Lieber leben wir als Außerirdische - Basisorganisierung zwischen Aktivismus, Widerständigkeit und Militanz



Rezension Belletristik

Franz Heuholz mit Beiträgen von Genoss:innen
Syndikat A, November 2025. 358 Seiten. 14,90€ . ISBN: 978-3-949036-17-0
Buchrezension von Markus

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Verlagsinfo

"Die Welle der 'Neuen Klassenpolitik' ebbt mittlerweile wieder ab. Und ihre klassenkämpferischen Aktiven treiben zunehmend hinüber in die Linkspartei, NGO- und Organizingjobs, den akademischen Elfenbeinturm, die sozialarbeiterische Passion.

Doch einige Basisorganisierungen bleiben stabil: beispielsweise das Syndikat der Freien Arbeiter:innen-Union in unserer Stadt. Es hat mittlerweile über 400 Mitglieder, kann auf erfolgreiche Betriebskampagnen, viele gewonnene Individualkonflikte und starke Aussenwirkung zurückblicken.Doch solche Basisorganisierungen, deren Organisationsmacht in den letzten Jahren zugenommen hat, stehen heute vor neuen und tiefgreifenden Problemstellungen. Denn sie verdanken ihre Erfolge aktivistischen Aufbauprozessen, in welchen die arbeitsteiligen und weiteren Spaltungen der Arbeiter:innenklasse wiederholt wurden.

In und mit ihnen entfalten sich zunehmend Beziehungsweisen, die auf Trennungen basieren zwischen denen, die die Ideen haben und denen, die sie umsetzen, zwischen Führenden und Geführten, zwischen Helfenden und Bedürftigen.Der kritischen Analyse und praktischen Eindämmung dieser Spaltungen und Trennungen widmet sich dieses Buch: ein Ratgeber für die Beziehungsprobleme zwischen 'ausserirdischen' Aktivist:innen, widerständigen Lohnabhängigen und freiheitlich sozialistischen Basismilitanten!"

Der Alltag des Aktivismus?

Auf den ersten Blick mag diese Schrift wie eine sehr spezielle Auseinandersetzung mit den Problemen der Freien Arbeiter:innen-Union (FAU) erscheinen. So mag die eine oder der andere nach dem Lesen der ersten Seiten schnell weiterblättern, weil sie vom 'Salting' bisher noch nie etwas gehört haben und es erst recht nicht als Strategie anwenden wollen. Eine Betriebsgruppe wollen sie auch nicht gründen und sowieso: Ist der Fokus auf Kolleg:innen und Lohnabhängige nicht ein bisschen aus der Zeit gefallen? Was könnte die Lektüre also für Menschen bereithalten, die sich nicht im Kontext der FAU oder wenigstens einer anderen Gewerkschaft organisieren? Ich würde behaupten, eine ganze Menge. Denn diese Schrift unternimmt den sehr ambitionierten Versuch, ausgehend von einer konkreten Erfahrung des politischen Aktivismus, die Rahmenbedingungen zu befragen, in denen dieser Aktivismus sinnvoll erscheint. In diesem Sinne ist es für alle jene lesenswert, die ein Unbehagen sowohl mit den gegenwärtigen Verhältnissen hegen als auch mit der linken Szene und dem, was im Buch liebevoll als "revolutionäres live-action-roleplay" bezeichnet wird.

Die Probleme einer neuen Klassenpolitik

Aus dieser Perspektive kann das vorliegende Buch als Teil einer größeren Debatte verstanden werden, die in den letzten Jahren unter anderem unter dem Schlagwort 'Neue Klassenpolitik' geführt wurde. Ein Ausgangspunkt dieser Debatte lag in der Abgrenzung gegenüber bisherigen Formen linker Politik und den damit verbundenen strategischen Ansätzen. An diesen wird ein Fehlgehen oder Scheitern diagnostiziert, um anschließend nach möglichen neuen Formen zu fragen. Der Gegensatz wird je nach neuem Vorschlag unterschiedlich konzipiert: so beispielsweise als Hinwendung zu sozialen Kämpfen im Gegensatz zu politischen Auseinandersetzungen oder als Interessenpolitik im Gegensatz zur Identitätspolitik. Inszeniert wird nicht selten eine Krise linker Politik, bei der es entscheidend ist, in radikaler Abkehr nun anders Politik zu machen. Was derartige Gegenüberstellungen meist kaschieren, ist, wie die beiden Pole letztlich doch voneinander abhängen. Das Beharren auf einer reinen Form von Klassenpolitik, die gänzlich ohne Identitätspolitik auskommt, entlarvt sich spätestens dann als Ideologie, wo eine Identität als 'echter Arbeiter' entworfen wird.

