Es sollte nicht zu mir vordringen, was Habermas mit Foucault einst zu streiten hatten; der eine wenige Tage zuvor unter die Erde getan, der andere längst tot. Damit traten beide immerhin den Beweis an, dass Philosophie fürs Überleben nicht hilfreicher ist als Medizin, was mir als Erkenntnis vorerst reichen sollte. Wahrscheinlich jedoch war der geistige Zugang zum Thema dieser Veranstaltung einfacher, als ich ahnte. Denn der anarchistische Wissenschaftskongress „Myzelium“ wollte, wie es die Veranstalter eingangs betonten, keinen akademischen Charakter tragen. Alternativ hätte ich es mit Referaten zur „Ambivalenz des Staates in progressiver Staatskritik“ versuchen können und zum Nachtisch mit leicht verdaulichem „Dialektischem Naturalismus“.

Frohen Mutes also fuhr ich für die Tage vom 19., dem Tag, an dem Chuck Norris starb, bis zum 22. März 2026 nach Leipzig zum „Myzelium“, um selber etwas beizutragen, nämlich einen Büchertisch vom Institut für Syndikalismusforschung und eine Veranstaltung, um dieses Institut dort vorzustellen. Offen gestanden gab es unter den knapp 30 Vortragsveranstaltungen vielfältige Themen, entlang der Fachbereiche Politische Theorie, Geschichte, Philosophie und Ethnologie, ausbaufähig beispielsweise um Wirtschaftswissenschaften, die im Neoanarchismus oftmals zu kurz kommen. Zu ihren Zielen erklärten die Veranstalter: „MYZELIUM wächst durch unsere Tagung als selbstorganisiertes Forschungsnetzwerk für anarchistische Studien. […] Auf der Tagung werden wir uns intensiv inhaltlich beschäftigen. Im Unterschied zu akademischen Veranstaltungen, positionieren wir uns. Wir sprechen nicht distanziert ‚über’ Gegenstände, sondern interagieren mit ihnen. Im besten Fall schaffen wir mit der Tagung einen neuen Startpunkt für eine Vernetzung zu anarchistischen Studien im deutschsprachigen Raum.“ Dabei sollte es nicht um Karriereförderung und Anbiederung an die herrschende Forscherklasse gehen, sondern um freie und selbstorganisierte Forschung. Hier sollte ich gut aufgehoben sein.
Im Fachbereich Erziehungswissenschaften, Haus 5, am Campus Jahnallee an der Uni angekommen, gestaltete sich der Empfang konstruktiv, zielstrebig und sehr einladend, sogar mit Programmheft. So standen sechs Meter Büchertisch Syndikalismusforschung an hervorragend frequentierter Stelle, neben uns der stets sympathische „Immergrün Verlag“. Auch wenn die Uni den Veranstaltern mit einigen Nutzungsbeschränkungen Steine in den Weg legte, so befanden sich die Räume und Toiletten stets in einem sauberen Zustand, mit ansprechenden Licht- sowie Geruchsverhältnissen und der gesamte Komplex ausgestattet mit guten Park- und Lademöglichkeiten. Leipzig hat neben der parallel stattfindenden Buchmesse ein reichhaltiges Kulturleben zu bieten und von einer über drei Ecken vermittelten privaten Unterkunft für drei Nächte waren wir begeistert.

Was mich aber vor allem zum „Myzelium“, der „Tagung für anarchistische Studien“ trieb, war der Charakter des Neuen und Frischen. Nur die wenigsten der Referentinnen und Referenten kannte ich dem Namen nach. Und tatsächlich waren es, wie die meisten der Besucherinnen und Besucher, jüngere Kräfte, die ihre aktuellen Forschungsergebnisse präsentierten und offen zur Diskussion stellten; darunter neben Dissertationen nicht wenige Master- und Bachelorarbeiten. Dies tat der Tagung sehr gut und ließ neben der gelungenen Gesamtmoderation eine eigene Dynamik aufkommen. Es ging nicht um Rechthabenwollen und Forschungsegoismen, sondern um gegenseitige Hilfe und gemeinsames Lernen, wie es im Vorfeld vollmundig angestrebt worden war. Auch anstrengenden Koreferaten und Dauermonologen wurde vorgebeugt. Entsprechend angenehm besuchte ich Veranstaltungen zur Geschichte des Anarchismus in der mexikanischen Revolution, zu anarchistischem Antimilitarismus im Ersten Weltkrieg und zur Geschichte des (organisierten) Anarchismus in Deutschland. Zumindest im Großen konnte eine Atmosphäre ohne Konkurrenzgehabe umgesetzt werden und sorgte für allenthalben glückliche Stimmung. Auch meine Veranstaltung wurde mit viel Umsicht und herzlich moderiert. Zu den einzelnen Vorträgen fanden sich bis zu 60 Leute ein, bei den Gesamtplena im Hörsaal etwa 80 mit hoher bundesweiter und teils internationaler Reichweite. Auch an (Selbst-) reflexion ließ es das „Myzelium“ nicht missen und verteilte ausgefeilte Feedback- und Vernetzungspapiere.

Sorge hatte ich vor allem vor dem Essen aus anarchistischen Kreisen, lobe ich mir doch eher Currywurst und Gyros. Aber das Vegetarische dort schmeckte ebenfalls ziemlich gut. Neben den warmen Speisen gab es fast durchgängig eine Snackbar mit vielgestaltiger und auch fürs Auge attraktiver Auslage. Besonders lecker war der Kuchen (vegan oder so) und davon reichlich zum wohlfühlen. Die Leute dort waren auf Zack, prima Einsatz! Das sah wohl nicht nur ich so und es sorgte für reichlich Spendenbereitschaft: Die Summe für die Kosten der kompletten Organisation sind noch während der Tagung reingekommen. An unserem Büchertisch fanden sich zahlreiche der geschätzten rund 200 Besucherinnen und Besucher ein, darunter ergaben sich viele spannende Neukontakte, mit denen wir als Institut für Syndikalismusforschung künftig kooperieren, bei Veranstaltungen und Forschungsprojekten.
Aus diesen Tagen nahm ich eine gehörige Portion Motivation und Kreativität mit. Die meisten Veranstaltungen wurden aufgezeichnet, um sie als Audios zugänglich zu machen. Zudem hat Radio Corax vor, einen Zusammenschnitt mit Interviews zu bringen. Es entstanden – ebenso hervorragend moderiert – konstruktive Vernetzungsräume zumindest für die Fachbereiche „Politische Theorie“ und für „Geschichte“. Ein nächstes „Myzelium“ ist für 2027 in Dresden angedacht.
Ein „Myzelium“ kann bis zu 8.000 Jahre alt werden und ist laut Google-KI „das unterirdische, fadenförmige Netzwerk aus Hyphen und bildet den eigentlichen vegetativen Hauptteil eines Pilzes.“ Es zersetzt „Nährstoffe, bildet Symbiosen mit Pflanzen und kann riesige Ausmaße annehmen“. Doch vergessen wir nicht:
Nur Chuck Norris konnte Pilze auch zum Blühen bringen.