Autor:in: Nora Feldmann
In diesem Text möchte ich darlegen, warum es sinnvoll ist sich zu Organisieren, warum wir dafür klare Organisationen brauchen, eine spezifische anarchistische Organisation notwendig ist und weshalb es wichtig ist sich über das Lokale hinaus zu föderieren.
Lasst uns mit etwas banalem beginnen. Wir tun uns grundsätzlich zusammen, weil wir alleine wenig erreichen können. Alleine sind wir schwach, mit den Problemen der Zeit konfrontiert, überfordert und kaum dazu in der Lage etwas zu tun, geschweige denn größere Ziele zu erreichen. Daneben ist es auch einfach schöner gemeinsam etwas zu tun, anstatt alleine vor sich hin zu trotten. Deswegen versammeln sich Menschen und organisieren sich. Als Anarchist:innen wissen wir, wie wichtig es ist “sich zu organisieren”. Wie oft steht wahlweise am Anfang oder Ende eines Textes “Organisiert euch!”, wie oft reden wir davon, dass wir uns in unser Nachbarschaft, mit unseren Kolleg:innen, an der Schule, Universität organisieren sollten und wie oft sind wir in verschiedensten politischen Gruppen?
Es gibt verschiedene Arten von Gruppen, manche haben ein spezifisches Ziel, wie z.B. ein Sportverein (gemeinsam Sport machen), oder einen gemeinsamen Zweck, so sind Gewerkschaften ein Instrument bessere Lebens und Arbeitsbedingungen zu erstreiten. Politische Gruppen wollen einem spezifischen Thema mehr Aufmerksamkeit verschaffen, oder auch für Verbesserungen oder gegen Verschlechterungen kämpfen. Die Entscheidungsmechanismen, Mitgliedschaften und Spannweite der Positionen variiert dabei von Gruppe zu Gruppe. Als revolutionäre Anarchist:innen organisieren wir uns vor allem, weil wir eine breite Macht an der Basis der Gesellschaft aufbauen wollen, um die aktuelle zu überwinden. Diese Basis findet sich in unserem Alltag, in der Nachbarschaft in der wir wohnen, den Betrieben in denen wir arbeiten, den Schulen und Universitäten wo wir lernen und den Räumen die wir tagtäglich durchqueren. Dort kämpfen wir mit den Problemen von Kapitalismus, Patriarchat und Rassismus oder sind mit dem Staat konfrontiert. Dort in unserem Alltag sammelt sich auch unser ganzes Wissen als Arbeiter:innen, wie wir Dinge produzieren, verteilen und anders machen könnten, die Fähigkeiten eine andere Gesellschaft als die aktuelle aufzubauen. Das Aufbauen von Macht, egal ob wir es Gegenmacht, Volksmacht, Arbeiter:innenmacht oder Macht von unten nennen, ist dabei ein Weg, sich zusammen zu tun um auf eine grundlegende Veränderung der gesellschaftlichen Strukturen, eine soziale Revolution, hinzuarbeiten.
Organisationen sind eine Notwendigkeit auf dem Weg Macht aufzubauen um einen revolutionären Bruch herbei zu führen. Sie ermöglichen es im Hier und Heute Kämpfe zu führen, Bewusstsein zu entwickeln und Erfahrungen zu sammeln, sowie eine Struktur der Volksmacht zu schaffen, in denen wir demokratisch, selbstbestimmt und kollektiv Handlungsfähig sind. Auch ist die Organisation ein Weg Individualisierung zu bekämpfen und Vertrauen aufzubauen. In diesen Prozessen entsteht das Begehren danach kollektiv frei zu leben, durch bewusste gemeinschaftliche Entscheidungsfindung, im Gegensatz zur kapitalistischen Normalität.
Eine Organisation ist dabei das Ergebnis kontinuierlicher Organisierung von breiten Teilen der Arbeiter:innenklassen, mit einer eigenen Kultur, Praxis und Schulungen, aber auch klaren Werten, Prinzipien, Aufgaben und Entscheidungsmechanismen. Sie hat eine kollektive Perspektive und entwickelt sich über die Einzelnen Mitglieder hinaus und schafft Verbindungen zu anderen verbindlichen Organisation.