Daran zeigt sich dann vor allem eins: Die Hinwendung zur Klasse, zu sozialen Kämpfen oder zu Interessen ist nicht so leicht zu haben. [1] Ihre bloße Verkündung ist nicht schon ihre Verwirklichung, sondern kann selbst eine Fortsetzung oder gar Verschärfung problematischer Politikformen darstellen. Die Probleme liegen tiefer als die einfachen Entgegensetzungen vermuten lassen. Sich ihnen anzunähern, diesen Versuch unternimmt das vorliegende Buch. Es sei deshalb allen zur Lektüre empfohlen.

2013 – (k)ein Generalstreik in Deutschland

Als historische Hintergrundgeschichte zu der Hinwendung zum Sozialen (also Klasse, Interessen, etc.) können wohl die zahlreichen Mobilisierungen der 2010er-Jahre angesehen werden und ihre relative Erfolglosigkeit. Angesichts des aktuellen Erstarkens autoritärer Bewegungen und Positionen scheint es eine halbe Ewigkeit her, dass 2010/11 landesweite Proteste in Tunesien, Ägypten und Libyen begannen und so das neue Jahrzehnt mit einem Funkenschlag der Hoffnung einleiteten. Es folgten diverse weitere Proteste und Aufstände, von denen die meisten aber nicht die Schlagkraft entwickelten, um langfristige strukturelle Veränderungen zu bewirken. Stattdessen, so argumentiert zum Beispiel der Journalist Vincent Bevins, zerfielen viele der Protestbewegungen in verschiedene, sich gegenseitig zerstreitende Fraktionen und bewirkten dadurch bisweilen die Etablierung neuer autoritärer Regime. [2]

Es könnte die These aufgestellt werden, dass die Hinwendung zu sozialen Fragen in Diskussionen als eine Reaktion auf das Ausbleiben derartig starker Proteste in Deutschland verstanden werden könnte. So schlug das M31-Netzwerk 2013 in anfänglicher Euphorie vor, sich "im nächsten halben Jahr in Deutschland zu einer Verständigung über die aus unserer Sicht überfällige aktive Unterstützung der in vielen europäischen Ländern stattfindenden Generalstreiks zu gelangen". [3] Zwei Jahre später klang das bei der Antifa Kritik und Klassenkampf deutlich resignierter und sie stellten demotiviert fest, dass aus der Diskussion des M31-Generalstreikspapiers "keine tragfähigen Strukturen" entstanden sind. [4] Den weltweiten Aufständen konnte in Deutschland nur zugeschaut werden – und weil das in Deutschland schon öfter so war, wurde wenigstens das Ausbleiben der Revolution diskutiert. Aus diesen Debatten sind einige strategische Vorschläge zur Neuorientierung entstanden, die zum Teil auch in der vorliegenden Schrift erwähnt werden. Sie formen die Gemengelage, in der versucht wurde, sich dem anzunähern, was es bedeuten könnte, sich politisch dem Sozialen zuzuwenden.

