit führen
oft zum Frust und schmerzhaftem Erwachen in den ersten (und oft folgenden)
Liebesnächten. Aus einem zärtlichen und lustvollen Akt, der es
sein könnte, wird auf Dauer eine Sportleistung.
Auch hier gilt der Mann und seine Wünsche als Orientierung. Die
Gefühls-und Lustwelt der Frau wir übersehen, die Machthaber erkennen
diese Zerstörung nicht, die Wirkung ist uns nicht klar.
Aus Gesprächen und eigener Erfahrung wirssen wir, daß Menstruationsblutungen
und ihre Gründe nicht ernstgenommen bzw. als Krankheit gesehen werden.
eine Verwertung kann nicht stattfinden oder der liebvolle Mann zeigt wahres
Verständnis. Dies als normal und gegeben zu sehen, ist durch Tabuisierung
immer noch weit weg.
Sexuelle Enttäuschungen werden selten geklärt bzw. ausgetauscht.
Das zweite "Versagen", der männliche Orgasmus, trifft auf Verständnis,
das gewöhnliche erste "Versagen", der (nicht stattfindende) weibliche
Orgasmus auf Nichtbeachtung, Hilflosigkeit und Angst.
Homosexuelle und lesbische Beziehungen werden aus der geschürten
Angst, aus der Uninformiertheit und Verdrängung, aus Vorurteilen und
vielem mehr verhinderst. Diese Form des Lebens mit ihrer Form von Sexualitäät
soll und darf es nicht geben. (Wir haben kaum Materialien zum Befreiungkampf
von Schwulen und Lesben gefunden und uns auch zu wenig darum gekümmert.
Wenn ihr uns hier Material oder Empfehlungen schicken könntet, wäre
es toll.)
Die meisten in AnarchistInnen-/Autonomen-Szene ziehen gemischt-geschlechtliche
Nächte (oder Tage) vor. Die Verhütung ist weiterhin Frauensache.
Dieses und unser Anspruch im direkten Kolissionskurs. Die Bedingungen im
Trikont (siehe e.colibri), was die Verantwortung für Verhütung
betrifft, läßt die schweigende Männerkumpanei mit der Gummi-Alternative
deutlich werden. Sterilisation von Männer, leicht begrinst, oder die
"Züricher Schrittversuche", also Ansätze einer anitpatriarchalen
Verhütungsdiskussion sind bisher auf massiven (das ist auch Ignorieren)
Widerstand gestossen. Aufklärung, Medien, Werbung, PorNos, Psychologie,
Aids, Verhütung, Knast usw. sind gesamtgesellschaftliche Themen. Eine
Diskussion in unserer Szene hätte genug Ansatzpunkte eine Utopie zu
konkretisieren.
3) Abtreibung "Es ist die Sache der Unterdrücker die Dynamik ihrer
Unterdrückungsmethoden zu kapieren und nicht Sache der Unterdrückten,
ihnen das beizubringen." So Ed Head, Gefangener aus der Georg Jackson Brigade
(in "Antisexistiche Schrittversuche" 1/87 Zürich). Dieses Zitat trifft
die ganze antipatriarchale Diskussion, aber keinen Punkt so klar. Eine
mehr oder weniger lustvolle Nacht ohne (selten - aber auch mit) Verhütung,
egal ob one-night-stand oder Beziehungskiste, hat eine Schwangerschaft
zur Folge. In der Regel kratzen die Typen, nicht ohne Überredungsversuche
- ein Hammer für sich - und ohne irgendwelche eigene Gründe offenzumachen,
die Kurve. Wenn ich als Mann mit einer Frau schlafe ohne (mit) Verhütung,
muß ich mir über die "Folgen" klar sein! Hier gibt es kein wenn
und kein aber!!!
Eine Abtreibung geht nicht einfach so. Gesellschaflicher Druck allgemein,
der Druck von "Freund/inn/en", druch Ärztinnen, die "Beratungen",
das Krankenhaus, Ängste, Tabuisierung, Unverständnis etc. schaffen
eine ständige Belastung. Die Frau wird zum verantwortungslosen Subjekt,
der Spermienschleuderer ist kein Thema mehr.
