Vorwort anarchismus.de: Diese Übersetzung ist anlässlich des jüngsten Anschlags der "Vulkan" Gruppe in Berlin entstanden. Erneut hat die Aktion der Gruppe zehntausenden Menschen, einfachen Arbeitern und Arbeiterinnen ein ohnehin schon anstrengendes Leben in diesem System, zur Hölle gemacht. In den Medien wird diese Klassenfeindliche Aktion rauf und runter im Kontext von "linkem Terrorismus" und "anarchistischen Chaoten" rezitiert. Diese und vergleichbare Aktionen welche zivile Infrastruktur angreifen und sich so nicht zielgerichtet gegen die Herrschende Klasse richten, sind nicht nur falsch, sondern unmittelbar schädlich für die Emanzipationsbemühungen der gesamten Linken. Sie führen nicht zu einer Bewusstseinsentwicklung, sie bringen die Menschen gegen die Linke im allgemeinen auf und nützen nur der Reaktion, welche die Gunst der Stunde nutzt um sich noch besser gegen uns in Stellung zu bringen. Daher wird es Zeit sich mit diesem Diskussionsbeitrag kritisch mit einer breiteren Tendenz, dem Insurrektionalismus auseinanderzusetzen. Dieser schafft eine politische Grundlage in welcher auch solche abwegigen Angriffe entstehen können und Unterstützung finden, auch wenn die genaue politische Ausrichtung und was hinter dieser Gruppe steckt im Unklaren bleibt. Die verschärften Zeiten des Klassenkampfs in denen wir uns befinden, erlauben es nicht mehr sich solche Akteure zu leisten, welche sich in unsere Tradition stellen, sie aber mit Füßen treten und einen aktiven Anteil daran leisten das wir als anarchistische Bewegung nicht in eine gesellschaftliche relevante Rolle hineinwachsen können. Viel Spaß beim lesen und diskutieren des folgenden Textes.
Übersetzung: Stephan Matter
Die Insurrektion – der bewaffnete Aufstand des Volkes – war dem Anarchismus schon immer nahe. Die ersten programmatischen Dokumente der anarchistischen Bewegung wurden von Bakunin und einer Gruppe europäischer links-republikanischer Aufständischer erstellt, als sie in den 1860er Jahren in Italien zum Anarchismus übergingen. Dies war kein Bruch mit aufständischen Gedanken, sondern mit dem Links-Republikanismus. Kurz darauf nahm Bakunin 1870 an einem Aufstand in Lyon teil.
Die europäische radikale Politik der letzten hundert Jahre war von Aufständen dominiert, seit der erfolgreiche Aufstand in Frankreich von 1789 den Prozess in Gang gesetzt hatte, der zum Sturz der feudalen Ordnung weltweit führte. Der Sturm auf die Bastille am 14. Juli 1789 zeigte die Macht des bewaffneten Volkes. Dieser aufständische Moment, der die Geschichte Europas veränderte, umfasste wahrscheinlich nur etwa tausend Menschen.
1789 setzte auch ein Muster, bei dem zwar die arbeitenden Menschen die Masse der Aufständischen stellten, aber die Bourgeoisie die Früchte der Bemühungen erntete. Die Massen halfen bei der Einführung ihrer eigenen Unterdrückung durch die Klassenherrschaft der Bourgeoisie. Diese Lektion geriet nicht in Vergessenheit für diejenigen, die Freiheit als etwas betrachteten, das die wirtschaftliche und soziale Befreiung aller beinhalten musste und nicht das Recht einer neuen Klasse, welche die «demokratische» Ausbeutung der Massen fortsetzte.
In den republikanischen Aufständen, die im Jahrhundert danach in Europa ausbrachen, insbesondere 1848, wurde der Konflikt zwischen den republikanischen kapitalistischen und kleinbürgerlichen Klassen und den republikanischen Massen immer ausgeprägter. Bis in die 1860er Jahre führte dieser Konflikt zur Entstehung einer spezifisch sozialistischen Bewegung, die zunehmend erkannte, dass die «Freiheit für alle» etwas war, wogegen die republikanische Bourgeoisie kämpfen würde; wenn nötig an der Seite der alten Ordnung. Für Bakunin war es die Erfahrung des polnischen Aufstands 1863, die ihm dies endgültig deutlich machte, denn die bürgerlichen (republikanischen) Kräfte fürchteten einen Bäuer:innenaufstand mehr noch als den Zaren. So musste der Kampf um Freiheit nun unter einer neuen Fahne stattfinden - einer, die darauf abzielte, die arbeitenden Massen ausschliesslich in ihrem eigenen Interesse zu organisieren.
Die frühen Anarchist:innen begrüssten die neu entstandenen Formen der Arbeiter:innenorganisation. Insbesondere die „Internationale Arbeiterassoziation“ oder die „Erste Internationale“. Obwohl sie die Macht, der in Gewerkschaften organisierten Arbeiter:innenklasse erkannten, sahen sie im Gegensatz zur Mehrheit der Marxist:innen darin nicht die Möglichkeit, den Kapitalismus durch Reformen abzuschaffen. Die Anarchist:innen bestanden darauf, dass Aufstände weiterhin notwendig wären, um die alte herrschende Klasse zu stürzen.
Anarchistische Aufstandsversuche breiteten sich mit der wachsenden Bewegung aus. Tatsächlich war der Anarchist Chávez López bereits vor dem (Aufstands-)Versuch in Lyon an einer indigenen Aufstandsbewegung in Mexiko beteiligt, die im April 1869 ein Manifest veröffentlichte, welches «das verehrte Prinzip autonomer Dorfgemeinden zur Ablösung der Souveränität einer nationalen Regierung, die als korrupter Kollaborateur der Hacendados» (1) angesehen wurde, forderte. Im Spanien der 1870er Jahren, wo Arbeiter:innenbestrebungen zur Gründung von Gewerkschaften mit Repression beantwortet wurden, waren die Anarchist:innen an vielen Aufständen beteiligt und in einigen kleinen Industriestädten während der Aufstände von 1873 lokal erfolgreich. In Alcoy beispielsweise, nachdem Papierarbeiter:innen, die für einen Achtstundentag gestreikt hatten, unterdrückt wurden, «nahmen die Arbeiter die Fabriken ein und brannten sie nieder, töteten den Bürgermeister und marschierten die Strasse entlang mit den Köpfen der Polizisten, die sie getötet hatten.» (2) Spanien sollte noch viele anarchistische Aufstände erleben, bevor der erfolgreichste - der den faschistischen Putsch vom Juli 1936 entgegentrat und fast besiegte - stattfand. In Italien führten Malatesta, Costa und Cafiero 1877 eine bewaffnete Bande in zwei Dörfer in Kampanien an. Dort verbrannten sie die Steuerregister und erklärten das Ende der Herrschaft von Viktor Emanuel - jedoch scheiterte ihr Versuch, einen aufständischen Funken zu entzünden und gegnerische Truppen trafen bald ein. Bakunin war bereits 1874 an einem Versuch beteiligt, in Bologna einen Aufstand zu entfachen.
Viele dieser frühen Aufstandsversuche führten zu heftiger staatlicher Repression. In Spanien wurde die Bewegung bis Mitte der 1870er Jahre in den Untergrund gedrängt. Dies führte zur Periode der «Propaganda der Tat», in der einige Anarchist:innen auf diese Repression reagierten, indem sie Mitglieder der herrschenden Klasse ermordeten, darunter mehrere Könige und Präsidenten. Der Staat eskalierte seinerseits die Repression; nach einem Bombenanschlag in Barcelona im Jahr 1892 wurden etwa 400 Personen in das Verlies von Montjuich gebracht, wo sie gefoltert wurden. Fingernägel wurden herausgerissen, Männer wurden an die Decke gehängt und ihre Genitalien verdreht und verbrannt. Mehrere starben an den Folgen der Folter, bevor sie überhaupt vor Gericht gestellt wurden, und fünf wurden später hingerichtet.
Man könnte sagen, dass der fatale theoretische Fehler dieser Periode der Glaube war, dass die arbeitenden Menschen überall bereit seien, sich zu erheben, und dass die anarchistischen Gruppen nur den Funken mit einem Aufstand entzünden müssten. Diese Schwäche war nicht auf den Anarchismus beschränkt - wie wir gesehen haben, war es auch der Ansatz des radikalen Republikanismus. Dies hatte zur Folge, dass Anarchist:innen und Republikaner:innen zum Teil, wie in Spanien oder Kuba, gemeinsam gegen die staatlichen Kräfte kämpften. Beim Osteraufstand von 1916 in Irland gab es ein militärisches Bündnis zwischen revolutionären Syndikalist:innen und Nationalist:innen.
Der ursprüngliche organisatorische Ansatz der Anarchist:innen um Bakunin beschränkte sich jedoch nicht auf Aufstandsversuche, sondern umfasste auch die Beteiligung an den Massenkämpfen der Arbeiter:innenklasse. Während einige Anarchist:innen auf die Umstände mit der Konstruktion einer Ideologie des «Illegalismus» reagierten, begannen die meisten, sich Massenkämpfen zuzuwenden und insbesondere Massenorganisationen auf revolutionär-syndikalistischer Basis zu gründen oder ihnen beizutreten. In den Anfangsjahren des 20. Jahrhunderts waren Anarchist:innen an den meisten revolutionär-syndikalistischen Gewerkschaften beteiligt oder gründeten diese, welche die radikale Politik bis zur russischen Revolution dominierten. Sehr oft waren diese Gewerkschaften selbst an Aufständen beteiligt, wie 1919 sowohl in Argentinien als auch in Chile, wo Arbeiter:innen «die patagonische Stadt Puerto Natales unter der roten Flagge und anarcho-syndikalistischen Prinzipien besetzten.» (3) Schon früher, 1911, organisierten die mexikanischen Anarchist:innen des PLM (Partido Liberal Mexicano) mit Hilfe vieler IWW-Mitglieder aus den USA «Bataillone (...) in Baja California und übernahmen die Stadt Mexicali und die umliegenden Gebiete.»
Die organisatorische Tradition der Anarchokommunist:innen lässt sich auf Bakunin und die ersten programmatischen Dokumente der aufkommenden anarchistischen Bewegung in den 1860er Jahren zurückführen. Diese organisatorischen Ideen wurden erst in den 1920er Jahren wieder auf kollektive Weise weiterentwickelt. Dennoch gab es Einzelpersonen und Gruppen, die die Schlüsselaspekte des organisierten anarchistischen Kommunismus befürworteten: die Beteiligung an den Massenkämpfen der arbeitenden Klasse und die Notwendigkeit spezifischer anarchistischer Organisation und Propaganda. Der anarchistische Kommunismus wurde 1926 von einer Gruppe revolutionärer Exilanten präzisiert, die analysierten, warum ihre bisherigen Bemühungen gescheitert waren. Dies führte zur Veröffentlichung des Dokuments, das auf Deutsch als die «Organisationsplattform der allgemeinen anarchistischen Union» bekannt ist, die wir an anderer Stelle ausführlich analysiert haben.
