Liebe Gefährt:innen, zu Beginn würde es uns natürlich interessieren: Was hat euch dazu bewegt, 2016 die damals noch „libertären Tage“ ins Leben zu rufen und wie kam es letztlich 2024 dann zum Namenswechsel in „Anarchistische Tage“ ?
Im Jahr 2016 schlossen sich mehrere anarchistische Gruppen aus der Stadt zusammen – einige davon existieren heute nicht mehr –, um gemeinsam zu dem Schluss zu kommen, dass es notwendig ist, anarchistische Werte und Prinzipien auf kollektiver Basis zu stärken und sichtbar zu machen. Zwar fanden in der Region bereits verschiedene linke Veranstaltungen statt, doch fehlte es an Formaten, die eindeutig anarchistischer oder antiautoritärer Politik zugeordnet werden konnten. Aus diesem Anlass formierte sich eine Organisationsgruppe und rief die Veranstaltung im Jahr 2016 ins Leben. Es sei an dieser Stelle erwähnt, dass es bereits vor 2016 libertäre Tage in Dresden gab, die von unterschiedlichen Gruppen organisiert wurden. Diese wurden jedoch nach mehreren Ausgaben eingestellt.
Auf die erste Ausgabe 2016 erhielten wir viel positives Feedback, was uns darin bestärkte, die Veranstaltung weiterzuführen. Aus der gemeinsamen Arbeit rund um die libertären Tage entwickelte sich darüber hinaus das Anarchistische Netzwerk Dresden, dem heute fünf Kollektive und Projekte der Stadt angehören.
Wie schätzt ihr allgemein den Zustand der anarchistischen Bewegung in eurer Region ein? Der anarchistische 1. Mai in Dresden beispielsweise zieht ja jedes Jahr mehr Menschen an. In diesem Jahr waren es sogar um die 800 Teilnehmende. Beobachtet ihr auch in anderen Bereichen der lokalen Bewegung einen Zuwachs an Menschen?
Das Wachstum der anarchistischen Bewegung in dieser Stadt vollzieht sich vor dem Hintergrund eines allgemeinen Rückgangs linker Politik. Dieser strukturelle Niedergang wirkt sich ambivalent aus: Einerseits erschwert er Organisierung und Mobilisierung im klassischen Sinne, andererseits schafft er ein politisches Vakuum, in dem anarchistische Ansätze für viele zunehmend an Attraktivität gewinnen – insbesondere im Vergleich zu anderen, stärker institutionalisierten politischen Bewegungen. Die FAU verzeichnet wachsende Mitgliederzahlen und mit der OAG haben wir eine neue, offene anarchistische Gruppe in der Stadt, die vor allem für junge Menschen gerade ein guter erster Anlaufpunkt ist, um mit Anarchismus in Kontakt zu kommen. Und der 1. Mai in diesem Jahr war wunderbar! Solche Tage sind so wichtig, einfach weil es sich an anderen Tagen in dieser Stadt nicht so anfühlt, als seien wir genug..Aber grundsätzlich sehe ich auf jeden Fall einen positiven Trend in der Stadt, das gibt auf alle Fälle Kraft weiterzumachen:)
Habt ihr eine grobe Einschätzung für uns bezüglich der Anzahl an Menschen, die eure A-Tage im Schnitt besuchen? Welchen Blick habt ihr auf die Entwicklung eurer Besucherinnenzahlen?
Die genaue Zahl lässt sich nur schwer beziffern, einfach, weil viele Besucherinnen im Laufe der Woche an mehreren Veranstaltungen teilgenommen haben. Zählt man einfach alle Teilnehmenden über die gesamte Woche hinweg, waren es 2024 insgesamt rund 1200 Besuche bei Vorträgen, Präsentationen und Workshops. Die tatsächliche Zahl individueller Besucher:innen liegt vermutlich eher unter 1000. Aber das Gefühl, dass es sich um eine bemerkenswert große Veranstaltung im Kontext dieser Stadt handelt, bleibt. Im letzten Jahr haben wir einige unsrer Vorträge live gestreamt und aufgenommen, um sie auch Menschen zur Verfügung zu stellen, die entweder zu weit weg waren oder aus anderen Gründen nicht zu den A-Tagen kommen konnten. Die Streams hatten mindestens 48 000 Views online, was ebenfalls ein riesiges Interesse an den Themen auch außerhalb der Stadt zeigt.
