Wie organisieren wir eine Nachbarschaftsversammlung?


BRRN
Anarchismus

Autoren: Black Rose/Rosa Negra Housing and Territorial Committee (Juni 2025) Übersetzung: Anna

Inhalt

  1. Einführung
  2. Grundlegende Bausteine
  3. Erste Schritte
  4. Nachbar:innen, versammelt euch!
  5. Pläne machen, Ziele setzen
  6. Alle miteinbeziehen
  7. Von Überlegungen zu Entscheidungen
  8. Demokratie, Konsens oder etwas anderes?
  9. Gemeinsam über unsere Zukunft entscheiden
  10. Volksmacht aufbauen, eine Nachbarschaft nach der anderen

Einführung

Hier findet sich ein grundlegender Leitfaden darüber, wie und warum Strukturen, die wir als Nachbarschaftsversammlungen bezeichnen, für Entscheidungsfindung und kollektives Handeln auf Nachbarschaftsebene aufgebaut werden sollten. Wir betonen die Notwendigkeit, dass Nachbarschaftsversammlungen in einem definierten geografischen Gebiet verwurzelt sind und darauf abzielen, die Menschen, die dort leben, arbeiten oder sich dort aufhalten, zu organisieren, um die Kraft zu entwickeln, soziale Probleme gemeinsam anzugehen. Dieser Leitfaden stützt sich direkt auf das Wissen und die Erfahrungen aus früheren Experimenten zum Aufbau von Nachbarschaftsversammlungen.

Was sehen wir, wenn wir durch soziale Medien oder durch 24-Stunden-Nachrichten scrollen? Angriffe auf ohnehin schon viel zu dürftige soziale Sicherheitsnetze. Rückschritte bei Bürgerrechten. Zerfallende Infrastruktur. Beamte, die Menschen auf der Straße festnehmen. Politiker, die beiläufig versprechen, ganze Völker auszulöschen. Ein düsterer Moment in der Geschichte und es scheint kaum Auswege zu geben. Wie sind wir hierhin gekommen? Elitepolitiker und Geschäftsleute haben ihre Macht über uns auch deshalb aufgebaut, weil sie uns überzeugt haben, machtlos zu sein. Und die Isolation voneinander verankert diese Überzeugungen in uns. Wir stehen vor einer scheinbar endlosen Krise, allein. Wir können uns jedoch gegenseitig auffangen, aber nur mit der notwendigen Vernetzung von Massenorganisationen.

Massenorganisationen können uns zusammenbringen, um die Macht der herrschenden Klasse in unserem Umfeld zu erkennen, anzugehen, zu bekämpfen und eines Tages zu ersetzen. Fassungslos über Trumps Amtsantritt 2017 wandten sich Gemeinden in den gesamten Vereinigten Staaten einander zu, um herauszufinden, wie sie die neue Regierung überstehen und ihr Widerstand leisten könnten. Erfahrene Oganisator:innen und neu aktive Einwohner:innen versammelten sich in Nachbarschafts- und manchmal auch stadtweiten Treffen, um ihre Ängste vor den angekündigten Angriffen der Bundesregierung zu teilen und zu besprechen, was sie gemeinsam dagegen unternehmen könnten.(1) Diese Treffen wurden zur Grundlage für Nachbarschaftsversammlungen.

Wie ein Organisator der in Los Angeles ansässigen Koreatown Popular Assembly es ausdrückte, ist eine Nachbarschaftsversammlung „ein offener Entscheidungsraum eines Stadtteils, in dem Menschen zusammenkommen können, um über ihre Probleme zu sprechen sowie darüber, wie sie diese Probleme gemeinsam als Gruppe lösen können, nicht nur durch Lobbyarbeit bei der Regierung.“ Trotz des weit verbreiteten Interesses an Nachbarschaftsversammlungen als Strategie für Widerstand und revolutionären Kampf gibt es nur wenig Materialien, die erklären, warum dieser Mechanismus uns ans Ziel bringen kann und wie man eine Gruppe von Menschen organisiert, um eine solche Versammlung zu Stande zu bringen.

Ausgehend von Gesprächen mit Organisator:innen und einschlägiger Literatur über partizipative Experimente skizziert dieser einführende Text einige Schritt-für-Schritt-Anleitungen und allgemeine Überlegungen, um den Aufbau einer Nachbarschaftsdemokratie von Grund auf zu beginnen.

Grundlegende Bausteine

Eine beliebte Strategie, um soziale Veränderungen herbeizuführen, basiert auf grundlegenden Annahmen.

Baustein 1: Herrschaftsstrukturen wie der Kapitalismus und der Staat existieren auf zahlreichen Ebenen, üben ihre Macht jedoch letztendlich lokal aus.

Nationale Verwaltungen, transnationale Unternehmen und internationale Regierungsbehörden prägen die soziale Realität vor Ort in überproportionaler Weise. Ihre Entscheidungen haben verheerende Folgen an weit entfernten Orten. Letztendlich müssen jedoch lokale Behörden, Unternehmen und Einzelpersonen diese Entscheidungen an bestimmten Orten wie Büroräumen, Regierungsgebäuden und Hotelkonferenzräumen umsetzen.

So kann beispielsweise der Minister für Innere Sicherheit in Washington, D.C., eine Richtlinie zur verstärkten Abschiebung von Migranten im ganzen Land erlassen. Letztendlich entsenden die Außenstellen der Einwanderungs- und Zollbehörde (ICE) Beamte, um Menschen aus ihren Gemeinden zu holen. Diese Einsätze werden auch deshalb fortgesetzt, weil wir sie meist nicht aus nächster Nähe miterleben. Es ist daher unerlässlich, dass wir Fakten kennen und Namen nennen. Wenn wir die Fakten und Namen, ihre Muster und Adressen verstehen, können wir sie stören.

Baustein 2: Um diesen Strukturen und ihren Folgen entgegenzutreten, müssen Menschen organisiert und motiviert werden, kollektive Macht aufzubauen und auszuüben, die sie als Einzelpersonen sonst nicht hätten.

