Dieser Text ist Teil der neuen Zeitschrift '100 Jahre Plattform - Einführende Textsammlung zu Anarchismus und Organisation', die wir euch auch gerne zuschicken! Weitere Infos unten.
Die Organisationsplattform der Allgemeinen Anarchistischen Union feiert dieses Jahr ihren 100. Geburtstag. Zu diesem Jubiläum widmet sich der vorliegende Artikel den Fehlern der damaligen anarchistischen Bewegung und der historischen Kritik der Organisationsplattform. Er soll eine grundsätzliche Skizze des Plattformismus mit seinen organisatorischen Prinzipien zeichnen, denn obwohl die Originalfassung 1926 erschien, hält sich die Kritik bis heute.
Die Ursprünge des Plattformismus lassen sich grob auf die revolutionären Kämpfe im Zuge der russischen Revolution von 1917 zurückführen. Rund um diese bildete sich in der Ukraine eine bäuerliche anarchistische Bewegung, auch Machnowtschina bzw. Machno-Bewegung genannt. Der Name gilt ihrem Initiator, dem ukrainischen anarcho-kommunistischen Revolutionär Nestor Machno, der sich stark von den Ideen Bakunins und Kropotkins inspirieren ließ. In den Jahren von 1917 bis 1922 war es der Machnowtschina gelungen einen großen Teil der südöstlichen Ukraine zu gewinnen. Die Region wurde in einem Netzwerk selbstverwaltender Kommunen, Gewerkschaften und Volksversammlungen direkt und ohne Staat von den dort lebenden Menschen organisiert.
Herzstück der Selbstverwaltung waren die sogenannten freien Sowjets: unabhängige Räte, die keine Parteien zuließen, sondern Werkzeug zur Organisation von Arbeiter:innen und Bäuer:innen selbst waren. In regelmäßigen Abständen kamen diese dort zusammen, um kollektive Angelegenheiten zu besprechen, Probleme zu lösen und alltägliche Prozesse zu verwalten. Diese Sowjets waren stark lokal verankert und vernetzten sich auch auf regionaler Ebene. Jeder Rat blieb jedoch autonom - eine von unten nach oben wachsende Struktur.
Den autoritär-kommunistischen Bolschewiki waren die freien Sowjets ein Dorn im Auge, in ihren Regionen hatten sie diese längst entmachtet. Trotz vorheriger Zusammenarbeit hintergingen sie 1920 die Machnowtschina: Lenin, der damalige Vorsitzende der 'Sowjet'union lud Machnos Führungsstab zu Verhandlungen ein, wo er sie allesamt erschießen ließ. Roter Terror überzog die Ukraine, die Bevölkerung wurde entwaffnet und die freien Sowjets abgeschafft. Nach harten Kämpfen unter starkem Widerstand mussten Machnos Truppen nach Rumänien fliehen. Was zurückblieb, waren zahlreiche Tote, Verletzte und Inhaftierte, das letzte große Aufbäumen wirklich revolutionären Geists in der UdSSR war beendet.
erwundet kam Nestor Machno selbst über Umwege nach Paris und gründete zusammen mit seinem Mitstreiter Pjotr Arschinoff, das libertär-kommunistische Monatsblatt Dielo Truda - die Sache der Arbeit. Später stieß auch Ida Mett, Revolutionärin und Ärztin, als Sekretärin und Mitautorin hinzu. Die Gruppe russischer Anarchisten im Ausland, so nannten sie sich selbst, verfasste im Pariser Exil 1926 die Organisationsplattform der Allgemeinen Anarchistischen Union - das dem Plattformismus bis heute zu Grunde liegende Dokument.
Die Plattform war in erster Linie eine Abrechnung. Mit einem selbstkritischen Blick auf die eigene Bewegung war es der Versuch nach dem Scheitern der Revolution den damaligen Zustand des Anarchismus in Europa genauer unter die Lupe zu nehmen. Was lief schief? Weshalb konnte die anarchistische Bewegung nicht auf den Errungenschaften der Arbeiter:innen aufbauen? Warum trieb es so viele ausgerechnet zu den Bolschewiki? Die Plattform erkannte, dass die Antwort auf viele dieser Probleme und Fragen in der Form der Organisierung der Anarchist:innen selbst liegt. Die Desorganisation und der allgemein klägliche Zustand der anarchistischen Bewegung führten letztendlich zur Niederlage und zum Zusammenbruch der Revolution. Das Ziel der Plattform war es, sich von dieser Formlosigkeit abzugrenzen und dem Anarchismus wieder einen organisierteren, revolutionäreren und klassenkämpferischeren Charakter zu verleihen. Zeitgleich will sie den Entwurf einer neuen anarchistischen Organisation skizzieren: die Allgemeine Anarchistische Union.
