Kapitalismus überwinden! – Aber wie?


Kopf im Nacken
Anarchismus Kapitalismus

Warum dieser Text

Viele linke und linksradikale Personen in Deutschland sind davon überzeugt, dass der Kapitalismus die Wurzel der Probleme ist und dieser deshalb überwunden werden sollte. Erfreulicherweise sieht sich heute ein zunehmender Teil linksradikaler Personen als Sozialist:innen und knüpfen an die historischen Erfolge und Niederlagen dieser Bewegung an.

Es kommt dann schnell die Frage auf, wie wir dort hinkommen. Denn die meisten werden mir zustimmen, dass einfach „Antikapitalista“, „System Change not Climate Change“ oder „One Solution – Revolution“ auf Demos zu rufen und auf Bannern die Revolution auszurufen, uns nicht unserer Vision näher bringt. Doch was bringt uns dann einen Schritt näher? Die simple Antwort ist: „der Aufbau von Gegenmacht unserer, der lohnabhängigen, Klasse“. Aber wenn wir das konkretisieren wollen, wird es etwas komplexer. Das versuche ich in dem kommenden Text.

Als Grundannahme habe ich, dass zwei Arten der Organisierung zu unterscheiden sind. Auf der einen Seite Massenorganisationen bzw. Bewegungen. Diese können die unterschiedlichsten Formen annehmen. Sie eint allerdings, dass sie eine geringe Einstiegshürde haben und sich Menschen dort aufgrund ihrer eigenen Interessen organisieren. Auf der anderen Seite sind politische Organisationen (z.B. spezifisch Anarchistische Organisationen, Kadergruppen, Lesekreise mit Programm, Aktionsgruppen, Revolutionäre Parteien etc.). In dieser sind Revolutionär:innen aufgrund gemeinsamer Ideologie und Strategie organisiert. Dies machen sie unter anderem, um gezielter und geeint in den Kämpfen unserer Klasse wirken zu können und eigene Analysen und Theorieproduktion voran zu treiben. Für näheres zur spezifisch anarchistische Organisation, wie sie aussieht und warum es eine Solche Organisierung braucht empfehle ich den Text „Wíe organisieren wir uns?“ von Nora Feldmann als Grundlage.

Im Nachfolgenden habe ich 4 Punkte aufgeschrieben, bei denen ich der Meinung bin, dass sie den Fokus revolutionärer Arbeit zur jetzigen Zeit in der BRD stellen sollten. Dabei sind die Punkte zwar priorisiert, greifen jedoch alle auch ineinander und sind nicht zu 100% Trennscharf.

1. Politische Organisation Aufbauen

Der erste und grundlegendste Punkt ist der Aufbau oder die Mitgliedschaft in einer politischen Organisation. Diese kann, wie beschrieben, viele Namen haben, zeichnet sich aber dadurch aus, dass sie eine Organisation der revolutionären Teile der lohnabhängigen Klasse ist. Dadurch ist sie in der Regel eine Mitgliederorganisation, also eine Organisation mit fester Mitgliedschaft und Struktur.

In dieser braucht es eine theoretische und praktische Einheit und Übereinstimmungen über das Ziel und gemeinsame politische/ gesellschaftliche Analysen, da sonst ein effektives Handel nicht möglich ist.

Die wichtigsten Aufgaben anfangs sind:

  1. Bildung der Mitglieder und Befähigung dieser, Klassenbewusstsein in ihrem Umfeld zu verbreiten
  2. Ausarbeiten von gemeinsamer Theorie, Strategie und Taktik. Hierbei lässt sich unterscheiden in:
    2.1 Ausarbeiten von klarer Stoßrichtung, strategisch und ideologisch (Programm)
    2.2 Ausarbeiten von Propaganda zum Fördern von Klassenbewusstsein im Umfeld der Mitglieder
    2.3 Ausarbeiten von Analysen und Strategien für die Massenorganisationen und Bewegungen in denen agiert wird.
  3. Schaffen einer festen und verbindlichen Organisationsstruktur durch z.B. klare Verantwortungen und klare Aufnahmeprozesse.
  4. Beeinflussen der Massenorganisationen bzw. Bewegungen (mehr in Punkt 3).
  5. Schaffen einer Revolutionären Kultur mit regelmäßigen Kulturangeboten für die Mitglieder, aber auch für das Umfeld der Organisation. Somit ermöglichen diese Kulturveranstaltungen auch einen ersten tieferen Kontakt mir der Organisation.