Hier ist es wichtig zu bemerken, dass diese Gruppe anarchistischer Kommunist:innen, ähnlich wie ihre Vorgänger in den 1860er Jahren, versuchte, aus der anarchistischen Beteiligung an Aufständen und Revolutionen in der Periode von 1917-1921 zu lernen. Dazu gehörte Nestor Makhno, der die Schlüsselfigur eines massiven, anarchistisch geführten Aufstands in der Westukraine war. Die Revolutionäre aufständische Armee der Ukraine kämpfte in diesen Jahren gegen die österreichisch-ungarischen Truppen, antisemitische Pogromist:innen, verschiedene weisse Armeen und die bolschewistisch kontrollierte Rote Armee. Diese Plattformist:innen, wie sie bekannt geworden sind, schrieben: «Das Prinzip der Versklavung und Ausbeutung der Massen durch Gewalt bildet die Grundlage der modernen Gesellschaft. Alle Erscheinungsformen ihrer Existenz: die Wirtschaft, die Politik, die sozialen Beziehungen, basieren auf Klassengewalt, deren Diener sind: die Autorität, die Polizei, das Militär, die Justiz ... Der Fortschritt der modernen Gesellschaft: die technische Entwicklung des Kapitals und die Perfektionierung seines politischen Systems, stärkt die Macht der herrschenden Klassen und erschwert den Kampf gegen sie ... Die Analyse der modernen Gesellschaft führt uns zu dem Schluss, dass der einzige Weg, die kapitalistische Gesellschaft in eine Gesellschaft freier Arbeiter zu transformieren, der Weg der gewaltsamen sozialen Revolution ist.» (4)
Die nächste Entwicklung des anarchistischen Kommunismus kam erneut von Anarchist:innen, die selbst einen Aufstand erlebt und mitgestaltet haben - diesmal die Gruppe der «Freunde Durrutis» (FD), die während des Aufstands in Barcelona im Mai 1937 aktiv waren. Die FD «Mitglieder und Unterstützer waren prominente Genossen von der Front in Gelsa.» (5)
Die FD bestand aus Mitgliedern der CNT, war jedoch äusserst kritisch gegenüber der Rolle, die die CNT 1936 gespielt hatte. «Die CNT wusste nicht, wie sie ihrer Rolle gerecht werden konnte. Sie wollte die Revolution nicht mit all ihren Konsequenzen vorantreiben. Sie wurden von den ausländischen Truppen eingeschüchtert... Wurde jemals eine Revolution gemacht, ohne unzählige Schwierigkeiten überwinden zu müssen? Gibt es irgendeine Revolution in der Welt, vom fortgeschrittenen Typ, die ausländische Interventionen vermeiden konnte? ... Mit der Angst als Sprungbrett und wenn man sich von Ängstlichkeit leiten lässt, gelingt einem nie etwas. Nur die Kühnen, die Entschlossenen, Männer des Mutes können grosse Siege erringen. Die Ängstlichen haben kein Recht, die Massen zu führen... Die CNT hätte die Führung im Land übernehmen und einen schweren Gnadenstoss gegen alles Veraltete und Archaische ausführen müssen. Auf diese Weise hätten wir den Krieg gewonnen und die Revolution gerettet... Aber sie tat das Gegenteil... Sie hauchte einer anämischen, verängstigten Bourgeoisie frischen Sauerstoff ein.» (6)
In weiten Teilen der Welt wurde der Anarchismus in der Zeit bis, während und nach dem Zweiten Weltkrieg zerschlagen. Anarchist:innen waren während des Krieges in Partisan:innenbewegungen in ganz Europa involviert, wurden jedoch im Nachkriegsverlauf vom östlichen «Kommunismus» oder der westlichen «Demokratie» unterdrückt. In Uruguay, einem der wenigen Orte, an denen eine bedeutende anarchistisch-kommunistische Bewegung überlebte, führte die fAu (Federación Anarquista Uruguaya) ab den 1950er Jahren einen bewaffneten Untergrundkampf gegen die Militärdiktatur. Kubanische Anarcho-Syndikalist:innen, insbesondere Tabakarbeiter:innen, spielten eine bedeutende Rolle in der kubanischen Revolution, wurden jedoch nach ihrem Erfolg vom neuen Regime unterdrückt.
Es gibt eine lange Tradition im Anarchismus, Ideologien aus einer Taktik zu entwickeln. Die lange und intensive Beteiligung von Anarchist:innen an Aufständen hat nicht überraschend zu einer anarchistischen Ideologie des Aufstands geführt.
Eine frühe Selbstdefinition des Insurrektionalismus ist folgende von 1993: «Wir betrachten die Kampfesform, die am besten zum gegenwärtigen Stand des Klassenkonflikts in praktisch allen Situationen passt, als die aufständische, und dies gilt besonders im Mittelmeerraum. Mit aufständischer Praxis meinen wir die revolutionäre Aktivität, die die Initiative im Kampf ergreifen will und sich nicht darauf beschränkt, abzuwarten oder sich auf einfache defensive Reaktionen auf Angriffe der Machtstrukturen zu beschränken. Insurrektionalist:innen unterstützen nicht die quantitativen Praktiken des Abwartens, beispielsweise organisatorische Projekte, deren erstes Ziel es ist, in Zahlen zu wachsen, bevor sie in Kämpfe eingreifen, und die sich während dieser Wartezeit auf Proselytismus (Negative Bezeichnung für das Abwerben von Gläubigen aus anderen Konfessionen, Kirchen und Glaubensgemeinschaften) und Propaganda beschränken oder auf die ebenso sterile wie harmlose Gegeninformation.» (7)
Als Ideologie stammt der Insurrektionalismus aus den besonderen Bedingungen im Nachkriegs-Italien und Griechenland. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs gab es in beiden Ländern eine reale Möglichkeit einer Revolution. In vielen Gebieten wurden die Faschist:innen von linken Partisan:innen vertrieben, bevor die alliierten Armeen ankamen. Aber aufgrund des Jalta-Abkommens wies Stalin die offizielle revolutionäre Linke der Kommunistischen Partei an, den Kampf zurückzuhalten. Infolgedessen litt Griechenland jahrzehntelang unter einer Militärdiktatur, während die Kommunistische Partei in Italien weiterhin Kämpfe zurückhielt. Der Insurrektionalismus war eine von mehreren neuen sozialistischen Ideologien, die entstanden, um auf diese besonderen Umstände zu reagieren. Allerdings liegt die Entwicklung des Insurrektionalismus in diesen Ländern ausserhalb des Umfangs dieses Artikels. Hier soll die Entwicklung einer insurrektionalistischen Ideologie in der englischsprachigen Welt betrachten werden.
Ein:e Insurrektionalist:in hat beschrieben, wie sich die Ideen aus Italien verbreiteten: «Aufständischer Anarchismus hat sich seit den 1980er Jahren in der englischsprachigen anarchistischen Bewegung entwickelt, dank Übersetzungen und Schriften von Jean Weir in ihrer «Elephant Editions» und ihrem Magazin «Insurrection». In Vancouver, Kanada, wurden lokale Genossen, die am Anarchist Black Cross, dem lokalen anarchistischen Sozialzentrum und den Magazinen «No Picnic» und «Endless Struggle» beteiligt waren, von Jeans Projekten beeinflusst. Dies übertrug sich auf die sich ständig entwickelnde Praxis der aufständischen Anarchisten in dieser Region bis heute ... Das anarchistische Magazin «Demolition Derby» in Montreal berichtete ebenfalls über aufständisch anarchistische News in der damaligen Zeit.» (8)
Dass der Insurrektionalismus zu dieser Zeit als ein deutlicher Trend im englischsprachigen Anarchismus auftauchte, sollte keine Überraschung sein. Der massive Aufschwung, den der Anarchismus durch die Gipfelprotestbewegung erlebte, war teilweise auf die hohe Sichtbarkeit von Taktiken im Black-Block-Stil zurückzuführen. Nach den Protesten beim Prager Gipfel 2000 lernte der Staat, wie er die Effektivität solcher Taktiken erheblich verringern konnte. Kurz nach den katastrophalen Erfahrungen in Genua und einer Reihe kontrollierter Blöcke in den USA entstanden Argumente, die einerseits eine grössere Militanz und mehr geheime Organisation betonten und andererseits eine Abkehr vom Spektakel der Gipfelproteste. Gleichzeitig machten viele junge Menschen, die zum ersten Mal in die anarchistische Politik eintraten, oft die falsche Annahme, dass das militante Image, das ihre Aufmerksamkeit im Fernsehen erregt hatte, speziell ein Produkt des Insurrektionalismus sei. Tatsächlich hatten die meisten Arten von klassenkämpferischen Anarchist:innen, einschliesslich anarchistischer Kommunist:innen und Mitglieder der syndikalistischen Gewerkschaften, an Protesten im Black-Block-Stil bei den Gipfeltreffen teilgenommen. Da sie alle tatsächliche Aufstände als einen bedeutenden Schritt zur Erreichung einer anarchistischen Gesellschaft sehen, sollte es nicht überraschen, dass sie sich an Strassenkämpfen beteiligten, wenn diese Taktik sinnvoll erschien. Zur Zeit von Genua, als der Staat offensichtlich das Mass an Repression, das er einsetzen konnte, erheblich erhöht hatte, diskutierten anarchistische Kommunist:innen, ob solche Taktiken eine Zukunft hätten.
Es ist wahrscheinlich nützlich, gleich zu Beginn ein paar Mythen über den Insurrektionalismus zu entkräften. Insurrektionalismus ist nicht auf bewaffneten Kampf beschränkt, obwohl er diesen beinhalten kann, und die meisten Insurrektionalist:innen sind gegenüber dem Elitarismus bewaffneter Kampfavantgarden ziemlich kritisch. Er bedeutet auch nicht, kontinuierlich tatsächliche Aufstände zu starten, da die meisten Insurrektionalist:innen klug genug sind zu erkennen, dass dieses Maximalprogramm nicht immer möglich ist, auch wenn sie gleichzeitig andere Anarchist:innen dafür verurteilen, zu warten.
Was ist also Insurrektionalismus? Das Magazin „Do or Die (Nr.) 10“ veröffentlichte eine nützliche (9) Einführung mit dem Titel „Insurrectionary Anarchy: Organising for Attack!“ (10). Ich zitiere wesentliche Passagen aus diesem Artikel in der folgenden Diskussion. Das Konzept des «Angriffs» steht im Mittelpunkt der insurrektionalistischen Ideologie. Dies wurde wie folgt erklärt: «Der Angriff ist die Ablehnung von Vermittlung, Besänftigung, Opfer, Anpassung und Kompromiss im Kampf. Es ist durch Handeln und das Erlernen des Handelns, nicht durch Propaganda, dass wir den Weg zur Insurrektion öffnen werden, obwohl Analyse und Diskussion eine Rolle dabei spielen, zu klären, wie man handeln soll. Warten lehrt nur das Warten; durch Handeln lernt man zu handeln.» (11)
Dieser Essay stützte sich auf eine Reihe zuvor veröffentlichter insurrektionalistischer Werke, eines davon, „At Daggers Drawn“, erklärte: «Die Kraft einer Insurrektion ist sozial, nicht militärisch. Die verallgemeinerte Rebellion wird nicht durch den bewaffneten Zusammenstoss gemessen, sondern durch das Ausmass, in dem die Wirtschaft gelähmt ist, die Produktions- und Vertriebsstätten übernommen werden, die freie Gabe, die jede Berechnung verbrennt ... Keine Guerillagruppe, wie effektiv sie auch sein mag, kann diesen grossartigen Bewegungen von Zerstörung und Transformation den Platz streitig machen.» (11)
Die insurrektionistische Vorstellung des Angriffs basiert nicht darauf, dass eine Avantgarde die Befreiung der Arbeiter:innenklasse erreicht. Stattdessen ist klar, dass «wovor das System Angst hat, nicht diese Sabotageakte an sich sind, sondern ihre soziale Verbreitung»(12). Mit anderen Worten, die direkten Aktionen einer kleinen Gruppe können nur erfolgreich sein, wenn sie von der Arbeiter:innenklasse aufgegriffen werden. Dies ist eine viel nützlichere Art, über direkte Aktion zu diskutieren, als der konventioneller linke Diskurs, der folgende zwei Extreme gegeneinanderstellt: Einerseits «Gruppen der direkten Aktion», die ihre Aktionen als eigenständige Erreichung des Ziels betrachten, und andererseits revolutionäre Organisationen, die sich weigern, über die Propagierung von Massenaktionen hinauszugehen - und allzu oft tatsächlich gegen «elitäre» Aktionen kleiner Gruppen argumentieren.
