Erneuerbar oder fossil
Atomkraft verhindert Energierevolution

Kommentar von Jörg Welke

(Jörg Welke arbeitet für die Kampagne "Atomausstieg selber machen", www.atomausstiegselbermachen.de)

Das Verlangen nach mehr Atomkraft angesichts zugedrehter russischer Ölhähne entspricht in zweierlei Hinsicht dem Ansinnen, während einer Hungersnot mehr Geld zu drucken: Die Erste: Geld kann man nicht essen, mit Atomstrom nicht Autofahren. Die Zweite: In beiden Fällen lenken populistische Forderungen von den eigentlichen Problemen ab. An dieser Stelle endet die Parallele: Mit Atomkraft lässt sich ordentlich Geld verdienen, zumal die deutschen Meiler längst abgeschrieben sind und als Gelddruckmaschinen in der Landschaft stehen.

Die derzeit ins Spiel gebrachten Argumente für Laufzeitverlängerungen von Atomkraftwerken können leicht entkräftet werden: Gesicherte und wirtschaftlich sinnvoll förderbare Uranvorkommen werden in absehbarer Zeit verbraucht sein; die Technik ist nach wie vor nicht beherrschbar, das so genannte Restrisiko eines GAUs ist nicht gebannt (auch wenn die Fast-Katastrophe im schwedischen Forsmark im vergangenen September fast schulterzuckend zur Kenntnis genommen wurde); niemand weiß, wo der jahrtausende radioaktiv strahlende Atommüll sicher gelagert werden kann; Atomkraft kann - bei einem Anteil von 25 Prozent an der Stromproduktion - nichts Wesentliches zur CO2-Reduktion beitragen.

Das alles sind sattsam bekannte Scheingefechte, die fast zyklisch ausgetragen werden, seit es Atomkraft gibt. Aber anders als vor zwanzig Jahren ist nun eine neue Situation entstanden: Über Expertenkreise hinaus ist in der Öffentlichkeit die Erkenntnis gewachsen, dass etwas sehr schief läuft mit unserer Umwelt - und dass wir selbst daran Schuld sind. Der Klimawandel ist auf unseren Fernsehbildschirmen angekommen und wir spüren ihn am eigenen Leib. Selbst der sonst in Sachen Ökologie unverdächtige Boulevard schreit auf und malt den Wetterteufel an die Wand. Hinzu kommt: Auch wenn schon lange bekannt ist, dass die fossilen Ressourcen endlich sind, wird der Schreck über die Erkenntnis, in absehbarer Zeit ohne Öl und Gas dazustehen, zur Panik angesichts des erwachten Energiehungers von China und anderen Schwellenländern.

Klimawandel, Ressourcenknappheit und die daraus resultierende Eskalation regionaler und möglicherweise auch bald internationaler Konflikte führen auch bei Entscheidungsträgern zu der Einsicht: Es muss etwas geschehen. Und genau wie in Heinrich Bölls gleichnamiger Kurzgeschichte geschieht - nichts. Jedenfalls nicht genug.

Dabei geht es um sehr viel mehr: Es geht darum zu entscheiden, wie wir künftig leben wollen. Jetzt muss entschieden werden, ob wir weiter so machen wie bisher und uns mit ein wenig Erneuerbaren Energien hier, ein bisschen Atomkraft da und etwas Energieeffizienz dort durchwurschteln. Zu diesem Wurschteln gehören übrigens auch der Neubau von Kohle-Großkraftwerken und die scheinbar naturgegebene Hinnahme der Produktion von Autos, die mehr als sechs Liter verbrauchen.

Oder wir entscheiden uns für einen neuen Weg, dezentralisieren unsere Energieproduktion, stellen sie auf Erneuerbare Energie um, schaffen damit hunderttausende Arbeitsplätze und pfeifen auf die großen Konzerne, mit denen diese Revolution nicht machbar sein wird. Ein "weiter so" mit der Atomkraft würde diese Revolution aufhalten und im Sande versickern lassen. Die Entscheidung heißt: erneuerbar oder fossil.

Dieser neue Weg ist längst beschrieben worden: Der SPD-Bundestagsabgeordnete Hermann Scheer hat unlängst in seinem Buch "Energieautonomie" beschrieben, wie die Zerschlagung der Energie-Dinosaurier und die Dezentralisierung der Energieversorgung ablaufen kann. Nebenbei räumt er mit zahlreichen Vorurteilen auf, wie etwa dem, dass Erneuerbare Energien nicht zur 100-prozentigen Versorgung ausgebaut werden könnten, oder dass sie nicht speicherbar seien. Amory Lovins, Leiter des Rocky-Mountain-Instituts, hat in der gemeinsam mit dem Pentagon angefertigten Studie "Winning the Oil Endgame" vorgerechnet, wie die USA mit der konsequenten Weichenstellung für Erneuerbare Energien in wenigen Jahren vom Öl unabhängig werden, gleichzeitig enorme militärische Haushaltsmittel sparen und die amerikanische Wirtschaft auf Vordermann bringen können.

Die aktuelle Diskussion um die Atomkraft ist im Licht der Dimensionen dieser Weichstellungen äußerst armselig. Warum so wenig geschieht, liegt auf der Hand: Wer erwartet von regierenden Politikern mutige Entscheidungen mit Weitsicht über die nächste Wahl hinaus auch gegen die Interessen der wirtschaftsmächtigsten Konzerne?

Zum Glück müssen wir nicht auf die Entscheidungsträger warten, sondern können uns selbst entscheiden. Niemand ist gezwungen, Kunde der großen Energieversorger zu sein. Jeder Stromverbraucher hat die Möglichkeit, der Atomkraft und anderen fossilen Energieträgern zu entsagen und Erneuerbare Energien zu fördern, indem er letztere kauft. Ökostromanbieter bieten inzwischen Preise an, die mit denen konventioneller Anbieter mithalten können, und sie investieren in Regel in den Bau weiterer solarer Energieanlagen. Wenn sich genug Menschen in Deutschland für diesen Weg entscheiden, wird die Diskussion um Atomkraft so überflüssig wie die Atomkraft selbst. Es kauft sie dann nämlich niemand mehr.