Wie die Stadtteilgewerkschaft “Solidarisch in Gröpelingen” (1) feststellt ist dies in anderen Ländern durchaus Realität. Vor allem der Blick auf Südamerika, bspw. die “Bewegung der landlosen Arbeiter:innen” (MST-Movimento dos Trabalhadores Rurais Sem Terra) aus Brasilien, welche eher eine feste Organisation ist, als ein loses Bündnis, wie wir Bewegungen in Deutschland verstehen, zeigt dies. Entsprechend ist ihr Vorschlag der Aufbau von organisierten sozialen Bewegungen (OSB). Neben Stadtteilgruppen wie die an SiG orientierten “Solidarisch in …”/“Solidarisches….” lassen sich meinem Verständnis nach auch Basisgewerkschaften wie die USB (Unione Sindacale di Base – Einheit/Union von Basisgewerkschaften) aus Italien oder Solidaires aus Frankreich verstehen, ebenso wie die FAU (Freie Arbeiter:innen Union) in Deutschland und der Schweiz.
Diese Richtung zu Denken, wenn wir über Bewegung sprechen, halte ich für sinnvoll, weil er ein richtiger Schritt in der Richtung von populärer Macht ist, wie wir sie brauchen, um die Gesellschaft hin zu mehr Freiheit, Gleichheit, Solidarität und Selbstverwaltung zu entwickeln. Dem entsprechend sollten Anarchist:innen dabei helfen diese Organisationen/Bewegungen mit aufzubauen und anarchistische Analysen, Ideen und Praktiken dort verankern. Wenn wir dort jedoch als Einzelpersonen aktiv sind, sind wir nur eine unter vielen Stimmen, machen Erfahrungen und sind alleine mit den Diskussionen konfrontiert, müssen als eine unter vielen unsere Vision präsentieren und dafür streiten. Effektiver ist es jedoch, wenn wir dies nicht nur als Einzelne tun, sondern uns koordiniert an dem Machtaufbau beteiligen und unsere Erfahrungen teilen. Dafür ist die spezifisch anarchistische Organisation unser Instrument.
In langen Traditionen, von der Allianz der sozialistischen Demokratien, über die Allgemeine Anarchistische Union, der Anarchistischen Föderation Uruguays gibt es Aufbauprojekte dieser Art heute auch in Deutschland und ich möchte der Frage auf den Grund gehen: Warum ist die spezifische anarchistische Organisation (SAO) sinnvoll?
Eine berechtigte Frage, denn obwohl in den letzten Jahre einige SAO entstanden sind, ist die Antwort nicht immer darlegt worden, vielleicht weil sie den Genoss:innen offensichtlich erscheint, vielleicht aber auch einfach weil sie implizit in ihren Veröffentlichungen angelegt ist. Trotzdem sollten wir einmal kurz klären, woher die Notwendigkeit kommt. Denn um einen wirklichen Einfluss auf die Arbeiter:innenklassen zu haben, müssen wir uns erst einmal selber organisieren, in unserer Überzeugung, das der libertäre Kommunismus die beste aller möglichen Gesellschaften ist. Oder wie ein Genosse sagt: Wir sind Prediger des Anarchismus. Und um diese Idee zu formulieren, zu verbreiten, zu klären ist es notwendig sich zusammen zu tun. Dieses Ziel verankert sich nicht von alleine in den Massen, sondern einzig und allein durch die koordinierte Praxis überzeugter Aktivist:innen. Die SAO ist wie Black Rose/Rosa Negra schreibt, unser politisches Zuhause, unsere Basis von der aus wir reflektieren, eine Strategie entwickeln und versuchen Strukturen der konkreten Volks- und Gegenmacht aufzubauen, wie in Gewerkschaften und Nachbarschaftsorganisationen. Die SAO hat in dem Sinne nicht das Ziel eine breite große Bewegung zu werden, sondern eine bewusste Minderheit von anarchistisch-kommunistischen Aktivist:innen zu organisieren, die koordiniert in den Bewegungen und populären Organisationen aktiv sind.