Insurrektionalist:innen erkennen oft den Klassenkampf dort, wo die reformistische Linke es ablehnt. Daher schrieb Jean Weir über Grossbritannien Anfang der 1980er Jahre: «Die Kämpfe in den Ghettos der Innenstädte werden oft als sinnlose Gewalt missverstanden. Die jungen Menschen, die gegen Ausgrenzung und Langeweile kämpfen, sind fortgeschrittene Elemente des Klassenkampfes. Die Mauern der Ghettos müssen eingerissen, nicht geschlossen werden.» (13) Die Idee, dass solche Aktionen von der Arbeiter:innenklasse aufgegriffen werden müssen, wird auch von Insurrektionalist:innen als wichtige Antwort auf das Argument betrachtet, dass der Staat kleine Gruppen einfach unterdrücken kann. Es wird darauf hingewiesen, dass «es materiell unmöglich ist, dass der Staat und das Kapital das gesamte soziale Terrain überwachen». (14)
Wie man sich vorstellen kann, sind individuelle Wünsche zentral für den Insurrektionalismus, aber nicht wie beim rauen Individualismus der «libertären Rechten». Vielmehr führt «Der Wunsch nach individueller Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung zur Notwendigkeit einer Klassenanalyse und eines Klassenkampfes». (15) Vieles der bisher betrachteten insurrektionalistischen Theorie stellt im Prinzip keine realen Probleme für anarchistische Kommunist:innen dar. Auf theoretischer Ebene ergeben sich jedoch Probleme mit der organisatorischen Ideologie, die Insurrektionalist:innen nebenbei konstruiert haben. Ein Grossteil davon wurde als ideologische Kritik an dem Rest der anarchistischen Bewegung konstruiert.
Die insurrektionistische Kritik an «Organiser:innen», auch wenn sie eine nützliche Warnung vor den Gefahren darstellt, hat sich zu einer ideologischen Position ausgeweitet, die diese Gefahren als unvermeidlich darstellt. Es wird gesagt, dass: «Es ist die Aufgabe des:der Organiser:in ist, die Menge in eine kontrollierbare Masse zu verwandeln und diese Masse vor den Medien oder staatlichen Institutionen zu repräsentieren» und «Für den Organisator ... steht die reale Aktion immer im Hintergrund der Aufrechterhaltung des Medienbildes».
Wahrscheinlich sind die meisten von uns mit linken Kampagnen vertraut, die von einer bestimmten Partei geleitet werden, bei denen genau dies passiert ist. Aber unsere Erfahrung zeigt, dass dies nicht unvermeidlich ist. Es ist durchaus möglich, dass Einzelpersonen bei der Organisation eines Kampfes helfen, ohne dass dies geschieht. Hat ein:e Genoss:in mehr Zeit als alle anderen, übernimmt diese:r eine Reihe von Aufgaben, die erledigt werden müssen - ist er:sie daher nicht auch ein:e Organiser:in?
Das Problem mit dem scheinbaren generellen Verbot von „Organiser:innen“ besteht darin, dass es die Analyse verhindert, warum diese Probleme auftreten, und somit auch, wie sie verhindert werden können. Im Falle von Medienarbeit gibt es kein Geheimnis. Jede:r, der:die Medienarbeit für einen umstrittenen Kampf leistet, wird mit Fragen zur Wahrscheinlichkeit von Gewalt bombardiert - in medialen Begriffen handelt es sich dabei um eine „aufregende“ Geschichte. Wenn sie dies Tag für Tag, Woche für Woche erhalten, werden sie versuchen, den Kampf entsprechend dieser Medienagenda zu gestalten.
Die Lösung ist einfach. Dieses Problem entsteht, weil die Linke tendenziell eine:n „Anführer:in“ hat, der:die die wesentliche Organisation eines Protests auch als Medienkontakt für diesen Protest übernimmt. Unsere Erfahrung zeigt, dass, wenn sich die beiden Rollen trennen, sodass die Organisatoren eines bestimmten Ereignisses nicht diejenigen sind, die mit den Medien darüber sprechen, das Problem stark reduziert oder sogar eliminiert wird. Die eigentlichen Organisator:innen sind von den Medien isoliert, liefern jedoch Informationen an diejenigen, die als Mediensprecher:innen ernannt werden. Diese:r Mediensprecher:in hat jedoch kein besonderes Mitspracherecht bei der Organisation des Protests.
Dies führt zur insurrektionalistischen Beschreibung der Medien. «Eine Meinung ist nicht etwas, das zunächst unter der allgemeinen Öffentlichkeit gefunden wird und dann später durch die Medien wiedergegeben wird, als einfache Berichterstattung über die öffentliche Meinung. Eine Meinung existiert zuerst in den Medien. Zweitens reproduzieren die Medien dann die Meinung millionenfach und verknüpfen sie mit einem bestimmten Typus von Person (Konservative denken x, Liberale denken y). Die öffentliche Meinung wird als eine Reihe einfacher Entscheidungen oder Lösungen produziert («Ich bin für Globalisierung und Freihandel», oder «Ich bin für mehr nationale Kontrolle und Protektionismus»). Wir sollen alle wählen - so wie wir unsere Führer oder unsere Hamburger wählen - anstatt selbst zu denken.»
Das klingt alles ziemlich gut - und darin steckt ein beträchtlicher Teil Wahrheit. Aber diese pauschale Analyse verhindert erneut eine Diskussion darüber, wie diese Probleme überwunden werden können. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem wir unsere eigenen alternativen Medien haben - und in diesem Fall würden einige der oben genannten Probleme immer noch zutreffen - wären wir verrückt, diejenigen Teile der Medien nicht zu nutzen, durch die wir möglicherweise die Millionen von Menschen erreichen könnten, von denen uns sonst fehlende Ressourcen abschneiden. Und obwohl die Medien die Geschichte gerne vereinfachen, indem sie sie auf binäre Entscheidungen reduzieren, bedeutet dies nicht, dass jede:r, der:die Informationen aus den Medien erhält, diese Aufteilung akzeptiert. Viele, wenn nicht sogar alle Menschen haben ein Verständnis dafür, dass die Medien fehlerhaft sind, und neigen daher dazu, ihre binären Einteilungen nicht zu akzeptieren. Auf die Revolution warten? Uns wird gesagt, dass die Linke im Allgemeinen und der Rest der anarchistischen Bewegung im Besonderen «eine Kritik an Trennung und Repräsentation, die das Warten rechtfertigt und die Rolle des Kritikers akzeptiert. Unter dem Vorwand, sich nicht von sozialen Bewegung zu trennen, endet man damit, jede Praxis des Angriffs als Flucht nach vorne oder blosse bewaffnete Propaganda zu verurteilen. Wieder einmal werden die Revolutionäre aufgefordert, die wirklichen Bedingungen der Ausgebeuteten aufzudecken, diesmal durch ihre eigene Untätigkeit. Kein Aufstand ist folglich möglich, ausser in einer sichtbaren sozialen Bewegung. Also jeder, der handelt, muss zwangsläufig den Platz des Proletariats einnehmen. Das einzige Erbe, das verteidigt werden muss, wird zu radikaler Kritik, revolutionärer Klarheit. Das Leben ist elend, also kann man nichts anderes tun, als Elend zu theoretisieren.»(16)
Hier sehen wir die hauptsächliche Schwäche des Insurrektionalismus - sein Mangel an ernsthafter Diskussion anderer anarchistischer Tendenzen. Es wird uns glauben gemacht, dass andere Revolutionär:innen, einschliesslich aller anderen Anarchist:innen, lieber herumsitzen und über die Übel des Kapitalismus predigen, anstatt auch zu handeln. Es gibt einige sehr wenige Gruppen, für die dies zutrifft, aber die Realität ist, dass selbst unter den nicht-anarchistischen revolutionären Bewegungen die meisten Organisationen auch Formen direkter Aktionen durchführen, wenn sie dies taktisch für sinnvoll halten. In Wirklichkeit ist dies auch das Urteil, das Insurrektionalist:innen fällen - wie alle anderen erkennen sie die Notwendigkeit, zu warten, bis sie denken, dass die Zeit reif ist. Sie erkennen, dass morgen nicht der Tag ist, das Weiße Haus zu stürmen.
Ein weiterer Kritikpunkt an der Ideologie des Insurrektionalismus findet sich in der Frage der Organisation. Der Insurrektionalismus erklärt sich gegen «formelle Organisation» und für «informelle Organisation». Oft ist jedoch unklar, was das genau bedeutet, da «formelle» Organisation einfach als Etikett für alles verwendet wird, was bei einer Organisation schiefgehen kann. Insurrektionalist:innen versuchen formelle Organisationen zu definieren als «permanente Organisationen (die) alle Kämpfe innerhalb einer einzigen Organisation synthetisieren und Organisationen, die Kämpfe mit den Institutionen der Dominanz vermitteln. Permanente Organisationen neigen dazu, sich zu Institutionen zu entwickeln, die über den kämpfenden Massen stehen. Sie tendieren dazu, eine formale oder informelle Hierarchie zu entwickeln und die Menge zu entmachten. (...) Die hierarchische Verfassung der Machtverhältnisse nimmt Entscheidungen weg, sobald eine solche Entscheidung notwendig ist, und überträgt sie auf die Organisation. (...) Permanente Organisationen tendieren dazu, Entscheidungen nicht auf der Notwendigkeit eines bestimmten Ziels oder einer bestimmten Aktion zu treffen, sondern auf den Bedürfnissen dieser Organisation, insbesondere ihrer Erhaltung. Die Organisation wird zum Selbstzweck.»
Während dies eine recht gute Kritik am Leninismus oder sozialdemokratischen Organisationsformen ist, beschreibt es nicht wirklich laufende Formen anarchistischer Organisation - insbesondere die Organisation des anarchistischen Kommunismus. Anarchistische Kommunist:innen versuchen zum Beispiel nicht, «alle Kämpfe innerhalb einer einzigen Organisation zu synthetisieren». Vielmehr sind wir der Ansicht, dass die spezifische anarchistische Organisation sich in die Kämpfe der Arbeiter:innenklasse einbringen sollte und dass diese Kämpfe von der Klasse selbst verwaltet werden sollten - nicht von irgendeiner Organisation, anarchistisch oder sonst wie.
