Der Text basiert auf einem Vortrag, der während einer gutbesuchten Veranstaltung im Museum für Moderne Kunst, Frankfurt/Main, 1992 anläßlich des 65. Jahrestages der Hinrichtung von Sacco und Vancetti gehalten wurde. Dabei wurde auch aus Briefen von Sacco und Vanzetti, die sie während ihrer Inhaftierungszeit geschrieben hatten, vorgelesen.
Mord und Todesstrafe sind nicht Gegensätze, die einander aufheben, sondern Ebenbilder, die ihre Art fortpflanzen.
George Bernard Shaw, anglo-irischer Schriftsteller (1856-1950)
Nicola Sacco (geb. 1891 in Torremaggiore/Foggia) und Bartholomeo Vanzetti (geb. 1888 in Villa Faletto/Cuneo) wurden in der Nacht vom 23.8. auf den 24.8.1927 im Staatsgefängnis von Charleston, Massachusetts auf den elektrischen Stuhl hingerichtet.
Sacco
war Arbeiter in einer Schuhfabrik und Vanzetti, gelernter Konditor, verkaufte
als ungelernter Arbeiter zur Zeit seiner Verhaftung Fische. Sie waren 1908 mit
großen Hoffnungen aus Italien in die USA eingewandert, da sie dort die
Chance für ein besseres Leben sahen. Dort lernten sie sich innerhalb der
ArbeiterInnenbewegung kennen, und zwar in den Gruppen um Galleani und Tresca,
die anarchistische Zeitungen herausgaben. Schon damals hatten sie eine freiheitlich-sozialistische
Einstellung. Um ihrer Einberufung zum Wehrdienst zu entgehen, fuhren sie zusammen
mit anderen Genossen nach Mexiko und wurden Freunde.
Am 5.5.1920 wurden Sacco und Vancetti in New York verhaftet. Ihnen wurde vorgeworfen am 15.4.1920 in South Braintree, Massachusetts einen Raubmord an dem Lohnbuchhalter Palmenter und dem Wächter Berardelli begangen zu haben. Aufgrund ihres öffentlichen Engagement innerhalb der ArbeiterInnenbewegung, ihres Kampfes um allgemeinbildende Schulen und das Recht auf Bildung sowie ihrer anarchistischen Einstellung wollten die staatlichen Institutionen eine Verurteilung zum Tode um jeden Preis.
Obwohl
Sacco und Vanzetti Alibis für die fragliche Zeit hatten, wurden Entlastungszeugen
nicht vernommen, Beweismittel zurückgehalten und eine parteiisches Geschworenengericht
auf den Fall angesetzt. Richter Webster Thayer ließ es sich nicht nehmen
in aller Öffentlichkeit zu verlauten: "Denen werden wir's schon zeigen,
und die Kerle aufhängen."
So kam es, daß Sacco und Vanzetti am 31.3.1921 in Dedham zum Tode verurteilt wurden. Das Justizverbrechen steuerte dem Mord entgegen. Doch das Todesurteil löste in der ArbeiterInnenschaft Amerikas, und nicht nur dort, einen Sturm der Entrüstung aus, so daß sich ein langjähriger Kampf mit einer weltweiten Solidaritätskampagne um die Aufhebung des Urteils entspann.
Der Portugiese Celestino Madeiros, der wegen Raubmordes zu Tode verurteilt
war, ließ am 18.11.1925 Sacco einen Zettel im Gefängnis zukommen
mit den Worten: "Ich bekenne hiermit, an dem Verbrechen in South Braintree
beteiligt gewesen zu sein, Sacco und Vanzetti sind dagegen nicht dabei gewesen."
Dies wurde zudem noch von einem Komplizen belegt. Der Raubmord war das Werk
der Morelli-Bande gewesen. Doch selbst diese Aussagen beeindruckte die amerikanische
Justiz nicht.
Die Revisonseingaben wurden abgewiesen. Der Gouverneur von Masachusetts, Fuller, lehnte alle Gesuche ab.
Als ein
Hinrichtungstermin 1927 am 10.8.1927 bekannt wurde, kam es wegen zweier einfacher
Arbeiter zu einer bis dahin noch nie gesehenen Protestwelle rings um den Erdball.