Dielo Truda kritisierte 1926 die Gestaltlosigkeit des Anarchismus in Europa. Der Grund für ihr Scheitern war die chronische allgemeine Desorganisation. Doch wie konnte man diesem Problem entgegnen? Der Plattformismus antwortete darauf mit dem Konzept des Organisationsdualismus. Dieser setzt voraus, dass Verbindlichkeit, Struktur und Organisation nicht per se Herrschaft bedeuten, sondern im Gegenteil notwendig für jede gesellschaftliche Entwicklung sind. Es kommt vor allem darauf an, wie man sich organisiert, für Dielo Truda musste dies auf zwei parallelen Ebenen passieren: einerseits spezifisch als revolutionäre Anarchist:innen, andererseits breit in den Kämpfen der Massen um Befreiung. Dieses Konzept war eine direkte Antwort auf zwei Organisationsmodelle, die den Anarchismus zu dieser Zeit sehr stark prägten:
In den 1920er Jahren kam der Ansatz eines synthetischen Anarchismus verstärkt auf. Synthetizismus ist ein Organisationsmodell, das eine möglichst breite anarchistische Organisation vorschlägt, die durch Inklusion aller Strömungen zusammengehalten wird. Dieser umfasste zur damaligen Zeit insbesondere den Anarchosyndikalismus, Anarchokommunismus und den individualistischen Anarchismus. Heutzutage gibt es noch viel mehr Strömungen im Anarchismus, die auch in dieser Synthese zu finden wären, wie beispielsweise der Anarchoprimitivismus. Die Hauptvertreter des Synthetizismus waren Volin, ein anarchistischer Theoretiker aus Russland und Sébastien Faure, ein französischer Anarchist und libertärer Pädagoge.
Die Plattform kritisierte jenen synthetischen Anarchismus:
"Da sie unterschiedliche theoretische und praktische Ansätze versammeln würde, wäre eine solche Organisation nichts anderes, als ein Sammelsurium von Personen, die unterschiedliche Ansichten zu allen Fragen der anarchistischen Bewegung vertreten; bei der ersten ernsthaften Bewährungsprobe würde sie unvermeidlich auseinanderfallen." S. 18 in: 'Organisationsplattform der allg. anarch. Union', bei anarchismus.de erschienen.
Die russische Revolution von 1917 machte diesen kläglichen Zustand, der nicht untypisch für den Anarchismus ist, besonders deutlich: Vereinzelte Organisationen weisen Theorien auf, die im Widerspruch zueinander stehen. Lokale Kleingruppen agieren mit gegensätzlichen Strategien. Es wird sich nicht überregional abgesprochen. Daraus entsteht ein Flickenteppich, der von Löchern durchzogen ist. Eine solche Bewegung wirkt zwar von außen groß, doch ist intern stets auf den kleinsten gemeinsamen Nenner angewiesen. Das macht die macht sie im weitesten Sinne handlungsunfähig. Kleingruppen bleiben vereinzelt, in ihrem Milieu. Und wer sich nur in der eigenen Organisation zurückzieht und dort verbleibt, schneidet sich von den realen Kämpfen seiner:ihrer Klassengeschwister ab und verliert sich im scheinrevolutionären (Nicht-)Handeln, in Perspektiv-, Strategie- und Verantwortungslosigkeit.
Der Plattformismus setzt genau hier an. Um tatsächliche revolutionäre Veränderung zu erlangen, müssen sich jene verstreuten anarchistischen Kräfte bündeln, die eine gemeinsame ideologische und taktische Grundlage teilen. Anarcho-Kommunist:innen sollen sich in solch einer spezifischen Organisation, einer Plattform zusammenfinden und dort ihre revolutionäre Kraft schöpfen und sich bilden. Diese ist geprägt von einer starken und lebendigen internen Diskussionskultur, die die Ziele ihres Kampfes und den Weg zu dessen Verwirklichung kennen. Nur eine Organisation, die weiß, was sie will, kann überzeugend in Massenbewegungen agieren.
"Es wird Zeit, dass sich der Anarchismus aus dem Sumpf der Desorganisation zieht, das ewige Schwanken in den wichtigsten theoretischen und taktischen Fragen hinter sich lässt und sich für den Weg der bewussten Zielsetzung und organisierter kollektiver Praxis entscheidet." S.18, ebd.