In einer (unerwünschten) Schwangerschaft, bei einer Abtreibung
kann der Mannnur, falls erwünscht, die Frau nach Möglichkeiten
unterstützen. Dies gehört zur Klarheit und Verantwortung vor
einem "Geschlechtsakt". Er hat danach kein Mitspracherecht. Diese Nichtthematisierung
durch uns so autonome Männer unterstützt indirekt die momentane
konservativ/faschistische Offensive.
Selbstbestimmung der Frau, Möglichkeiten und Abtreibungsarten,
Justiz und Gesetze, Verantwortung und Verbindlichkeit mit Konsequenzen
etc. sind gesamtgesellschaftliche Ansatzmöglichkeiten (siehe Punkt
3) Ende).
Was ist nun, wenn Frau Mutter werden möchte?
4) Kinderwunsch und Geburt
"Gibt es nicht auch so etwas wie einen Kinderwunsch? Finden wir nicht
Kids einfach toll?" (Interim Nr.45). Woher kommt / was ist der Kinderwunsch?
Warum sind Kids einfach toll?
In dieser Gesellschaft sind Kids Stammhalter (Bangla Desh ist nur die
Spitze des Eisbergs), Dressur-, Prestige (Gruß an die "fortschrittlichen"
Yuppieschweine)- und Aggressionsobjekte. Ein/e kleine/r Klassenkämpfer/in?
(Zur Erziehung kommen wir später). Siehe auch Swingf 14, S.23
II. Projezieren nicht wir Verwaxenen Wünsche und Hoffnungen, aber
auch Ziele in das Kind? Wollen wir nicht alles besser machen als Papa und
Mama? Einsamkeit? Eine Aufgabe?
Da Kind wird schon sofort nach der Geburt in einen, wenn auch autonomen
Käfig gesperrt. "Wir behaupten daher, daß die Kategorisierung
(z.B. Alte, Kranke, Behinderte, Ausländer, Kinder) zur Aussonderung
von bestimmten Lebensbereichen führt, die das "Kind" z.B. in Normen
zwingt, die nicht die eigenen sind!" (Thesen der (Anti)Pädagogik Arbeitsgruppe
des FLI). Wenn es anders wäre, würde diese Diskussion sichtbar
sein. Eine Autonomie ist überhaupt nicht vorstellbar, so scheint es.
Frau und Kind werden ihren Rollen zugewiesen, "so endet die Körperarbeit
der Frau nicht an den inneren Grenzen ihres Leibes, die Abnabelung alleine
macht aus dem Neugeborenen keineswegs ein unabhängiges, lebensfähiges
Geschöpf." (RZ's 2/89). Oh, doch (siehe ansatzweise hierzu z.B. Antipädagogik
im dialog , v. Schoenebeck, S.64 ff). Hier schreiben die RZ's eine Frauen-
und Kinderrolle fest. Ein Gör, daß Hunger hat, in Arm will oder
kacken muß, tut's oder erhebt seine/ihre unüberhörbare
Stimme. Egal ob Mann oder Frau, es überlebt gesund mit einer Bezugsperson,
wie die feministische Geschichtsforschung herausgefunden hat.
Zurück zur Ausgangsfrage: Der Kinderwunsch (hierzu auch v. Braunmühl,
Antipädagogik). Was ist das? Dieses zu klären, ist mehr als wichtig,
da es ja bekanntlich einschneidende Folgen hat. Aus "wahren Anarchist/inn/en"
werden kriegerische Verwaxene. Der Kampf der Kinder ist grausam, wir Verwaxene
sitzen immer am längeren Hebel. Unsere spontanen Gedanken dazu: "Die
eltern sollst Du ehren und achten, aber wenn sie dich quälen, sollst
Du sie schlachten!"
