Wir lassen uns unsere Hormone nicht nehmen!


Yael
Polizeigewalt Casa Kuà Repressionen Gesundheitswesen

Am Sonntag, den 18.10.2026 stürmten die Berliner Schutzpolizei und Kripo die Casa Kuà, ein queeres Zentrum in Kreuzberg. Der Grund: angeblicher Verstoß gegen das Arzneimittelgesetz. Oder um es beim Namen zu nennen: in der Casa Kuà wird über DIY-HRT aufgeklärt, also über Hormontherapie ohne Rezept jenseits des absolut grottenschlechten Gesundheitssystems.

DIY-HRT ist kein Trend, kein Auflehnen gegen das Gesundheitssystem, kein spaßiges Ausreizen rechtlicher Grauzonen. DIY-HRT ist die aus der Not geborene Reaktion von trans Personen auf ein Gesundheitssystem, was ihnen den niedrigschwelligen und fachgerechten Zugang zu Hormonen systematisch verwehrt. Dementsprechend alt ist diese Form der Hormontherapie auch. Als in der Mitte des 20. Jahrhunderts die ersten Hormonpräparate beispielsweise für cis Frauen in der Menopause auf den Markt kamen, gab es für trans Personen überall auf der Welt noch nicht einmal ansatzweise eine Gesundheitsversorgung. Mutige trans Personen dieser Zeit experimentierten an ihrem eigenen Körper und mit unbekanntem Risiko mit irgendwo aus der Lieferkette abgezweigten Hormonpräparaten oder selbst nachgekochten Hormonen herum und legten damit den Grundstein für die moderne Hormontherapie zur Geschlechtsangleichung. Die Gesundheitssysteme der Staaten dieser Welt ließen und lassen sich Jahrzehnte Zeit, um die Forschung der DIY-HRT-Community in eine professionelle Gesundheitsversorgung für trans Menschen umzuwandeln und scheitern damit bis heute. Noch immer ist in jedem Land dieser Welt und auch in Deutschland das Gesundheitssystem trans Menschen mehr ein Hindernis als eine Hilfe. Ich will das an dieser Stelle einmal klar machen, warum das so ist.

Um in Deutschland an verschriebene Hormone zu gelangen, muss man als trans Person folgenden Weg bestreiten: Als erstes gilt es einen Therapieplatz bei einer:m Psychotherapeut:in zu bekommen, um eine Indikation nach ICD10 F64.0 „Transsexualismus“ zu bekommen. Kassentherapeut:innen sind eh schon rar, Kassentherapeut:innen die sich mit dem Thema auskennen, sind noch viel seltener. Perspektivisch wird diese Situation aufgrund der Kürzungen im Gesundheitssektor, die vor allem die psychotherapeutische Versorgung betreffen, noch viel schlimmer. Je nachdem, wo man wohnt, kann es gut sein, dass der:die nächste qualifizierte Psychotherapeut:in mehrere Stunden entfernt ist. Wartelisten von unter einem halben Jahr existieren de facto nicht mehr. Die schnellere Alternative: einen Termin bei einer der wenigen Psychotherapeut:innen machen, die zwar keinen Kassensitz haben aber für ein paar hundert Euro nach einer oder ein paar Online-Sitzungen das Indikationsschreiben ausstellen. Wenn man sich das leisten kann, ist das natürlich eine Option, wenn man jedoch gerne weiter in psychologischer Behandlung bleiben möchte, funktioniert das über diesen Weg nicht. Auf beiden Wegen ist die Indikation jedoch eine absolute Farce: es wird eine seit Jahrzehnten veraltete ICD10-Diagnose genutzt, die trans Menschen dazu zwingt, sich grün und blau zu lügen, um irgendwie in die extrem stereotypisierende Diagnostik „Transsexualismus“ hineinzupassen.

Wenn man das Indikationsschreiben hat, wartet die nächste Hürde: eine:n Endokrinolog:in, eine:n Urolog:in, eine:n Gynäkolog:in oder notfalls eine:n Allgemeinmediziner:in zu finden, der:die eine sinnvolle, sichere und wirksame Dosis an Hormonen verschreibt und regelmäßig ein Blutbild zur Erfassung der Hormonwerte macht und diese zu interpretieren weiß. Die Dichte solcher Ärzt:innen ist ähnlich gering wie die der Psycholog:innen. Hat man das Glück, in der eigenen Region überhaupt so eine:n Ärzt:in ausfindig zu machen, wird diese:r in Deutschland trans Frauen zur absoluten Krönung mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Östrogen in Gel-Form verschreiben, was eine der ineffektiveren und umständlicheren Formen der Hormontherapie und eigentlich ein Menopausen-Medikament ist. Die tatsächlich für HRT konzipierten Formen von Östrogenpräparaten wie bspw. Injektionen oder Patches sind in Deutschland nämlich entweder nicht zugelassen oder unter Ärzt:innen beinahe unbekannt.