Alleine das sind große und zeitintensive Aufgaben. Ziel der politischen Organisation sollte nicht die Organisierung als Selbstzweck sein. Stattdessen muss sie einen Nutzen für ihre Mitglieder haben. Die Organisation wächst in der Regel auch nicht aus Aufrufen in Signal Gruppe oder Social Media, sondern aus dem Umfeld ihrer bestehenden Mitglieder und der Bewegung in welcher sie sich einbringt. Dies muss durch die Organisation begünstigt und gefördert werden.

Jedoch ist dieses Wachstum auch nicht um jeden Preis anzustreben. Die Organisation soll keine Massenorganisationen werden sondern ist Bewusst der Zusammenschluss von Revolutionär:innen. Somit bedarf es einem permanenten Abwägen zwischen Wachstum, Mitgliederentwicklung und Organisationsentwicklung.

Ein weiterer Punkt ist das professionalisieren der Mitglieder (z.B. in Video Schnitt, Reden Schreiben, Bildungsveranstaltungen geben, etc.). Das dient sowohl der Organisation, um schnell und ansprechend eigene Propaganda zu verbreiten, als auch den Massenorganisationen und Bewegungen, in welchen interveniert wird. Dazu gehört auch die Wissensweitergabe und Schulung von Personen außerhalb der eigenen Organisation.

Ab einer gewissen Größe und lokalen Voraussetzungen kann es Notwendig sein, in der politischen Organisation Sektionen zu gründen, die eine Gewisse Autonomie haben (z.b., Jugend, Frauen etc). Diese gibt sowohl die Möglichkeit, in die Organisation zu wirken, als auch entschlossener in Kämpfen zu agieren.

2. Klassenbewusstsein fördern

Eine weitere wichtige Aufgabe von Revolutionär:innen ist das Fördern des Klassenbewusstseins. Wir alle haben ein Umfeld und genau an diesem lässt sich sehr gut ansetzen. Gerade in Gesprächen mit Kolleg:innen, Freund:innen, Familie etc. wird uns zugehört und unsere Punkte werden ernst genommen.

Genau deswegen ist es auch wichtig, weiter in z.b. Vereinen aktiv zu bleiben und nicht das eigene Umfeld durch die politische Organisation auszutauschen. Eine weitere Möglichkeit ist das Verbreiten des Klassenbewusstseins über Gespräche hinaus/ außerhalb von Gesprächen. Z.B. durch qualitativen Inhalt über Social Media, das Verbreiten von Plakaten und Flyern in der eigenen Nachbarschaft und Umfeld oder das Verteilen von passendem inhaltlichen Material auf Demonstrationen.

All das kann auch schon als Einzelperson vor der Gründung bzw. Festigung einer politischen Organisation geschehen und ist ein wichtiges Lernfeld. Jedoch kann es als Organisation eine ganz andere Wirkung entfalten: Denn einen politische Organisation kann klassenbewusste Arbeiter:innen langfristiger begleiten und organisieren. Zudem kann die politische Organisation durch eigene Theoriebildung wirksamer Antworten auf aktuelle Fragen finden, als eine nicht organisierte revolutionäre Einzelperson das könnte.

Dies ist auch (gerade am Anfang) eine der Hauptaufgaben der politischen Organisation, denn wir müssen lernen, gute Antworten auf die Fragen zu finden, die einen Großteil der Menschen in unserem Umfeld und darüber hinaus beschäftigen. Der regelmäßige Austausch unter Revolutionär:innen zu diesen Themen ist deswegen notwendig.

3. Massenorganisationen unterstützen und beeinflussen

Eine wichtige Aufgabe der politischen Organisation ist es, Massenorganisationen und Massenbewegungen zu unterstützen und auch weiterzuentwickeln. Hierfür ist es sinnvoll, die lokalen Gegebenheiten zu analysieren und sich auf einzelne Organisationen/ Bewegungen zu konzentrieren, statt die Kraft in vielen Kämpfen zu verlieren. Aufgabe einer politischen Organisation und ihrer Mitglieder ist es in diesen Organisationen/ Bewegungen zu wirken, Klassenbewusstsein zu schärfen, Analysen vorzuschlagen und reformistische Einflüsse zu entlarven und zu bekämpfen. Des weiteren ist ihre Aufgabe, zu versuchen, wo es möglich ist, verschiedene Kämpfe miteinander zu verbinden und gemeinsame Kämpfe zu ermöglichen.