Was meinen wir mit „Menschen organisieren”? Hier ist eine Antwort aus „Survival of the Organized: Critical Reflections on Organizing and Mutual Aid”:

„Organisieren (bedeutet), mit gewöhnlichen Menschen zusammenzuarbeiten, um uns zu einer kämpferischen Kraft zu formen, die in der Lage ist, sich gegen den Kapitalismus, den Staat und andere Herrschaftsstrukturen zu stellen und diese schließlich zu zerstören. … (Es) ist eine Frage der Macht: die Macht unserer Kolleg:innen, Nachbar:innen, Klassenkamerad:innen und anderer „Akteure des Kampfes“ (d. h. Menschen, die gemeinsame Probleme und soziale Positionen teilen) aufzubauen, um die dominierende, atomisierende Macht der herrschenden Klasse über uns zu zerschlagen. Um dies zu erreichen, stärken wir das Selbstvertrauen der Menschen, um Forderungen zu stellen und direkt gegen Chef:innen, Politiker:innen, Vermieter:innen, Verwaltungsangestellte und andere Klassenfeinde vorzugehen, um bestimmte Ziele zu erreichen und die Machtverhältnisse an unseren Arbeitsplätzen, in unseren Nachbarschaften, Schulen und anderen Bereichen des sozialen Lebens zu verändern. Wir ermutigen ganz normale Menschen, diese Kämpfe mit formellen, direktdemokratischen Gremien zu führen – sogenannten Massenorganisationen –, mit denen wir eines Tages die gesamte Gesellschaft lenken können.”(2)

Letztendlich ist eine Nachbarschaftsversammlung ein ortsbezogenes, direktdemokratisches Gremium, das Menschen zusammenbringt, die nahe beieinander leben, essen und schlafen, um sich gemeinsam über die Probleme, denen sie gegenüberstehen, ihre gemeinsamen Interessen, die bedroht sind, und Maßnahmen, die sie zur Lösung ihrer Probleme ergreifen können, zu einigen.

Baustein 3: Direkte Entscheidungen müssen auch direkte Maßnahmen bedeuten

Sobald wir entschieden haben, wie wir unser Problem lösen wollen, übertragen wir diese Lösung nicht an eine andere Instanz, wie die Regierung, eine gemeinnützige Organisation oder ein Unternehmen, die sie für uns umsetzen soll, sondern wir setzen sie selbst um.cWie auch immer wir uns entscheiden zu kämpfen, wir müssen uns darauf vorbereiten, zu beginnen. Diese Vorbereitung kann bedeuten, dass wir neue Fähigkeiten erlernen, neue Techniken entwickeln und uns für manchmal langweilige Arbeit engagieren müssen. Wir müssen und sollten jedoch nicht das Rad neu erfinden und alles selbst lernen. Wir sollten auf vorhandene Wissensbestände, Fähigkeiten und Dienstleistungen zurückgreifen, um den Beginn zu erleichtern.

Wir können auch nicht erwarten, dass wir die gesamte Arbeit, die mit diesen Entscheidungen verbunden ist, selbst erledigen. Wir sollten dafür sorgen, dass sie auf diejenige Personen verteilt wird, die Entscheidungen getroffen haben. Unabhängig davon, wie wir Arbeit verteilen, müssen wir uns dazu verpflichten, gemeinsam aktiv eine neue Welt aufzubauen, eine Aufgabe nach der anderen.

Baustein 4: Vertrauen – ineinander, in das Projekt und in die Möglichkeiten einer besseren Welt – motiviert zum Handeln

Oft denken wir, dass starke Emotionen Menschen zum Handeln bewegen: Ungerechtigkeit entfacht die Wut, die Welt auf den Kopf zu stellen; Trauer motiviert zum Handeln, um Linderung zu erfahren; wir versprechen uns gegenseitig Freude, wenn wir gemeinsam kämpfen. Unserer Erfahrung nach können emotionale Appelle zunächst das Interesse der Menschen an einem Kampf wecken. Was sie jedoch dabei hält, ist Vertrauen: Vertrauen in zuverlässige Mitorganisator:innen und Genoss:innen, die ihnen den Rücken stärken, wenn es Zeit zu Handeln ist; Vertrauen, dass ihre Bemühungen zu etwas Besserem führen; Vertrauen, dass sie die Welt verändern können. Organisator:innen von Nachbarschaftsversammlungen müssen das Vertrauen zwischen Menschen, die in der Nähe voneinander leben, fördern, damit sie das Potenzial haben, ihren Teil der Welt zu verbessern. Mehr noch, Nachbarschaftsversammlungen helfen dabei, die Grundlagen für eine soziale Revolution zu legen, die sie vollständig verändern kann. (3)

Erste Schritte

Ausgehend vom Nachkriegsboom bei Einfamilienhäusern, die zur Steigerung der kapitalistischen Produktivität entworfen wurden,(4) der zunehmenden Fluktuation in Beschäftigung und Lebensumständen aufgrund wirtschaftlicher Instabilität(5) und Warnungen, dass hinter jeder Ecke Gefahren lauern,(6) kennen wir in den Vereinigten Staaten selten die Menschen, die neben uns wohnen.(7) Um eine Nachbarschaftsversammlung erfolgreich zu gestalten, sollten wir die Menschen kennen, die mit uns organisieren und vor allem wissen, was ihr Interesse und Vertrauen weckt, damit sie sich dauerhaft zusammenschließen, Entscheidungen treffen und diese umsetzen.