Euer diesjähriges Programm bietet eine sehr breite Palette an Themen. Zum einen wird es bsp. Gespräche mit Anarchist:innen aus Israel und der Ukraine u.a. über die Situation in beiden Ländern geben; zum anderen natürlich anarchistische Grundlagenvermittlung; aber auch Lesungen, Auseinandersetzungen mit der Lage und Arbeit der mexikanischen Zapatistas, einen Stadtspaziergang aus Tierbefreiungsperspektive oder auch eine Wanderung in der sächsischen Schweiz mit Schwerpunkt Zwangsarbeit und Kriesgefangenenlager in der Region. Wie zufrieden seid ihr mit eurem Programm?
Anlass der diesjährigen Anarchistischen Tage ist die Tatsache, dass seit einigen Jahren mehr und mehr anarchistische Gruppen und Zusammenhänge in der Stadt vom deutschen Verfassungsschutz als "extremistisch" eingestuft werden und wir immer wieder ausführliche Erwähnung in den Berichten unserer "Lieblingsbehörde" finden. Wir finden diese Entwicklung im Kontext der übrigen regionalen, überregionalen und globalen politischen Entwicklungen mehr als besorgniserregend. Nachdem unser Netzwerk nach den letzten Anarchistischen Tagen im September 2024 nach anderen Gruppen, die Teil des Netzwerks sind, ebenfalls linksextremistisch ist, nahmen wir das zum Anlass, uns intern (noch) mehr mit Security Culture auseinanderzusetzen und der Frage nachzugehen, wie wir uns als Community in diesen Zeiten schützen und stärken können. Schützen müssen wir uns vor sächsischen Straßennazis genauso wie vor staatlichen Repressionsbehörden und drohendem immer deutlicher werdenden Faschismus. So kam die Idee, die diesjährigen Anarchistischen Tage mit dem genannten Schwerpunkt zu veranstalten. Wir wollen lernen aus Erfahrungen wie die beim CSD in Bautzen im letzten Jahr. Diese Erfahrung war für viele Queers einschneidend furchtbar und begleitet viele von uns noch immer. Daraus entstand z.B der Workshop der Queer Pride Dresden "Pfeffern als gäbs kein Morgen - zum sicheren Umgang mit Pfefferspray!"
Gleichzeitig war und ist unser Anspruch durch die A-Tage auch und vor allem, Genossinnen aus anderen Teilen der Welt zu diesem Thema zu Wort kommen zu lassen. Ich finde dieser "Spagat" spiegelt sich in unserem Programm ganz gut wieder. Uns war von Anfang an klar, dass Verteidigung und Communitycare nicht nur aus Festplattenverschlüsseln und einem sicheren Graphene besteht. Wenn wir über drohenden Faschismus und die Verteidigung dagegen sprechen, müssen wir in andere Teile dieser Welt schauen. Nicht zuletzt, weil wir als Anarchistinnen solidarisch an der Seite unserer kämpfenden Genoss:innnen in der Ukraine stehen, die seit Jahren entschlossen gegen den drohenden russischen Faschismus kämpfen, war es uns deshalb wichtig den Blick auch dieses Jahr erneut in diese Region zu wenden. Wir sind wirklich dankbar und froh, dass auch in diesem Jahr, wie ihr sagt, Genoss:innen aus Dresden und Leipzig, Westdeutschland, den USA, Berlin, Palästina, der Ukraine, Belarus, Israel, den Niederlanden und Russland Teil der Anarchistischen Tage Dresden sind.
Seid ihr mit bestimmten Schwierigkeiten konfrontiert bei der Organisation der A-Tage, was beispielsweise die politischen Verhältnisse oder auch die Gegebenheiten in Dresden selbst betrifft?