Der Syndikalismus war zur Zeit der ukrainischen Revolution eine der stärksten Strömungen im Anarchismus. In seinem Namen führten Millionen von Arbeiter:innen ihren selbstorganisierten Kampf sowohl gegen die Ausbeutung der Bosse, als auch die Bevormundung durch Zentralgewerkschaften oder Parteien.
Die Plattform argumentierte, dass der Anarchosyndikalismus lediglich eine Form des wirtschaftlichen Kampfes sei und dadurch niemals die Funktion einer politisch-revolutionären Organisation einnehmen könne. Revolutionäre Gewerkschaften vereinen Arbeiter:innen auf betrieblicher Ebene, um Veränderungen innerhalb des Systems zu erkämpfen: Sie kämpfen für bessere Arbeitsbedingungen, für weniger Wochenstunden, für mehr Lohn. Der Syndikalismus ist dabei ein wichtiges Instrument der Arbeiter:innen, eine eigene politische Organisation mit einer eigenen, einheitlichen Ideologie wird er aber nie sein. In erster Linie kommen Menschen zusammen, weil sie vor demselben Problem stehen: um nun aber Besserungen innerhalb des bürgerlich-kapitalistischen Systems zu erreichen, werden breite Bündnisse geschlossen und Widersprüche eingegangen, es wird etwa mehr Lohn gefordert, anstatt Lohnarbeit zur Gänze abschaffen zu wollen. Dadurch droht eine Gewerkschaft früher oder später immer mehr in den Reformismus abzugleiten und/oder sich auf eine staatliche oder autoritäre Macht zu berufen. Die Tendenz zur Selbstorganisation und Revolution läuft so Gefahr, mit wachsender Größe zu verwässern.
"Wir halten den revolutionären Syndikalismus für eine rein gewerkschaftliche Bewegung der Arbeiter, die keine bestimmte eigene sozialpolitische Ideologie hat und daher auch nicht in der Lage ist, das soziale Problem selbstständig zu lösen. Unserer Meinung nach ist es die Aufgabe der Anarchisten in den Reihen dieser Bewegung, die anarchistische Ideologie in ihr zu entwickeln und sie ideell zu führen, um sie in eine aktive Armee der sozialen Revolution zu verwandeln. Man muss immer bedenken, dass der Syndikalismus rechtzeitig eine Stütze in der anarchistischen Ideologie erhalten muss, weil er sich sonst wohl oder übel auf die Ideologie einer staatstragenden politischen Partei stützen wird." S.30, ebd.
Die Plattform betont klar die Notwendigkeit des selbstverwalteten Kampfes zur Befreiung der arbeitenden Klasse. Als Ergänzung zum Syndikalismus braucht es jedoch den Aufbau einer spezifischen anarcho-kommunistischen Plattform, die in jenen Massenbewegungen als geeinte Kraft vertreten ist. Dort können sie die vorherrschenden Verhältnisse innerhalb der Bewegungen prägen, Inhalte radikalisieren und die Tendenz zur Selbstorganisation stärken. Die Bewegung darf dabei aber nie eingenommen werden, man versucht zwar auf Augenhöhe, von den eigenen Ideen zu überzeugen, aber kapert sie nicht. Der selbstorganisierte Kampf der beherrschten Massen kann nicht für sie geführt, sondern muss von ihnen selbst getragen werden.
Beide Ebenen haben einzigartige Stärken, beide haben ihre Schwächen. Ein Organisationsdualismus erlaubt es im besten Fall, die Vorteile zu vereinen, während die Nachteile sich gegenseitig aufheben.
Da in sozialen Massenbewegungen oft Inhalte ihre revolutionäre Schärfe verlieren, Forderungen im Reformismus versanden und mit Organisationen zusammengearbeitet werden muss, die anderer politischer Ansichten sind, müssen wir uns als Anarchist:innen auch gesondert organisieren. So können wir eine klare Analyse der vorherrschenden Verhältnisse ausformulieren, daraus handfeste Strategien entwickeln und damit gestärkt und geeint in jene sozialen Bewegungen hineingehen und den anarchistischen Geist verbreiten und weitertragen. Denn:
"Mehr als irgend eine andere Idee muss der Anarchismus zur führenden Idee der sozialen Revolution werden, denn lediglich auf der Grundlage anarchistischer Ideen kann die soziale Revolution die vollständige Befreiung der Arbeit herbeiführen." S. 27, ebd.