Für viele, die zum ersten Mal mit diesen Praktiken in Berührung kommen, mögen diese Schritte irrelevant, langweilig oder nicht lohnenswert erscheinen. Andererseits treiben momentane Aufstände manchmal viele Menschen auf die Straße, die den Status quo mit Nachdruck in Frage stellen. Genau das ist 2017 passiert, aber wie es ein Organisator der Nachbarschaftsversammlung in Koreatown ausdrückte: „war das ein einzigartiger Moment, in dem wir einfach Flyer auf der Straße verteilen konnten und zufällige Fremde, die noch nie zuvor zu einem Organisationstreffen gekommen waren, einfach auftauchten.“ Wir empfehlen nicht, auf eine solche Welle der Begeisterung zu warten, denn 1) können wir nicht vorhersagen, wann sie eintreten wird, und 2) können wir, wenn die Stimmung steigt, mit den bereits aufgebauten Vertrauensbeziehungen schärfer zuschlagen.

Schritt 1: Lernen wir unsere Nachbar:innen kennen

Der erste Schritt besteht darin, die Menschen, die wir zusammenbringen möchten kennenzulernen und ihre Geschichten besser zu verstehen. Wir müssen an die Türen unserer Nachbar:innen klopfen, uns vorstellen und erklären, warum wir da sind.

In diesen Gesprächen versuchen wir herauszufinden, was die Nachbar:innen bewegt und was ihnen wichtig ist, damit wir sie mobilisieren können. Das bedeutet nicht, dass wir sie einschüchtern oder uns über diese Nachteile dieses Systems aufregen, es bedeutet auch nicht, dass wir sie sofort für bestimmte Werte, Überzeugungen oder revolutionäre Projekte gewinnen müssen. Es bedeutet, dass wir sie bitten, über ihr Leben und ihre sozialen Probleme nachzudenken. Diese Erfahrungen und Informationen werden unsere Gesprächspartner:innen dazu bringen, über gemeinsame Probleme nachzudenken, die die Nachbarschaftsversammlung lösen möchte. (8)

Versteht uns nicht falsch: Was so selbstverständlich einfach erscheint, ist es nicht. Mehr noch, diese Art von Gesprächen sind unserem Alltag so fremd, dass sie sich oft unangenehm anfühlen. Wie jede andere Fähigkeit auch, sollten wir sie üben, vielleicht indem wir Stichpunkte aufschreiben, die wir gemeinsam in einem Workshop erarbeitet haben. Einen Gesprächsöffner, den wir bereits verwendet haben, lautet:

Hallo, mein Name ist ____ und ich wohne in der Nachbarschaft. Wir leben in unsicheren Zeiten, deshalb treffe ich mich mit allen in meiner Umgebung, um zu erfahren, wie wir uns gegenseitig unterstützen können. Wie heißen sie und was beschäftigt sie derzeit?

Wenn wir unsere Nachbar:innen treffen, werden wir feststellen, dass es viele verschiedene Perspektiven zu einer Reihe von Themen gibt und dass das Interesse, etwas dagegen zu unternehmen, unterschiedlich groß ist. Viele werden glauben, dass sie nichts dagegen tun können, einige werden sagen, dass sie erst dann handeln werden, wenn andere es bereits getan haben und wieder andere sind bereit, die Welt schon gestern verändern zu wollen.

Wenn wir Menschen finden, die bereit sind, etwas gegen Probleme zu unternehmen, sollten wir sie für die Gründung der Nachbarschaftsversammlung gewinnen. Die Ausrichtung und Organisation einer so zeitaufwändigen Veranstaltung wie einer gemeindeweiten Versammlung ist mit viel Aufwand verbunden, den wir nicht alleine bewältigen können. Außerdem wollen wir uns irgendwann selbst überflüssig machen (mehr dazu in Schritt 7). Wenn wir frühzeitig Menschen für die Entwicklung der Versammlung gewinnen, wird dies unsere Belastung verringern und gleichzeitig ein breiteres Engagement für deren Erfolg fördern.

Schritt 2: Treffen von potenziellen Unterstützer:innen

„Es gab Menschen, die viele Verbindungen in der Nachbarschaft hatten, aber (KPA) wurde ohne viel Hintergrundwissen und ohne große Umstrukturierungen ins Leben gerufen. Wir haben später Verbindungen zur Kirche aufgebaut. Wenn man über eine solche Geschichte und solche Verbindungen verfügt, kann man etwas aufbauen. Ansonsten halte ich es in unserem politischen Kontext und in einem Umfeld, in dem die Menschen nicht sehr an Nachbarschaftsversammlungen gewöhnt sind, für ziemlich schwierig.“

– Organisator, Koreatown Popular Assembly

Neben dem Aufbau von Beziehungen zu den Menschen, die in unserer Nähe leben, sollten wir auch Beziehungen zu bereits bestehenden beliebten Nachbarschaftsorganisationen aufbauen. Mit beliebten Nachbarschaftsorganisationen meinen wir jede Gruppe in einer Gegend, die Menschen zusammenbringt, die sonst vielleicht keine Beziehung zueinander hätten. Diese Verbindungen helfen dabei, die von uns einberufenen Treffen bekannt zu machen und die Mitglieder zur Teilnahme zu motivieren. Möglicherweise können sie auch Ressourcen bereitstellen, die die Teilnahme erleichtern, wie z. B. physische Infrastruktur oder Übersetzungsdienste (s.a. Schritte 3 und 4).