Klar, wir sind in Dresden. Und seit Dresden in Sachsen liegt, spüren wir die Präsenz der Faschist:innen in Stadtrat und Landtag immer deutlicher. Einige der Orte, mit denen wir sonst gern kooperiert haben und die unsere Veranstaltungen gehostet haben, gibt es schlicht nicht mehr oder sie haben viel weniger Möglichkeit, Events wie die A-Tage zu unterstützen - die Finanzierung durch die Stadt wurde zahlreichen Projekten, Läden und Orten massiv weggekürzt. Eine andere Dresdner Eigenart ist eine hohe Dichte an Gruppen und Einzelpersonen in der sogenannten "Linken Szene" mit sehr ausgeprägter Sympathie für den Nationalstaat und die Besatzungsmacht Israel. Es mag an der Geschichte der Stadt liegen, aber Antideutsche haben schon immer den Diskurs in Dresden dominiert. Gleichzeitig gibt es innerhalb der Stadt sehr wenig Raum für Diskussion oder Gespräch, ich würde sagen es gibt generell wenig Konfliktbereitschaft und den Willen, dieses Thema inhaltlich zu diskutieren. Nachdem die A-Tage im letzten Jahr fast ein Jahr nach dem 7. Oktober und der darauffolgenden israelischen Offensive gegen die palästinensische Zivilbevölkerung stattgefunden haben, konnten und wollten wir dieses Thema nicht ausklammern. Die A-Tage 2024 waren eine der wirklich sehr wenigen öffentlichen Veranstaltungen, die offiziell Solidarität mit Palästina artikuliert haben. Daraufhin gab es noch auf den A-Tagen lautstarke Auseinandersetzungen (jenseits von konstruktiver, inhatlicher Diskussion). Uns wurde Antisemitismus und Einseitigkeit vorgeworfen. Unter anderem war auch dieser Konflikt Grund dafür, dass die A-Tage in diesem Jahr das erste mal seit längerem nicht in Kooperation mit den Datenspuren des C3D2 (CCC Dresden) stattfinden.
Was sind eure langfristigen Ziele mit der Organisation der A-Tage?
Neben der Revolution ist unser kurz- und langfristiges Ziel, mit den A-Tagen in Dresden das zu sein, was wir schon heute sind: Eine laute, präsente und sichtbare explizit anarchistische Veranstaltungsreihe in dieser Stadt zu sein. Wir sind mittlerweile, ich denke darauf können wir auch ein bisschen stolz sein, etabliert in dieser Stadt. Während die AfD immer mehr Stimmen gewinnt, Nazis durch unsere Neustadt (Dresdner "Szenekiez") laufen und, wie oben schon beschrieben immer mehr Orte und Projekte um ihre Förderung verlieren, denken wir, dass es immer wichtiger wird, als Anarchist:innen weiter laut zu sein. Wir wollen Raum geben für Austausch, Perspektiven, Verzweiflung, Hoffnung, Freund:innenschaften (ja, die A-Tage sind mittlerweile auch ein soziales Event auch für viele internationale Freund:innen, die die Veranstaltung zum Anlass nehmen, nach Dresden zu kommen). Außerdem sind die A-Tage schon immer ein niedrigschwelliges Angebot für Menschen, die vielleicht noch nie was von Anarchismus gehört haben oder gerade am Anfang ihrer Politisierung stehen.
Wie könnte man euch unterstützen?
Wir freuen uns über jede Form von Werbung und Verbreitung unserer Inhalte – helft uns, die Anarchistischen Tage Dresden bekannter zu machen, damit noch mehr Menschen an den Veranstaltungen teilnehmen und sich einbringen können.
Im kommenden Jahr gibt es zudem wieder die Möglichkeit, selbst aktiv zu werden: Ob als Einzelperson oder Gruppe – ihr könnt gerne einen eigenen Vortrag oder Workshop anbieten. Einige Aktive kommen bereits seit vielen Jahren zu den Anarchistischen Tagen nach Dresden.
Wir finanzieren die gesamte Veranstaltung ausschließlich durch Spenden vor Ort – wir lehnen staatliche oder parteinahe Förderungen bewusst ab. Wenn ihr also die Möglichkeit habt, im Vorfeld Geld zu sammeln oder uns finanziell zu unterstützen, könnt ihr damit ganz konkret helfen. Die Spenden werden unter anderem dafür verwendet, die Anreise von Referent:innen aus anderen Ländern und Städten zu ermöglichen. Honorare zahlen wir nicht – als Teil unseres Selbstverständnisses einer DIY-orientierten, herrschaftskritischen Organisierung.
Vielen vielen Dank für euren Support! Solidarische Grüße aus Dresden Janna für das AND