Diese beiden Ebenen bedingen einander. Die spezifische kann ohne die soziale Ebene nicht nachhaltig existieren und umgekehrt. Die Rolle der spezifischen Organisation ist nicht die Herrschaft über die Massen, sie wirbt im Gegenteil stets dafür, überhaupt keine Führer zu akzeptieren. Die rein 'ideologische Führung', die hier angestrebt wird, ist keine aufgezwungene - die Analysen und Strategien der Plattform werden den Arbeiter:innen ehrlich dargelegt und angeboten. Ob sie gut genug sind und übernommen werden, müssen diese selbst entscheiden. Jede Ebene kann ihre Stärken nutzen und gleicht die Schwächen der anderen aus. Erst das Zusammenspiel der beiden ermöglicht es uns, eine starke, handlungsfähige und organisierte revolutionäre Bewegung aufzubauen.
Wie sieht so eine Plattform also genau aus? Die spezifisch anarchistische Organisation ist auf vier Prinzipien aufgebaut: theoretische Einheit, strategische Einheit, kollektive Verantwortung und Föderalismus.
In der anarchistischen Synthese finden wir alle möglichen Ideen wieder, auch wenn diese von Grund auf im Widerspruch zueinander stehen. Anarchistische Gruppen verlieren sich in theoretischen Grundsatzdiskussionen, teilen keine gemeinsamen Analysen und Strategien. Sie schließen sich zusammen, weil sie in erster Linie alle Anarchist:innen sind: Es herrscht ein Minimalkonsens, folglich eine Sammelplattform. Das reicht allerdings nicht aus. Im Vergleich dazu strebt der Plattformismus einen Maximalkonsens an: Anarcho-Kommunist:innen schließen sich auf dem Fundament einer geteilten Ideologie (Analyse, Kritik und Ziel) zusammen. Diese werden nicht von einer Autorität vorgegeben, sondern gehen vielmehr aus dem kritischen und beständigen Diskurs der Basis hervor. Diese ideologische oder theoretische Einheit sagt in simplen Worten aus: Organisiere dich mit ideologisch Gleichgesinnten in einer spezifisch anarchistischen Organisation. Einheit der Ideologie bedeutet allerdings nicht, dass es einen Zwang zum Konsens gibt. Noch vielmehr: Erst aus einem munteren und kräftigen Austausch über gemeinsame Ziele und Perspektiven und der Kraft der einheitlichen Ideologie kann eine nachhaltige, organisierte spezifische anarchistische Gruppe entstehen.
Wie in den Jahren der russischen Revolution zu beobachten war, konnte sich der anarchistische Kampf nicht bewahren. Sobald die Stabilität der Bewegung getestet wurde, Antworten und Perspektiven zu aufkommenden Fragen abverlangt wurden, brachen große Teile zusammen. Ihr Scheitern hatte mehrere Ursachen: neben bolschewistischer Repression und inhalticher Unschärfe vor allem die Abwesenheit einer einheitlichen revolutionären Strategie. Ohne letztere kann die anarchistische Kraft nicht organisiert und gebündelt agieren. Aus der oben beschriebenen theoretischen Einheit sollen nun auch gemeinsam ausgearbeitete Strategien hervorgehen. Die Organisation stimmt ihre Praxis und ihr Vorhaben miteinander ab, sowohl intern als auch überregional, um eine möglichst revolutionäre Schlagkraft zu sichern.
"Eine einheitliche taktische Linie der Bewegung ist von entscheidender Bedeutung für das Leben der Organisation und der ganzen Bewegung: Sie rettet die Bewegung aus dem saugenden Sumpf der zahlreichen, gegenseitig zerstörerischen Taktiken und versammelt alle Kräfte auf einer bestimmten Linie, die zu einem bestimmten Ziel führt." S.41, ebd.