Hierbei geht es jedoch nicht darum, die Organisation zu übernehmen und sich an dessen „Spitze“ zu stellen. Durch Vertrauensaufbau, schlüssige Analysen und Mitarbeit lässt sich ein viel nachhaltigerer Erfolg erzielen, als der Versuch, in (Bundes-) strukturen von Bewegungen Beschlüsse durch zu drücken. Massenbewegungen und Organisationen dürfen nicht ideologisch zu gefestigt sein und müssen für eine breite Masse attraktiv sein. Das sollte in unserer Arbeit im Fokus stehen. Die meisten Menschen organisieren sich nicht rein aus ideologischen Gründen, sondern weil sie ihre realen Umstände verbessern wollen/ müssen oder emotional einem bestimmten Thema nahe stehen und sich dort Änderung wünschen.

Genau da müssen Revolutionär:innen ansetzen, helfen diese Organisationen zu verstetigen und eine längere, nachhaltigere und sozialistische Perspektive einzubringen, ohne die Organisation zwangsweise zu einer rein sozialistischen Organisation zu machen.

Zwei Arten der Massenarbeit:

1. (revolutionäre) Basisorganisationen Basisorganisationen haben eine klar abgesteckte Zielgruppe/ Basis. Das könnte eine Schule, Nachbarschaft, Betrieb oder Universität sein. Dort agiert die Organisation, um direkte Veränderungen der Lebensbedingungen ihrer Mitglieder zu schaffen. Dort bleibt revolutionäre Basisarbeit allerdings nicht stehen. In der revolutionären Basisarbeit wird eine nachhaltige Organisation aufgebaut, die zwar lokal und akut die Probleme ihrer Mitglieder löst, aber durch Bildung, Kultur, Kampferfahrung und ihr Programm einen langen Kampf zur Überwindung des Kapitalismus führt.

In ruhigen Zeiten wächst sie langsam, aber stetig. Ihre Arbeit muss aufgebaut und verfestigt werden, um im Falle einer nationalen oder internationalen Krise direkt organisatorische Antworten zu haben und die Menschen nicht den reformistischen Kräften (wie z.B. der Linkspartei) zu überlassen. Für mehr zu Revolutionärer Basisarbeit im Kontext von Stadtteilarbeit empfehle ich die Broschüre „Gesellschaft verändern heißt macht von unten aufbauen – aber wie und mit wem?“ von Solidarisch in Gröpelingen.

Aktuell sehe ich in Deutschland als vielversprechende Versuche revolutionärer Basisarbeit die „Freie Arbeiter:innen Union“ (FAU) und das Aufkommen der Stadtteilgewerkschaften („Solidarisch in…“, „Solidarisches …“). Wenn es diese oder ähnliche Organisationen lokal gibt, ist das ein guter Ansatzpunkt, um Menschen zu organisieren und selber wertvolle Erfahrungen mit den Kämpfen unserer Klasse zu machen.

Falls es solch eine Organisation lokal nicht gibt muss abgewogen werden, ob die eigene Stärke und Erfahrung ausreicht, eine solche Organisation selber aufzubauen. Auch wenn es wichtig und notwendig ist, den Aufbau zu fördern, ist zu beachten, dass der Aufbau einer solchen Organisation sehr zeitaufwendig ist und dafür erfahrene und zuverlässige Mitglieder in ausreichender Anzahl in der politischen Organisation auf jeden Fall von Vorteil, wenn nicht sogar notwendig, sind. Auf der anderen Seite gibt es auch nicht revolutionäre Basisorganisationen. Als größtes Beispiel dienen die reformistischen Gewerkschaften, Nachbarschaftsinitiativen, teilweise kirchliche Einrichtungen, reformistische Parteien etc. Bei diesen muss abgewogen werden, ob kritisch interveniert und die Ausrichtung verändert werden kann oder ob eine Alternative aufgebaut werden muss. In jedem Fall sind die Mitglieder in diesen Organisationen trotzdem nicht unser Feind, sondern im Gegenteil unsere möglichen Verbündeten bei dem Aufbau einer Massenorganisiation. Gleichzeitig kann es auch Sinn machen, in diesen reformistischen Organisationen als Opposition aufzutreten, Klassenbewusstsein zu verbreiten und alternative Analysen zu präsentieren. Ob und mit wie viel Kraft das Sinn ergibt, muss lokal in Diskussionen der politischen Organisation geklärt werden.

2. Bewegungen

Die zweite Art sind Bewegungen bzw. Massenbewegungen. Sie werden meistens durch nationale oder internationale Krisen ausgelöst und tauchen eher zyklisch auf. Oft ist es in Deutschland ein kleiner loser Zusammenschluss, der Aktionen organisiert und ggf. andere Organisationen zur Mobilisierung anfragt. Zu diesen Aktionen kommen dann auch meist eine größere Anzahl an Menschen. Diese werden dann jedoch nicht organisatorisch eingebunden (da es meist auch keine feste und klare Organisation mit Ziel gibt), sondern die Demonstration/ Aktion bleibt Selbstzweck. Es kann sinnvoll sein sich dort einzumischen, um die Bewegung zu stärken und bei sowohl dem kleinen Orga Teil, als auch dem größeren Teil der Teilnehmenden, Klassenbewusstsein zu verbreiten.