Statt Hierarchie zu entwickeln, verbieten unsere Satzungen nicht nur formelle Hierarchie, sondern enthalten auch Bestimmungen, die darauf abzielen, die Entwicklung informeller Hierarchien zu verhindern. Zum Beispiel kann beträchtliche informelle Macht auf jemanden übergehen, der die einzige Person ist, die eine bestimmte Aufgabe erledigen kann und die es schafft, diese Rolle viele Jahre lang zu behalten. Daher besagt die Verfassung des WSM (Workers Solidarity Movement), dass kein Mitglied eine bestimmte Position länger als drei Jahre innehaben darf. Danach müssen sie zurücktreten.
Diese Art formeller Mechanismen zur Verhinderung der Entwicklung informeller Hierarchie sind in anarchistisch-kommunistischen Organisationen üblich. Tatsächlich ist es ein Beispiel dafür, dass formelle Organisation einen besseren Schutz gegen Hierarchie bietet. Unsere formale Organisationsmethode ermöglicht es uns auch, Regeln zu vereinbaren, um die Entwicklung informeller Hierarchie zu verhindern. Insurrektionalismus mangelt es an einer ernsthaften Kritik der informellen Hierarchie, aber wie jede:r Aktive in der anarchistischen Bewegung im angelsächsischen Raum weiß, sind Probleme der Hierarchie innerhalb der Bewegung meist Probleme von informeller Hierarchie.
Wenn man die Dinge entfernt, die bei einer Organisation schief gehen können, dann reduziert sich das insurrektionalistische Konzept der «formellen» Organisation im Wesentlichen auf eine Organisation, die zwischen und über Kämpfe hinweg weiter besteht. Selbst hier ist die Unterscheidung jedoch verschwommen, weil Insurrektionalist:innen auch sehen, dass manchmal informelle Organisation in mehr als einem Kampf involviert sein kann oder von einem Kampf zum anderen wechseln kann.
Aus anarchistisch-kommunistischer Sicht besteht der Hauptzweck einer Organisation darin Kommunikation, gemeinsame Zwecke und Einheit zwischen den Kämpfen zu schaffen. Nicht im formalen Sinne, dass alle Kämpfe in ein einziges Programm und unter eine einzige Führung gezwungen werden. Sondern im informellen Sinne der anarchistisch-kommunistischen Organisation als ein Kanal der Kommunikation, Bewegung und Debatte zwischen den Kämpfen, der eine grössere Kommunikation ermöglicht und die Chance auf Erfolg erhöht.
Die von Insurrektionalist:innen bevorzugte Organisationsmethode wird vom Grundsatz geleitet, dass «die geringste Menge an Organisation, die erforderlich ist, um seine Ziele zu erreichen, immer am besten ist, um die Bemühungen zu maximieren.» Das bedeutet kleine Gruppen von Genoss:innen, die sich gut kennen und viel Zeit miteinander verbringen, um Probleme zu diskutieren und Massnahmen zu ergreifen - Affinitätsgruppen.
Uns wird gesagt, «eine Affinität zu einem Genossen zu haben bedeutet, ihn zu kennen, sein Wissen über ihn vertieft zu haben. Mit zunehmendem Wissen kann die Affinität so weit zunehmen, dass eine gemeinsame Aktion möglich wird.» (17) Natürlich wissen Insurrektionalist:innen, dass kleine Gruppen oft zu klein sind, um ein Ziel allein zu erreichen. In diesem Fall sagen sie, dass Gruppen sich vorübergehend für dieses spezifische Ziel zusammenführen können. Es gab sogar Versuche, dies auf internationale Ebene auszudehnen. «Die anti-autoritäre insurrektionalistische Internationale zielt darauf ab, eine informelle Organisation zu sein... [Sie] basiert daher auf einer fortschreitenden Vertiefung des gegenseitigen Wissens aller ihrer Anhänger... Zu diesem Zweck sollten alle, die ihr beitreten, die Dokumentation senden, die sie für erforderlich halten, um ihre Aktivität bekannt zu machen... an die unterstützende Gruppe.» (18)
Es ist offensichtlich, dass eine erfolgreiche libertäre Revolution erfordert, dass die Masse der Menschen organisiert ist. Insurrektionalist:innen erkennen dies an und haben versucht, Modelle der Massenorganisation zu konstruieren, die ihren ideologischen Prinzipien entsprechen. Die sogenannten „autonomen Basiskerne“ basierten ursprünglich auf der Autonomenbewegung der Turiner Eisenbahner und den selbstverwalteten Ligen gegen die Marschflugkörper-Basis in Comiso.
Alfredo Bonanno beschrieb in „The Anarchist Tension“ die Erfahrung von Comiso folgendermassen: «Ein theoretisches Modell dieser Art wurde verwendet, um den Bau der amerikanischen Raketenbasis in Comiso Anfang der 80er Jahre zu verhindern. Die Anarchisten, die sich zwei Jahre lang einsetzten, gründeten «selbstverwaltete Ligen». (19) Er fasste sie wie folgt zusammen: «Diese Gruppen sollten nicht nur aus Anarchisten bestehen. Jeder, der beabsichtigt, um bestimmte Ziele zu kämpfen, auch umschriebene, könnte teilnehmen, solange er einige wesentliche Bedingungen berücksichtigt. Zunächst einmal «permanenter Konflikt», das heisst, Gruppen mit der Eigenschaft, die Realität, in der sie sich befinden, anzugreifen, ohne auf Befehle von anderswo zu warten. Dann die Eigenschaft der «Autonomie», das heisst, nicht von politischen Parteien oder Gewerkschaftsorganisationen abhängig zu sein oder überhaupt Beziehungen zu ihnen zu haben. Schliesslich die Eigenschaft, Probleme einzeln anzugehen und keine Plattformen mit generischen Forderungen vorzuschlagen, die sich zwangsläufig in Verwaltung entlang der Linien einer Mini-Partei oder einer kleinen alternativen Gewerkschaft verwandeln würden.» (20) Obwohl sie den Titel «selbstverwaltet» tragen, sehen diese Ligen tatsächlich ziemlich ähnlich aus wie die Frontorganisationen, die von vielen leninistischen Organisationen zur Verknüpfung und Kontrolle sozialer Kämpfe verwendet werden. Warum? Nun, die obige Definition beschreibt eine Organisation, die zwar versucht, die Massen zu organisieren, dies jedoch entlang der Linien definiert, die von den informellen Gruppen von Anarchist:innen vorgegeben werden. Wenn es wirklich selbstverwaltet wäre, würde die Liga selbst doch ihre Arbeitsweise und die Themen definieren, für die sie kämpfen möchte, oder? Und von Anfang an schliessen die Ligen nicht nur alle anderen konkurrierenden Organisationen aus, sondern auch jegliche Beziehungen zu politischen Parteien oder Gewerkschaftsorganisationen. Noch einmal: ein echter selbstverwalteter Kampf würde selbst darüber entscheiden, mit wem er Beziehungen haben möchte, und nicht einfach dem Diktat einer organisierten ideologischen Minderheit folgen. Ein weiterer Insurrektionalist, „O.V.“, definierte die Ligen als «das Element, das die spezifische informelle anarchistische Organisation mit sozialen Kämpfen verbindet» und sagte über sie: «Diese Angriffe werden von den Kernen in Zusammenarbeit mit spezifischen anarchistischen Strukturen organisiert, die praktische und theoretische Unterstützung bieten, die Suche nach den für die Aktion erforderlichen Mitteln entwickeln, die Strukturen und Personen herausstellen, die für die Repression verantwortlich sind, und einen Mindestschutz gegen Versuche der politischen oder ideologischen Rückgewinnung durch die Macht oder gegen einfache Repression bieten.» (21)
Das ist sogar noch schlimmer – den spezifischen anarchistischen Strukturen wird die Rolle zugewiesen, so gut wie jede bedeutende Entscheidung für die Liga zu treffen. Dies macht jegliche Behauptung zur Selbstverwaltung sinnlos und würde eine solche Liga zu einem Spielball einer selbstgewählten Kadergruppe wahrer Revolutionär:innen machen, die angeblich in der Lage sind, sich mit den Problemen zu befassen, mit denen die anderen Mitglieder nicht umgehen können. Dies scheint so sehr im Widerspruch zu dem zu stehen, was Insurrektionalisten an anderer Stelle sagen, dass wir innehalten und uns fragen sollten, warum sie zu einer solchen Position gelangen.
Die Ursache liegt darin, dass gemeinsames Handeln offensichtlich ein gewisses Mass an gemeinsamer Übereinstimmung erfordert. Der insurrektionalistische Ansatz dazu ist ziemlich schwer zu erfassen und der Grund, warum sich in den von ihnen befürworteten selbstverwalteten Ligen solch merkwürdige Widersprüche auftun. Das Problem besteht darin, dass die Erreichung von Einigung Entscheidungen erfordert, und bei der Entscheidungsfindung besteht die Möglichkeit, dass die Mehrheit eine Entscheidung trifft, die das informelle Kader für einen Fehler hält.
Der „Do-or-Die“-Artikel versucht, dieses offensichtliche Problem folgendermassen zu definieren: «Autonomie ermöglicht es, Entscheidungen zu treffen, wenn sie notwendig sind, anstatt durch die Entscheidung eines Ausschusses oder einer Versammlung vorbestimmt oder verzögert zu werden. Das bedeutet jedoch nicht, dass wir nicht strategisch über die Zukunft nachdenken und Vereinbarungen oder Pläne treffen sollten. Im Gegenteil, Pläne und Vereinbarungen sind nützlich und wichtig. Betont wird eine Flexibilität, die es den Menschen ermöglicht, Pläne zu verwerfen, wenn sie nutzlos werden. Pläne sollten an die sich entwickelnden Ereignisse anpassbar sein.»
Das wirft mehr Fragen auf als es beantwortet - wie kann man planen, ohne etwas vorher festzulegen? Wenn eine Gruppe von Menschen «strategisch über die Zukunft nachdenkt», ist diese Gruppe dann nicht ein «Ausschuss oder eine Versammlung», auch wenn sie sich entscheidet, diese Bezeichnung nicht zu verwenden? Und wer plädiert für Pläne, die nicht «an die sich entwickelnden Ereignisse anpassbar sind»? Aus einer anarchokummunistischen Perspektive besteht der Sinn darin, strategisch über die Zukunft nachzudenken, darin, dieses Denken zu nutzen, um für die Zukunft zu planen. Pläne beinhalten das Treffen von Entscheidungen im Voraus - zumindest in gewissem Masse. Und Pläne sollten formell gemacht und vereinbart werden, das beinhaltet sicherlich Meetings und kann auch die Sitzung eines Ausschusses beinhalten. Warum dies leugnen?