Die Plattform richtete scharfe Kritik an lose, individualistische Tendenzen im Anarchismus. Die Freunde der vergnügungssüchtigen Autonomie, wie die Plattform sie polemisch nannte, zogen sich aus jeglicher Verantwortung und sprachen sich für die strukturlose und unorganisierte Verfassung der anarchistischen Bewegung aus. Wir können aber nicht mehr im Alleingang agieren, wir können nur etwas verändern, wenn wir kollektiv handeln. Und um genau gegen diese Verantwortungslosigkeit vorzugehen, führt der Plattformismus das Prinzip der Kollektiven Verantwortung ein. Heruntergebrochen: Eine:r für alle, alle für eine:n. Ausführlicher gesagt, bedeutet es auf der einen Seite, dass jedes Mitglied Verantwortung über die eigene Organisation übernehmen soll. Inkludiert ist hier eine gute Repräsentation nach außen hin und ein starker Zusammenhalt und eine verlässliche Zusammenarbeit nach innen. Auf der anderen Seite übernimmt die Organisation Verantwortung für jedes einzelne Mitglied. Daraus folgt die Sicherstellung, dass jede:r Einzelne:r die Möglichkeit hat, sich innerhalb der Gruppe frei zu entfalten. Ganz nach dem kommunistischen Grundsatzprinzip von Marx: Jeder nach seinen Fähigkeiten und jedem nach seinen Bedürfnissen.
Die vierte und letzte Säule, auf die der Plattformismus aufbaut, ist der Föderalismus. Wie koordinieren sich einzelne anarchistische Kräfte miteinander? Wie stimmen sie sich überregional ab? Die Plattform gibt auch hier eine klare Antwort: der Aufbau einer Föderation dezentraler Einheiten. Seit jeher weist der Anarchismus zentralistische Organisationsstrukturen ab, zum einen im Tagespolitischem, zum anderen in den eigenen Organisationen. Diese bringen Herrschaftsstrukturen mit und löschen jeden letzten Funken der Initiative unter den Menschen. Im Zentralismus werden Entscheidungen von einem Zentralkomitee, einer Regierung, einer herrschenden Autorität von oben herab getroffen.
Im Gegensatz dazu steht der Föderalismus: Entscheide werden hier basisdemokratisch direkt von unten, von den Betroffenen selbst, getroffen, politisches Zentrum sind lokale Strukturen. Diese dezentralen Basiseinheiten schließen sich auf freiwilliger Basis nun zu einer Föderation zusammen. Der Wille der Basis wird dort durch jederzeit abwählbare, imperative Mandate weitergegeben. Das bedeutet, dass die Vertreter:innen keine freien Repräsentant:innen sind, sondern den konkreten Willen ihrer Lokalstruktur weitergeben müssen. Übergeordnete Ebenen koordinieren, entscheiden jedoch niemals über, sondern nur im Auftrag der Basis. Die Koordination über die gemeinsame Praxis soll sich dabei in erster Linie nach dem geteilten Ziel richten. Dieser Zusammenhalt, der keine zentrale Autorität ist, kann nur funktionieren, wenn sich alle Beteiligten an die freie Vereinbarung halten. Diese gewährt die Souveränität des Einzelnen mit der freiwilligen Verpflichtung auf das Kollektiv.
Vereint unter den Prinzipien der theoretischen und strategischen Einheit, der kollektiven Verantwortung und des Föderalismus kann die Allgemeine Anarchistische Union ihre absolute organisatorische Stärke erreichen. Doch was nun? Die spezifisch anarchistische Organisation hat schließlich keinen wirklichen Zweck oder Einfluss, wenn sie sich nicht mit den aktuellen realen Kämpfen auseinandersetzt. Dessen organisatorische und revolutionäre Kraft muss dorthin getragen werden, wo gesellschaftliche Widersprüche und Klassenkonflikte am stärksten zu spüren sind: in Betrieben, in Nachbarschaften, in Schulen und Universitäten, in sozialen Bewegungen.
Die anarcho-kommunistische Organisation soll sich tief in den Kämpfen der eigenen Klasse verwurzeln. Alleinig aus der Motivation heraus, sowohl die eigenen Verhältnisse zu verändern als auch in Solidarität mit all jenen zu stehen, die Tag für Tag unterdrückt werden. Organisieren wir uns also, machen wir aus unserer neu gefundenen Kraft eine allgemein gesellschaftliche. Auf dass die nächste Revolution den Mut und die Stärke hat, mit allen Herrschern zu brechen und selbstbewusst ihre neue Welt zu schaffen!

Diesen und fünf weitere in kollektiver Arbeit erstellte Texte findet ihr in unserer neuen Zeitschrift im hochwertigen Taschenbuch-Format, verziert mit der Kunst mehrer Genoss:innen. Auf rund 80 Seiten geht es um die Grundlagen des Anarchismus, das Leben Nestor Machnos, anarchistische Weltperspektiven, strategischen Diskurs und ein konkretes Konzept zum Aufbau anarcha-kommunistischer Strukturen.Wir verschicken sie für euch, eure Lesekreise oder Infotische gerne gegen Spende:
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