3. APRIL 1999, DIE ZElT Nr.16
Als was mußten
sie sich nicht schon beschimpfen lassen, die armen Börsenspekulanten. Lustmolche
hat man sie genannt, weil sich hinter ihrer Gier nach Geld nichts anderes verberge
als ein Übermaß an unbefriedigtem Sex. Auch Mörder, nur weil ein Franzose namens
Vidermann einmal geschrieben hat, Geld sei das Blut der Gesellschaft. Und wer
übermäßig viel davon an sich bringen wolle, werde von unbewußten Tötungswünschen
getrieben.
Selbst wenn daran
etwas Wahres wäre, es ist extrem bösartig, ausgerechnet die Spekulanten damit
in Verbindung zu bringen. Wer sich in der Szene auskennt, der weiß, daß sie
ebenso gute Menschen sind wie du und ich. Vielleicht sogar bessere: Denn sie
haben den Kampf für eine andere Gesellschaft, für mehr Freiheit und Gerechtigkeit
noch nicht aufgegeben. Unermüdlich stellen sie sich gegen das System.
Gut, sie legen
nur selten eine Bombe. Und auch Phrygiermützen hat man an der Börse lange nicht
mehr gesehen. Aber das täuscht. Die Spekulanten sind Anarchisten, wie sie im
Buche stehen: in einem Buch von Fernando Pessoa nämlich, dem portugiesischen
Dichter. In den meisten seiner Werke frönt Pessoa ja einem unergründlichen Weltschmerz,
unter dem seine Landsleute, besonders die dichtenden, leiden. Aber in einem
Buch hat Pessoa sich mit der großen Frage beschäftigt, wie der Kampf des Anarchismus
gegen das Kapital zu einem erfolgreichen Ende gebracht werden kann: "...wie
sich", fragt er, "seinem Einfluß und seiner Tyrannei entziehen, ohne
ihm aus dem Weg zu gehen?" Die einzige Methode, so schlußfolgert Pessoas
Hauptfigur mit, der Kraft ihrer anarchistischen Überzeugung, ist folgende: Es
zu erwerben, in so großer Menge zu erwerben, daß sein Einfluß nicht mehr spürbar"
werden kann.
Wer sich befreien
will, hat also nur eine Chance: spekulieren, was das Zeug hält. Auch in Deutschland
scheinen das immer mehr zu kapieren. Während anarchistische Anschläge deutlich
nachlassen, steigt das Interesse an der Börse zusehends. Und wenn der Dax mitspielt,
dann ist der Sieg der Anarchie nicht mehr fern.
Udo Perina