Auf den Geburtsvorgang in der Klinik, zu Hause etc. gehen wir nicht
ein, sehen hier aber einen weiteren erwähnens- und diskussionswerten
Punkt (mit allen Aspekten und Konsequenzen z.B. Gefühle, Forschung,
Wirkung...)
Gesellschaftliche Aspekte sind der Kinderwunsch, das Interesse der
Herrschenden (von hell-braun über rosa-rot bis grün), Forschung
von Geburtsmöglichkeiten, Familie, Verfügungsgewalt etc.
Jetzt schauen wir uns die Szene mal an.
5) Szene und Kollektivität
Wenn nun ein Gör da ist, haben der Mann und der größte
Teil der Szene die Kurve gekratzt. Das Kind und alles, was damit zusammenhängt,
wird zur Frauensache. Es ist schon eher die Ausnahme, wenn der beteiligte
Mann das Gör zwei Tage die Woche beherbergt und verpflegt. In dieser
Zeit ist die WG entweder höllisch genervt, schon völlig resigniert
oder bei Freund/inn/en bzw. bei den Eltern. Falls die Frauen überhaupt
noch zur Szene gehören.
Wenn in der Interim Nr. 45 steht "Jeder "verantwortliche Familienvater"
versucht wenigstens, sich genauso um die Erziehung seiner Kinder zu kümmern.",
dann ist das eine Hoffnung, hat aber nur eine geringe gesellinschaftliche
Richtigkeit, gleiches gilt mindestens für die autonome Szene. In der
Regel erzieht (unterdrückt) die Frau/Mutter. Sie bekommt noch Vorwürfe
und Schuldzuweisungen für nichtgebilligte Verhaltensformen des Kindes,
ihn interessiert höchstens ein (meist rollenspezifischer) Werdegang...
Zurück zur Szene. M. French schreibt in "Jenseits der Macht",
daß es keine biologische Mutterschaft gibt und außerdem wäre
es nicht bewiesen, daß "die ausschließliche Fürsoge der
Mutter für Kinder besser ist als die Fürsorge einer Gruppe."
(S. 853). Daß E.L. im Projektil Nr. 5 zum Schluß kommt, "daß
es eigentlich weder Mütter noch Väter gibt, sondern nur schwangere
Frauen und Bezugspersonen", wird durch die Geschichte bewiesen.
Wie sieht unsere Lebenssituation aus? In der Regel Einzelwohnung bis
Vier-Zimmer-WG's, außerhalb arbeiten. Hier kann unserer Meinung nach
höchstens von ersten kollektiven Schrittversuchen gesprochen werden.
Wie in der Swing Nr. 14 steht, ist vieles bei uns eher "hohle Phrase. Wo
die Annäherung im Alltag an kollektive Prozesse mit tausend Gründen
verhindert wird, weil viele (un)ausgesprochene 'Wenn`s und aber`s' 'kollektiv'
akzeptiert werden" (S. 25). Hier wird deutlich, daß eine Thematisierung
unserer Lebensform(en) mit ausdrücklicher Einbeziehung von Kids, Alten,
Behinderten... notwendig ist. Weiter ist die (immer wieder geforderte)
Genauigkeit und das Aufeinanderbeziehen nötig. Fragen könnten
sein: Materielle Organisierung, Umgang mit Kids..., Anzahl der Mitbewohnerinnen,
Entmütterlichung und Perspektiven (Kinderläden?), Verantwortung
aller, Wohnform (Haus, Bauwagen...) Tagesorganisierung, Arbeit, Bezugspersonen...
Hier wird deutlich, daß wir aus einem bürgerlichen Rahmen unserer
Kleinfamilien-WG ausbrechen würden. Dieser Ansatz hat aber u. U. auch
eine breitere Wirkung: Volxküche, Perspektive gelebt, Kindergärten/läden
und Entinstitutionalisierung, Arbeit(sentlastung), antipatriarchale Aufgabenteilung,
Kindautonomie... und Schutz.
