Stefan Gurtner:
Das Leben des jüdischen Verlegers Werner Guttentag zwischen Deutschland und Bolivien

Verlag Edition AV
ISBN 978-3-86841-069-3
1. Auflage 2012


Rezension von Anja Kraus

Kaum ein Buch hat mich in den letzten Jahren so gefesselt, wie das Buch über das Leben des jüdischen Verlegers Werner Guttentag.
Als ich es geschenkt bekam, schauderte mich ob der Dicke - 517 Seiten in kleiner Schrift, und das, wo ich kaum zum Lesen komme und beruflich viel vor dem PC sitzen muss…
Da ich jedoch für eine ehrenamtliche Arbeit nach Bolivien reiste, nahm ich das Buch für die vielen Stunden im Flieger mit ins Handgepäck. Was für ein Glück…
Der Autor Stefan Gurtner, der selbst in Bolivien lebt, von Beruf Historiker und namentlich beteiligt am Projekt für Strassenkinder „Tres soles“  in Cochabamba, hat enorme Arbeit in seine Recherchen gesteckt.
Lesend erfahre ich ein gutes Stück deutscher Geschichte aus Westpreußen, denn Werner Guttentag ist als nichtorthodoxer jüdischer Junge in der Oderstadt Breslau (poln. Wrocław), im heutigen Polen, aufgewachsen.
Anschaulich und fesselnd beschreibt der Autor Kindheit und Jugend Werner Guttentags in Breslau. Weiter die Verfolgung der jüdischen Bevölkerung anhand vieler Einzelbeispiele, die Flucht nach Holland aus der Sicht der Betroffenen. Die Leser können sich mit den Flüchtlingen voll und ganz identifizieren, mit ihren Ängsten, ihrer Verdrängung der Gefährlichkeit der Lage, ihren alltäglichen Problemen. So trägt das Buch zur Aufarbeitung der deutschen Geschichte bei, indem es Betroffenheit auslöst, die meines Erachtens nur zu einer antifaschistischen Haltung führen kann.
Detailliert recherchiert Gurtner die weitere Flucht nach Bolivien, die Ankunft im Flüchtlingsheim und die ersten Versuche, in einem fremden Land Fuß zu fassen.
Und nun wird es für alle, die sich für die Geschichte Boliviens interessieren, so richtig spannend, was tagsüber zu leichten Übermüdungserscheinungen von der nächtlichen Lektüre führen kann.
Werner Guttentag fängt infolge seines Interesses an Büchern und wegen seiner Liebe zur Meinungsfreiheit einen kleinen Buchladen an und beginnt, aus Dankbarkeit zum Land seiner Retter, die bolivianische Literatur zu verlegen. Dabei lernt er auf seinem langen Lebensweg  einen Großteil der politisch aktiven Intellektuellen kennen, die im Verlauf der bolivianischen Geschichte eine bedeutende Rolle spielen. Sein bester Freund wird der künftige Bürgermeister von Cochabamba, der nach einem Putsch ins Exil muss, ein anderer Freund ist der Schwiegervater des Freiheitskämpfers Inti Peredo, eines Kampfgefährten von Che Guevara. Stefan Gurtner recherchiert genauestens die kurze Geschichte der Guerilla in Bolivien. Auch das Leben der jungen ostdeutschen Kampfgefährtin Che's, Tamara Bunke, wird detailliert beschrieben.
In seinem Buchladen trifft Guttentag auf den Naziverbrecher Klaus Barbie alias Klaus Altmann, der sich unter falschem Namen in Bolivien versteckt. Erst später erfährt er dessen wahre Identität und findet heraus, dass dieser für den Abtransport seines besten Jugendfreunds aus Holland direkt in die Todeskammer verantwortlich war.Unter dem faschistischen Regime von Banzer, organisiert Klaus Barbie als erneute Schandtat die bolivianischen Todeschwadrone in seiner Rolle als Berater der Militärjunta.
Nach Banzer aber beginnt eine demokratische Ära, denn das Leben ist nun mal einem ständigen Wandel unterworfen, dem auch faschistische Regime nicht standhalten:
Es gelingt einem seiner alten Literaturfreunde, einem unter Banzer Verfolgten, der nun Innenminister in der jungen bolivianischen Demokratie ist, mit Hilfe der Nazijägerin Beate Klarsfeld und infolge ihrer hervorragenden Arbeit, Klaus Barbie festzunehmen und nach langen Jahren dessen Auslieferung und Verurteilung für seine Greueltaten zu erreichen.
Werner Guttentag stirbt im Alter von 88 Jahren. Seinen Buchladen „Los Amigos del Libro“ entdecke ich auf der nächsten Busfahrt in La Paz in einer Nebenstrasse der Plaza Murillo. Er sieht verlassen aus und wie so viele Buchläden hat der Laden mit dem Internetzeitalter  seine besten Zeiten hinter sich – leider.
Es hat mich sehr berührt, dass ich viele Nachfahren der jüdischen Flüchtlinge, die heute  in La Paz leben, persönlich kennenlernen durfte, bei  ihnen zum Essen eingeladen war und diese mir ihrerseits die Geschichte ihrer Familie erzählt haben. So war das Buch auch ein Buch über die Geschichte von Freunden.
Lest dieses Buch – es lohnt sich.