Hierbei müssen eigene Analysen und Erklärungen vorgeschlagen und verbreitet, sowie die Notwendigkeit einer Überwindung des Kapitalismus betont werden. Auch strategische Fragen sollten in den Vordergrund gestellt werden. Wie z.B: "Warum machen wir diese Demonstration?" "Was ist unser allgemeines Ziel?" "Wie können wir mehr Menschen einbinden?" Oft sind bei neuen Bewegungen anfangs sehr viele Menschen auf den Demonstrationen. Da diese Demonstrationen und andere Aktionen aber nicht das Ziel erreichen, was sie nach außen erreichen wollen (Klimakrise stoppen, Rechtsruck stoppen etc.) sind Menschen nach dem Anfangshype selten noch motiviert und eher resigniert, sodass mit der Zeit immer weniger Menschen zu den Demonstrationen/ Aktionen kommen (siehe z.B Fridays for future). Um so eine Dynamik zu minimieren müssen hier von Anfang an strategische Fragen gestellt werden.

Ganz Auflösen lässt sich diese Dynamik allerdings meistens nicht. Deswegen ist es eine wichtige Frage, wie lange und mit welchem Ziel in diesen Bewegungen interveniert wird. Allerdings sind diese Orte meist mindestens dafür gut, eigene Analysen als politische Organisation zu verbreiten, dadurch das Klassenbewusstsein zu stärken und auch neue Mitglieder zu finden.

4. Internationalismus

Ein weiterer Punkt der nicht vergessen werden sollte und auch in der eigenen Theorie und Praxis nicht zu kurz kommen sollte, ist der Internationalismus und auch die Überregionalität. Sowohl in der politischen Organisation als auch in den Massenorganisationen und Bewegungen sollte eine überregionale Vernetzung und nach Möglichkeit auch gemeinsame Organisierung angestrebt werden. Dafür ist aber eine gewisse Schulung und theoretisches Wissen der Mitglieder, sowie eine aufgeschriebene theoretische Grundlage, anhand derer mit anderen Organisationen in Kontakt getreten werden kann, notwendig.

Auch die internationale Solidarität und die internationale Organisierung sollte nicht aus den Augen verloren werden. Denn uns als Revolutionär:innen muss klar sein, dass Kämpfe zwar lokal geführt, aber überregional und international zusammengeführt werden müssen, wenn wir wirklich eine schlagkräftige Bewegung zum Überwinden des Kapitalismus aufbauen wollen. Dafür kann es möglich und sinnvoll sein, in den lokalen Kämpfen internationale Stimmen zu verbreiten und Verbindungen klar zu stellen.

Zusammenfassung

Ich hoffe, ich konnte in diesem Text ein paar Anstöße geben, wie eine revolutionäre Organisierung in Deutschland aussehen kann. Natürlich hängt viel von den lokalen Umständen ab, aber ich hoffe, dass ich hier auch einige allgemeingültige Punkte darlegen konnte.

Der Aufbau einer politischen Organisation ist kein Selbstzweck, sondern ermöglicht erst eine strategische und nachhaltige Arbeit in anderen Organisationen und Bewegungen. Ohne sie, bleiben wir auf der Stelle stehen und wiederholen die Fehler der Geschichte. Auch Bildung und Schärfen der eigenen Analysen ist notwendig, um glaubhaft in der eigenen Klasse auftreten zu können und Klassenbewusstsein zu fördern.

Allerdings darf die eigene Praxis nicht dort aufhören. Wenn wir uns nur in unserer politischen Organisation bewegen, passiert eine Isolation und Abgrenzung aus der eigenen Klasse sehr schnell. Deswegen ist selbst in einem solchen Aufbauprozess das Intervenieren in Bewegungen und Organisationen, sowie das Fördern des Klassenbewusstseins im eigenen Umfeld notwendig.

Das ist natürlich kein 4 Punkte Plan, der dann zur Revolution führt. Vielmehr ist das der Anfang aus der Geschichte zu lernen und so einen Grundstein für die nächsten Kämpfe für eine libertär sozialistische Gesellschaft zu legen.

Bis dahin, Solidarität✊

Kopf im Nacken

Kopf im Nacken ist ein junges Medienprojekt, das versucht, in Kurzvideos verständliche Analysen sowie einen libertär-sozialistischen Blick auf Gegenwart und Geschichte zu verbreiten.

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