Insurrektionalist:innen, ähnlich den ideologischeren Anarcho-Syndikalist:innen, nehmen eine ideologische Position gegen Verhandlungen ein. «Kompromisse stärken nur den Staat und das Kapital», wird uns gesagt. Aber das ist ein Slogan, der nur funktioniert, wenn man eine kleine Gruppe ist, die keinen Einfluss auf einen Kampf hat. Kurz vor der Revolution wird es ungewöhnlich sein, einen Kampf vollständig zu gewinnen. Daher werden wir, wenn unsere Ideen gehört werden, immer wieder entweder mit einem begrenzten und daher verhandelten Sieg konfrontiert sein oder eine Niederlage erfahren, weil wir für mehr kämpfen, als gewonnen werden kann. Sollte unser Ziel nicht sein, alles zu gewinnen, was möglich ist, anstatt in glorreicher Niederlage unterzugehen?
Offenbar nicht. Ein Insurrektionalist beschreibt positiv, wie «Die Arbeiter, die während eines wilden Streiks ein Banner trugen, auf dem stand: «Wir bitten um nichts», verstanden haben, dass die Niederlage bereits in der Forderung selbst liegt». (22) Dies ergibt natürlich nur Sinn, wenn die betroffenen Arbeiter:innen bereits Revolutionär:innen sind. Wenn es sich um einen sozialen Kampf handelt, zum Beispiel um eine Mietreduktion oder eine Lohnerhöhung, ist ein solches Banner eine Beleidigung für die Bedürfnisse derjenigen im Kampf.
Kurz vor der Revolution sollte die Frage nicht lauten, ob verhandelt werden soll oder nicht, sondern vielmehr, wer verhandelt, mit welchem Mandat und unter welchen Verfahren, bevor eine Vereinbarung getroffen werden kann. Die Realität ist, dass wenn diese Fragen vermieden werden, dann wird dieses Vakuum von Autoritären gefüllt, die bereit sind, nach ihren Bedingungen zu verhandeln und dabei ihre Rechenschaftspflicht minimieren.
Ohne auf die Einzelheiten jeder Kontroverse einzugehen, besteht ein grosses Problem in Ländern, in denen Insurrektionalist:innen ihren Worten Taten folgen lassen, oft darin, dass dies Angriffe bedeutet, die wenig erreichen, ausser einerseits als Vorwand für staatliche Repression zu dienen und andererseits alle Anarchist:innen, nicht nur die Beteiligten, vom breiteren sozialen Bewegung zu isolieren.
Insurrektionalist:innen behaupten, bereit zu sein, taktische Debatten zu führen, aber die Realität staatlicher Repression bedeutet, dass in der Praxis jede Kritik an solchen Aktionen als Parteinahme für den Staat dargestellt wird. Vor fast 30 Jahren versuchte Bonanno alle, die solche Aktionen für verfrüht oder kontraproduktiv hielten, als Parteinahme für den Staat zu definieren, als er in «Bewaffnete Freude» schrieb: «Wenn wir sagen, die Zeit sei nicht reif für einen bewaffneten Angriff auf den Staat, dann öffnen wir die Türen der Nervenheilanstalt für die Kameraden, die solche Angriffe durchführen; wenn wir sagen, es sei nicht die Zeit für die Revolution, dann ziehen wir die Gurte der Zwangsjacken enger; wenn wir sagen, diese Handlungen seien objektiv eine Provokation, dann legen wir die weissen Kittel der Folterer an.» (23)
Die Realität ist, dass viele Aktionen, die von Insurrektionalist:innen beansprucht werden, nicht über Kritik erhaben sind - und wenn Arbeiter:innen nicht erlaubt ist, solche Aktionen zu kritisieren, werden sie dann nicht einfach zu passiven Zuschauern in einem Kampf zwischen dem Staat und der revolutionären Minderheit reduziert? Wenn man, wie Bonnano zu implizieren scheint, nicht einmal die verrücktesten Handlungen kritisieren kann, dann kann man überhaupt keine echte Diskussion über Taktiken führen.
Anarchistische Kommunist:innen haben einen anderen Massstab als den der Vernunft angesetzt, wenn es um die Frage militanter Aktionen geht. Wenn du behauptest, im Namen einer bestimmten Gruppe zu handeln, musst du zunächst nachweisen, dass die Gruppe mit den von dir vorgeschlagenen Taktiken einverstanden ist. Diese Frage ist für anarchistische Praktiken ist weit wichtiger als die Frage, was eine Gruppe von Anarchist:innen für eine angemessene Taktik halten könnte.
Wie wir gesehen haben, haben anarchistische Kommunist:innen keinen prinzipiellen Einwand gegen Aufstände. Unsere Bewegung wurde aus der Tradition der Aufstände im Anarchismus aufgebaut, und wir schöpfen Inspiration aus denjenigen, die an solchen Aufständen beteiligt waren. In der Gegenwart trotzen wir weiterhin den Einschränkungen, die der Staat auf Proteste zu legen versucht, wann immer dies den Kampf voranbringt. Auch das ist nicht nur ein Urteil, das wir fällen - in Fällen, in denen wir behaupten, in Solidarität mit einer Gruppe zu handeln (z. B. streikenden Arbeiter:innen), muss es diese Gruppe sein, die die Grenzen der Taktiken diktiert, die in ihrem Kampf verwendet werden können.
Der Insurrektionalismus bietet eine nützliche Kritik an vielem, was in der Standardpraxis der Linken üblich ist. Aber es versucht fälschlicherweise, diese Kritik auf alle Formen anarchistischer Organisation auszudehnen. Und in einigen Fällen sind die Lösungen, die es zur Überwindung realer Organisationsprobleme vorschlägt, schlimmer als die Probleme, die es zu lösen versucht. Anarchokummunist:innen können sicherlich aus insurrektionalistischen Schriften lernen, aber Lösungen für die Probleme revolutionärer Organisation werden dort nicht gefunden.
Das Ziel dieses Artikels ist es, bestimmte Themen anzusprechen, die meiner Meinung nach im Artikel von Joe Black, „Anarchismus, Aufstände und Insurrektionalismus“, unzureichend behandelt werden, wenn überhaupt. Ich halte diese Themen für wichtig, um über den Insurrektionalismus zu diskutieren, damit wir einige seiner Ideen und den spezifischen Platz, den er in der allgemeinen anarchistischen Bewegung einnimmt, besser verstehen können. Bevor ich weitergehe, möchte ich sagen, dass ich den Ansatz von Genosse Black zu diesem Thema lobenswert finde; zu keiner Zeit ist er in einfache Abfertigungen, Verzerrungen oder voreingenommene Interpretationen abgerutscht, wie wir es leider in der anarchistischen Bewegung so gewohnt sind. Vor allem seine Diskussion war respektvoll, und er hat einige Missverständnisse zu diesem Thema geklärt, die unter den anarchistischen Kommunist:innen weit verbreitet sind. Mit diesem bescheidenen Beitrag zur Debatte hoffe ich, nicht von diesem Geist abzuschweifen und mich nur mit echten Unterschieden zu befassen, anstatt künstliche zu schaffen.
Ich glaube, die Kritik von Genosse Black, die in einer Reihe von Fragen grundsätzlich zutreffend ist, ist dennoch nur eine formelle Kritik. Es ist eine Kritik am „Rezeptbuch“ des Insurrektionalismus, aber nicht an seinem „Katechismus“ (Unterweisung in den Grundfragen eines Glaubens). Er richtet seine Kritik gegen bestimmte Praktiken, die Insurrektionalist:innen gut oder nicht gut machen könnten. Aber er setzt sich nicht mit den politischen Vorstellungen auseinander, die diesen Positionen zugrunde liegen, und dem organisatorischen Format, das sie wählen – persönlich glaube ich, im Gegensatz zu dem, was Genosse Black vorschlägt, dass unsere Unterschiede nicht nur in Bezug auf die Organisationsfrage entstehen. Ich bin der Meinung, dass diese organisatorischen Fragen einige grundlegende politische Unterschiede widerspiegeln. Daher ist eine interne Kritik erforderlich und nicht nur eine formelle Kritik.
Um das Problem an der Wurzel der politischen Vorstellungen des Insurrektionalismus zu verstehen (das meiner Meinung nach grundlegend falsch ist), müssen wir berücksichtigen, dass sie das Produkt eines bestimmten historischen Moments sind, etwas, das nicht als blosser Zufall betrachtet werden kann. Jede politische Idee ist ein Kind ihrer Zeit. Zweitens sind viele dieser politischen Vorstellungen über die Anarchie hinaus ein gemeinsames Merkmal eines breiten Spektrums der Linken. Der Insurrektionalismus ist eine spezifische Antwort auf einige Probleme, die keineswegs ausschliesslich dem Anarchismus zuzuschreiben sind, sondern in einer Vielzahl politischer Strömungen zum Ausdruck kommen. Dies halte ich für von höchster Bedeutung, insbesondere in der chilenischen Erfahrung, wo es eine Generation gibt, die eine insurrektionalistische Sprache spricht, nachdem sie sich vom „Lautarismo“ (Marxistisch-Leninistische Strömung) hin zum Anarchismus entwickelt hat. Obwohl es eine gewisse Veränderung in ihren politischen Ideen gegeben hat, ist es diese „insurrektionalistische“ Quintessenz, die dieser Generation, die sich in gewissem Masse geändert hat, Kontinuität verliehen hat, wobei sich Ästhetik, aber nicht Diskurs, geändert hat.
Zunächst möchte ich darauf bestehen, dass trotz der Darstellung des Insurrektionalismus als einer neuen anarchistischen Strömung in den letzten Jahrzehnten zu verschiedenen historischen Momenten (und unter verschiedenen Flaggen - marxistisch, republikanisch und anarchistisch gleichermassen) Bewegungen entstanden sind, die einige grundlegende Merkmale des Insurrektionalismus teilen: die praktische Ablehnung jeglicher Art von Organisation mit zeitlicher Projektion („formelle Organisation“ nach den Insurrektionalist:innen), die Ablehnung von systematischer und methodischer Arbeit, die Verachtung des Volkskampfes für Reformen und Massenorganisation, was als Gegenpart den Voluntarismus (Vorrang des Willens, meist in Abgrenzung zum Verstand), den Maximalismus, einen vorrangig emotionalen Ansatz zur Politik, ein gewisses Gefühl der Dringlichkeit, Ungeduld und Unmittelbarkeit hat. Die Bedingungen für das Entstehen dieser Tendenzen im anarchistischen Milieu haben unter sehr spezifischen historischen Momenten stattgefunden, in denen es einerseits ein hohes Mass an Repression seitens des Systems und andererseits ein geringes Mass an sozialen Kämpfen gab. Diese kombinierten Faktoren waren historisch gesehen ein fruchtbarer Boden für insurrektionalistische Tendenzen im Anarchismus. Das erste Beispiel war die «Propaganda der Tat», die als Reaktion auf die Unterdrückung der Pariser Kommune entstand. Dann haben wir den Terrorismus in Russland während der repressiven Nachwirkungen der Revolution von 1905 und den Illegalismus in Frankreich, kurz vor dem Ersten Weltkrieg. In Argentinien blühten diese Tendenzen Ende der 1920er und in den 1930er Jahren auf, in Zeiten akuter Repression und des Rückzugs der einst mächtigen Arbeiter:innenbewegung - dies war ein verzweifelter, wenn auch heroischer Versuch einer dekadenten Bewegung. Dann haben wir Italien und Griechenland Anfang der 1960er Jahre, Jahrzehnte, in denen die postkriegszeitliche Ebbe der sozialen Kämpfe wahrscheinlich am niedrigsten war und als die politische Niederlage der antifaschistischen Linken mit aller Wucht spürbar wurde, die vom Stalinismus zerschlagen wurde. In Spanien entwickelte sich die Erfahrung der MIL während der 1970er Jahre, als allen klar war, dass das Franco-Regime einen „natürlichen Tod“ haben würde und als der Übergang aufgrund der strikten Ausschlusspolitik gegenüber den revolutionären Elementen bereits im Gange war. Schon die Erwähnung von Genosse Black, dass der Insurrektionalismus in der englischsprachigen Welt in den 80er Jahren entstand, ist keine geringfügige Angelegenheit: Dies waren Jahre eines sehr niedrigen Niveaus des Klassenkampfes insgesamt und Jahre, in denen die Neokonservativen auf dem Vormarsch waren, angeführt von Thatcher in England und von der „Reaganomics“ in den USA.