Beispiele hierfür könnten sein: Kulturzentren, Gewerkschaften, Lokale Kirchen, Eltern-Treffen, Lesegruppen, Studierendenclubs, Sportvereine, Strickkreise. Allerdings sind nicht alle Organisationen gleich. Einige stehen unseren Prinzipien wie kollektiver Selbstverwaltung, gegenseitiger Hilfe und direkter Aktion eindeutig ablehnend gegenüber und können Hindernisse für die Lösung unserer sozialen Probleme durch basisdemokratische, direktdemokratische und kollektive Mittel darstellen. Es ist etwa zu beachten, dass wir politische Parteien oder gemeinnützige Organisationen nicht erwähnt haben. Die wichtigsten Gründe, warum wir keine Kontaktaufnahme mit diesen „üblichen Verdächtigen” befürworten, sind: 1) Diese Organisationen zielen in der Regel darauf ab, das Problem im Namen der Menschen zu lösen, 2) sie versuchen oft, andere Bemühungen in ihre Programme zu integrieren, und 3) sie haben selten einen weitgehenden Einfluss auf die Menschen in der Gemeide. (9)

Wenn wir Kontakt zu diesen Organisationen aufnehmen, sollten wir eine Liste ihrer Zugehörigkeiten, der Führungskräfte in ihnen, und der Art der Unterstützung, die sie möglicherweise leisten können (z. B. Tagungsräume, Tonausrüstung, finanzielle Unterstützung), führen. Wir empfehlen auch, eine Liste der Nachbarschaftsorganisationen zu führen, die zögern oder die offen feindselig sind, um Rückschläge bei zukünftigen Outreach-Aktivitäten zu minimieren. Das Interesse von Organisationen kann und wird sich ändern, daher sollte eine solche Liste immer überarbeitet werden können.

Nachbar:innen, versammelt euch!

Nachdem wir nun ein Bild davon bekommen haben, was unsere Nachbar:innen beschäftigt und wo es Gemeinsamkeiten gibt, können wir ihnen helfen zu verstehen, dass sie mit ihren Anliegen nicht allein sind und dass sie etwas dagegen tun können.

In diesem Abschnitt besprechen wir die praktischen Aspekte der Planung, Moderation und Umsetzung von Entscheidungen, die auf der Nachbarschaftsversammlung, dem wichtigsten Baustein einer Volksversammlung, getroffen werden.

Schritt 3: Ein Treffen planen und dies in der Nachbarschaft verbreiten

Wenn wir ein Gefühl für die Anliegen unserer Nachbar:innen bekommen haben, ist es an der Zeit, sie zusammenzubringen. Logistik ist dabei ein wichtiger Aspekt, der dringendste Punkt ist der Veranstaltungsort, der unser allen Anforderungen entsprochen sollte.

Größe: Eine grobe Schätzung der voraussichtlichen Teilnehmendenzahl hilft dabei, die Raumgröße zu bestimmen.

Nähe: Wir empfehlen, einen Ort zu finden, der möglichst nah an denjenigen Menschen liegt, die sich organisieren möchten. Ein Treffpunkt, der weit vom Wohnort der Teilnehmenden entfernt ist, erschwert die Anreise für Personen ohne Auto oder ohne zuverlässige öffentliche Verkehrsmittel. Wenn die Anreise ein Problem darstellt, empfehlen wir, Fahrgemeinschaften zum Treffen zu organisieren, um 1) sicherzustellen, dass alle Teilnehmenden kommen können, und 2) das Vertrauen und die Beziehungen untereinander zu stärken und zu festigen.

Zugänglichkeit: Wir müssen die Eignung eines Raums für Menschen mit unterschiedlichen körperlichen Fähigkeiten berücksichtigen (z. B. Ist er rollstuhlgerecht? Wie schwierig wird es für die Menschen sein, sich dort auszutauschen und Feedback zu erhalten?) und Zeitpläne beachten (z. B. Ist der Raum nur für Menschen verfügbar, die zu bestimmten Zeiten arbeiten, z. B. von 9 bis 17 Uhr? Wie lange können wir uns dort aufhalten und reicht diese Zeit aus, um das zu erreichen, was wir sich für das Treffen vorgenommen haben?). Wenn wir die unterschiedlichen Bedürfnisse aller Beteiligten im Voraus planen, verringert sich die Wahrscheinlichkeit, dass jemand von der Versammlung ausgeschlossen wird.

Unterstützende Nachbarschaftsorganisationen können in der Regel dabei helfen, einen geeigneten Raum für das Treffen zu finden. Wenn nicht, müssen wir kreativ sein: Öffentliche Parks, Schulen und Bibliotheken können oft gegen eine geringe Gebühr gemietet werden und die Mitarbeiter:innen dieser Einrichtungen können sie möglicherweise nach Feierabend kostenlos oder für geringen Kosten nutzen. Sobald Zeit und Ort des Treffens festgelegt sind, müssen diese bekannt gemacht werden. Soziale Medien sind eine relativ einfache Möglichkeit, um Informationen über das Treffen weiter zu verbreiten, aber nicht jeder, den wir erreichen möchten, nutzt diese. Noch wichtiger ist, dass wir die vertrauensvollen Beziehungen, die wir aufgebaut haben, nutzen, um Menschen zu den Treffen zu bewegen, da sie dort echte Veränderungen in ihrem Leben bewirken können.

Wir empfehlen dringend, Details zum ersten Treffen mit einem kurzen, einladenden Flyer online und persönlich zu verbreiten. Beispiele für Onlineveröffentlichungen sind: Veranstaltungsplattform wie Eventbrite; Bewerbung auf der Online-Veranstaltungsseite einer lokalen Zeitung; beliebte lokale Social-Media-Accounts, die einen Flyer teilen. Persönliche Werbung funktioniert dadurch, dass: Nachbar:innen, die zuvor kontaktiert wurden, erneut besucht werden; jede Person wird gebeten, jemanden zum Treffen mitzubringen; Plakate werden in Restaurants, Lebensmittelgeschäften und Waschsalons aufgehängt.

Auch hier sollten wir uns auf bestehende Nachbarschaftsorganisationen stützen, um Informationen zu verbreiten und deren Mitglieder zum bevorstehenden Treffen einzuladen. Mailinglisten, Telefonketten und Veranstaltungsankündigungen können ebenfalls Möglichkeiten sein, um Menschen zu erreichen, die sonst vielleicht nicht kontaktiert werden würden.

Pläne machen, Ziele setzen

Als Nächstes gehen wir auf einige wichtige Tipps für die erfolgreiche Durchführung einer Versammlung ein, darunter die Entwicklung von Zielen, Förderung der Inklusion und das Treffen von Entscheidungen.