TL;DR:

In Deutschland bekommt man als trans Person nach einer monate- bis jahrelangen mit Notlügen gespickte Therapeut:innen- und Ärzt:innen-Suche, Wartezeit und Therapie in vielen Fällen eine nicht sonderlich gute Versorgung mit Hormonen.

Diese grottenschlechte Versorgungslage ermöglicht es trans Menschen nicht, an die in vielen Fällen lebensrettenden Medikamente zu gelangen, sie verhindert es aktiv. Nach dem Willen des Gesundheitssystems sollen trans Personen in Deutschland lieber in diesem elendig langen Prozess aufgrund von Geschlechtsdysphorie und anderen psychischen Folgen und Nebenwirkungen ihrer Transidentität Suizid begehen.

Nach dem Selbsteingeständnis der eigenen Transidentität und der Erkenntnis, Hormontherapie zu brauchen ist jede Woche, die sich dieser Prozess unnötig in die Länge zieht, jede Lüge gegenüber Therapeut:innen, jede Absage einer:s Mediziner:in, der:die sich nicht mit dem Thema auskennt, kurz: jeder Aspekt dieses Systems ein potentielles Todesurteil – und das ist leider nicht mal übertrieben.

Wer als trans Mensch mit solch einer Gemengelage konfrontiert wird greift deswegen logischerweise oft zur ursprünglichen Form der Hormontherapie: der DIY-HRT. Für rund um 50€ in Kryptowährungen bekommt man beispielsweise auf von der Trans-Community peer-reviewten Internetseiten eine Ampulle mit Östrogen für Injektionen, die ein bis zwei Jahre hält und als eine der effektivsten und einfachsten Hormontherapieformen gilt. Das Risiko ist dabei auch nicht ganz gering: die Präparate sind oft entweder in kleinen Chargen ohne industrielle Labore von engagierten Menschen selbst gekocht oder sind von irgendwelchen Menschen irgendwo aus der Produktionskette der Pharmaunternehmen abgezweigt worden.

Dementsprechend ist die Dosierung oft nicht hundertprozentig akkurat. Zudem ist im Gegensatz zur Versorgung mit Hormonen über das Gesundheitssystem der Zugang zu Blutwerten oft schwierig, weil dafür extra noch ein:e Ärzt:in gesucht werden muss, der:die sich regelmäßig einen Grund aus den Fingern saugt, warum ein großes Blutbild mit allen möglichen Hormonwerten gemacht werden muss. Und zu guter Letzt ist DIY-HRT auch noch eine rechtliche Grauzone. Diejenigen Menschen, die diese Präparate produzieren, abzweigen und vertreiben begeben sich für das Wohlergehen von trans Personen weltweit in Gefahr, hart vom Justizsystem ihres Landes wegen illegaler Aktivitäten hops genommen zu werden. Trotzdem setzen Millionen trans Personen weltweit oft mindestens mal zwischenzeitlich auf genau diesen Weg. Nicht weil er so rosig, toll und spaßig ist, sondern weil er das weitaus kleinere Übel ist. Sich auf Basis von Erfahrungswerten tausender anderer trans Personen Hormonpräparate oft unbekannten Ursprungs aber peer-reviewt guter Qualität zu injizieren hat als Risiko, über- oder unterzudosieren, was einer:m jedoch normalerweise am Körpergefühl auffällt, bevor es ernsthaft zum Problem wird. Den offiziellen Weg zu gehen hat als Risiko, während dem Prozess aufgrund seiner Länge und seiner Komplexität sowie der noch nicht vorhandenen Hormontherapie psychisch weiter kaputt zu gehen und im schlimmsten Fall den einzigen Ausweg im Suizid zu sehen. Außerdem kann es gut sein, dass man in Zukunft auf Dobrindts pinker Liste landet und somit unter Generalverdacht steht.