Selbst in Chile ist die Erfahrung der MJL (Lautaro), die ich als direkten Bezugspunkt betrachte, der der lokalen Bewegung einen gewissen Traditionscharakter verleiht und einige insurrektionalistische Merkmale aufweist, aus den späten 80er Jahren, als das Schicksal der Volksbewegung, die im Kampf gegen die Diktatur gewachsen war, bereits besiegelt war. Diese Volksbewegung, die ohne zu erröten „alle Kampfmittel“ eingesetzt hatte und zu diesem Zeitpunkt erschöpft, im Niedergang und letztendlich durch die demokratischen Institutionen blockiert war, war nicht in der Lage, auf die gleiche Weise zurückzuschlagen, wie sie es bis zu diesem Zeitpunkt unter Pinochets Tyrannei getan hatte.
Wenn die sozialen Bewegungen des Volkes auf einem niedrigen Niveau des Kampfes steht, gibt es in der Regel ein wachsendes Gefühl der Isolation der revolutionären Bewegung von den Massen; dies führt oft zu einem Verlust des Vertrauens in die Massenorganisationen des Volkes und tatsächlich in das Volk selbst. Dieser Mangel an Vertrauen wird häufig in einem hoch abstrakten Jargon über ein Proletariat verkleidet, das sich nur in spontanen Akten des Aufstands manifestiert. Dieser Mangel an Vertrauen drückt sich nicht nur als Anprangerung bestimmter bürokratischer, reformistischer oder kompromittierter Tendenzen aus, die in den Volksorganisationen hegemonial sind (eine Kritik, die wir mit ihnen teilen würden), sondern sie kritisieren auch die Natur und den Grund der Existenz dieser Organisationen.
Zeiten eines niedrigen Niveaus des Volkskampfes treten in der Regel nach hohen Niveaus der Klassenkonfrontation auf, sodass die Militanten noch immer an die „Barrikadentage“ erinnert werden. Diese Momente sind in den Köpfen der Militanten eingebrannt, und oft versuchen sie, sie wieder zu beleben, indem sie hart arbeiten und allein durch Willenskraft, Aktionen durchführen, um die Massen zu „erwecken“ ... meistens haben diese Aktionen das gegenteilige Ergebnis als angenommen und enden, entgegen dem Willen ihrer Urheber:innen, in den Händen der Repression.
Die Verurteilung der sozialen Bewegungen und dieses Gefühl der dringenden Handlung - das ihre Auswirkungen auf das Bewusstsein des Volkes nicht abwägt und das in der Regel tatsächlich zu extremen Formen der Avantgarde-Aktion führt, obwohl sie theoretisch einen Abstand vom Konzept der Avantgarde als Ganzes beanspruchen könnten - neigt dazu, die anfängliche Isolation noch zu verschlimmern, was schlussendlich die Repression und Vernichtung von Dissens gegenüber dem System noch einfacher macht.
Wenn das Klassenkampfniveau hoch ist, sind das die relevantesten Momente. Es handelt sich jedoch um aussergewöhnliche Momente in der Geschichte, Momente, die wie Scharniere wirken, die neue revolutionäre und radikale Alternativen aus der Krise des Alten eröffnen. Die Natur des Klassenkampfes besteht darin, Momente offener und unverblümter Konfrontation sowie Momente knappen Kampfes zu haben; genau dafür ist eine strategische Vision der revolutionären Organisation erforderlich.
Oft gab es Tendenzen in der Linken, die ihre Taktiken darauf stützten, allgemeine Regeln aus Momenten des Klassenkampfes zu machen, die per Definition vorübergehend sind: So konsolidierte sich die Sozialdemokratie in der Zeit geringer Auseinandersetzungen nach der Pariser Kommune und verzichtete auf die Revolution, indem sie einen reformistischen Stufenansatz als ihre Strategie vorantrieb. Für sie war der Moment geringer Konfrontation die historische Regel – das ist der Hauptgrund für ihren Opportunismus.
Im Gegensatz dazu gab es diejenigen, die aus den Höhepunkten des Klassenkampfes eine allgemeine Regel machten: Der Rätekommunismus ist ein Beispiel dafür. Ihre Strategie, Räte auf der Grundlage der Erfahrungen der europäischen Revolutionen der 1920er Jahre zu bilden, liess keinen Raum für den Kampf um Reformen und hatte nur ein „Alles-oder-Nichts“-Programm. Dies führt zum gegenteiligen Pol des Opportunismus, nämlich zum Maximalismus, was in revolutionären Zeiten kein Problem ist, aber in Momenten geringer Intensität des Klassenkampfes zur Isolation führt und die revolutionäre Bewegung darauf beschränkt, nichts weiter als eine Sekte zu sein, wahrscheinlich voller Hingabe, aber ohne entscheidende Rolle in den Organisationen unserer Klasse. Die dogmatischsten Versionen dieser Strömung sind unfähig, das revolutionäre Potenzial der Erfahrungen zu anzuerkennen, die sich nicht ihrem Schema anpassen.
In Bezug auf den Insurrektionalismus scheint es, wie bereits erwähnt, auch eine Tendenz zu geben, aus bestimmten heissen Momenten im Klassenkampf eine allgemeine Regel abzuleiten. Die ausschliessliche Praxis von Aktionsformen, die eher diesen Momenten offener Konfrontation entsprechen, auf Kosten anderer Formen des Kampfes, scheint diese Tendenz zur Fixierung auf historische Momente zu zeigen. Dies kann sehr schädliche Konsequenzen haben. Revolutionäre Bewegungen müssen lernen, flexibel zu sein, sich neuen Umständen anzupassen, ohne ihre Grundsätze und ihre grundlegende Politik aus den Augen zu verlieren. Wir müssen nicht nur theoretisch, sondern auch taktisch den Dogmatismus ablehnen. (25)
Eines der grössten Probleme des Anarchismus heute ist der Dogmatismus, denn dieser ersetzt konkrete Analysen durch eine Reihe von ewigen Parolen, die absolut, ungenau und apriorisch (erfahrungsunabhängig) sind. In Wirklichkeit ist der Dogmatismus nur die andere Seite unserer theoretischen Unzulänglichkeiten. Die theoretischen Dokumente des zeitgenössischen Anarchismus sind oft voller Ungenauigkeiten und sind von einem starren Geist durchdrungen, der durch die Begegnung mit der Realität unverändert bleibt. Entgegen der landläufigen Meinung zeigt sich der Dogmatismus nicht nur im ideologischen Bereich. Der Dogmatismus ist viel stärker, wenn es um Taktiken geht. Leider sehen wir oft, wie Taktiken zu Prinzipien werden. Eine Möglichkeit, wie sich dieser taktische Dogmatismus äussert, besteht darin, dass viele Anarchist:innen dazu neigen, eine Taktik oder eine politische Position zu verkünden - im Allgemeinen nicht mehr als vorhersehbare Phrasen, die identisch sind mit dem, was andere Anarchist:innen an ganz anderen Orten und zu ganz anderen Zeiten gesagt haben - und erst danach zu versuchen, Wege zu finden, sie zu rechtfertigen. Das ist, die Dinge auf den Kopf zu stellen: Analytische Anstrengungen erfolgen, nachdem die Positionen bereits eingenommen wurden!
Eine weitere Möglichkeit, wie sich dieser taktische Dogmatismus äussert, wie uns Genosse Black in Erinnerung gerufen hat, besteht in der Tendenz, eine ganze Ideologie oder Strömung um eine einzige Taktik herum aufzubauen: Wir finden Spuren davon in bestimmten Formen des Anarcho-Syndikalismus sowie im Insurrektionalismus. Dies ist eine besonders schwache Denkrichtung, die die Komplexität der politischen Landschaft und des libertären Kampfes auf einzigartige und heilige Formeln reduziert.
Es ist anzumerken, dass der revolutionäre Kampf oft eine Vielzahl von Taktiken erfordert, die von den praktischen Notwendigkeiten auferlegt werden: friedliche und bewaffnete Formen des Kampfes, legale Mechanismen und Rechtsüberschreitungen, öffentliche und geheime Organisationen. All dies wurde nicht selten gleichzeitig von der anarchistischen Bewegung verwendet, und es gibt keinen anderen Parameter, um die Wirksamkeit dieser Taktiken zu messen, als die Ziele der Bewegung oder den Fortschritt beim Aufbau der Volksmacht/Gegenmacht und der Schwächung der bürgerlichen Macht. Es gibt keine inhärenten Qualitäten für Taktiken: Was heute gültig sein kann, muss es morgen nicht unbedingt sein. Letztendlich können Taktiken nur in Bezug auf ein globales strategisches Programm ausgewählt und verworfen werden. Daher sollte jedes Urteil darüber nicht auf den Taktiken als solchen beruhen, sondern darauf, wie sie langfristigen Zielen gedient haben.
Der Massstab zur Messung der Wirksamkeit der Aktionen der Anarchist:innen sollte nichts weniger als ihr Programm sein - was zu einem grossen Problem wird, wenn die meisten anarchistischen Gruppen nicht einmal das grundlegendste Programm haben. Wie ist es dann möglich, eine kohärente Vision zwischen der unmittelbaren Aktion - die sogar zu einem Fetisch werden kann - und den langfristigen Zielen zu halten, die nicht als nichts weiter als vage Parolen betrachtet werden? Bedeutet dies, dass die Genoss:innen ewig sitzen und warten sollen, um ein brandneues Programm zu haben, mit dem sie kämpfen können? Sicherlich nicht. Es bedeutet einfach, unsere Aufgaben als Organisationen zu entwickeln und unseren Platz in den gesellschaftlichen Kämpfen zu gewinnen, während wir parallel dazu das allgemeine Verständnis der Dinge, das von der anarchistischen Theorie bereitgestellt wird, konkret ausarbeiten und formen. Es bedeutet, die allgemeinen Prinzipien des Anarchismus zu einer konkreten Alternative für einen bestimmten Ort und Raum zu entwickeln. Genosse Black erinnert uns daran, dass es wichtig ist, als Parameter zur Messung unserer Solidaritätsaktionen zu beachten, dass die Gruppe von Menschen, mit der wir Solidarität üben (z. B. streikende Arbeiter:innen), unsere Taktik billigt. Dies gilt jedoch nur für einen kleinen Teil der möglichen Aktionen, an denen Anarchist:innen regelmässig beteiligt sind. Diese Art von Aktion ist nur für die Kämpfe nützlich, in denen Anarchist:innen eine Gruppe externer Unterstützung sind (um ehrlich zu sein, ist diese Situation eher in Ländern wie Irland wahrscheinlich, dem Heimatland des ursprünglichen Autors des Artikels, wo das Niveau der sozialen Kämpfe extrem niedrig ist und die politische Militanz ebenso gering ist). Meistens zielen unsere Aktionen nicht nur darauf ab, eine externe Gruppe von Menschen zu unterstützen, sondern wir sind selbst die Hauptakteur:innen des Kampfes (z. B. streikende Arbeiter:innen) oder reagieren auf politische Motive der Organisation selbst.