Schritt 4: Klare Ziele, inklusive Moderation und kollektive Entscheidungsfindung stärken uns

Es wird eine Tagesordnung mit klaren Zielen erstellt, die während der Versammlung erreicht werden sollen. Diese Ziele sollten klar genug formuliert sein und es sollte genügend Zeit innerhalb der Versammlung für sie eingeräumt werden. Wenn wir die Ziele formulieren, sollten wir uns fragen, ob man die Teilnehmenden am Ende der Versammlung fragen könnten, ob sie das Gefühl haben, diese Ziele erreicht zu haben. Ein Beispiel für eine Reihe von Zielen könnte wie folgt aussehen:

Bis zum Ende dieses Treffens werden wir mit unseren Nachbar:innen unsere Bedenken bezüglich ____ besprechen. Wir werden Ideen darüber austauschen, wie wir etwas dagegen unternehmen können. Wir werden einen Schritt beschließen, den wir gemeinsam unternehmen können, um das Problem anzugehen.

Um dem Treffen Kohärenz zu verleihen, sollten die Ziele direkt in die Tagesordnungspunkte und Aktivitäten einfließen. Oft hören wir die Bedenken, dass wir mit der Festlegung der Tagesordnung die Bedingungen für die Diskussion festlegen und damit den Menschen vorgefertigte Perspektiven, Themen und Lösungen „aufzwingen“. Wir verstehen diese Bedenken zwar, teilen sie jedoch nicht. Erstens sind wir ebenfalls Mitglieder dieser Gemeinschaften und sollten daher unsere Ideen dazu einbringen, wie wir mit den Themen umgehen wollen, die uns beschäftigen. Zweitens verlangen wir nicht, dass alle unserem Beispiel folgen, sondern wir sollten die Ziele, Punkte und Aktivitäten, die wir zusammengestellt haben, als vorläufig präsentieren. Fragen wie „Möchte jemand etwas an der Tagesordnung ändern“ und „Kann jemand damit nicht leben?“ laden die Teilnehmenden dazu ein, die Tagesordnung mitzugestalten, so wird vor Beginn an über die Tagesordnung abgestimmt.

Alle miteinbeziehen

Es ist von entscheidender Bedeutung, dass diese Treffen ein Ort sind, an dem sich alle einbringen können, damit die Teilnehmenden direkt über ihre Zukunft entscheiden können. Sprache ist hierbei ein wichtiger Faktor: Wenn man nicht versteht, was die anderen sagen, wie kann man dann eine Entscheidung treffen, um etwas zu unternehmen? Deshalb sollte vorausschauend geplant werden, um den sprachlichen Bedürfnissen der Nachbar:innen gerecht zu werden, etwa durch übersetzte schriftliche Informationen und Echtzeit-Dolmetscherdienste. Die Organisatoren der Koreatown Popular Assembly führen den Erfolg des Projekts vor allem auf die frühzeitige Planung für die Teilnahme von Spanisch- und Englisch sprechenden zurück. Auch Gebärdendolmetscher:innen können sicherstellen, dass diejenigen die taub oder schwerhörig sind, uneingeschränkt teilnehmen können.

Eine erfahrene Moderation, die Menschen miteinbezieht und sich gleichzeitig auf die Tagesordnungspunkte konzentriert, sorgt dafür, dass Zeit und Beiträge respektiert werden. Jeder kann lernen, Diskussionen geschickt zu leiten, aber es kann Zeit und praktische Unterstützung erfordern, um dies zu erlernen. Die Einführung eines Mechanismus wie „Progressive Stack“ – bei dem Beiträge von Personen, die sich noch nicht geäußert haben oder aus marginalisierten Verhältnissen stammen, priorisiert werden – ist eine Möglichkeit, darauf einzugehen, dass manche Menschen sich wohler fühlen und eher bereit sind, sich zu äußern. Menschen ziehen aus unterschiedlichen Situationen Energie, aus individuellen, kleinen oder auch großen Gruppen und sie fühlen sich dabei unterschiedlich wohl, Beiträge zu generieren oder sich auszutauschen. Wenn wir vielfältige Möglichkeiten schaffen, sich an der Diskussion zu beteiligen, bietet dies Chancen für alle.

Von Überlegungen zu Entscheidungen

Gespräche zwischen den Nachbar:innen zu fördern ist ein wichtiger Teil des gesamten Prozesses. Wir und unsere Nachbar:innen kennen uns oft kaum, geschweige denn, dass wir über wichtige soziale Themen sprechen. Die anfängliche Diskussion von Themen ist so nur ein Teil einer größeren Aufgabe. Unsere Nachbarschaftsversammlungen müssen nämlich Orte sein, an denen Entscheidungen nicht nur getroffen, sondern später auch umgesetzt werden.

Eine Möglichkeit, die Teilnehmenden der Versammlung auf die Entscheidungsfindung vorzubereiten, besteht darin, zu Beginn der Versammlung die Tagesordnung gemeinsam festzulegen. Alle Teilnehmenden werden gebeten, darüber abzustimmen, ob sie die Tagesordnung annehmen und weiterverfolgen möchten, so zeigt man das Engagement, diesen Raum zu unserem gemeinsamen Raum zu machen. Es sollten auch Kriterien dafür entwickelt werden, wann die Nachbarschaftsversammlung eine Entscheidung trifft. Die Schwellenwerte für Abstimmungen können von einstimmigem oder modifiziertem Konsens bis hin zu einer Supermehrheit (z. B. 66 %+ oder 75 %+ Zustimmung) oder einer Mehrheit plus einer Stimme reichen. Ähnlich wie bei der Festlegung einer Tagesordnung können wir den Teilnehmenden der Versammlung eine Reihe von Regeln empfehlen und sie dazu ermutigen, sich vor der Verabschiedung und Kodifizierung des Protokolls für die Entscheidungsfindung einzubringen.

Demokratie, Konsens oder etwas anderes?