Diesen letzten Punkt möchten wir noch genauer erklären. Je
mehr Leute verantwortlich auf einen Haufen wohnen, desto einfacher kann
die Alltagsorganisierung werden. Der Schutz vor Angriffen aller Art, die
Nähe und die Gesprächs- und Machmöglichkeiten sind viel
größer. Kids haben mehr Bezugspunkte, die Welt um sie ist lebendig
und groß, nicht fixiert. Dies mal so als Gedankenansatz.
6) Sexualität und Kids
Wieder kein Thema für uns. Hier gilt gleiches wie bei den Verwaxenen.
Da sie aber so sind, wie sie sind, ist es ein Thema. Die Gründe liegen
in der Sozialisation, Medien, Schweigen, Männermacht... Alles bedingt sich.
Beim Schweizer Sorgentelefon klingelte innerhalb von 59 Tagen 1000 mal das Telefon.
140 mal war das zweitmeiste genannte konkrete Problem die Sexualität. Rechen
wir noch Inzest dazu, ist es mit insgesamt 17,2% das größte Problem
(entfant t. Nr. 11/89). Die Dunkelziffer beim Letztgenannten ist weit höher.
Ein noch tabuisiertes Problem. Kids werden sexuell bedroht und gequält,
zu 90% Mädchen (wir wehren uns gegen die Begriffe "Mißbrauch/Mißhandlung"
durch Verwaxene, weil dann gäb's ja auch eine(n) gute(n) sexuelle Behandlung
(bzw. Gebrauch)!). Die Möglichkeiten und Hilfestellungen für die offengemachte
oder entdeckte Quälerei sind durch Broschüren der Frauen-/Mädchen-
und Notrufgruppen schon ausgiebig behandelt. Hier geht es jetzt um Öffentlichkeit
und Perspektiven. Eine ausschließliche und frühe Vorbeugung ist in
dieser Gesellinschaft schwer vorstellbar. Bücher, Broschüren, Filme,
Parteilichkeit, Vertrauen, Theater etc. können es den Kids vereinfachen,
offen zu reden und zu verarbeiten. Ein grundsätzliches Ziel "Kinder in
ihrem Selbstbestimmungsrecht und ihren Selbstverteidigungsfähigkeiten zu
stärken, ..." (Graswurzelrevolution Nr. 1/90, anarchistisch-pazifistische
Zeitung) ist ein erster Schritt, das Ziel sollte eine Haltung sein, "die Wünsche
und Forderungen der Kinder als gleichberechtigt akzeptieren" (Graswurzelrevolution).
Selbstbewußtsein und Autonomie sind der beste Schutz!
Warum dies so ausführlich? Wir denken, daß dieses Thema endlich in
der Szene, und möglichst genau und klar, diskutiert werden sollte, bevor
wieder ein derber Anlaß da ist. In diesem Zusammenhang liegt uns der "konkret"-Artikel
(die "Hör Zu" der Radikalen Linken) 3/89 (auch in Interim Nr.44) immer
noch im Magen. Es handelt sich um Pädophilie - die (sexuelle) Zuneigung
Verwaxener zu Kids und Jugendlichen. Er geht ganz gut auf die strukturelle Gewalt
gegen Kids ein und kritisiert zu Recht die juristischen Gegebenheiten. "Deshalb
ist die generelle Strafandrohung für pädophile Handlungen nicht zivilisiert
zu nennen, sie ist Unrecht, sie ist Verfolgung von Minderheiten, und sie gehört
abgeschafft," (konkret). Hier tauchen Fragen auf, wir sehen auch immer den patriarchalen
Hintergrund. Wie sehen die Kids dies, wie bewerten sie ihre ehemaligen Beziehungen
danach? Werden nicht Tor und Tür für die Großen geöffnet?
Wer/welche will hier werten? Welche Unterschiede bestehen zwischen Mann-Frau+pädo.