Historische Parallelen

Dieser Zuwendung kann eine gewisse Pendelbewegung nicht abgesprochen werden. Denn immerhin ähnelt sie in ihren Grundzügen jener Hinwendung der Student:innen der 1968er-Bewegung zu den Arbeiter:innen. In seinem 2011 erschienen Buch Frühschicht stellt Jan Ole Arps dies als eine Reaktion auf das Scheitern der Proteste gegen die Notstandgesetze dar. [5] Weil diese trotz aller Bemühungen des 'Sozialistischen Deutschen Studentenbundes' (SDS) nicht abgewendet werden konnten, wurde der Fehler in einer Isolation der Bewegung gesehen – in einer zu großen Distanz der akademischen Linken zu den Arbeiter:innen. Die Linke befand sich gewissermaßen auch damals schon in einer Krise. Deshalb begaben sich die Student:innen aus der Universität heraus auf die Suche nach neuen Bündnispartner:innen, wobei sie im Proletariat als Objekt der Begierde schnell fündig wurden. Laut Arps wurden die in das Proletariat gesteckten Hoffnungen aber ebenso schnell enttäuscht. Denn die konkreten Arbeiter:innen, die die Student:innen in den Fabriken und Betrieben trafen, wollten meist gar nicht so viel von der Revolution wissen, deren zentrales Subjekt sie doch sein sollten. Für Arps ist das vor allem ein Indiz dafür, dass Arbeitskämpfe viel zu oft in der ökonomischen Logik gefangen bleiben, insbesondere dann, wenn sie auf die Rolle der Arbeiter:innen als Arbeitskraft fokussieren. [6]

Mit dieser Diagnose befinden wir uns schon relativ nah an dem, was wir unsere Gegenwart nennen könnten. Denn dieses Fazit sagt weniger etwas darüber aus, wie es denn nun eigentlich gewesen ist, sondern welche Lehre Arps aus diesen linken Fabrikinterventionen zieht. Das zentrale Problem, an dem seiner Darstellung nach die von ihm beschriebenen Fabrikinterventionen laborierten, ist die Frage, wie die Aufbruchstimmung der Proteste von 1968 in die Fabriken übersetzt werden könnte. [7] Die von ihm beschriebenen Versuche scheiterten dann seiner Einschätzung zufolge daran, dass sie noch zu stark am Modell einer Avantgarde festhielten, die versuchte, ein einheitliches Proletariat zu organisieren. Letztlich scheiterten sie daran, die dezentralen und heterogenen Kämpfe zu verbinden. Arps lässt es gewissermaßen offen, wie genau das von ihm beschriebene Problem zu lösen ist. Aber er zieht selbst Optimismus daraus, dass seine Interviewpartner:innen eben "trotz eines Alltags, der wenig Raum lässt […], eine Hoffnung […] behalten [haben]". [8] Von diesem Optimismus ist es dann nur noch ein kleiner Schritt zur Abwendung von alltäglichen Kämpfen und der Hinwendung auf außergewöhnliche Ereignisse, in denen sich das revolutionäre Bewusstsein formen soll.

Mit dieser Lehre aus den Fabrikinterventionen ist Arps Teil einer Reaktion auf eine andere Krise der Linken – oder ist es immer noch dieselbe? Zumindest verstand sich die Gründung der interventionistischen Linken (iL), an der Arps beteiligt war, als Versuch, die linke Bewegung wieder gesellschaftlich relevant zu machen. Mit ihrer Gründung um 2005 wollte die iL raus aus der selbstverschuldeten Isolation der linken Szene. Stattdessen will die iL "eine radikale Linke [sein], die selbstbewusst und sprechfähig in politische Kämpfe eingreift und fähig ist, auch außerhalb ihrer Subkulturen, Kieze und Freiräume zu agieren." [9] So formuliert es das erste Zwischenstandspapier von 2014. Dieses wurde mittlerweile um ein zweites ergänzt. In diesem zweiten Zwischenstandspapier von 2024 räumt die iL selbstkritisch die Probleme ihres bisherigen Agierens ein, das zu oft auf medienwirksamen Kampagnen und große Events fokussierte, an denen sich gesellschaftliche Konflikte zuspitzen ließen. Dennoch will sie an dieser Ausrichtung festhalten, wenn auch zukünftig stärker auf Basisarbeit Rücksicht genommen werden soll.