In Berlin wurde jedoch am Sonntag ein weiterer Risikofaktor zur DIY-HRT hinzugefügt: Wer in Deutschland über dieses Thema aufklärt, Skills teilt und Präparate verteilt, läuft Gefahr, kriminalisiert zu werden. Um nochmal auf den Punkt zu bringen wie absurd das ist: Communitygetragene Selbsthilfe zum Überleben marginalisierter Personen wird gleich behandelt wie illegaler Waffenbesitz. Der einzige menschenwürdige Weg an Hormone zu kommen wird zur Gefahr, statt einer Ampulle Östrogen eine Gruppe Kripo-Beamte nach Hause zu bekommen. Das hat effektiv zu Folge, dass diese lebenswichtigen Medikamente nun nochmal riskanter zu bekommen sind. In Folge dieser Razzia werden wir einige trans Personen, die dieses Risiko berechtigterweise nicht eingehen wollen oder können, verlieren.

Das ist die bittere Realität. Eine Realität, die so bitter ist, dass es mich als trans Frau und Mitbetroffene fast zerreißt. Der Hass, den ich verspüre, ist unermesslich und die Wut, die in mir tobt, ist zielgerichtet: sie richtet sich einerseits gegen die Polizei und Staatsanwaltschaft in Berlin, die mit dieser Razzia die anwesenden Personen traumatisiert, mit den Beschlagnahmungen der Hormonpräparate wahrscheinlich dutzenden oder hunderten trans Personen zumindest kurzfristig den Zugang zu überlebenswichtigen Medikamenten genommen und gleichzeitig einen wichtigen Raum für den Zugang zu DIY-HRT zumindest vorübergehend vernichtet haben. Sie richtet sich andererseits gegen das Gesundheitssystem, welches uns seit Jahrzehnten keine andere Wahl lässt, als in vielen Fällen mangels Alternativen auf DIY-HRT zurückgreifen müssen; gegen ein Gesundheitssystem, das sich weigert, die Gesundheit von trans und cis Menschen gleichermaßen zum Ziel zu haben; gegen ein Gesundheitssystem, das nach teils nach Marktlogiken und teils nach Staatsdoktrin funktioniert und dementsprechend menschenverachtend ist.

Ich könnte an dieser Stelle jetzt anfangen über ein besseres Gesundheitssystem sinnieren und mir die Zukunft rosig denken, aber das ist an dieser Stelle unpassend. Wichtig ist, im Hier und Jetzt mit der Scheiße, die Razzia nach sich zieht, sinnvoll umzugehen, um mittelfristig die Versorgung von trans Personen mit Hormonen weiterhin zu gewährleisten. Und da hilft nur eins: Mut beweisen und DIY-HRT populärer, akzeptierter und flächendeckender verfügbar zu machen denn je. Die Razzia war eine Einschüchterungsaktion und wir dürfen darauf nicht reinfallen. DIY-HRT wird es in irgendeiner Form immer geben, je flächendeckender sie jedoch verfügbar ist, desto weniger trans Personen verlieren wir und desto geringer ist die Chance, dass es Engpässe gibt und einzelnen Akteur:innen in Razzien wie der am Sonntag der Garaus gemacht wird.

Das Gute ist – und das gibt mir echt Hoffnung: alle Menschen, egal ob cis oder trans, können dazu beitragen, dass DIY-HRT weiterhin eine Option bleibt, indem sie ihr Krypto-Wallet zur Verfügung stellen, indem sie direkt mehrere Ampullen bestellen und zu Selbstkosten an bedürftige trans Personen weitergeben, indem sie Aufklärung zum Thema leisten und es enttabuisieren oder indem sie da sind für die Menschen, die aufgrund ihres Engagements für die Grundversorgung von trans Personen Repression erfahren. Meine Gedanken und mein Herz sind bei meinen queeren Geschwistern in der Casa Kuà, meine Solidarität gilt all jenen, die die Razzia miterlebt haben und unter ihren Folgen leiden. Ihr seid es Wert, einen menschenwürdigen Zugang zu Gesundheitsversorgung zu haben. Wir sind es Wert, einen menschenwürdigen Zugang zu Gesundheitsversorgung zu haben. Wenn wir uns diesen Zugang selbst schaffen müssen, müssen wir uns auch Wert sein, diesen zu verteidigen. Deshalb:

Fuck the Police

Fuck the System

Long live DIY-HRT

Yael

Ich bin Yael, mache derzeit eine Ausbildung zur Bootsbauerin und bin in der FAU organisiert. Wenn neben Arbeit, Gewerkschaft und Sozialleben noch Kapazitäten übrig sind, nutze ich diese gerne, um politische Texte zu übersetzen oder selbst zu verfassen.

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