Wunsch? Uns mißfällt auch der Begriff "zivilisiert". Kids sind, egal
wo, durch ihre Situation (Ausreiserin, Trikont) zur Pädophilie (Kohlebeschaffung)
u.U. gezwungen. Dies wird ausgenutzt. Strafe ist sowieso nur Herrschaftsabsicherung.
Diese Frage u.a. sind versuchte Schritte zu einem heiklen Thema. Es interessiert
uns keine objektive Darstellung, wie es sein könnte, durch uns (un)betroffene
Große. Die Realität ist zu ergründen.
Eine breitere Relevanz ist deutlich:"Aufklärung", Sexualität, Medien,
Justiz, Quälereien und Vergewaltigung von Mädchen und Frauen, Pädaophilie...
(Leider zu "spät" bekamen wir einen neuen Antipatriarcharchatsreader aus
Köln, der u.a. auf Männersexualität und Folgen eingeht. wir empfehlen
ihn hier auf's heftigste).
7) Sozialisation, Erziehung und Pädagogik
Es ist schwierig diesen Komplex in Kürze darzustellen. Wegen seines Umfanges unterteilen wir nochmal: a) geschlechtsspezifische Erziehung/Sozialisation, b) Erziehung c) Pädagogik
a) Die geschlechtsspezifische Erziehung beginnt bei der Geburt. Mütter,
die "bestenfalls wegen der anerzognen Fähigkeiten besonders qualifiziert
ist (sind) für die Kindererziehung" (U. Scheu "Wir werden nicht als
Mädchen geboren", Ffm 1983, S. 72), üben ihr (unbewußtes)
patriarchales Handwerk ab der Geburt aus. (Die Grundlage für die folgenden
Aspekte ist eine Hausarbeit zweier Frauen "Aspekte der geschlechtsspezifischen
Sozialisation", Fachhochschule Hildesheim, März 1988. Alle Aspekte
stützen sich hierauf.)
Mütter nehmen ihre drei Wochen alten Jungen im Durchschnitt 27
Minuten länger aus dem Bett und in den Arm. Sinnesreize werden in
den ersten Monaten durch die Haut aufgenonmmen. Hier werden also Tastsinn
und Bewegungsempfindungen der Mädchen schon geringer "gefördert".
Diese geringere Stimulanz wirkt sich auf die Lebhaftigkeit aus. Mädchen
sind eher passiv. Auch wird den Jungen beim Stillen ein eigener Rhythmus
zugestanden. Mädchen werden zur Schnelligkeit angehalten. Im Alter
von zwei Monaten dauert sie 20 (!) Minuten länger. Der Beginn der
Sauberkeitserziehung beginnt bei Mädchen im 5. Monat, bei Jungen drei
Monate später. Dies reicht als Einblick. Hieran wird deutlich, wie
tief patriarchale Erziehung sitzt. Es ist ein wichtiger Bruchteil der Sozialisation.
Wir haben diesen Punkt weiter ausgeführt, weil um uns herum eine große
Unwissenheit ist, über die Unterschiede zwischen den verschiedenen
Behandlungen bei Mädchen und Jungen.
Werbung, Medien, Schule, Druck durch Freund/in, Verwandte etc. spielen
eine nicht unbedeutende Rolle. (Wer/welche kennt die "Bravo" nicht?) Ilse
Brehmer schreibt in "Inspektion der Herrenkultur" (Hrsg. C. F. Pusch: "Die
Fixierung auf das Persönlichkeitsbild eines autonomen Mannes läßt
die Entwicklung von Mädchen nur als Rand- oder Sonderproblem zu."
So weit, so schlecht.
b) Erziehung
"... nichts nötiger brauchen als eine Mutter und nur eine, die
alles das wieder gut machen kann, die Schutz und Sicherheit gibt, durch
die alle schlechte Erfahrungen kompensiert werden können." (Swing
Nr. 14). Hieran wird unserer Meinung nach schon vieles deutlich. Was früher
rausgeprügelt wurde, wird heute weggeliebt. Die Wirkung ist genauso
qualvoll, hierarchisch und entmutigend. Kids sind doof, verstehen nichts
und können Erlebnisse nicht verarbeiten. Mütter müssen ihre
Kids erziehen, ist dann eine liebevolle, verständliche und hoffnungsvolle
Konsequenz.