Ob dies gelingt, daran bestehen einige Zweifel. Denn bereits vor fast zehn Jahren formulierte der Text Kommt ihr mit in den Alltag? grundlegende Einwände gegen die politische Praxis der iL. [10] Im Text werfen ehemalige Mitglieder der iL vor, sich nicht nur zu wenig um Basisarbeit zu kümmern, sondern "[b]eim Anbahnen und Führen sozialer Kämpfe […] eher im Weg" zu stehen als zu helfen. Das heißt, der Text sieht das Problem der iL nicht in einem falschen Fokus der politischen Arbeit, sondern in der Organisation dieser politischen Arbeit selbst. Der Impuls des Textes liegt in der Erfahrung, dass die eigene politische Arbeit nahezu nichts mit dem eigenen Alltag zu tun hat. Trotz großer Mobilisierungen münden gerade diese Ereignisse nicht in Gegenmacht. Es gelingt nicht, Entscheidungen nachhaltig zu beeinflussen oder gar selbstbestimmt zu treffen. Die Autor:innen zeigten sich als ehemalige Mitglieder der iL enttäuscht davon, dass sich der Anspruch der iL nicht realisierte und schlugen deshalb ein Ausprobieren mit solidarischen Netzwerken vor, das seither an manchen Orten mit unterschiedlichem Erfolg aufgegriffen wurde.

Krise der Linken – schon wieder oder immer noch?

Dennoch verstummen die Diagnosen von der Krise der Linken nicht so recht. [11] Auch wenn nach der Bundestagswahl 2024 wenigstens die Linkspartei mal wieder jubeln konnte, so scheint dieser Erfolg nicht zuletzt die Krise der linksradikalen Bewegung noch zu unterstreichen. Denn die Schwäche linksradikaler Politik zeigt sich auch daran, dass aufgrund fehlender anti-autoritärer Organisationen die ersehnte Gegenmacht in der Linkspartei gesucht wird. Weil der Aufbau eigener Strukturen verpasst wurde, erscheint es plötzlich sinnvoll, sich parlamentarisch zu organisieren, weil darin die einzige Chance gesehen wird, irgendwie gesellschaftlich wirksam zu sein. In der Situation, in der anti-autoritäre Organisationen mit Gegenmacht fehlen, wird diese schließlich in einer Übersprunghandlung in klassischen Organisationen wie der Linkspartei gesucht. Weil eben ein handlungsmächtiges überregionales Organisationsangebot fehlt, das in einer gesellschaftlich zugespitzten Situation wirksam ist, finden sich vermeintliche Linksradikale plötzlich in jenen Institutionen wieder, die sie jahrelang kritisierten. [12]

Die Krise der radikalen Linke scheint also noch nicht überwunden. Gerade hier kann das vorliegende Buch als Versuch situiert werden, der hilft, diese Krise in Teilen als ihre gewissermaßen chronische Erkrankung am Aktivismus zu verstehen. Ausgehend davon, entwickelt es eine Perspektive über diese Krise hinauszugehen, indem es einerseits eine grundlegende Kritik des Aktivismus formuliert und andererseits vorschlägt, manche seiner Momente für Interessenorganisierung nutzbar zu machen. Die Krise wird darin nicht als ein Problem eines falschen Fokus auf spezielle Kämpfe verständlich, sondern als Resultat der falschen Form. Das Problem der Krise stellt sich dieser Linken immer wieder neu, weil sie permanent auf der Suche nach dem politischen Subjekt ist, das ihr abhandenkommt. In der Häufigkeit der Rede von der Krise führt sich diese dann selbst ad absurdum, weil die Entscheidung in dieser Situation gerade zu keiner Lösung der Krise führt, sondern zu ihrer Wiederkehr in leicht veränderter Gestalt.