Die theoretischen Überlegungen finden sich schon lange in anarchistischen Debatten, wie unter anderem der Genosse Peter Brandt in seinem Text über Organisationsdualismus dargelegt hat (2). Entgegen mancher Vorurteile wird dabei niemand gezwungen, sondern es findet eine freiwillige Organisierung um ein gemeinsames Programm, eine kollektive Strategie und Taktik statt. Das die Mitglieder die Positionen der Organisation dabei nach Außen tragen, sich Intern weiter bilden und immer mit Verbindlichkeit und Zuverlässigkeit an ihre Aufgaben gehen und Verantwortung tragen, oder auch bereit sind diese an andere Genoss:innen zu delegieren, ist dabei keine Schaffung von zentralistischen Herrschaftsstrukturen, sondern das Ergebnis des Vertrauens ineinander aufgrund der gemeinsamen Organisierung.
Die SAO ist dabei eine Grundvoraussetzung um überhaupt effektiv um Einfluss in den populären Organisationen streiten zu können, sich mit anderen sozialistischen Kräften zu koordinieren und in einen echten Wettstreit der Ideen zu treten. Hätten wir in einer Organisation zu große Differenzen hinsichtlich Analyse, Strategie und Ziel wäre es faktisch unmöglich effektive Propaganda und Agitation zu betreiben.
Als Teil der ausgebeuteten Klassen ist die Aufgabe der SAO in die Kämpfe ihrer Zeit zu intervenieren, Perspektiven zu geben und strategische Vorschläge zu machen, sowie zu einer breiten Kultur des Widerstandes beizutragen.
Sie will aber auch die Idee einer anarchistisch-kommunistischen Gesellschaft weiter als Horizont der befreiten Gesellschaft aufrecht erhalten und verbreiten, sei es in konkreten Kämpfen und Bewegungen, als auch darüber hinaus. Durch die gemeinsamen Grundlagen der SAO ist diese also dazu in der Lage, in den sozialen Bewegungen ihre Ideen weiter zu verbreiten und so anarchistische Prinzipien wie Selbstverwaltung, direkte Demokratie, Aktionen und Organisationen mit großer Beteiligung, Feminismus, das sozial-revolutionäre Ziel, aber auch autonome Geschlechter-Organisierung, Verantwortungsübernahme und Verbindlichkeit sowie Föderalismus zu verbreitern und in konkrete Strukturen umzuwandeln.
Die Aufgaben der anarchistischen Organisation kommen dabei aus den konkreten Bedingungen des Kampfes der sozialen Bewegungen. Dies umfasst eine Einfügung in die Kämpfe der Zeit, die Entwicklung und Verbreitung von Theorie, Propaganda der anarchistischen Idee, politische Bildung für die Aktiven, wie auch Interessierte. Als Organisation ist es natürlich notwendig eine Strategie zu entwickeln, diese umzusetzen und zu überarbeiten. Die Organisation als Basis ermöglicht dabei auch Ressourcen zu teilen und zu verwalten, sowie politische und soziale Beziehungen zu anderen Gruppen aufzubauen.
Dabei gibt es innerhalb von Organisationen spezifische Rollen und auch gewisse Spezialisierungen. Während diese einerseits soweit wie möglich verringert werden sollten, durch Bildung und Workshops, sind diese aber nicht unbedingt problematisch und ein Keim der Herrschaft. Nicht jede Genoss:in sollte alles tun müssen und es ist Aufgabe der Organisation darauf zu achten, dass die Fähigkeiten der Individuen so gut wie möglich genutzt werden, um dem Ziel einer befreiten Gesellschaft näher zu kommen.
Ziel der SAO sollte dabei durchaus sein eine Form von ideeller Orientierung oder Führung für soziale Bewegungen zu sein. Das heißt nicht, dass die SAO in einer revolutionären Situation die staatlichen Strukturen übernehmen will, was direkt den anarchistischen Prinzipien widerspricht, aber die anarchistischen Ideen der Organisation sollten leitend werden, für die sozialen Bewegungen und die Gesellschaft, sodass die unterdrückten Klassen selbstständig dazu in der Lage sind, im richtigen Augenblick das Machtvakuum durch ihre eigenen Strukturen zu füllen und auch bereits in der Lage zu sein die neue Gesellschaft zu organisieren, die Konterrevolution zu bekämpfen und den freiheitlichen Kommunismus aufzubauen.
Die spezifische Organisation ist dabei in der konkreten Praxis vor allem zuerst auf der lokalen Ebene auf dem Weg ein relevanter Machtfaktor zu werden. Aber eine Revolution wird a) nicht nur lokal sich entwickeln und b) unter solchen Bedingungen entweder von Außen oder von Innen zerstört werden, entsprechend muss sich auch die anarchistische Organisation mit anderen ähnlichen Organisationen verbünden, koordinieren und eine gemeinsame verbindliche Struktur schaffen.