Eine taktische Flexibilität anzunehmen bedeutet, gemeinsam mit unserer Aktion auch die Notwendigkeit politischer Bewertung und Analyse anzunehmen. Es ist ein bekanntes Motto, dass es keine revolutionäre Praxis ohne revolutionäre Theorie gibt, und umgekehrt. Politische Theorie allein ist nutzlos, ebenso wie Praxis allein nutzlos ist. Aber beide Konzepte sind irrelevant in Abwesenheit politischer Analyse, um Theorie und Praxis Hand in Hand gehen zu lassen und sie relevant für das Hier und Jetzt zu machen. Dies ist auch notwendig, um unsere Praxis effektiv zu gestalten.
Die Theorie gibt uns Werkzeuge, um die Realität zu interpretieren, aber sie müssen angewendet werden, indem wir die objektiven und subjektiven Faktoren sowie die Vielzahl von Faktoren, die sie beide kombinieren, verstehen. Indem wir diese Faktoren berücksichtigen, geben wir unserer Praxis eine Richtung. Das ist es, was unseren Weg weisen wird. Ich möchte klarstellen, dass unser Fokus immer darauf liegt, voranzukommen, und keineswegs privilegieren wir blosses Abwarten: Es gibt immer etwas zu tun. Was gegenwärtig am empfehlenswertesten ist, variiert enorm je nach Kontext, und wir können keine vorbestimmte Alternative oder einfache Antworten haben.
In Momenten, in denen der Klassenkonflikt auf einem niedrigen Niveau oder im Rückzug ist, ist es nicht schwer, die Geduld zu verlieren und dem Voluntarismus und dem Fetisch der Aktion zu verfallen. Wir wissen, dass soziale Prozesse lang sind, und wir beabsichtigen nicht, sie noch länger zu machen; aber wir wissen auch, dass die Geschichte keine Abkürzungen kennt, dass die Prozesse des Aufbaus einer Alternative lange dauern und dass der „endgültige Zusammenstoss“ nichts als ein Mythos ist, der in Wirklichkeit in verschiedenen Kämpfen und Konfrontationen im Laufe der Geschichte stattfindet. Wir müssen auf die Momente vorbereitet sein, in denen wir eine frontale Offensive starten können, aber ebenso bewusst von der Komplexität sozialer Prozesse und den Schwankungen des Klassenkampfs müssen wir darauf vorbereitet sein, jenen Momenten zu begegnen, in denen der Staat und die Kapitalist:innen ihre Messer wetzen, um die Momente geringer Kämpfe zu bewältigen, wenn Gleichgültigkeit uns wahrscheinlich stärker schlagen wird als Repression. Revolutionär:innen müssen vor allem die Kunst der Ausdauer lernen. Ungeduld ist keine gute Ratgeberin, wie uns die revolutionäre Erfahrung lehrt. Das bedeutet nicht zu warten, sondern zu wissen, wie man die Art von Aktionen auswählt, die man in bestimmten Momenten durchführen soll.
Was ich damit sagen möchte, ist, dass „Angriff“, ein zentrales Konzept des Insurrektionalismus, nicht alles ist. Im revolutionären Kampf gibt es Angriff, genauso wie es Verteidigung gibt. Es gibt Momente, um voranzukommen, genauso wie es Momente gibt, um Positionen zu halten. Manchmal muss der Zeitpunkt für die Offensive sorgfältig gewählt werden, und nichts davon kann vorhergesagt werden, in keiner der revolutionären Doktrinen (System von Ansichten). Dies kann nur durch Erfahrung, politische Klarheit und vor allem durch eine gesunde Umgebung für Kritik, die reif und ernsthaft ist, gelernt werden. Letztendlich geht es uns nicht darum, Aktionen durchzuführen, um das Bewusstsein unserer Genoss:innen zu beruhigen, sondern unser wirkliches Interesse ist der Sieg, und leider führt nicht die Anzahl der Angriffe zwangsläufig zu diesem Ziel.
Viele der Schwächen des Anarchismus werden mit dem Insurrektionalismus auf die Spitze getrieben. Viele der Dinge, die wir tatsächlich grundlegend falsch daran finden, sind nicht nur bei Insurrektionalist:innen zu finden, sondern eher in einer oder anderer Form in der anarchistischen Bewegung vorhanden. Wir haben von der Tendenz gesprochen, bestimmte historische Momente festzuhalten, allgemeine Regeln aus aussergewöhnlichen Erfahrungen abzuleiten, von taktischem Dogmatismus; aber wir erkennen als eine weitere Schwäche der anarchistischen Bewegung den fast vollständigen Mangel an einer Tradition konstruktiver Kritik an. Diskussionen unter Anarchist:innen zielen selten darauf ab, Situationen zu klären oder Lösungen für die Schwierigkeiten zu finden, mit denen die Revolutionär:innen in ihrer Praxis konfrontiert sind. Meistens sind Diskussionen durch doppelte Anstrengungen motiviert: die Verurteilung der Abweichler:innen und die Demonstration, wer der legitime Vertreter der ideologischen Reinheit ist.
Ein weiteres grosses Problem bei Diskussionen unter Anarchis:innen ist die Verwendung von Pauschalbegriffen, wie von Genosse Black aufgezeigt, die tatsächlich mehr dazu beitragen, Debatten zu verdunkeln als zu klären. Zum Beispiel werden oft „Gewerkschaften“ kritisiert, als wären alle genau dasselbe... dabei wird der grosse Unterschied zwischen, sagen wir, der IWW, den Gewerkschaften der Maquiladoras oder dem AFL-CIO in den USA ignoriert. Sie alle unter derselben Kategorie zu gruppieren, hilft nicht nur nicht bei der Debatte, sondern ist auch ein grober Fehler, der eine erschreckende politische und konzeptionelle Schwäche offenbart.
All dies hat unter anderem zu einem ernsthaften Mangel an Debatten innerhalb der libertären Kreise geführt. Es ist jetzt nicht unsere Absicht, die Wurzeln dieses Problems zu suchen, das durch zahlreiche Gründe verursacht wird (Isolation, Idealismus, Abwesenheit realer Praxis, Dogmatismus, Sektierertum usw.), sondern wir wollen nur auf den Zusammenhang zwischen diesem Mangel an einer Tradition konstruktiver Debatten und dem von Genosse Black festgestellten Problem hinweisen, wie Debatten üblicherweise geführt werden: Entweder man ist mit uns oder gegen uns.
Genosse Black widerspricht zurecht dem Erpressungspotenzial, das der Anspruch der Insurrektionalist:innen innewohnt, dass jede Kritik an ihren Handlungen bedeutet, sich mit dem Staat und der Repression zu verbünden. Niemand ist frei von revolutionärer Kritik, am wenigsten die Revolutionär:innen selbst. Es ist weder legitim noch ehrlich zu sagen, dass jemand, der eine dumme Handlung kritisiert, „den Zwangsmantel anzieht“ oder Repression validiert oder sich auf die Seite des Staates stellt oder ein Feigling ist.
Aber ich halte es für wichtig zu betonen, dass die Grenze zwischen linker und rechter Kritik klar markiert sein muss und nicht als nebulöse Zone stehen gelassen werden kann. Denn auch wenn es stimmt, dass wir nicht alles akzeptieren müssen, was andere Organisationen tun, und auch nicht schweigen sollten angesichts von Handlungen, die wir für dumm und falsch halten, müssen wir uns immer bewusst sein, dass unsere Kritik vom Klassenfeind genutzt werden kann, wenn sie nicht klar gestellt ist. Vor allem wenn wir nicht unterscheiden, wer derjenige ist, mit dem wir einen antagonistischen Unterschied haben (Staat-Kapital). Genoss:innen, mit welchen wir politische Unterschiede haben, egal wie gross sie sind, sind nicht unsere Feinde. Das Problem liegt hier nicht in der Kritik an sich, sondern wie diese Kritik formuliert wird. Wir wollen nicht, dass unsere Kritik zu einem Argument zugunsten der Repression und unseres wahren Feindes wird. Erinnern wir uns daran, dass dieses System immer nach den Samen der Spaltung sucht und nach der geringsten Chance, Dissens anzugreifen. Aber nicht nur Kritik am Insurrektionalismus könnte vom Staat und seinen repressiven Kräften verwendet werden; tatsächlich kann die Kritik, die von Insurrektionalist:innen geäussert wird, als gefundenes Fressen für den Staat dienen, um die Repression zu rechtfertigen. Ein erbärmliches Beispiel dafür ist die Erklärung der Informellen Anarchistischen Koordination von Mexiko angesichts der Ereignisse in Oaxaca („Solidaridad directa con los oprimidos y explotados de Oaxaca“, 16. November). In dieser öffentlichen Erklärung richtet sich der Grossteil gegen die APPO, die CIPO-RFM und andere Volksorganisationen, die direkt gegen Staat und Kapital kämpften. Da war nicht viel Theorie, das war das Wesen des Klassenkampfes. Aber sie bevorzugten es, ihre Spucke und Tinte zu verschwenden, um auf unehrliche Weise zu kritisieren, und noch schlimmer, sie griffen auf einige der gleichen Argumente zurück, die von den staatlichen Medien verwendet wurden, um die Bewegung in Oaxaca in Frage zu stellen. Diese Kritik könnte nicht nur als reaktionär, sondern auch als unzeitgemäss bezeichnet werden, da sie in dem Moment auftauchte, als die Genoss:innen dort am meisten unserer Solidarität bedurften und die Repression am höchsten war. Das Magonsit Liberation Commando (Demokratische Revolutionäre Tendenz - Armee des Volkes) verhielt sich in bemerkenswertem Kontrast zu der Haltung, die von den Protestierenden in Oaxaca angenommen wurde. Sie wussten, wann sie sich zurückhalten sollten, respektierten die verschiedenen Alternativen des Kampfes, die von den Demonstrant:innen in Oaxaca taktisch angenommen wurden, und waren sich bewusst, dass nicht nur unsere Kritik dem System nützlich sein kann, sondern auch unser eigenes verantwortungsloses Handeln. Sie äusserten sich dazu in einer öffentlichen Erklärung vom 27. November: «Bisher blieben wir erwartungsvoll und wachsam, um zu verhindern, dass die Repression an der Volksbewegung, die sich um die APPO versammelt hat, unter dem Vorwand des bewaffneten revolutionären Kampfes begründet wird. Aber die Brutalität der nationalen neoliberalen Regierung zwingt uns dazu, unsere Stimme zu erheben und unsere Waffen einzusetzen, um die neoliberale Offensive einzudämmen und zu entmutigen, die von keiner revolutionären Organisation toleriert werden sollte und nicht toleriert werden kann.» Letztendlich muss die Gefahr ernsthaft berücksichtigt werden, dass unsere Handlungen ebenso wie unsere Differenzen zugunsten des Systems genutzt werden können, aber es scheint, dass dies von den Insurrektionalist:innen absolut unterschätzt oder sogar ignoriert wird.