So kann im Jahrestakt diskutiert werden, ob man sich nun auf Arbeitskämpfe, Antira-Arbeit, feministische Kämpfe oder doch auf Mietenkämpfe konzentrieren sollte. Krisenhaft ist diese Diskussion dann, wenn sie jeweils danach fragt, wo Mehrheiten organisiert oder mobilisiert werden können. Unter der Annahme, dass in den alltäglichen Mühen von Lohnarbeit und Alltagssorgen kein revolutionäres Begehren entstehen kann, rücken diese Felder nur als Vehikel zur Darstellung von Widersprüchen ins Blickfeld. Die eigene politische Arbeit konzentriert sich auf die Erzeugung außergewöhnlicher Ereignisse wie die Proteste gegen Gipfeltreffen oder die Stürmung eines Tagebaus. Damit wird der Gegensatz von alltäglichen Abhängigkeiten und revolutionärem Bewusstsein schlicht als gegeben hingenommen, anstatt danach zu fragen, warum das (vermeintlich) revolutionäre Bewusstsein sich nicht aus dem alltäglichen Struggle ergibt. Zu schnell wird zu der Schlussfolgerung übergegangen, dass diese Trennung anzuerkennen ist und deshalb revolutionäres Bewusstsein jenseits des Alltags wach gehalten werden muss, um es dann in diesen hineinzutragen. Auf diese Weise bleibt die eigene politische und soziale Position merkwürdig ausgeblendet.

Gerade die Art und Weise dieser Ausblendung versucht das vorliegende Buch herauszuarbeiten. Denn es ist nicht nur eine einfache Entscheidung, die man auch anders machen könnte. Sondern wenn wir den Schriften der iL, der Antifa Kritik und Klassenkampf oder auch den solidarischen Netzwerken glauben wollen, dann nehmen diese sich ja immer wieder vor, mehr Basisarbeit und mehr soziale Kämpfe zu leisten. Gleichzeitig verfehlen sie in ihrer Praxis diesen Anspruch allzu oft. Gerade diese Verfehlung gilt es genauer zu verstehen, anstatt erneut nur eine andere Praxis zu fordern, die die alten Ideale gegen die fehlgeleitete Praxis ausspielt. Stattdessen braucht es ein Verständnis für das Fehlgehen dieser Praxis. Denn solange diese Verfehlung nicht verstanden wird, besteht die Gefahr, sie zu wiederholen.

Von diesen Wiederholungen ist die Geschichte der radikalen Linken reich und es lassen sich einige Beispiele finden. Recht aktuell sei auf die Debatte in der Klimabewegung verwiesen. Bei dieser wird verhandelt, ob die Bewegung sich lieber auf eine Form von Klimapopulismus oder auf den Rückzug in kleine Enklaven konzentrieren sollte. [13] Ausgangspunkt der Debatte ist wiedermal das Scheitern, also die Krise einer sozialen Bewegung in ihrer bisherigen Form. Angesichts also des Scheiterns der Klimabewegung besteht nun die Wahl zwischen einer tendenziellen Verflachung des eigenen Anliegens im Klimapopulismus, um Massen zu mobilisieren – notfalls auch mit fragwürdigen politischen Mitteln. Oder aber die Hoffnung auf eine wirksame Massenbewegung aufzugeben und sich stattdessen (wieder) in linke Hausprojekte zurückzuziehen, um den Klimakollaps vorzubereiten. Das Einzige, was diesen Ansatz noch von rechts-libertären Preppern unterscheidet, ist, dass man es irgendwie 'kollektiv' macht - das heißt eben für die eigene Gemeinschaft. Aufgegeben wird aber in jedem Fall das gute Leben für Alle.

Angesichts dieser problematischen Alternative zur Massenbewegung gibt das vorliegende Buch Hinweise darauf, wie beide mit dominierenden Formen des Politik-Machens zusammenhängen. Der Rückzug auf das Private erscheint nur dort als radikale Alternative zur Massenbewegung, wo diese die individuellen Belange negiert oder zumindest ausklammert, so wie dies im Aktivismus angelegt ist. Im Buch taucht das Problem, welches diesem Entweder-Oder zugrunde liegt, in der Form der Betriebsgruppen auf. Diese werden von der Basisgewerkschaft als Mittel betrachtet, um 'die Anderen' zu organisieren, (fast) ohne dass sie aber von den Mitgliedern der FAU-Ortsgruppe selbst genutzt werden. Dass diese Alternativen sich auch hier ähnlich stellen, liegt daran, dass sich die Form des Politik-Machens in beiden und über verschiedene Bewegungen hinweg ähnelt.