Wir fragen uns häufig, warum die Bevölkerung, darunter auch
der große Teil der Szene, so "führer/in/hörig" ist, warum
so wenig Selbstverantwortung, Selbstbewußtsein, aber auch Konsumdenken
und soviel Bequemlichkeit (enger Horizont) da sind. Einer, wenn nicht sogar
der wichtigste Punkt, ist die Erziehung. Als Kids wird uns gelehrt, Autoritäten
zu gehorchen, da sie immer Recht haben. Selbst wenn's anders sein soll,
gilt dies. Die Gefühle, die Gegenbeweise zählen erst einmal nicht.
So nach dem Motto "ich weiß besser, was gut und richtig ist". Hieraus
entsteht logischerweise eine Verwirrung des "kleinen" eigenen Inneren.
Mit der Zeit wird aus dem Selbstbewußtsein, aus dem tiefen Ich ein
Schlachtfeld. Orientierungslosigkeit und Vereinsamung (verstärkt durch
Kleinfamilie und Wohnisolation) führen zum Blick auf "Führer/innen",
auf Leute, die den Durchblick haben, die anbieten, meine äußerlichen
Widersprüche (Wohnung, Arbeit, Kohle) zu lösen, und wo wir hoffen,
damit auch das Innere zu klären. Die Verantwortung für mich tragen
die Autoritäten, denn die wissen ja besser Bescheid. Dies lernen wir
von Kind auf. Nicht meine Entscheidung als Kind ist wichtig, sondern was
der/die Verwaxene will; nicht was ich tue, ist wichtig, sondern wie es
die Großen bewerten; nicht das, was ich mache, ist wichtig, sondern
ob der/die Herrscher/in dies gut findet. Belohnung und Bestrafung. Die
Grenzen des Erlaubten können auch unendlich sein (antiautoritär),
aber dann lerne ich, daß die Großen sich nicht ernst nehmen,
sich quälen lassen von mir als Gör etc.
H. Giesecke erkannte 1969, noch als Erzieher: Erziehung impliziert
(beinhaltet d.T.) immer ein Gewaltverhältnis von Menschen über
Menschen...". "Ich weiß besser, was für dich gut ist" Leitspruch
des Imperialismus, des Patriarchats, des (Staats-) Kapitalismus und jeden
Staates - Leitspruch der Erziehung.
Es ist konsequent, daß Erzogene in der Regel später selbst
erziehen. Dies in Kürze. Es ist hoffentlich deutlich geworden, was
Erziehung ist - Mord an Lebendigen!
c) Pädagogik:
Früher Kinder- und Knabenführung, heute die wissenschaftliche Absicherung
von Kontrolle und Dressur. Sie umfaßt Erziehung und Bildung, Philosophie
davon und ihre Geschichte. (Das letzte ist immer gut, sehen wir doch, wie weit
wir heute sind!) Pädagogik ist der Versuch, Vorgänge zwischen Männer
und Frauen zu versachlichen, Kriterien und Antworten zu finden. Sie ist Profilierungsfeld
der Erwaxenen auf den Körpern ihrer Kids (Versuchskarnickel!). Ihre Grundlage
ist eine zu formende Noch-Unperson -das Neugeborene!
Die Alternative zu den großen Pädagogik-Strömungen dienen der
weiteren Herrschaftsabsicherung und sind Ausdruck der bürgerlichen Gesellinschaftsströmungen.
Sie möchten sich ja auch ausleben, und nach 20/30 Jahren Unterdrückung
möchte ja auch ein/e Grüne/r ein bißl mächtig sein.
Aber auch ein Großteil der Antipädagogikvertreter/innen sind inkonsequent.
Ihr reduzierter Blick auf Nicht-Erziehung von Kids ist eine Verlogenen und meist
defensive Inselmentaltität.