Es kam zu vielen Anschlägen, gewaltigen Demonstrationen und wilden Streiks
bis hin zu Generalstreiks in Südamerika. Dabei waren durch harte, staatliche
Unterdrückungsmaßnahmen etliche Menschenleben zu beklagen. In Genf
stürmte eine empörte Masse das Völkerbundgebäude und schlug
den berühmten Glassaal in Trümmer.
Selbst gesetzgebende Körperschaften forderten Gouverneur Fuller
auf, die beiden Anarchisten freizugeben.
Alle US-Botschaften wurden streng bewacht. In Tokio zog sich der US-Botschafter
auf seinen Landsitz zurück. In vielen Städten Deutschland protestierten
ArbeiterInnen. In Berlin gab es eine Riesendemonstration. Selbst die amerikanische
Presse berichtete nun von "Unstimmigkeiten" während des Prozesses.
Doch der amerikanische Staat demonstrierte Härte. Letztendlich wurde das Urteil in der Nacht vom 23. auf den 24.8.1927 vollstreckt. Zusammen mit Sacco und Vancetti wurde Madeiros hingerichtet.
Sacco und Vanzettis Vermächtnis aus der Todeszelle:
"Macht aus unseren Leiden, aus unserem Schmerz, unseren Fehlern,
unseren Niederlagen und aus unseren Leidenschaften für die künftigen
Schlachten und die große Emanzipation ein kostbares Gut."
Im Juli 1977 gab der Gouverneur von Massachusetts eine Ehrenerklärung für Sacco und Vancetti und deren Familien ab.
Im Frühjahr 1992 saßen in den USA 2588 Personen in den Todeszellen (soviele wie noch nie), darunter 1316 Weiße, 1008 Schwarze, 185 Hispanos, 47 Indianer, 19 Asiaten, die restlichen 13 sind unbekannter Nationalität oder Abstammung. 41 Frauen warten auf ihre Hinrichtung.
1987 räumte sogar der Oberste Gerichtshof ein, daß Rassendiskriminierung und sonstige Ungleichheiten bei einem Todesstrafenverfahren ein offenbar "unvermeidbarer Teil des Strafprozesses" seien.
Bill Clinton (gab während seiner 10jährigen Amtszeit als Gouverneur von Arkansas keinem einzigen Gnadengesuch statt) und Georg Bush sind beides Befürworter der Todesstrafe. Bis zu 80% der US-BürgerInnen befürworten die Todesstrafe. Wird differenziert gefragt sinkt die Zustimmung.
Nur sechs Länder (USA, Irak, Iran, Nigeria, Pakistan, Bangladesch) überhaupt erlauben die Hinrichtung Minderjähriger. Auch Geisteskranke werden in den USA hingerichtet.
In den Garantien zum Schutz der Rechte von Personen, denen die Todesstrafe
droht (Resolution 1984/50 des Wirtschafts- und Sozialrates der Vereinten
Nation) heißt es in Absatz 4:
"Die Todesstrafe darf nur verhängt werden, wenn die Schuld
des Angeklagten eindeutig und überzeugend bewiesen und keine andere
Erklärung der Fakten möglich ist."
Im Fall Coleman, der am 20. Mai 1982 im US-Bundesstaat Virginia auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet worden ist, weist alles darauf hin, daß gegen diesen Grundsatz verstoßen worden ist.
Amnesty International wendet sich in allen Fällen gegen die Todesstrafe, weil sie eine Verletzung des Rechts auf Leben und des Rechts, keiner grausamen, unmenschlichen oder erniedrigender Behandlung oder Strafe unterworfen zu werden, darstellt. Diese Rechte sind in der Allgemeinen Erklärung der Menschrechte und in anderen internationalen Übereinkommen verankert.
Die Befürworter der Todesstrafe behaupten, sie schrecke andere von Verbrechen ab. Statistisch läßt sich das nicht erhärten. Im Gegenteil: Länder mit Todesstrafe haben meist eine hohe Rate der sog. Schwerstkriminalität. KriminologInnen behaupten sogar, daß Hinrichtungen Gewaltverbrechen fördern, weil sie zeigen, daß die Gesellschaft Töten billigt.
TodesstrafengegnerInnen in den USA haben dafür einen griffigen
Slogan geschaffen. Es heißt:
Warum töten wir Menschen, die Menschen getötet haben?
Um zu zeigen, daß es Unrecht ist, Menschen zu töten?
Literatur:
Augustin Souchy: Sacco und Vanzetti, Verlag freie Gesellschaft, jetzt Karin
Kramer Verlag, Berlin