Konsensentscheidungen – die Praxis, einen Vorschlag so lange zu diskutieren und zu debattieren, bis alle Teilnehmenden sich einig sind – sind oft der bevorzugte Entscheidungsmechanismus von radikalen Entscheidungsfindungen.

Obwohl Konsens seine Vorzüge hat, empfehlen wir, seine Nachteile und Grenzen im Kontext einer Nachbarschaftsversammlung zu berücksichtigen. Beispielsweise werden viele Teilnehmenden einer Nachbarschaftsversammlung nicht in der Lage oder bereit sein, regelmäßig Stunden ihrer begrenzten Freizeit für langwierige Diskussionen aufzuwenden. Zwar ist das untereinander Beraten von entscheidender Bedeutung, doch ebenso wichtig ist es, letztendlich zu einer Entscheidung zu gelangen.

Es sollte der Versammlung selbst überlassen sein, zu entscheiden, welche Entscheidungsfindungspraxis für ihren spezifischen Kontext am sinnvollsten ist, aber zu empfehlen ist ein Gleichgewicht zwischen Diskussionen, der Möglichkeit zur Meinungsverschiedenheit und Effizienz. Es hat sich gezeigt, dass ein einfacher Mehrheitsbeschlussmechanismus oft am besten geeignet ist, um unmittelbare Ziele zu erreichen, dieser ist gleichzeitig auch mit unserem Bekenntnis zum Prinzip der direkten Demokratie vereinbar.

Unabhängig davon, für welche Abstimmungsmodalitäten sich entschieden wird, soll die Nachbarschaftsversammlung regelmäßig gemeinsam Entscheidungen treffen. Direkte Entscheidungsfindung ist das Fundament der kollektiven Selbstverwaltung, ein Prinzip des libertären Sozialismus, zu dessen Verwirklichung Nachbarschaftsversammlungen beitragen können. Es ist empfehlenswert, Notizen zu den besprochenen Themen und Entscheidungen, die in der ersten und den folgenden Sitzungen getroffen wurden, zu machen. Wenn Notizen in chronologischer Reihenfolge erstellt werden, kann der Verlauf der gemeinsamen Diskussionen besser nachvollzogen werden und alle können sich über die Ereignisse der jeweils letzten Sitzung informieren oder diese nachholen. Außerdem können so die zwischen den Sitzungen zu erledigenden Aufgaben besser im Blick behalten werden.

Schritt 5: Die „Schwachstellen” im System finden und überlegen, wie diese vertieft werden können

In einer Nachbarschaftsversammlung hat die Organisation zwei unmittelbare Ziele: 1) Nachbar:innen klar zu machen, dass wir gemeinsame Interessen und Probleme haben, die durch mächtige Institutionen, Behörden und Einzelpersonen verursacht werden und 2) Wege zu finden, um etwas dagegen zu unternehmen.

Insbesondere beim ersten Treffen sollte mindestens ein Tagesordnungspunkt die Diskussion der gemeinsamen Probleme und Interessen sein. Hier können wir einige der Probleme schildern, von denen wir während der Öffentlichkeitsarbeit gehört haben und die Menschen bitten, die Hand zu heben, wenn sie sich darüber Sorgen machen, oder die Nachbar:innen bitten, sich zu äußern. Wir können auch die Teilnehmenden auffordern, eigene Probleme vorzubringen. Unabhängig davon, wie wir vorgehen, ist es für den Aufbau eines gemeinsamen Bewusstseins von entscheidender Bedeutung, dass die Nachbar:innen hören, sehen und erleben, dass sie mit ihren Sorgen nicht allein sind.

Wenn sich die Nachbarschaftsversammlung auf ein Thema konzentriert, das die Gemeinschaft beschäftigt – Angst vor Razzien der Einwanderungsbehörde ICE, Verdrängung aus der Nachbarschaft und Gentrifizierung, Schikanen durch die Polizei, Katastrophenhilfe oder alles andere dazwischen –, sollten wir, wie es der in dieser Zwischenüberschrift zitierte KPA-Freiwillige formuliert, die Schwachstellen im System finden. (10) Wo sind die Lücken? Wo kann gemeinschaftsweiter Druck ausgeübt und dagegen vorgegangen werden? Zunächst müssen wir uns jedoch darüber informieren, wie diese Systeme funktionieren. Daher kann es ein guter nächster Schritt sein, Ressourcen zu finden, zu recherchieren oder Expert:innen hinzuzuziehen.

Wenn die Lücken des Systems identifiziert wurden, suchen wir nach Möglichkeiten, diese auszunutzen und bieten mögliche Lösungen mit kollektiven Maßnahmen an. Welche kurz-, mittel- und langfristigen Strukturen und Praktiken können diese Lücken direkt angehen? Für jede konkrete Lösung sind möglicherweise mehrere Teams mit vielen Mitwirkenden erforderlich. Deshalb können auch Unterausschüsse gegründet werden, um die Arbeit zwischen den großen Sitzungen zu erledigen. Wichtig bleibt das Dokumentieren dessen, was getan wurde, was funktioniert hat, was nicht funktioniert hat und welche Lehren daraus gezogen werden können, die zukünftigen Teilnehmenden nützlich sein werden.

Die Nachbarschaftsversammlung von Koreatown und ihre beispielhafte Konfrontation mit dem Terror des ICE

Die Teilnehmenden der Versammlung waren sich bewusst, dass sie sich selbst und ihre Nachbar:innen aktiv und direkt vor dem ICE schützen wollten. Sie beschlossen drei Hauptmaßnahmen: alle Nachbar:innen über ihre Rechte zu informieren, Pädagog:innen und Krankenhausmitarbeiter:innen darin zu schulen, wie sie ihre Arbeitsplätze zu „Zufluchtsorten” machen können, zu denen das ICE keinen Zutritt hat, und ein Schnellreaktionsnetzwerk aufzubauen, um die Aktivitäten des ICE zu dokumentieren und letztlich die Gemeinschaft zu mobilisieren, diese zu stören.