Eine konsequent anti-pädagogische und gesamtgesellinschaftliche offensive
Herangehensweise mit einer libertären Perspektive (Schule und Entschulung,
Unis, Lebensisolation, Kinderselbstbestimmung, "Rechte" etc.) ist eine individuelle
Veränderungsmöglichkeit, aber auch ein Kampf der Unterdrückten
gegen die Herrschaft. Die Praktizierung/Umsetzung ist heute möglich! Die
Auflösung der Hierarchien Kinder, Alten, Behinderte etc. ist ein wesentlicher
Punkt.
8) Institutionen
Vom Kindergarten über Schule, Ausbildung bis Uni, Büros und Betrieben
wird unterdrückt. Aus mutigen kleinen Rebell/inn/en werden angepasste Erzieher/inn/en
oder sie fallen unter den konsumgesellinschaftlichen Tisch. Wenigen gelingt
es ihr Selbstbewußtsein und ihre Gefühlswelt zu bewahren (unsere
Autonomie ist meistens nur eine Verneinung unserer Eltern, der Erziehung und
Schule und die bekämpfen wir oft in Form von Bullen auf der Straße).
Innerinstitutionelle Konkurrenz, Bewertungen, Zwänge bauen ein Heer von
Masken auf. Wir sollen oft zu Objekten einer sadistischen Einpressung in die
so gehaßte Ellenbogenschaft werden.
"Wir brauchen keinen Streß, keine Gehirnwäsche, keine Lebens- und
keine (Welt)Muster, sondern lernen die Sachen, die wir wissen wollen von unseren
Freunden, mit denen wir freiwillig zusammenleben" (Indianerkommune Nürnberg,
Flugi 10/87).
Der Pädagogikbereich und deren Institutionen (dazu gehört auch die
Lehre oder Erziehung zu sozialer Kontroll-Blockwart/wärtin/mentalität)
haben sich kaum verändert. Daß z.B. die Sozis jetzt getrennt-geschlechtliche
Schulklassen wegen der Chancengleichheit befürworten, ist Klitterung. Es
geht weiterhin um die maximale Ausbeutung menschlicher Ressourcen.
Innerinstitutionelle Veränderung (die ihnen eigene Struktur und Bürokratie
und die vermittelten Inhalten) sind fast unmöglich und nur mit einer Masse
Leute zu bewirken. Hier ist es einfacher, gleich den Überbau zu kippen,
um gemeinsam die diskutierten und ausprobierten eigenen Sachen aufzubauen. Denn
Institutionen schaffen durch staatliche Vorschriften und Wert- und Normenvorstellungen
auf Dauer Zwänge und Erwartungen, was in der Regel zur Distanzierung, Ängsten,
Konservierung, Sicherheitsdenken, Machtansprüche etc. führt.
9) Mittel
Ob Kinderbücher, ob Schulbücher, ob Sportunterricht oder Klassenarbeiten
immer wird sich am Mann orientiert. Ausnahmen sind die "frauenspezifischen"
Aufgaben, die zu Ende gedacht aber auch nur unterstützend dem patriarchalen
Gebilde dienen.
Spielzeug, Freizeitangebote, Diskussionen, Zeitungen, Werbung, TV und
Bücher: in fast allem wird eine Rolle festgelegt, die Mittel sind
dem angepaßt. Es geht nicht um gleichmachende Mittel oder Mann/Frau-Gleichheit,
sondern um die vom Kapitalismus produzierten Mittel, dies zu festigen und
auszubauen. Es geht uns darum, die Geschichte der Unterdrückten zu
entdecken, um neue (alte) Mittel zu finden, eine nicht-leistungsorientierte
und antipatriarchale Gesellinschaft wenigstens ansatzweise zu konkretisieren.
Literatur von und für Verwaxene je nach Interesse gibt's genug. Warum
sollte es nicht in allen Bereichen möglich sein?
Dies Papier wurde 1993 von zwei Autoren in Kiel geschrieben und veröffentlicht.