Es ist ein Problem der Form und muss eben als solches adressiert werden. Das Buch bietet dafür einige Ansätze und Einsichten. Auf diese Weise trägt es zum Verständnis des eigenen Tuns bei und sei allen linken Aktivist:innen empfohlen. Vielleicht gelingt es dann, Ansätze zu entwickeln, die dieses schlechte Entweder-Oder vermeiden. Im besten Fall gelingt es, im eigenen Alltag militant zu agieren, um so das eigene Leben zu verbessern und diese Verbesserung zugleich anschlussfähig für andere zu machen – so bliebe das diesen Praktiken eingeschriebene Ziel womöglich das gute Leben für Alle.

Endnoten

  1. Ein Beispiel dafür wäre wohl die anarcha-kommunistische Plattform, die gern in "sozialen Bewegungen von unten [...] im Hier und Jetzt für konkrete Verbesserungen ihrer Lebensumstände kämpfen" würde und bisher vor allem von eigenen Kongressen und Sommercamps zu berichten weiß.
  2. Vincent Bevins 2023: If we burn. The Mass Protest Decade and the Missing Revolution. Wildfire.
  3. M31-Netzwerk 2013: Europäische Generalstreiks – sind auch unsere Sache. Abrufbar unter: https://linksunten.indymedia.org/de/node/85202/index.html
  4. Antifa Kritik und Klassenkampf 2015: Der kommende Aufprall. Abrufbar unter: https://linksunten.indymedia.org/de/node/139451/
  5. Jan Ole Arps, 2011. Frühschicht. Assoziation A.
  6. Auch wenn er dieses Fazit vorsichtig formuliert, so wiederholt sich darin der Gedanke, dass die von ihm angestrebte Utopie und das widerständige Bewusstsein definitiv nicht im Arbeitsalltag entstehen werden: "Im Gegenteil könnte man sogar sagen, dass solche Vorstellungen [radikaler Utopien] es dort [im Arbeitsalltag] besonders schwer haben, weil die eingespielten Routinen und Abläufe, der Druck, sich auf eine bestimmte Art zu verhalten, am Arbeitsplatz besonders stark sind – und die Sanktionen für abweichendes Verhalten besonders heftig […]." (Arps 2011: 212) Eine der zentralen Lehren aus seinen Interviews ist demnach die Feststellung, dass "diese Auseinandersetzungen [um Arbeit] häufig in einer ökonomischen oder betrieblichen Logik gefangen bleiben" (ebd.: 216); wobei er die Arbeit als Feld gesellschaftlicher Auseinandersetzungen aber keinesfalls aufgeben will.
  7. Vergleiche Arps 2011: 212-214
  8. Arps 2011: 229, Hervorhebung von mir.
  9. Interventionistische Linke 2014: IL im Aufbruch – ein Zwischenstandspapier. Abrufbar unter: https://interventionistische-linke.org/positionen/il-im-aufbruch-ein-zwischenstandspapier
  10. Zweiter Mai 2016: Kommt ihr mit in den Alltag? Abrufbar unter: https://archive.arranca.org/ausgabe/49/kommt-ihr-mit-in-den-alltag
  11. Und vielleicht ist das Problem damit bereits falsch gestellt, insofern von einer Krise der Linken anstatt von einer gesellschaftlichen Krise gesprochen wird, Vergleiche in diese Richtung Felix Klopotek, 2023. Ein Krisen-Oratorium, abrufbar unter: https://www.nd-aktuell.de/artikel/1178023.krise-der-linken-ein-krisen-oratorium.html
  12. Gemeint ist die Kampagne 'Wir hier jetzt', die 2023 angesichts der kommenden Bundestagswahl 2024 zum Eintritt in die Linkspartei aufrief. Dieser Aufruf soll an dieser Stelle gar nicht inhaltlich kritisiert werden. Stattdessen ist er zunächst vor allem ein Indiz dafür, dass eigene linksradikale Organisationen fehlen, die Gegenmacht versprechen. Denn nur unter dieser Bedingung macht es Sinn, sich als Linke, "die sich der parlamentarischen Politik nie verbunden gefühlt haben", sich plötzlich genau in diesem Feld organisieren.
  13. Kersten Augustin, 2025. Populismus oder Preppen? Abrufbar unter: https://taz.de/Strategien-der-Klimabewegung/!6058836/

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