Als die Teilnehmenden erfuhren, dass das ICE Razzien auf dem Parkplatz eines Lebensmittelgeschäfts durchführte, begannen sie, das Gebiet zu patrouillieren und Mitarbeiter:innen und nahegelegene Geschäftsinhaber:innen um Hinweise zu den Bewegungen der Behörde zu bitten. Später teilten sie der Öffentlichkeit bestätigte Beweise über den ICE-Hotspot mit. Schließlich musste die Behörde einen neuen Standort für ihr Wirken finden.

Das Schnellreaktionsnetzwerk erforderte drei Teams mit Dutzenden bis Hunderten von Freiwilligen: Ausbilder:innen, um neue Teilnehmende einzuarbeiten; Disponent:innen, um Hinweise über ICE-Aktivitäten entgegenzunehmen; und Ersthelfer:innen, um die gemeldeten Gebiete aufzusuchen und Berichte zu bestätigen. Schließlich wurde der massive Aufwand, der für den Betrieb des Schnellreaktionsnetzwerks erforderlich war, zum Hauptschwerpunkt der KPA. (11)

Gemeinsam über unsere Zukunft entscheiden

Eine Nachbarschaftsversammlung dient nicht nur dazu, ein einzelnes Problem mit einer Gruppe von Nachbar:innen zu lösen. Sie ist ein Baustein für eine neue Welt, in der ganz normale Menschen gemeinsam die Kontrolle über ihre Gemeinden und ihr Leben übernehmen. In diesen letzten Schritten beschreiben wir zwei längerfristige Überlegungen, um eine Nachbarschaftsversammlung am Laufen zu halten, zu planen, zu entscheiden und zu handeln: neue Organisator:innen zu gewinnen und zu halten und Raum für neue, weit verbreitete Anliegen zu schaffen.

Schritt 6: Für heute und für morgen aufbauen

Wir bauen keine führerlosen Bewegungen, Massenorganisationen oder Nachbarschaftsversammlungen auf, sondern führerreiche Organisationen, in denen sich jeder befähigt fühlt, einen praktischen Beitrag zu leisten und ihre Entwicklung mitzugestalten. (12)

Ein:e einzige Organisator:in oder eine kleine Handvoll Organisator:innen können für eine Nachbarschaftsversammlung den Todesstoß bedeuten. Nicht nur, dass diese dann unter großem Druck stehen, das Projekt am Laufen zu halten, sondern sie können auch schnell ausbrennen. Darüber hinaus verfügen kleine Gruppen von Organisatoren oft über viel implizites Wissen über die Besonderheiten einer Versammlung. Im Extremfall kann eine Versammlung ihren Betrieb vollständig einstellen, wenn diese Kernorganisator:innen sich zurückziehen. Tatsächlich gaben die Kernorganisator:innen der Koreatown Popular Assembly an, dass der Hauptgrund für die Einstellung des Projekts nach sechs Jahren darin lag, dass sie sich aus persönlichen Gründen – Heirat, Geburt, Umzug, Beförderung im Beruf – zurückgezogen hatten und es ihnen nicht gelang, andere Teilnehmende zu gewinnen und zu halten, um das Projekt weiterzuführen.

Deshalb ist es wichtig, beständig neue Organisator:innen zu rekrutieren und deren Selbstvertrauen, Fähigkeiten und Engagement während der gesamten Entwicklung der Versammlung zu stärken. Leicht zugängliche Einstiegsmöglichkeiten für die Teilnahme sind deshalb wichtig: Aufgaben sollten behutsam delegiert werden, Lob sollte ausgesprochen werden, wenn Aufgaben erfüllt wurden, Unterstützung angeboten, wenn etwas nicht nach Plan verläuft. Dadurch entsteht eine Organisationspraxis, die zeigt, dass 1) keiner von uns alles alleine schaffen kann und 2) wir uns gegenseitig unterstützen müssen, um unsere Ziele zu erreichen.

Schritt 7: Neuen Anliegen zuhören und flexibel experimentieren

Im besten Fall ergreifen die Nachbar:innen, die eine Nachbarschaftsversammlung ins Leben rufen, kollektive, organisierte Maßnahmen gegen eine Institution, ihre Politik und die Personen, die diese umsetzen, und diese Maßnahmen beenden schädliche Praktiken oder erzielen Erfolge, die unser Leben verbessern. Aber die Organisation von Kampagnen stößt oft auf Hindernisse. Manchmal werden diese Hindernisse durch die Systeme selbst geschaffen: Es gibt nur wenige Möglichkeiten, sich zu einem bestimmten Zeitpunkt gegen bestimmte Maßnahmen zu wehren, oder administrative und politische Veränderungen verschieben die Dringlichkeit des Anliegens. In anderen Fällen ist es das nachlassende Interesse: Die Nachbar:innen verlieren die Motivation, etwas gegen das Problem zu unternehmen, da andere Verpflichtungen oder Anliegen Vorrang haben. Oftmals sind beide Faktoren miteinander verbunden.

In einer Nachbarschaftsversammlung bauen wir nicht nur eine einzelne Kampagne auf, sondern wir schaffen neue Strukturen für eine zukünftige Welt, in der nicht mehr Unternehmensgewinne und politische Kontrolle im Mittelpunkt stehen, sondern die Bedürfnisse, Wünsche und das Wohlergehen aller sowie ein nachhaltiges Leben auf unserem Planeten. Das bedeutet, dass wir erkennen müssen, wenn wir auf diese Hindernisse stoßen oder neue vorherrschende Anliegen hören, und dass wir Diskussionen untereinander darüber anregen müssen, wo und wie wir darauf reagieren können. Wir dürfen uns nicht scheuen, neue Themen und Probleme anzusprechen, und die Nachbarschaft, ihre Anliegen, Lösungsvorschläge und kollektiven Aktionen in den Mittelpunkt der Nachbarschaftsversammlung zu stellen.