Während auf der lokalen Ebene die Aufgaben klar sind und sich viele damit arrangieren können, gibt es noch Unklarheiten warum eine Föderation sinnvoll ist und wie diese effektiv funktionieren kann. Angesichts der Existenz von die Plattform als anarchistischer Föderation, aber auch der Entwicklung ähnlicher Initiativen in vielen Städten oder dem Aufbau der anarchistischen Organisation im Aufbau Perspektive Selbstverwaltung in Berlin, hoffe ich, dass die Frage der gemeinsamen Föderierung in den kommenden Jahren verstärkt diskutiert und vorangetrieben wird. Das es dabei zu Differenzen, Konflikten und Schwierigkeiten kommen wird, ist offensichtlich, sollte uns aber nicht Abschrecken.
Die Föderation bietet dabei einige Vorteile, wenn sie auf den gleichen Prinzipien aufgebaut ist, wie eine lokale anarchistische Organisation, nämlich auf Grundlage eines gemeinsamen Programms sowie einer Einheit von Theorie und Strategie der beteiligten Gruppen. Die Föderation ist eben eine Skalierung dieser Strukturen nach oben. Dadurch ermöglicht es eine breitflächige Propaganda-Arbeit und Koordinierung der politischen Aktivitäten. Durch eine bessere Aufgabenteilung entlastet es insgesamt die lokalen Gruppen, bspw. durch ein gemeinsames Bildungsprogramm, die Produktion von Materialien in größerem Maßstab und Mengen oder den Kontakt zu anderen Organisationen, national und international. Weiterhin haben die Militanten den Vorteil durch die geographisch weite Organisierung die Gesamtlage besser einschätzen zu können, durch Kontakte zur lokalen Basis und ohne die Notwendigkeit auf die medialen Ressourcen des Feindes angewiesen zu sein. Nicht zu unterschätzen sind auch die Möglichkeiten der Föderation Fähigkeiten, Materialien und Geld über ein größeres Gebiet (um) zu verteilen, je nach regionalen Bedarf und Möglichkeiten, Für die individuellen Militanten hat es dazu den Vorteil bei einem Umzug nicht in komplett neue Zusammenhänge sich integrieren zu müssen, sondern in der Organisation zu verbleiben und auch mit den neuen Genoss:innen ein gemeinsames Programm zu teilen.
Damit diese Vorteile aber wirklich greifen, braucht es jedoch starke lokale Organisationen. Diese benötigt in einer Grundzügen all die Dinge, die oben als Aufgaben der SAO aufgezählt wurden. Damit es echte sich ergänzende und aufbauende Effekte durch die föderale Organisierung gibt, muss jede einzelne lokale Organisation selber dazu in der Lage sein eigenständig zu bestehen. Fehlt diese Kraft, sind die Lokale entweder nicht in der Lage die Föderation zu tragen, oder die Föderation nicht stark genug um langfristig die Lokale aufzubauen.
Ein Thema was bei manchen mit Angst oder Sorgen bedeckt ist, ist das Delegieren von Genoss:innen. Um es einmal klar zu schreiben, diese sollten dabei, nicht nach ihrer persönlichen Meinung entscheiden, sondern Ergebnisse der Diskussionen aus den Lokalen, oder in einer Art und Weise, von der sie ausgeht, dass dies die Position der Lokalgruppe wäre. Dabei wird aber auch die Delegierte im Vertrauen aufeinander bestimmt, sodass nicht jede Kleinigkeit kollektiv ausdiskutiert werden muss. Revolutionäre Organisierung handelt dabei immer in einem Spannungsfeld aus Fragen von Disziplin und Individualität, kollektiven und individuellen Handlungen, Verantwortungsübernahme und Horizontalität, Effizienz und Bedacht in den Prozessen, Kohärenz und Autonomie der Positionen, sowie Transparenz und Sicherheit bei der Kommunikation. Worauf mehr Wert gelegt wird, ist dabei Teil der Aushandlungsprozesse der Lokalen sowie der Föderation, und auch angepasst auf die Bedingungen unter denen gekämpft wird, so wird in einer Diktatur oder einem Krieg die Struktur anders aussehen, als unter relativ friedlichen bürgerlichen Regimen.