Dies ist ein ernsthaftes Versäumnis, denn wir wissen dank historischer Erfahrungen, wie wichtig die Rolle des Agent Provocateur (Person, die üblicherweise im Auftrag des Staates einen oder mehrere Dritte zu einer gesetzeswidrigen Handlung provozieren soll) und sinnloser Handlungen für das System war, um Wege zur Rechtfertigung einer übermässigen Repression zu finden und die revolutionäre Bewegung von den Massen zu isolieren. Die Geschichte ist voller Beispiele, wie die von Victor Serge in „Was jeder über Repression wissen sollte“ (1925) über die Provokateur:innen im Dienste des Zaren im post-1905er Russland (bemerkenswert ist, dass dieses Dokument nur dank der nach der Revolution von 1917 beschlagnahmten Dokumente aus den Akten der Ochrana, der politischen Polizei des Zaren, möglich war); Alexander Skirda gibt in seinem Buch „Dem Feind entgegentreten“ ebenfalls reichlich Informationen aus den Polizeiakten Frankreichs über die Rolle der Provokateur:innen unter den anarchistischen Terrorgruppen von 1880 bis zum Ende des Jahrhunderts. Geschichten von Provokateur:innen und sinnlosen Handlungen betrüben die Geschichte der Linken und des Anarchismus. Aber noch gefährlicher als die Aktionen der Provokateur:innen selbst sind die unverantwortlichen oder unzeitgemässen und ziellosen Handlungen aufrichtiger Genoss:innen. Daher können wir unsere Kritik nicht verschweigen, genauso wie diejenigen, die anderer Meinung sind, die gleiche Pflicht haben uns zu kritisieren. Ich sage eine Pflicht, denn die geschwisterliche und konstruktive Kritik, obwohl nicht weniger energisch, ist ein Bedürfnis, um eine gesunde Bewegung zu entwickeln und Wege zur Verbesserung unserer Praxis in der Suche nach dem Weg zur Freiheit zu suchen. Alles, was benötigt wird, ist zu wissen, wann, wie und wo die Kritik formuliert wird, damit sie zu einem Faktor der Stärke der Bewegung und nicht zu einem Faktor der Schwäche wird. Das gleiche gilt für die Handlung selbst.
Ich denke, dass der Insurrektionalismus für die heutige Debatten nützlich ist, jedoch nicht aufgrund seiner Kritik, die er autoritären Organisationen, der Linken oder der anarchistischen Bewegung entgegenbringt. Dies liegt daran, dass er uns auf eine Reihe der grössten Schwächen der libertären Bewegung aufmerksam macht. Er ist das Spiegelbild unserer historischen Mängel und unserer Unzulänglichkeiten. Viele unserer Genoss:innen, die sich vorsichtig vom Insurrektionalismus distanzieren würden, würden überrascht sein, dass sie trotz möglicher Meinungsverschiedenheiten in den Endresultaten eine Reihe seiner politischen Grundlagen sowie einige seiner Schwächen teilen könnten. Mir scheint, dass der Insurrektionalismus nicht, wie viele Genoss:innen uns glauben machen wollen, ein bizarres Produkt der ideologischen Verwirrung der letzten Jahrzehnte ist. Vielmehr war er der Ausdruck von Tendenzen, die zu verschiedenen Zeiten in der Geschichte angesichts bestimmter Umstände von sehr spezifischer Natur entstanden sind. Er war Ausdruck ernsthafter Bruchlinien unserer Politik und dessen, was wir für Irrtümer halten. Diese Irrtümer sind nichts Neues und beschränken sich nicht auf den Insurrektionalismus - sie sind in den Reihen unserer Bewegung weit verbreiteter, als wir glauben mögen. Zusammenfassend halte ich fest, dass der Insurrektionalismus im Schatten der Fehler der anarchistischen Bewegung (eine ebenso gültige Beobachtung für andere linke Versionen eines bestimmten „Insurrektionalismus“) ausgebrütet, genährt, gezüchtet und entwickelt wurde und dass ihr bewusster Ausdruck als eigenständige Tendenz uns die Möglichkeit gibt, uns mit ihrer Politik auseinanderzusetzen und so voranzukommen.
Zunächst einmal denke ich, dass dieser Artikel und viele der Kommentare sowie der längere kritische Artikel sehr gut durchdacht sind und mir viel zum Nachdenken gegeben haben. Persönlich ist dies ein Thema, zu dem ich keine Lösungen gefunden habe, und ich denke, es ist ein äusserst wichtiges Thema, über das wir alle diskutieren sollten. Ich habe mich schon lange als Anarcho-Kommunist betrachtet und glaube, dass die primäre Pflicht des:der Anarchist:in zweifellos darin besteht, für die soziale Revolution zu arbeiten. Für mich bedeutet dies, dass sich die Arbeiter:innenklasse durch den Klassenkampf selbst befreien wird. Aber für mich war Arbeit immer die primäre Kraft des Wandels. Ich denke an Revolution, wenn ich an Gemeinschaftsgruppen, Stadtversammlungen und Gewerkschaften denken. Ich glaube an die Notwendigkeit einer bewaffneten Revolution, und ich habe immer das Gefühl gehabt, dass dies unausweichlich wäre.
Gleichzeitig sehe ich spontane Akte des Aufstands als langjährige Komponente des Kampfes. Wenn der Staat drängt, drängen die Menschen zurück, ob sie Anarchist:innen sind oder nicht. Was ich ernsthaft problematisch finde, ist die gegenwärtige amerikanische anarchistische Bewegung. Ich habe festgestellt, dass sie ein deprimierender Ort ist, der mir keine Hoffnung für die Zukunft bietet, und mich mehr als einmal dazu gebracht hat, ernsthaft darüber nachzudenken, sie vollständig aufzugeben, um in Gewerkschaften oder anderen Gruppen zu arbeiten. Ich verstehe weder den Anarcho-Punk noch den Primitivismus noch College-Student:innen als Arbeiter:innenklasse. Ich möchte nicht arrogant sein, aber ich weiß einfach nicht, was ich von diesen Dingen halten soll. Ich habe festgestellt, dass viele der Menschen, die Ideen wie der Insurrektionalismus vorantreiben, tief in der Mittelschicht verwurzelt sind und tief antisoziale Ideen haben. Und das ist für mich die Wurzel des Problems, wenn man sich zu sehr auf den Aufstand konzentriert.
Ohne ins Detail zu gehen, möchte ich nur sagen, dass ich an Dingen wie Black-Block-Taktiken beteiligt war und sie im Allgemeinen unzureichend fand. Mir gefiel, dass Raum für Konflikte geschaffen wurde, aber ich fand, dass es kein Raum war, den die meisten Arbeiter:innen als einladend oder hoffnungsvoll empfanden, aus dem, was ich in Gesprächen mit Kolleg:innen und Nicht-Anarchist:innen gehört habe. Ich glaube nicht, dass 200 Leute mit Stöcken einen stark bewaffneten Staat besiegen können, und sich darauf zu konzentrieren, ist eine schwache Strategie. Wir müssen zweifellos versuchen, Konflikte zu eskalieren, wenn wir können, aber ich glaube nicht, dass Anarchist:innen viel Fortschritte gemacht haben, um diesen Konflikt auf die Gesellschaft zu übertragen. Und das ist das eigentliche Problem. Wenn die Gewerkschaften sich offen gegen die Bosse stellen, werden wir Konflikte sehen. Wenn jede Community sich gegen die Polizei bewaffnet, werden wir Konflikte sehen. Aber ich bin mir nicht sicher, was der Sinn militanten Kampfes ist, bevor wir diesen Punkt erreicht haben. Ich verstehe, warum wir nicht auf die Revolution warten sollten, aber ich glaube, dass es eine Schwäche der Theorie ist, Ideen wie die Organisation der Arbeiter:inenklasse als Warten zu betrachten. In meinen Augen repräsentiert dies stattdessen die fundamentalste revolutionäre Aktivität. Wir müssen uns keine Gedanken darüber machen, ob wir Polizist:innen erschiessen können. Das können wir tun. Mehr Anarchist:innen organisieren? Das scheint schwer zu sein. Was ich gerne sehen würde, sind mehr Möglichkeiten, in welchen Militanz nicht völlig die Mehrheit der Menschen von sich distanziert. Ich sehe Hoffnung in Ideen wie der „White Overall“-Bewegung, die es den Menschen ermöglicht, sich auf die Schaffung von Raum und die Herausforderung des Staates zu konzentrieren, aber nicht so viel verlangt wie das Werfen von Bomben. Massenaktion ist immer mächtiger als individuelle Aktion. Und ich glaube, das ist das Einzige, was die Gesellschaft verändern kann. Auf persönlicher Ebene muss ich sagen, dass ich in vielen insurrektionalistischen Tendenzen einen grossen Mangel an Hoffnung oder Zukunft sehe. Ich weiss nicht, wie sehr ich der Bewegung geholfen habe, indem ich von Polizist:innen mehrmals geschlagen wurde. Ich bin nicht zu stolz zuzugeben, dass es mich verletzlich, ängstlich und allein zurückgelassen hat. Ich glaube nicht, dass ich mich so fühlen würde, wenn es unter Umständen gewesen wäre, in denen ein Grossteil der Gesellschaft die Aktion unterstützt hätte. Somit müssen wir uns bewusst sein, wie gut unsere Propaganda mit unserer Handlungsweise übereinstimmt. Ich war in mehr Konflikten als viele grüne Anarchist:innen, die ich kenne, von denen viele mich als schwach oder feige verurteilen, weil ich Ideen wie das sofortige Aufgreifen einer Waffe nicht unterstütze (natürlich haben sie keine Pläne dafür). Propaganda, durch welche die meisten Menschen nicht handeln werden, ist lediglich Selbstbefriedigung. Wir alle müssen den Mut finden, auf Weisen zu kämpfen, die den Staat herausfordern und uns zusammenbringen, aber ich denke, es gibt eine gewisse Wahrheit in der Vorstellung, dass Revolutionen kommen, wenn Umstände sie den Menschen aufzwingen. Und ich weiss nicht, ob wir erwarten können, dass die Menschen alles riskieren und auf breiter Front im Gefängnis landen. Am Ende habe ich keine vollständigen Antworten, nur Beobachtungen. Aber ich weiss, wie ich mich fühle. Und ich habe es satt, mich so über den Anarchismus zu fühlen. Zudem möchte ich auch hinzufügen, dass ich hoffe, dass die Feindseligkeit zwischen den Lagern endet. Ich bin genauso schuldig daran wie jede:r andere, aber ich glaube wirklich, dass viele Anarchist:innen keine:n so sehr hassen wird wie Anarchist:innen anderer Couleur, und das ist ein Sieg für den Staat. Aber wir müssen auch weiterhin unsere Positionen argumentieren und artikulieren. Ich glaube wirklich, wenn dieser Trend zur Betonung des Kampfes gegen Polizist:innen und zum Anzünden von Autos anhält, werden wir nur Genoss:innen tot oder im Gefängnis sehen, einen stärkeren Polizeistaat und keine Revolution herbeiführen.
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