Volksmacht aufbauen, eine Nachbarschaft nach der anderen

In dieser kurzen Ausführung haben wir sieben Schritte vorgestellt, wie wir unsere Nachbar:innen kennenlernen und gemeinsam mit ihnen die Welt verändern können. Wir haben erklärt, wie wir beginnen können uns dem sozialen Terror und unserer isolierenden Erfahrung damit zu stellen. So bauen wir die Macht des Volkes auf, die wir brauchen, um diese Welt ein für alle Mal zu verändern. Bei Nachbarschaftsversammlungen geht es darum, innerhalb der Nachbarschaft Überzeugungen, Selbstvertrauen und Organisationsstrukturen zu entwickeln, um den Kapitalismus, den Staat und andere Herrschaftsstrukturen, die die Bedingungen unseres Lebens diktieren, in Frage zu stellen und letztendlich durch solche zu ersetzen, die wir selbst kontrollieren. Wir haben das Potenzial, gemeinsam eine bessere Welt aufzubauen – unter anderem durch die Einrichtung von Nachbarschaftsversammlungen, eine Nachbarschaft nach der anderen!

Fussnoten:

(1) Sarah Lazare, (“Why Popular Assemblies Sweeping the Country are Building Blocks of Resistance,” AlterNet (blog), March 1, 2017) https://www.alternet.org/2017/03/why-popular-assemblies-sweeping-country-are-building-blocks-resistance

(2) Alexandria H., Juan Verala Luz, and Charles W., (“Survival of the Most Organized: Critical Reflections on Organizing and Mutual Aid,” Black Rose/Rosa Negra Anarchist Federation (blog), March 25, 2025) https://www.blackrosefed.org/survival-organized-mutual-aid-2025/

(3) Popular assemblies are one kind of mass organizations that figure into a general strategy for social revolution based on the popular power of everyday people; learn more about it at Black Rose Anarchist Federation, (“General Strategy,” Turning the Tide: An Anarchist Program for Popular Power) https://www.blackrosefed.org/about/program/4-general-strategy/

(4) You can read more about the state and capital’s role in transforming living arrangements in Maya Gonzales, (“Notes on the New Housing Question,” Endnotes 2 (2010)) https://endnotes.org.uk/articles/notes-on-the-new-housing-question

(5) Matt Desmond’s Evicted: Poverty and Profit in the American City paints an especially compelling picture about how economic insecurity and housing instability prevent people, especially those in poverty, from developing strong bonds.

(6) For one datapoint of this trend, see Alana Wise, (“A quarter of U.S. Adults Fear Being Attacked in Their Neighborhood, a Poll Finds,” National Public Radio (blog), September 8, 2022) https://www.npr.org/2022/09/08/1120099696/americans-fear-attacked-neighborhood-poll

(7) For evidence of declining contact among neighbors, see Thomas O’Rourke, (“The Decline of Trust and Neighborliness,” Institute for Family Studies, 2023) https://ifstudies.org/blog/the-decline-of-trust-and-neighborliness

(8) Learn more about agitation and the other aspects you should try to address in organizing conversations at Fire with Fire, (“An Introduction to 1-on-1 Organizing Conversations,” 2020) https://firewithfire.blog/2020/04/19/an-introduction-to-1-on-1-organizing-conversations/

(9) Sociologist Josh Pacewicz describes how a deindustrialized economy and so-called political expertise uprooted the Democrats and Republicans’ previous “community leadership” inside—and thus deep on-the-ground connections within—American heartland communities, with broad reverberations throughout the rest of the country. Josh Pacewicz, Partisans and Partners: The Politics of the Post-Keynesian Society (Chicago: University of Chicago Press, 2016).

(10) Quote from Armando, a volunteer with Koreatown Popular Assembly, cited in Charles Davis, (“Meet the Grassroots Organizers Who Stood Up Against ICE’s 7-Eleven Raids,” In These Times (blog), January 25, 2018) https://inthesetimes.com/article/grassroots-organizers-ice-7-eleven-raids-immigration-koreatown-deportation

(11) Descriptions of these practices can be found in Juan Verala Luz, (“Building Neighborhood Power to Defeat ICE: Lessons from KPA,” Black Rose Rosa Negra Anarchist Federation (blog), March, 21, 2025) https://www.blackrosefed.org/kpa-reflection-2025/

(12) Juxtaposed with leader-centered leadership, where an organizing project oscillates around the stature, ego, and efforts of one or a handful of leaders, Ella Baker’s practice of what Charles Payne calls group-centered leadership puts the people you are organizing—their capacity to understand and change the world around them—at the center of social struggle. Discussions about these juxtapositions go beyond the scope of this summary, but you can learn more about them at Charles Payne, (“Ella Baker and Models of Social Change,” Signs 14, no. 4 (Summer, 1989): 885–899.) https://blackwomenintheblackfreedomstruggle.voices.wooster.edu/wp-content/uploads/sites/210/2019/01/Charles-Payne_Ella-Baker-and-Models-of-Social-Change.pdf; Ella Baker, (“Developing Community Leadership,” 1970) https://americanstudies.yale.edu/sites/default/files/files/baker_leadership.pdf

Black Rose Anarchist Federation / Federación Anarquista Rosa Negra (BRRN)

ist eine 2014 gegründete politische Organisation, die eine gemeinsame politische Linie und eine gemeinsame strategische Vision des Aufbaus von Volksmacht an unseren Arbeitsplätzen, in unseren Nachbarschaften und Schulen mit dem Ziel eines libertären Sozialismus verfolgt. Mit Ortsgruppen und Kontakten in mehr als einem Dutzend Städten konzentriert sich unsere Organisationsarbeit auf den Aufbau von Massenbewegungen wie Mietergewerkschaften, Nachbarschaftsversammlungen, Kampagnen am Arbeitsplatz, Studentengewerkschaften, die Organisation von Gefangenen und die Verteidigung von Gemeinschaften, die sich gegen Kriminalisierung wehren.

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